06.05.2013

BULGARIENIn Flammen

Warna ist wie das Land, zerfressen von Korruption, beherrscht von Kartellen. Vor kurzem verbrannte sich ein Verzweifelter, sein Tod rüttelte viele auf. Nun wird gewählt. Wird sich etwas ändern?
Das Rathaus von Warna ist ein spätkommunistischer Klotz, die Fenster verspiegelt, über dem Eingang ein Dach aus Beton. Wer hier eintritt, senkt unwillkürlich den Kopf. Auf dem Platz davor, mit Blick auf dieses Gebäude, das Bürger zu Untertanen machen will, zündete sich Plamen Goranow an.
Es war am 20. Februar, morgens gegen halb acht, als er mit einem Kanister und einem Transparent vor dem Bürgermeisteramt auftauchte. Er rief, der Stadtrat solle zurücktreten. Dann übergoss Plamen Goranow sich mit Benzin und stand kurz darauf in Flammen.
Was danach geschah, ist bis heute nicht geklärt. Haben die städtischen Angestellten wirklich so schnell wie möglich reagiert und einen Feuerlöscher geholt? Gab es ein Handgemenge mit dem Wachpersonal?
Im Rettungswagen jedenfalls soll Goranow einem Sanitäter erzählt haben, er habe zwar protestieren, sich aber nicht töten wollen. Elf Tage später starb er an seinen schweren Verbrennungen.
Seine Freunde haben lange nach Zeugen gesucht. Etwa 20 Menschen müssen Goranows Aktion gesehen haben, offen sprechen will keiner. Dabei gibt es Videoaufnahmen, vier Kameras sind auf den Platz gerichtet. Aber die Behörden halten das Material unter Verschluss.
Plamen Goranow war nicht der Erste und nicht der Letzte, der sich unlängst in Bulgarien anzündete. Fünf weitere Männer haben sich aus Verzweiflung in Brand gesteckt. Aber der 36-Jährige war der Bekannteste, er wollte gegen die Staatsmacht protestieren, seit langem schon hatte er sich gegen Korruption und Machtmissbrauch eingesetzt.
"Plamen war unser moralisches Gewissen", sagt sein Freund Nick Todorow. Er habe die Natur geliebt, war Bergsteiger und arbeitete von Zeit zu Zeit als Fassadenkletterer. Er habe versucht, ein Leben zu führen, ohne anderen zu schaden, ohne das Gemeinwesen zu belasten und die Umwelt zu zerstören. Deshalb stand Goranow auch in der ersten Reihe, als die Proteste gegen die Regierung im Februar losgingen.
Nach seinem Tod hängen auf dem Platz vor dem Rathaus Transparente, darauf steht: "Du hast unseren Mut befeuert und unsere Liebe zur Freiheit." Auf einem steht in gelb und rot züngelnden Lettern nur: "Plamen". Plamen, das bedeutet übersetzt auch: Flamme.
Goranow wurde zum Helden für die Demonstranten, die seit drei Monaten gegen die Regierung demonstrieren. Landesweit gingen Hunderttausende auf die Straße, allein in der Schwarzmeerstadt Warna waren es bis zu 30 000. Vordergründig wehren sie sich gegen steigende
Strompreise, doch in Wahrheit geht es gegen eine verrottete politische Klasse.
Unter dem Druck der Straße musste bereits Premier Boiko Borissow zurücktreten. Vorvergangene Woche flog dann noch ein Skandal auf, der den Ex-Premier schwer belastet; ein abgehörtes Gespräch belegt, wie er offenbar versuchte, einen Korruptionsfall zu vertuschen. In dieser Woche wählt Bulgarien ein neues Parlament - doch bereits jetzt sind 41 Prozent der Bürger laut einer Umfrage des Nachrichtenportals Novinite überzeugt, dass das Ergebnis gefälscht werden könnte. Hoffnung auf einen echten Wandel gibt es kaum. Borissow tritt wieder an, aber auch die Opposition gilt als nicht weniger verstrickt.
Seilschaften aus kommunistischer Zeit haben das Land unter sich aufgeteilt. Sie dominieren Parlamente und Behörden, sie schanzen sich die besten Aufträge zu, bedrohen die Presse und sind mit der Organisierten Kriminalität verbandelt. Bulgarien ist das ärmste Land der EU, die Wirtschaft stagniert, bis zu einer halben Million Bulgaren sind ausgewandert.
Die Euphorie des Jahres 2007, als Bulgarien unverhofft früh in die Union aufgenommen worden war, ist restlos verflogen. Gerade hat die EU entschieden, das Land nicht in den Schengen-Raum aufzunehmen.
Doch Plamen Goranows Tod hat das Land aufgerüttelt. Jeden Sonntag versammeln sich seither Bürger Warnas auf dem Platz und halten Gottesdienste ab. Zum Gedenken haben sie Steinbrocken aufgetürmt. Vorbild sind die Dorfbewohner aus dem Gedicht "Gramada" des Nationalschriftstellers Iwan Wasow: Sie schütteten vor dem Haus ihres Bürgermeisters einen Geröllberg auf, weil dieser sich mit bösen Mächten zusammengetan hatte, damals waren das die osmanischen Besatzer.
