06.12.1993

BücherAbschied von der Popkultur

Poschardt, 26, lebt zur Zeit in New York und arbeitet als Journalist.
Fast hätte er es geschafft. Noch nie war ein deutscher Schreiber so nahe daran, ein richtig großer Popdenker zu werden; einer, der in den Charts gleich nach Nik Cohn und Greil Marcus kommt.
Diedrich Diederichsen war 1985 der Kopf der einzig intelligenten Musikzeitschrift Spex, er schrieb in Massen- und Minderheitenblättern, er saß in Talk-Shows und dozierte.
Sein Essay-Band "Sexbeat" erzählte die Geschichte jener Jugend, welche die Achtziger prägte: junge Hipster mit Geschmack und Verstand, mit dem Ehrgeiz, die Welt zu verändern und erst einmal mit der Kultur anzufangen. Diederichsen war ihr Vordenker, und jeder seiner neuesten Gedanken wurde Tagesgespräch in "Bohemia", wie der Mann sein Herrschaftsreich gern bezeichnete.
Eine schöne Zeit: Pop war Widerstand und Opposition - mit diesem rebellischen Anführer, der das 68er-Feuilleton, das Gestammel der anderen Musikzeitschriften und das Theorieloch in Sachen Pop mit großer Geste eliminieren konnte. "Der Feind steht links, man selber steht noch weiter links": So beschreibt Diederichsen im Rückblick die eigene Position. Man hatte einst in den K-Gruppen das Denken gelernt und sich trotzdem eine ungezügelte Euphorie für alle Winkelzüge der Popmusik bewahrt. Niemand war in den Achtzigern den jungen Popintellektuellen gewachsen: Sie sahen besser aus als der Rest, und klüger waren sie sowieso. Sieg.
1989 hat sich das Blatt gewendet. Maueröffnung, Wiedervereinigung, und aus Kindern wurden Nazis. Spex, das einstige Zentralorgan der neuen Smartness, blieb paralysiert. Diederichsen, mittlerweile zum Ideologen obskurer Indie-Bands und militanten Hip Hops geworden, reagierte verständnislos auf das junge, braune Elend.
Mit seinem neuen Buch stellt er sich dieser Situation. Der Band versammelt Texte, die von Kunst, Pop, Philosophie, vor allem aber von der Politik handeln. _(* Diedrich Diederichsen: "Freiheit macht ) _(arm. Das Leben nach Rock''n''Roll ) _(1990-1993". Verlag Kiepenheuer & Witsch, ) _(Köln; 256 Seiten; 19,80 Mark. ) Es ist ein Werk des Wandels: Aus einem politischen Popdenker haben die Jahre nach der Maueröffnung den Agitator einer unorthodoxen Linken gemacht*.
Popkultur ist nicht mehr Material für euphorische Visionen. "Gefühle sind tendenziell wieder faschistisch", heißt Diederichsens Parole: Pop ist nur noch eine Ware unter vielen, die er mit klarem linken Kopf einer marxistischen Kritik unterwerfen will. Der Pop hat seine Unschuld verloren.
Die Steinewerfer von Rostock trugen T-Shirts von linken Bands und Kappen mit jenem X, das für Malcolm X stand; sie sahen aus wie jene, für die und über die Diederichsen seit Jahren geschrieben hatte, "in der mal mehr, mal weniger angezweifelten Vorstellung, sie seien entweder so etwas wie Subjekte korrekter politischer Kämpfe oder des jeweils neuesten Stands der Dinge". Plötzlich konnten weder Dresscodes noch musikalische Vorlieben die Differenz zwischen Nazis und deren Gegnern markieren. Der Nazi und der Antifaschist sahen gleich aus, und beide hörten die gleiche Musik. Ein Popdesaster.
