06.05.2013

ESSAY Die Versöhnung

Die im Wohlstand aufgewachsene Generation der heute 40-Jährigen versucht zu begreifen, wie die Kriegserlebnisse ihrer Eltern und Großeltern auch das eigene Leben geprägt haben. Von Merle Hilbk
Im Frühjahr 2004 erschien Sabine Bodes Buch über die "vergessene Generation", jene zwischen 1930 und 1945 geborenen Deutschen, die als Kind den Zweiten Weltkrieg miterlebt und darüber meist geschwiegen hatten. In den Monaten danach erhielt die Autorin mehr als 400 Dankesbriefe - aber nicht von den Kriegskindern, die Bombenkrieg und Flucht erlebt hatten, sondern von deren im Frieden aufgewachsenen Kindern. "Nun verstehe ich endlich, warum meine Eltern so sind, wie sie sind", stand in einer Mail, dazu die Bitte: "Warum schreiben Sie nicht mal über uns?" Aus diesen Briefen habe keine Eitelkeit gesprochen, urteilt Bode, sondern Leidensdruck. Trotzdem wollte die 65-jährige Sachbuchautorin, die mit einem Traumatherapeuten verheiratet ist, ein solches Buch zunächst nicht schreiben: weil die Kriegskinder das als einen Vorwurf verstehen könnten. Zudem wusste Bode nicht, wie sie das, was die Enkel belastete, beschreiben sollte: das Aufwachsen in einem Vakuum.
Doch die Enkel meldeten sich auf beinahe jeder Lesung des "Kriegskinder"-Buchs zu Wort, und 2007 half Bode ein paar von ihnen, ein Seminar mit dem Titel "Was die Eltern weitergaben" zu organisieren. Nach dem Treffen beschlossen die Teilnehmer, sich weiterhin als Gruppe zu treffen. Aus der einen Gruppe wurden schließlich 17, deren Mitglieder sich untereinander vernetzten, per Facebook und über ein "Forum Kriegsenkel". Sie gründeten einen Kriegsenkel e. V. und ein gutes Dutzend Gesprächsgruppen, ich selbst habe eine in Berlin-Kreuzberg gegründet. Slawisten aus den Gruppen organisierten Recherche-Reisen nach Polen und Versöhnungsseminare in Osteuropa, eine Hamburger Historikerin erklärte in einem Workshop, in welchen Archiven man die blinden Flecken in der Familiengeschichte ausleuchten kann. 2009 schrieb Bode dann doch das "Kriegsenkel"-Buch - zurzeit liegt die 10. Auflage in den Buchhandlungen.
Was treibt Zehntausende Bundesbürger in der Mitte ihres Lebens dazu, sich nun so intensiv mit einem Thema zu beschäftigen, das vielen schon in der Schule zu den Ohren herauskam? Sie versuchen, das Schweigen ihrer Eltern zu brechen, einen Weg zu finden, mit ihnen, die zu Kriegszeiten Kind waren, über ihre Erlebnisse und ihre Gefühle zu sprechen: über Schuld, Scham und Trauer - und ihnen auf diese Weise näherzukommen. Gleichzeitig wollen die Enkel sich aus den Fesseln der Vergangenheit befreien, in denen sie lange Zeit steckten, ohne es zu wissen. Versuche, die sie erst jetzt unternehmen; zu groß war die Angst der Enkel, damit das zu tun, wovor man sie immer gewarnt hatte: durch das Reden über deutsches Leid Nazi-Verbrechen zu exkulpieren. Auch darüber diskutierten die Enkel in ihren Gruppen und auf Kongressen. Der Theologe Joachim Süss sprach davon, "aus dem Schatten der Schuld heraustreten" zu wollen. Der Kriegsenkel-Forscher, heute 52 Jahre alt, hatte erst nach seiner Promotion erfahren, dass sein Vater in Böhmen nach dem Krieg in ein Lager für die deutsche Zivilbevölkerung gesperrt worden war, in dem Schulfreunde von ihm zu Tode kamen. Süss sagt, man fange sich mit solchen Aussagen schnell den Vorwurf ein, man wolle die deutsche Schuld ignorieren. "Aber die deutsche Schuld ist nicht mein Thema, weil sie für mich feststeht."
