06.05.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich suche Streit“

Der Chinese Ai Weiwei ist einer von vier Künstlern, die Deutschland auf der Biennale in Venedig vertreten werden. Er wird allerdings nicht nach Italien kommen. Der chinesische Staat lässt ihn weiterhin nicht ins Ausland reisen.
Jedes Jahr im April rasiert Ai Weiwei seine Katzen. Es ist ein Akt der Tradition und der Barmherzigkeit. Der nordchinesische Winter ist kalt und trocken, der Sommer heiß und schwül. "Dieses dicke Winterfell", sagt er, "all diese Haare, an denen sie sonst stundenlang herumschlecken müssen, das nehmen wir ihnen ab." Der Frühling von Peking ist kurz, aber intensiv. Wie dichter Schnee treiben die Fussel der Weidenbäume durch die Straßen. Ai ist Allergiker und reibt sich draußen im Garten immer wieder die Augen, während seine Mitarbeiter drinnen im Atelier vier Ausstellungen vorbereiten, die der Künstler in diesem Sommer in Deutschland und Italien zeigt. Seit April 2011 hat er China nicht mehr verlassen. Damals hatten ihn die Behörden fast drei Monate lang eingesperrt, ihn erst gegen Zahlung einer Kaution freigelassen, sein Pass wurde ihm abgenommen. Ai, 55, Sohn des Dichters Ai Qing, ist Chinas prominentester Künstler und als Bürgerrechtler und Netzaktivist eine permanente Provokation für die Führung der Kommunistischen Partei. Ab Juni vertritt er, zusammen mit den Fotografen Dayanita Singh und Santu Mofokeng sowie dem Regisseur Romuald Karmakar, Deutschland auf der Biennale von Venedig.
SPIEGEL: Herr Ai, eine italienische Galerie kündigt eine Ausstellung in diesem Sommer mit den Worten an, sie zeige Sie auf dem Höhepunkt Ihrer "kreativen und polemischen Kraft". Wie fühlen Sie sich auf dem Gipfel Ihrer Laufbahn?
Ai: Ich bin noch lange nicht auf dem Gipfel. Ich bin dabei, mich warm zu machen.
SPIEGEL: Das Londoner Magazin "Art Review" hat Sie zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des Kunstbetriebs gewählt. Was bedeutet Ihnen das?
Ai: Diese Wahl galt nicht mir, sondern dem, wofür ich stehe. Und das sind zwei Grundfunktionen moderner Kunst: Ausdruck und Kommunikation. Ich verstehe Kunst so, dass sie immer nach neuen Möglichkeiten fragt und versucht, die Grenzen des Bestehenden zu überschreiten. Ein Künstler muss mit seiner besonderen Empfindsamkeit auf das Leben reagieren und es verändern.
SPIEGEL: Kann man das, wenn man weltberühmt ist?
Ai: Ich bin 55 Jahre alt und stehe seit etwa 8, 9 Jahren als Künstler in der Weltöffentlichkeit. Doch seit 3 Jahren, den 3 verrücktesten meiner Laufbahn, habe ich China nicht mehr verlassen können. Der Ruhm beeinflusst meinen Alltag nicht sehr. Schon mein Vater war ein sehr bekannter Künstler, und ich habe mitbekommen, wie diese Bekanntheit gegen ihn verwendet wurde. Ich habe da keine Illusionen.
SPIEGEL: In diesem Jahr vertreten Sie Deutschland auf der Biennale von Venedig - zusammen mit drei anderen Künstlern. Udo Kittelmann, Direktor der Berliner Nationalgalerie, hat das kritisiert: Sie würden die anderen in den Schatten stellen.
Ai: Das ist zur Hälfte wohl richtig. Aber ich bin erstens selbst gar nicht dort, und zweitens schicke ich meine Arbeit ja nicht, um Werbung für mich zu machen. Es geht um einen Inhalt. Ich bin durch eine sehr schwierige, lebensbedrohliche Zeit gegangen, ich bin körperlich verletzt und eingesperrt worden, man hat mein Atelier zerstört und mir eine gewaltige Steuerlast angedichtet. Ich trete nicht für mich selbst ein, sondern für ein Anliegen. Es geht um Gerechtigkeit. Es geht um jene, die keine eigene Stimme haben oder sich fürchten, sie zu erheben. Ich bin zu einer Symbolfigur für diese antiautoritäre Haltung geworden, nicht nur in China, sondern auch in anderen Ländern, die von einer großen politischen oder ökonomischen Macht regiert werden - auch in der sogenannten freien Welt.