1992 proklamierte Diederichsen, geschockt und enttäuscht, in Spex: "The Kids are not alright", und das denkfaule deutsche Feuilleton folgte ihm gern in dieser Einschätzung. Sein "Abschied von der Jugendkultur" wurde einhellig begrüßt - so lautstark, daß Diederichsen auch diese Position überarbeitet hat: "The Kids are not alright, Vol. IV - Oder doch?" heißt es nun im Buch.
Aus dem großkotzigen und superschnellen Apodiktiker Diederichsen ist ein selbstreflexiver Intellektueller geworden, der vorsichtiger formuliert als zuvor. Die Erschütterungen der letzten Jahre haben das mitunter selbstherrliche Bewußtsein eigener Unfehlbarkeit geschliffen. Gefragt war ein neues Denken, ein Denken für die Zeit nach dem Rock''n''Roll, mit dem - so Nik Cohn - die moderne Popgeschichte beginnt. Ein Denken, das die vielen Widersprüche und Verwirrungen auffangen, reflektieren und erklären kann.
Diederichsen geht es nicht nur um eine Auseinandersetzung mit den Ideologen der neuen Rechten, sondern auch um eine Bestimmung der eigenen Lage. Natürlich ist die Kritik der krypto-faschistischen Kulturdandys eine dankbare Angelegenheit, weshalb auch die Abrechnung mit Syberberg und Konsorten, mit "spirituellen Reaktionären und völkischen Vernunftskritikern" der beste und klarste Teil des Buches ist.
Mit unerbittlicher Härte wird jede Form von Antisemitismus, Deutschtümelei und Mythenpropaganda aufgespürt und eingeordnet. Daß die postmodernen Vernunftkritiker, allen voran die der poststrukturalistischen französischen Philosophen, nicht nur die Grundlagen des neuen linken, sondern auch des neuen rechten Denkens geliefert haben, macht die Sache zwar schwieriger, aber um so notwendiger. Die Ehrenrettung Foucaults aus den Fängen seiner falschen, rechten Freunde gelingt Diederichsen mühelos. Im Vorübergehen metzelt er noch ehemalige Verbündete nieder. Für Diederichsen geht es nur um die Vernichtung - vom Dialog mit den neuen Rechten rät er ab: "Sollen die sehen, wie sie da rauskommen. Sie waren gewarnt."
Schwieriger als die Abrechnung mit den Reaktionären ist es, den eigenen Standpunkt zu orten. Was ist heute noch subversiv? Wie sagen Musiker und Künstler nein zu Ausbeutung und Unterdrückung und Rechtsextremismus, ohne dabei Politkitsch, Kabarett und sonstige Geschmacklosigkeiten zu fabrizieren? Einzige Hoffnung ist für Diederichsen der Hip Hop, "die Musik der Jugendlichen und der Minderheiten nach der Hoffnung auf Überwindung von Widersprüchen, auf Revolution und Utopie".
Die Botschaft von Hip Hop sei einfach: Nicht mitmachen! Nirgendwo, bei niemandem, niemals. Die simpelste Version von Subversion - und selbst die steht auf wackligen Beinen. Die Widersprüche häufen sich, der Ausverkauf fördert Anpassung und Einverständnis mit dem System. Am Ende der Hoffnungen eine weitere Sackgasse?
Schwierige Zeiten, Ratlosigkeit. Wie buchstabiert man NEIN? Diederichsen untersucht die Chancen und Risiken der wichtigsten Underground-Strategien, im Angebot: die coole Kommunikationsverweigerung, die gute, alte, aggressive Zersetzung und die typisch postmoderne affirmative Überkodierung.
Die Welt ist schlecht, die Dritte Welt stirbt, der Wald auch, die Arbeiter werden ärmer, die Schwachen erniedrigt. Was also tun? Diederichsen empfiehlt die Ablehnung jeder Form von Identität - sei es nationaler, sexueller oder psychischer Art - und die Verweigerung reaktionärer Diskurse. Außerdem muß das Patchwork der Minderheiten kommunikativ geknüpft werden: Die Ghettos der Minderheiten und "Marginalisierten" sollen untereinander Kontakt halten und sich austauschen. Klein anfangen, auf der Straße, auf dem Campus, bei Warehouse-Partys.