Es sei die historische Leistung der 68er, den "Scheinwerfer auf diese Schuld" gelegt zu haben. Im Dunkeln geblieben sei dabei aber die "andere Seite", und die habe sich in "den Enkeln abgebildet, ohne dass sie eine Ahnung haben, was sich da abgebildet hat". Auch die Forschung hat sich lange nicht um dieses Phänomen gekümmert. Mittlerweile ist belegt, dass unbehandelte Traumata an die nächste Generation weitergegeben werden können. Eine große Studie dazu veröffentlichte 2009 Michael Ermann, der damalige Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik München. Er stellte bei Befragungen fest, dass nicht nur die Kriegskinder an Traumata durch Bombenhagel und Flucht litten, sondern indirekt auch deren Nachkommen. Die Kriegsenkel, wie sie sich selbst getauft haben, haben die unverarbeiteten Emotionen ihrer Eltern geerbt: das Entwurzelungsgefühl der Vertriebenen, die Beklemmung der Verschütteten, die Angst der von Tieffliegern Gejagten, die Einsamkeit der Kinderlandverschickten, das Misstrauen der Widerstandskämpfer- und Verfolgtenkinder. Und, nicht zuletzt: das Schuldgefühl, das jene empfinden, die Not und Verwirrung nicht lindern können. Allerdings hatten die Kriegsenkel diese Gefühle nicht mit denen der Eltern in Zusammenhang gebracht. Denn die Eltern hatten diese Gefühle verdrängt, eingekapselt wie einen Fremdkörper, der in die Haut eingedrungen und nicht herausgeeitert war. Die Kriegsenkel haben das Verhalten ihrer Eltern kopiert, ohne es zu merken: ihre Strebsamkeit, ihre Inszenierung heiler Welten, ihre Härte gegen sich selbst, die Überbetonung von Wohlstand und Erfolg, mit der sie ihre Mangelgefühle kompensierten.
Heute gibt es Anzeichen dafür, dass Traumata sogar das Erbgut verändern und etwa als besondere Stressanfälligkeit und Ängstlichkeit auch weitergegeben werden. Auf einem Kriegsenkel-Kongress der Universität Göttingen im März 2012 ging es um diese vererbten Leiden. Beschädigungen, die sich ableiten aus den elterlichen und großelterlichen Verdrängungsstrategien, aus dem "Man muss etwas aus sich machen", "Man muss sich zusammenreißen", "Die Familie ist eine Burg". Als nach den Vorträgen die Referenten ein Mikrofon durch den Saal reichten, schwappte eine Welle von Emotionen hoch, jeder wollte seine Geschichte erzählen, jeder schien die Gefühle des anderen aufzusaugen - und zu verstehen, weil jeder etwas Ähnliches erfahren hatte.
Es waren Geschichten wie die von Jochen, einem Betriebswirt aus Hamburg. "Zuerst kommt die Pflicht, und dann ... ja, dann frage ich mich, was ich eigentlich will, und dann ist in meinem Kopf so eine Verwirrung", sagt der 50-Jährige, der seinen vollen Namen nicht nennen will - aus Rücksicht auf seine Mutter, die "sich wieder fragen würde, was sie falsch gemacht hat". Zweimal schon habe er den Beruf gewechselt, noch viel häufiger den Wohnort. Seine Mutter habe, wie ihre eigene Mutter, stets Haltung bewahrt. Der Vater sei eigentlich immer im Büro gewesen. Aber auch seine Mutter habe ihm das Gefühl vermittelt, dass sie "irgendwie weit weg war". Sie war als Mädchen zusammen mit ihrer Mutter aus einem schlesischen Dorf in der Nähe von Glatz geflohen. Heute ziehe es ihn im Urlaub an die Glatzer Neiße. Dort denke er: Es gibt schönere Landschaften, aber nur diese hat diese unglaubliche Tiefe. Er sieht heute, wie er Verhaltensmuster übernahm, ohne dass es ihm bewusst war. Seine Mutter hatte ihm erzählt, sie sei mit ihrer Mutter nach der Flucht in Niedersachsen bei einer Familie einquartiert worden, zu der sie "immer nett sein musste" - obwohl sie abschätzig behandelt wurden. Das habe er auch an sich beobachtet, sagt Jochen, dieses Immer-nett-Sein, dieses Funktionierenmüssen, das ihm die Kraft raube. Die Großmutter habe sich "wie eine Dame zurechtgemacht", wenn sie auf die Straße gegangen sei, und betont, dass sie früher zu den besseren Leuten gehört und die Familie ein großes Anwesen besessen habe. Die Mutter habe gemeinsame Unternehmungen oft mit dem Satz abgeblockt: "Das ist nicht mein Niveau." Er selbst habe sich immer "Partner aus den Elbvororten" ausgesucht, bis "ich feststellte, wie stumpf diese Luxuswelt ist". Sein größter Wunsch: "endlich in meinem Leben anzukommen".