SPIEGEL: Kennen Sie die anderen Künstler, die zusammen mit Ihnen den deutschen Pavillon gestalten?
Ai: Ich habe Santu Mofokeng 2002 kennengelernt, als ich die Triennale von Guangzhou kuratierte. Mit ihm habe ich mich damals lange unterhalten, weil ich seine Arbeit sehr mochte. Ich glaube übrigens nicht wirklich, dass heute ein Künstler einen anderen in den Schatten stellen kann, nicht in dieser Welt, in der es längst nicht mehr darauf ankommt, ob jemand berühmt ist oder seine Arbeiten größer sind als die eines anderen. Da unterschätzt der Direktor der Nationalgalerie die Urteilskraft und die Intelligenz der Menschen. Er lebt zu sehr im Kreis der professionellen Kunstbetrachter und verallgemeinert deren Maßstäbe.
SPIEGEL: Wie geht es Ihnen im Augenblick?
Ai: Im Allgemeinen gut, so gut wie den meisten anderen hier. Es ist immer noch schwierig, aber das liegt auch an mir und daran, dass ich Streit suche. Ich könnte ein bequemes Leben führen, wenn ich das bleiben ließe. Das wäre auch für alle anderen bequemer, für meine Familie, meine Freunde, für die Staatssicherheit.
SPIEGEL: Warum wollen Sie das nicht?
Ai: Weil ich mich nicht wohl fühle, wenn ich dafür meine - und unser aller - Rechte aufgeben muss. Wenn ich dafür Ungerechtigkeiten übersehen muss, die ich einfach nicht übersehen kann. Ich kann nicht so tun, als bekäme ich das alles nicht mit. Dabei spreche ich zunächst nur für mich selbst. Ich bin ja nicht mächtig, ich habe keine Partei gegründet, ich ziehe nicht mit Demonstranten durch die Straßen. Ja, ich muss selbst im Internet jeden Tag über die Great Firewall klettern, um ein paar Sätze auf Twitter zu posten. Wenn das allein die Mächtigen in diesem Land so verunsichert, dann, finde ich, sollten sie darüber nachdenken, was hier falsch läuft.
SPIEGEL: Außerhalb Chinas sind Sie nicht nur durch Ihre Arbeit und Ihre Tweets bekannt, sondern weil Sie, anders als die meisten Chinesen, immer wieder mit ausländischen Journalisten sprechen. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den westlichen Medien beschreiben?
Ai: Journalisten sind Profis. Sie haben einen Begriff von Wahrheit, der eher dem Expertentum von Ärzten gleicht als dem Gefühl der Patienten. Als Künstler versuche ich, die Wahrheit in einer Weise auszusprechen, die unmittelbar empfunden und geteilt werden kann. Kunst muss unschuldig sein. Journalisten dagegen nehmen dauernd Bewertungen vor. Deshalb haben die Journalisten im April so ausführlich über den Anschlag von Boston berichtet - und so gut wie gar nicht über die inzwischen 122 Tibeter, die sich in den vergangenen Monaten selbst verbrannt haben. Und so kommt es auch, dass viele über meinen Kampf mit den Behörden schreiben, die Kämpfe anderer aber unbeachtet bleiben.
SPIEGEL: Sie finden, dass Ihnen die Medien zu viel Aufmerksamkeit widmen?
Ai: Es erhöht jedenfalls meine Verantwortung. Ich arbeite gerade an einem Video über meine Festnahme. Die Regierung bekam das mit, die Polizei warnte mich: "Das kannst du nicht machen." Ich antwortete: "Tut mir leid. Wenn euch das peinlich ist, warum habt ihr es dann überhaupt gemacht?" Zwei Stunden später wurde ein Kameramann festgenommen, der an dem Projekt mitarbeitete. Der Vorwurf: Er habe sich in einem Massagesalon mit Prostituierten getroffen. Die Strafe: zehn Tage Untersuchungshaft. Als er schließlich herauskam, erzählte er, zwei Männer hätten ihn zu einer Tasse Tee eingeladen.
SPIEGEL: Was eine chinesische Umschreibung für einen Termin bei der Staatssicherheit ist.