Die Verunsicherung, die weite Teile der Linken in Deutschland und Europa befallen hat, ist auch dem früheren Popstalinisten anzumerken. Typisch links sei dies, erklärt Diederichsen brav, "weil es in der Rechten keine Gedankennot gibt". Es sei die Bereitschaft, die Konsequenzen des eigenen Denkens zu überprüfen, die es "über jeden Tod der Linken hinweg möglich macht, von einem linken Denken zu sprechen". Kein attraktives Programm für heißblütige Nachwuchsrebellen, das der 36jährige da entwirft; und sicherlich auch keines, das Anlaß zu großen Hoffnungen gibt.
1993 eine linke Theorie zu entwickeln ist ein waghalsiges Unternehmen. Die meisten Intellektuellen haben das Rechts-Links-Schema abgeschrieben und wühlen im postmodernen Dreck nach Lösungen. Mit ihrem Propagieren der Beliebigkeit arbeiten sie dem rechten Zeitgeist in die Hände. Die Politik findet nur noch in der Mitte und rechts statt. Die SPD hat vergessen, was links ist, die Grünen wollen in Frankfurt mit der CDU koalieren. Die PDS bleibt bei zwei Prozent. Links sein heißt heute, auf verlorenem Posten zu stehen.
Wie alle Sozialisten ist Diederichsen trotzdem Optimist. Wenn sich der Linke früher zur Gesellschaftskritik verpflichtet fühlte, so ist seine Chance heute, daß diese Gesellschaft nicht mehr auf ihn hört. Er ist frei und kann "seine eigene Gedankennot als in der Schwebe befindliches, dynamisches System" nutzen und genießen. Aus dem parteiischen Schachspieler wird wieder ein selbstbestimmter Entdeckungsreisender. Und das macht richtig Spaß. Motto: "Gute Laune ist progressiver als Kulturpessimismus."
Was an diesem Punkt fehlt, ist das Beharren auf der Verantwortung des linken Intellektuellen. Die neue Freiheit, die auch Ergebnis einer Verzweiflung an der Welt ist, kann nicht zum Selbstzweck werden. "Freiheit macht arm" nennt Diederichsen sein Buch, und linke Freiheit macht erst recht arm, wenn sie sich selbst marginalisiert. Und deshalb kann man Diederichsen gar nicht heftig genug kritisieren: Er weiß vielleicht, was zu tun ist - doch er vergißt, das auch mit der angemessenen Lautstärke zu propagieren.
Wie nur wenige Schreiber in Deutschland kennt er die Zeit, in der wir leben. Wie nur ganz wenige verfügt er über einen intellektuellen Horizont, der vor nichts zurückschreckt und nahezu alles denken kann.
Doch anstatt in Talk-Shows zu sprechen und die großen Magazine vollzuschreiben; statt in Tempo und Spex zu agitieren, hat sich Diederichsen aus den Massenmedien fast komplett zurückgezogen und schreibt für elitäre Blätter. Im Klappentext heißt es, daß er seine Texte an ein neues Publikum richtet, "für das Pop, neue Kunst etc. ebenso ein Gegenstand der Faszination wie der akademischen Analyse ist".
Das merkt man der Sprache an. Manches ist verquast, verdreht oder un(an)greifbar abstrakt: Wo früher klare Worte den Ton angaben, herrscht nun häufig stilistischer Dauernebel, streckenweise gar komplette Unverständlichkeit. Diederichsen sieht dieses Problem wohl selbst, wenn er die stilistische Zerrissenheit zu einem Produkt linker Gedankennot erklärt und betont, daß "Linke so selten schön schreiben" können.
Diedrich Diederichsen kann es, er muß sich nur anstrengen. Y
* Diedrich Diederichsen: "Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock''n''Roll 1990-1993". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 256 Seiten; 19,80 Mark.

DER SPIEGEL 49/1993
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