12.12.1994

„Hungrige Höllenhunde“

SPIEGEL: Die Passauer Neue Presse ist mit 44 Zeitungen in Tschechien und Polen ein Medienriese geworden. Will ein ehemaliger Provinzverlag den Ostmarkt germanisieren?
Hirtreiter: Ohne Investitionen können nur wenige Betriebe überleben. Das Geld kann nur von Ausländern oder großen nationalen Gruppen kommen.
SPIEGEL: Die frühere tschechoslowakische Parteizeitung Rude pravo nennt das "deutschen Kapitalimperialismus".
Hirtreiter: Das ist nichts Unanständiges. Jeder kann sich in Prag über unseren Einfluß erkundigen. Er findet nichts, woran er sich erregen kann. Aber Betonköpfe gibt es in Deutschland wie in Böhmen und in Polen.
SPIEGEL: Ihr Hang zu Monopolen, etwa in der böhmischen Regionalpresse, weckt Argwohn.
Hirtreiter: Wissen Sie, es gibt funktionierende Kartellbehörden. Wenn wir weitere Zeitungen dazukaufen wollen, kommen wir sofort in ein strenges Verfahren. Und in Bayern gibt es auch nicht mehr Zeitungen als in der tschechischen Republik.
SPIEGEL: Die flotte Expansion deutschsprachiger Medienkonzerne im Osten schürt in den jeweiligen Ländern die Angst vor nationalem Ausverkauf. Zeitungen sind ein sensibles Gut.
Hirtreiter: Wir sind auch sehr sensibel. Ich kann gut empfinden, wie die Völker auf unsere Vergangenheit reagieren. Deutsche Pressebeteiligungen im Osten lösen Ressentiments und Emotionen aus. Wir können da nur sagen: Gebt uns Zeit, uns kennenzulernen. Wir haben nichts zu verbergen.
SPIEGEL: In Polen diskutieren Politiker, ob sie für Ausländer in der Presse eine Beteiligungsgrenze einführen sollen. Dann dürften Deutsche jeweils nur ein Drittel der Anteile halten.
Hirtreiter: Es geht dabei fast ausschließlich um die Überschwemmung des Marktes mit Lizenzzeitschriften aus Deutschland. Die deutschen Großverlage investieren nichts, sie bezahlen nur Dolmetscher, um die Texte zu übersetzen. Das regt alle auf, vom Parlament bis zur katholischen Kirche. Wir dagegen sichern über tausend Arbeitsplätze.
SPIEGEL: Was macht die Eroberung des Ostens für Sie und Ihre Verlegerkollegen so reizvoll?
Hirtreiter: Bis vor 50 Jahren war Passau eine Drehscheibe für den Osten. Nun nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs ist hinter unserem Rücken ein neuer Kontinent aufgetaucht. Der gesamte Werbemarkt im Osten steckt in den Kinderschuhen. Da sind noch Explosionen möglich. Tschechien und Polen sind für mich absolute Tigerländer.
SPIEGEL: Sind Sie, als mittelständischer Verleger, mit der Kontrolle des entstandenen multinationalen Imperiums nicht überfordert?
Hirtreiter: Ich bin bereit, am Montag nach Polen zu fliegen und am Freitag nach Hause zu kommen. Welcher Geschäftsführer macht das schon? Und wir haben uns rund 20 blutjunge, hungrige Betriebswirte von der Universität geholt. Das sind meine Höllenhunde, bereit, überall hinzugehen.

DER SPIEGEL 50/1994
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