Ai: Er habe sich, sagte er, erst mal im Nachbarhaus versteckt, um zu beobachten, wer ihn da treffen wollte. Daraufhin stürmten Polizisten das Haus und forderten ihn auf, sich auszuziehen. Er wehrte sich, sie schlugen ihn - und verlangten, dass er die Geheimnummer seines Telefons und seines Computers herausrückt. Solche Geschichten machen einem Angst, sie nehmen einem jedes Gefühl von Sicherheit. Gleichzeitig aber entfaltet es eine große Kraft, wenn man sie in ihrer schlichten Wahrheit in den Medien schildert.
SPIEGEL: Wird es auch auf der Biennale in Venedig um Ihre drei verrückten Jahre, um Ihre Erfahrungen mit der Staatssicherheit, gehen?
Ai: Ich werde in Venedig drei Projekte zeigen. Im deutschen Pavillon stelle ich eine abstrakte Arbeit aus, die noch nie gezeigt worden ist. Die beiden anderen Projekte laufen außerhalb der Biennale und haben mit meinen Erfahrungen der vergangenen Jahre zu tun. Eines davon ist Teil des Projekts über das große Erdbeben von Sichuan, das voriges Jahr im Hirshhorn Museum in Washington ausgestellt wurde. Das andere ist eine Arbeit über meine Festnahme. Sie wird gewisse Wahrheiten darüber zeigen, was mir in dieser Zeit widerfahren ist. Es ist eine klassische Art von Darstellung, also wie in einem naturkundlichen Museum, das die Zeit der Dinosaurier simuliert.
SPIEGEL: Was wird Ihr Beitrag für Deutschland sein?
Ai: Es ist eine Installation, anders als das, was die drei anderen Künstler machen. Ich werde den zentralen von insgesamt vier Räumen gestalten, und es wird eine große Arbeit sein, die den ganzen Raum ausfüllt. So viel kann ich Ihnen im Augenblick dazu sagen.
SPIEGEL: Wie füllen Sie einen Raum künstlerisch aus, den Sie noch nie gesehen haben? Wie arbeiten Sie überhaupt für internationale Ausstellungen, seit Sie das Land nicht mehr verlassen können?
Ai: Ich habe mich lange mit Architektur befasst und kenne mich aus mit Räumlichkeit und Licht. Wie gesagt, meine Kunst hat mit Kommunikation zu tun. Ich arbeite wie mit einer Fernbedienung, mit Assistenten und mit Handwerkern, die mich verstehen, die ich aber auch ermutige, ihrem eigenen Urteil und ihren Fähigkeiten zu vertrauen.
SPIEGEL: Wirkt es sich nicht auf Ihre Arbeit aus, dass Sie nicht reisen dürfen?
Ai: Natürlich fühle ich mich eingeschränkt. Natürlich möchte ich Reaktionen sehen und etwas lernen. Kein Künstler arbeitet als einsames Genie, das nur aus seinem Inneren schöpft. Man will Dinge ausprobieren, will wissen, ob eine Arbeit funktioniert, will sich korrigieren. All das habe ich zurzeit nicht, ich erlebe meine eigene Kunst nur wie auf einer Fotografie, das ist schmerzhaft. Andererseits lebe ich in einer Welt, die voll von anderen Impulsen ist und die meine Arbeit strukturiert. Es gibt Wissenschaftler, die ganz ähnlich arbeiten. Auch sie müssen sich Dinge vorstellen und können die Ergebnisse ihrer Arbeit nur voraussagen, bevor sie sie Jahre später sehen.
SPIEGEL: Kennen Sie Venedig?
Ai: Ja, ich war 1999 auf der Biennale dabei.
SPIEGEL: Wie fanden Sie es?
Ai: Ich bin am Tag vor der Eröffnung abgereist. Wie die meisten Künstler mag ich diese Veranstaltungen nicht besonders, diese Händeschüttelei, dieses Hallosagen - ich bin für so etwas nicht geeignet.
SPIEGEL: Und die Stadt selbst?
Ai: Mir hat die Energie gefehlt. Venedig ist eine alte Schönheit, kein Zweifel. Ein wertvoller alter Teppich. Aber wo hängt man ihn hin? Diesmal habe ich meine Mutter überredet hinzufahren. Sie hat während meiner Haft sehr gelitten, sie ist jetzt 80 Jahre alt und hat meine Arbeit noch nie im Ausland gesehen. Meine Schwester wird sie begleiten.
