29.04.2013

KUNST„Ich lasse mich nicht zähmen“

Der chinesische Künstler Zhao Zhao über Drangsalierungen durch den Staat und seine Rolle als Störenfried
Unter den jüngeren Künstlern Chinas ist Zhao Zhao, 30, einer der provozierendsten. Lange arbeitete er mit Ai Weiwei zusammen. Nun stellt er in der Berliner Galerie Alexander Ochs aus.
SPIEGEL: Herr Zhao, kurz nachdem Sie dem SPIEGEL im vergangenen Sommer ein Interview gegeben hatten, wurden Sie verhaftet. Besteht ein Zusammenhang?
Zhao: Auf den ersten Blick nicht. Ich hatte mich mit zwei Bauarbeitern gestritten, die mir zuvor mit ihrem Fahrzeug in falscher Richtung auf der Autobahn entgegengekommen waren. Sie haben dann mit Schaufeln auf mich eingedroschen. Ich rief die Polizei, aber am Ende war ich es, der im Gefängnis landete.
SPIEGEL: Wie ist es Ihnen da ergangen?
Zhao: Man behielt mich, ohne Grund, zwölf Tage lang in Untersuchungshaft. In einer Zelle mit 7 Holzpritschen für 14 Leute. Ich hatte in den ersten Tagen keine Liege, durfte mich aber auch nicht auf dem Boden ausstrecken, also musste ich stehen oder hocken. Man wusste, dass ich Maler bin, natürlich. Aber wirklich ausgesprochen hat das nur der Beamte, der für die Fingerabdrücke zuständig war. Er sagte mir, er sei selbst Künstler. Er versprach sich wohl etwas von mir, meinte, man könne in Kontakt bleiben.
SPIEGEL: Im vergangenen Jahr wurde ein Großteil Ihrer Werke beschlagnahmt.
Zhao: Ja, ich bin den Behörden wohl ein Begriff, und manchmal provoziere ich sie leider sogar, ohne es zu beabsichtigen.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Zhao: Es gab eine zweite Verhaftung.
SPIEGEL: Was geschah?
Zhao: Das ist noch nicht lange her und spielte sich im Dorf Dongshigu ab. Der berühmte blinde Regimekritiker Chen Guangcheng, der sich gegen Zwangsabtreibungen einsetzte, der verurteilt und eingesperrt wurde, hat dort in einer Art Hausarrest gelebt, bis er sich vor einem Jahr in Sicherheit bringen konnte. Jetzt lebt er in den USA. Von seiner Mutter ließ ich mir schildern, wie er damals über Mauern kletterte und die Innenhöfe der Nachbarhäuser durchquerte. Diesen Fluchtweg eines Blinden wollte ich filmen. Doch in einem der Höfe entdeckte ich etwas Lebendes in einem dunklen Betonverschlag.
SPIEGEL: Was sahen Sie?
Zhao: Dort hockte ein Mann, verwahrlost. Offenbar wird er seit Jahren festgehalten.
SPIEGEL: Es war Zufall, dass Sie ihn entdeckten?
Zhao: Ja. Dahinter steckt offenbar ein Akt von Selbstjustiz. Er haust in einer Art Außenzelle. Boden und drei Wände aus Beton, die vierte ein Stahlgitter. Ich war schockiert, bot ihm aber eine Zigarette an. Dann wurde ich von dem für das Dorf zuständigen Parteifunktionär aufgespürt. Meine Assistenten und ich wurden gejagt, ich versteckte mich irgendwo. Man fand mich am nächsten Morgen. Ich wurde für 16 Stunden festgehalten.
SPIEGEL: Eines Ihrer bekanntesten Werke ist die Skulptur eines Polizisten, der am Boden liegt, der in lauter Einzelteile zerbrochen ist. Man wirft Ihnen Ihre Kunst vor, Ihre Freundschaft mit Ai Weiwei ...
Zhao: ... man hat Ai Weiwei und mich oft gewarnt, uns verboten, uns zu treffen.
SPIEGEL: Trotzdem durften Sie nun nach Berlin reisen, wo Sie eine Galerieschau eröffnet haben und bald an einer Ausstellung im Museum für Asiatische Kunst teilnehmen. Wie ist das zu erklären?
Zhao: Vielleicht erwecke ich den Eindruck, ein nicht mehr ganz so großer Störenfried zu sein.
SPIEGEL: Ist der Eindruck richtig?
Zhao: Vor ein, zwei Jahren war es für mich kaum noch möglich auszustellen. Inzwischen versuche ich, mehr Künstler und weniger Aktivist zu sein. Als Künstler habe ich meine Sprache. Im Juli hatte ich eine Schau in Peking, wir wussten bis zuletzt nicht, ob es wieder ein Verbot geben würde. Wir haben die Galerieräume am Tag der Eröffnung selbst verdunkelt, die Gäste sahen meine Kunst nicht, oder nur mit dem Licht ihrer Mobiltelefone.
SPIEGEL: Hat der chinesische Staat Sie ein Stück weit gezähmt?
Zhao: Es gibt Grenzen, die Sie in diesem Staat nicht überschreiten dürfen. Ich versuche, mich als Künstler nicht zähmen zu lassen.
SPIEGEL: In Berlin stellen Sie auch ein Gemälde aus, das Ai Weiwei in einer Art Verhörsituation zeigt. Erstaunlich, dass Sie das außer Landes bringen konnten.
Zhao: Wie mein Galerist das gemacht hat, weiß ich nicht.
SPIEGEL: Sie haben Ihre neueren Bilder zu Hause gemalt, weil Sie Ihr Atelier aufgeben mussten, daher die kleinen Formate.
Zhao: Ja, ich lebe in einem Zustand der Veränderungen, der Unsicherheiten. Eines meiner Bilder zeigt ein Fladenbrot. Meine Eltern, unschuldige Menschen und selbst in der Verbannung aufgewachsen, sorgen sich ständig, ich könnte wieder ins Gefängnis kommen oder anderen Ärger haben. Ich könnte verhungern. Also schicken sie mir jeden Monat Brot.
Interview: Ulrike Knöfel
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 18/2013
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