Das Auffälligste an den Kriegskindern, schreibt Psychoanalytiker Ermann, sei die Unfähigkeit zu trauern. Diese Unfähigkeit hätten sie schon bei ihren Eltern erlebt, nicht zuletzt durch Schuldgefühle angesichts der Verbrechen, die das eigene, kurz zuvor noch zur Herrenrasse erklärte Volk verübt hatte. Bei den Enkeln habe sich diese Unfähigkeit zu einem inneren Verbot umgeformt, selbst zu fühlen. Die Kriegskinder hätten versucht, eine heile Welt zu schaffen, in der sie sich nie wieder so hilflos fühlen mussten wie im Krieg - und sie taten alles, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Oft sprechen Kriegsenkel davon, dass sie sich richtungslos fühlten. Psychologen und Analytiker berichten davon, dass viele Kriegsenkel Schwierigkeiten hätten, sich längerfristig zu binden, an einen Partner, einen Job, einen Wohnort oder an ein Lebensmodell. Manche haben ein Dutzend Umzüge hinter sich, viele sind kinderlos.
Die Kölner Bühnenplastikerin Susanne ist eine solche Kriegsenkelin. Sie versuchte, in einer Therapie zu ergründen, warum sie sich einsam fühlte, obwohl sie in einer stabilen Beziehung lebte und einen großen Freundeskreis hatte. Eines Tages habe ihre Psychologin ihr Bodes "Kriegskinder"-Buch in die Hand gedrückt. Erst da sei ihr aufgefallen, wie wenig sie über ihre Eltern wisse. Heute weiß sie, dass ihre Mutter nach der Bombardierung ihrer Heimatstadt fast ein Jahr lang auf Kinderlandverschickung war, und auch, wie verlassen sie sich dort fühlte. Als Erwachsene habe ihre Mutter immer überlegen gewirkt, sagt sie. Hätten sich Konflikte im Elternhaus nicht mehr unterdrücken lassen, sei die Mutter krank geworden. Heute ist ihr bewusst, dass sie selbst oft den Eindruck vermittelt, mit allem zurechtzukommen - und ihr deshalb selten jemand Unterstützung anbietet. Beim Weihnachtsbesuch zu Hause stellte Susanne fest, dass ihr Bruder ebenfalls das "Kriegskinder"-Buch las. Der zog jedes Jahr um und brachte das nun mit den Fluchterfahrungen des Vaters in Verbindung. Der Vater habe seine Erlebnisse, so berichten beide Kinder, stets erzählt, als gehörten sie zu einem Fremden.
Die Schriftstellerin Christa Wolf beschrieb diesen Umgang mit der Vergangenheit 1976 in ihrem Roman "Kindheitsmuster", er trägt autobiografische Züge. In der DDR war die Beschäftigung mit dem Leid durch Flucht und Vertreibung nicht opportun. Wolf schrieb: "Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd." Diese Fremdheit erleben fast alle Kriegsenkel, wenn sie versuchen, ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren, ein Auseinanderklaffen von Erzählton und -inhalt. "Das haben doch alle erlebt", lautet ein Standardsatz der Eltern. Ein Satz, der auf eine Unfähigkeit hindeutet, sich in sich selbst einzufühlen.
Viele Kriegsenkel beginnen mit Anfang oder Mitte vierzig, sich die Geschichte ihrer Familie anzueignen; zu einem Zeitpunkt, an dem sie sich etwas aufgebaut haben, sich fragen, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist oder warum sie aus einer Lebenskrise so schwer wieder herausfinden. Es ist schmerzhaft zu begreifen, dass man nicht nur die verhätschelte Tochter eines Oberstudienrats ist, sondern auch eines Vaters, der mitangesehen hat, wie die Großmutter vergewaltigt wurde. Doch die Zerstörung der heilen Welt kann von großem Gewinn sein. Die Energie, die Körper und Psyche bislang auf die Unterdrückung angstmachender Gefühle und die Verklärung falscher Ideale verpulvern mussten, bleibt für andere Dinge. Zum Beispiel für ein eigenes Leben, für Beziehungen, Kinder, einen geduldigeren Umgang mit sich selbst. Und für eine Versöhnung mit den Eltern, die für Mitgefühl mit sich selbst und ihren Kindern oft nicht die Kraft hatten. "Jede Generation hat ihre Aufgaben", heißt es in der Abschlussdiskussion des Göttinger Kriegsenkel-Kongresses. "Die Elterngeneration krempelte die Ärmel auf, um die äußeren Trümmer zu beseitigen. Die seelischen Trümmer zu beseitigen - das ist Aufgabe der Enkel."
Hilbk, 44, ist Journalistin in Berlin.
Von Hilbk, Merle

DER SPIEGEL 19/2013
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