SPIEGEL: In Deutschland dominieren zwei extreme Meinungen zu China: Manche Politiker, vor allem aber Leute aus der Wirtschaft, preisen das chinesische Modell als effizient und zukunftsweisend. Künstler und Bürgerrechtler sehen Chinas Führer als Verbrecher, die ihr Volk unterdrücken.
Ai: Mich hat noch nie einer dieser deutschen Wirtschaftsführer besucht, und ich fürchte, die würden sich zu Tode erschrecken, wenn sie ein paar Tage mit mir verbrächten. Doch, halt - einen Freund habe ich unter ihnen: Hans-Olaf Henkel, der sich in Berlin für meine Freilassung eingesetzt hat.
SPIEGEL: Sie sind neben Mao Zedong wahrscheinlich der bekannteste Chinese.
Ai: "Die Liebe und der Hass haben immer einen Grund", pflegte Mao zu sagen. Da hatte er wohl recht. Wenn ich ein westlicher Politiker wäre, würde ich Diktatoren wahrscheinlich auch gut finden. Denn es stimmt ja: Sie treffen schnelle Entscheidungen, sie unterschreiben dir jeden Scheck, solange du ein Lächeln für sie hast. Wen kümmern die Bedingungen, unter denen Diktaturen nur existieren können? Jeder muss sehen, wie er über die Runden kommt, und man kann sich schließlich nicht um alles kümmern. Ich verstehe diese Haltung ganz genau.
SPIEGEL: Stört es Sie nicht, dass diese extremen China-Bilder letztlich groteske Vereinfachungen sind?
Ai: Doch, aber wie ist dieser kritische Blick auf China entstanden? Weil es hier keinen freien Fluss von Information gibt: Die Argumente zu Themen wie Tibet oder Unruhen in Xinjiang können nicht frei ausgetauscht werden.
SPIEGEL: Andererseits gibt es Staaten, in denen Sie nicht frei sprechen könnten; Staaten, in denen Menschen wie Sie nicht mehr leben würden.
Ai: Ich habe auch nie behauptet, dass China das brutalste aller Systeme ist. Ich behaupte noch nicht einmal, dass ich geschlagen wurde - mit einer Ausnahme, von der ich immer gesagt habe, dass das ein Unfall war. Etwas anderes aber ist kein Unfall - dass die Staatsmacht so tut, als hätte sie mich nie angegriffen. Ein Staat macht einen folgenschweren Fehler, wenn er Fakten leugnet, nur um das System zu schützen. Aber so ist das hier. Und trotzdem: Es könnte noch viel schlimmer sein. Vielleicht kann ich mich sogar glücklich schätzen: Ich bin nicht tot - und ich kann mit dem SPIEGEL sprechen. Was will ich eigentlich mehr?
SPIEGEL: Sie bestimmen sehr stark das Bild Chinas im Ausland: Aber ist es nicht gerade für einen Künstler schwierig, die Wirklichkeit zu vereinfachen, ohne ihre Komplexität zu verraten?
Ai: Nein, das sehe ich anders. Vor ein paar Tagen sah ich mir einen Film der Nasa über die Sonne an. Die hatten jahrelang an diesem Video gedreht, aber der fertige Film ist nur drei Minuten lang - was ich damit sagen will: Die Wahrheit wird viel schlichter, je tiefer wir über etwas nachdenken. Unsere Existenz ist ein Zufall, wir sollten sie zu würdigen wissen. Ich mag die chinesische Wendung, mit der wir ausdrücken, wie kurz das Leben dauert: "Bai ju guo xi" - so lange, wie ein weißes Fohlen braucht, um über einen Graben zu springen. Das Leben ist ein Wert an sich, jeder diktatorische Versuch, es seiner Überraschungen und seiner Möglichkeiten zu berauben, ist ein Verbrechen.
SPIEGEL: Als der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, sagte er über das heutige China: "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen."
Ai: Ich habe die Rede nicht gelesen. Aber ich zweifle auch daran, dass diese Staatsmacht eine Struktur und eine Ordnung auf Dauer aufrechterhalten kann. Dieser Staat ist seiner Natur nach selbstzerstörerisch. Wer die Stimme der anderen nicht hören will, wer sie nicht offen reden lässt, der sieht die Gefahr nicht kommen. Und er ist unfähig, sich anzupassen. Das Leben aber ist nichts anderes als permanente Anpassung.
