26.12.1994

Angst vor der Sucht

Zu wenige Schmerzkliniken in Deutschland

Fünf Millionen Deutsche leiden unter chronischen, zum Teil Jahre anhaltenden Schmerzen. Oft sind Schmerzen auch Begleitsymptom bei Tumorerkrankungen. Mindestens 70 Prozent aller Krebskranken haben in der letzten Phase ihrer Krankheit starke Schmerzen.

Fast allen Krebspatienten und vielen der chronischen Schmerzpatienten könnte geholfen werden - mit Opiaten, vor allem mit Morphium.

Doch mangelhaftes Wissen über diese Medikamente sowie die Angst, der Patient könnte sich an die Schmerzmittel gewöhnen, könnte gar abhängig werden und zudem unter den Nebenwirkungen leiden, sind unter Ärzten weit verbreitet und verhindern eine ausreichende Behandlung.

In einer Bochumer Studie gaben über 40 Prozent der befragten niedergelassenen Ärzte zu, daß sie diese Medikamente, die als Betäubungsmittel einer engen gesetzlichen Kontrolle unterliegen, niemals verordnen.

Die deutsche Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung erlaubte es den Ärzten bis 1993, Morphium nur für sieben Tage zu verschreiben - damit war für die Patienten ein längerer Urlaub unmöglich. Heute darf ein Monatsbedarf verschrieben werden. Allerdings werden die Rezepte bürokratisch kontrolliert, viele Ärzte schrecken deshalb davor zurück.

"Nur etwa die Hälfte der niedergelassenen Arztpraxen verfügen überhaupt über Betäubungsmittelrezepte", lautete das Monitum auf einem Fortbildungskongreß der Bayerischen Landesärztekammer im letzten Monat. Dabei sprechen Juristen sogar von einem Recht auf optimale Schmerztherapie; wenn der Arzt sie unterläßt, kann er schadensersatzpflichtig werden oder sich wegen Körperverletzung strafbar machen.

Auch die angekündigte 6. Gesetzesänderung wird die enge Kontrolle nicht wesentlich erleichtern. Zweifelhaft ist, ob diese Verordnung überhaupt vor Mißbrauch schützt: In anderen europäischen Ländern, in denen - auch durch einfachere Gesetze - vielfach mehr Opiate als in Deutschland verschrieben werden, ist die Anzahl der Drogentoten nicht höher.

Die Angst vor Morphium sitzt tief. Dabei ist das Suchtrisiko bei richtiger Einnahme null: Das Betäubungsmittel darf nicht nach Bedarf, sondern muß regelmäßig, zum Beispiel alle acht Stunden, eingenommen werden. Morphium kann jahrelang verabreicht werden - die Dosis wird nur dann erhöht, wenn sich die schmerzauslösende Krankheit verschlimmert.

Eine psychische Gewöhnung an das Medikament gibt es nicht. Die Nebenwirkungen von Morphium sind allerdings nicht unerheblich. Vor allem Verstopfung wird beobachtet, gegen die Abführmittel eingenommen werden müssen. Da die Reaktionsfähigkeit der Patienten verlangsamt sein kann, warnen einige Ärzte vor dem Autofahren.

Insgesamt gilt Deutschland in der Schmerzbehandlung als Entwicklungsland: Die 200 bestehenden Schmerzambulanzen reichen nicht aus, etwa 1500 würden gebraucht. Der Informationsstand von Ärzten und Patienten ist dürftig.

Die meisten Betroffenen erfahren nur zufällig, wo sie eine gute Behandlung bekommen könnten. Viele haben jahrelange, zum Teil abenteuerliche Behandlungsversuche hinter sich.


DER SPIEGEL 52/1994
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