Auch Plamen Goranow glaubte, dass Warnas Politiker im Dienst böser Mächte stehen: TIM nennt sich das Unternehmen, das die Stadt beherrscht. Und immer mehr Bulgaren sehen das so wie Goranow.
TIM, das steht wohl für die Anfangsbuchstaben der Vornamen der Gründer, dreier ehemaliger Elitesoldaten, die Anfang der neunziger Jahre eine Wach- und Personenschutzfirma aufbauten. Im Wappen trägt sie bis heute ein Trojanisches Pferd.
Die Firma soll ihr Startkapital auch mit Schmuggel, Glücksspiel, Autodiebstahl, Prostitution und Drogenhandel verdient und den Erlös in legale Unternehmungen investiert haben. Rasch wuchs TIM zu einem Imperium heran. "Die neue Führungsmacht in der Organisierten Kriminalität Bulgariens" nannte der US-Botschafter das Kartell in einem Bericht von 2005.
Heute wird die Zahl der Angestellten der TIM-Gruppe auf rund 30 000 geschätzt. Sie hält Anteile an der Fluggesellschaft Bulgaria Air, betreibt sechs Fernsehsender, Warnas größte Zeitung und die Firma Chimimport, die mit Erdöl, Düngemitteln, Chemikalien und Getreide handelt.
"Warna ist ein Abbild ganz Bulgariens", sagt Spas Spasow, 53. Er ist der beste Kenner der TIM-Gruppe - und einer der wenigen unabhängigen Journalisten. Sein Magazin "Kapital" kann sich ein Büro für ihn nicht leisten, er arbeitet seither von zu Hause aus.
"Die meisten Politiker im Stadtparlament interessieren sich nicht für die Geschicke Warnas, sondern wollen sich bereichern." Sie würden sich hüten, sich mit TIM anzulegen, dem größten und mächtigsten Arbeitgeber. Im Gegenteil: Fast immer, wenn öffentliche Aufträge zu vergeben seien, erhielten Firmen der TIM-Gruppe den Zuschlag, zu Vorzugsbedingungen und ohne Ausschreibung.
Spasow ist der Chronist dieser Skandale. TIM lässt ihn bisher gewähren, nur einmal kam eine Drohung. Einer der Bosse schickte dem Journalisten den chinesischen Militärklassiker "Die Kunst des Krieges". Handschriftlich hatte der Absender vermerkt: "Man sollte mit niemandem Krieg führen, den man nicht besiegen oder zu seinem Freund machen kann."
Spasow schrieb trotzdem weiter, vor allem über die Allee Nr. 1, einen idealtypischen Fall der Korruption. Es geht um einen Park im Zentrum Warnas, der sich an der Küste entlangzieht. Es gibt dort feinsandige Strände, Villen in Uferlage, denkmalgeschützte Cafés und Umkleidekabinen aus den zwanziger Jahren.
Eigentlich durfte die Stadt das Areal nicht verkaufen, aber für TIM ließen sich der Bürgermeister und seine Helfer etwas einfallen. Der juristische Status des Geländes wurde geändert und der Kaufpreis auf lächerliche 50 Euro pro Quadratmeter festgelegt. TIM will dort nun einen Yachthafen, Hotels, Luxuswohnungen und Restaurants bauen.
"Wir Bulgaren sind nicht korrupter als andere Völker", meint Spasow. "Nur hatten wir 1989 keine echte Revolution." Diktator Todor Schiwkow wurde durch eine Palastrevolte gestürzt. "Aber anders als in Polen oder der DDR blieben die alten Eliten an der Macht. Sie legten sich neue Namen zu und rissen die lukrativsten Staatsbetriebe an sich."
Plamen Goranow verzweifelte wohl daran, wie TIM seine Stadt übernahm. Vergangenen Sommer organisierte er mit Freunden eine Aufführung in Warna: Drei Würmer, markiert mit T, I und M, machten sich über einen goldenen Apfel her. "Der sollte die Stadt symbolisieren", sagt Radostina Petrowa, die dabei war. Ein alter Kühlschrank stellte die Bürger dar, kalt und unbeweglich. "Die Leute waren begeistert", sagt Petrowa, auf dem Kopf trägt sie eine runde Filzmütze, die Plamen Goranow gehörte.
"Ich bin erschüttert, aber nicht total überrascht, dass er so weit gegangen ist", sagt Petrowa, die bis vor kurzem in den USA Grafikdesign studierte. Goranow sei immer frustrierter gewesen. Als eine Menschenmenge vor der Zentrale des lokalen Energieversorgers protestierte, schimpfte er: "Das bringt doch nichts, hier ist niemand. Uns sieht nicht einmal jemand."
Andere wollen sogar so etwas vernommen haben wie: "Vielleicht sollte ich mich verbrennen."
Das Gedicht "Gramada" von Iwan Wasow jedenfalls geht schlecht aus, zumindest für die Mächtigen: Der Bürgermeister muss fliehen. Der Steinhaufen aber wächst weiter.
(*) In hellen Jacketts, bei einer Hoteleinweihung 2004.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 19/2013
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