SPIEGEL: Wer vor 30 Jahren zum letzten Mal in China war, würde das Land heute kaum wiedererkennen. Hat sich nicht gerade dieses System erstaunlich stark verändert und der Zeit angepasst?
Ai: Nein! China ist wohlhabend geworden, das kann niemand bestreiten. Und vielleicht ist es auch ein Glücksfall für das System, dass es im Grunde keine Prinzipien mehr hat. Aber was hat uns der Wohlstand gekostet? Und wie nachhaltig ist diese Veränderung? Wir haben Raubbau an unserer Substanz getrieben, es wird Jahrzehnte dauern, um die Löcher wieder aufzufüllen, die wir ausgehoben haben. Die Mächtigen haben weder die Vision noch die Leidenschaft noch den Mut, den sie dafür brauchten. Nehmen Sie die Bildung: Vor ein paar Jahren gab es nur wenige chinesische Schüler in den USA. Heute sind es fast 200 000 Studenten. Selbst meine Nachbarn, meine Handwerker bitten mich darum, ihren Töchtern Empfehlungsschreiben für ausländische Universitäten aufzusetzen. Dies ist eine Nation, die kein Vertrauen mehr hat.
SPIEGEL: Kein Vertrauen in was?
Ai: Wenn wir Wasser trinken, sind wir argwöhnisch. Wenn wir uns Lebensmittel kaufen, zögern wir. Wenn wir zum Arzt gehen, fragen wir uns, ob er uns richtig behandeln wird - und wenn wir auf einen Rechtsstreit zusteuern, überlegen wir, wie wir uns rauskaufen, bevor die Sache vor Gericht geht. Was ist das für ein Staat? Kann es noch schlimmer werden?
SPIEGEL: Der neue Präsident Xi Jinping sagt, er habe einen "Chinesischen Traum": mehr Wohlstand, eine bessere Umwelt, ein würdiges Leben. Was ist Ihr Traum von China?
Ai: Ganz einfach: Gebt den Machtlosen eine Stimme, gebt ihnen das Recht zu
wählen. Und wenn ihr meint, sie heute noch nicht wählen lassen zu können, dann nennt ihnen einen Zeitpunkt. Sagt, dass ihr ihnen das Wahlrecht in zehn Tagen, in zehn Monaten, in zehn Jahren geben werdet. Aber versucht nicht, ihnen weiszumachen, dass sie bereits unter den besten aller Bedingungen leben. Die Chinesen sind duldsam, aber die an der Macht haben sie verraten. Als die Kommunisten ihren Kampf aufnahmen, bekamen sie so viel Unterstützung aus dem Volk, dass es ihnen erstaunlich leichtfiel, einen neuen Staat zu gründen. Heute kannst du in China keinen Artikel veröffentlichen, wie ihn die Kommunisten vor 1949 geschrieben haben. Sie haben damals eine demokratische Gesellschaft gefordert und sich für Pressefreiheit und Menschenrechte eingesetzt.
SPIEGEL: Wird das, was nach den Kommunisten kommt, besser sein?
Ai: Dafür gibt es keine Garantie, und deshalb braucht dieses Land seine Künstler. Die Leute fragen mich immer wieder: Und wenn China eines Tages demokratisch wird - was machst du dann? Meine Antwort ist: Dann werde ich mich dafür einsetzen, dass sich auch die demokratische Ordnung auflöst. Nur so kann ich ausprobieren, ob es nicht noch eine ganz andere Möglichkeit gibt.
SPIEGEL: Können Sie sich innerhalb Chinas frei bewegen?
Ai: Ja. Ich kann auch fliegen, dafür reicht mein Personalausweis. Als die Luftverschmutzung im Winter ganz extrem war, bin ich mit meinen Kindern nach Fujian geflogen. Es ist nicht fair, sie monatelang dieser Luft auszusetzen. Am Flughafen war gleich wieder einer hinter uns her. Ich habe ihn kurz in den Hintern gekickt, er drehte sich aber nicht um. Ich habe die Szene gefilmt, es ist ziemlich lustig. Die haben eine ganz klare Richtlinie: Wenn eine Kamera läuft - nie dein Gesicht zeigen.
SPIEGEL: Und seither?
Ai: Sonst habe ich keinerlei Beschränkungen. Sieht aus, als hätten sie mich total vergessen. Sie reden nicht einmal mehr mit mir. Früher haben sie mich angerufen, wenn sie wollten, dass ich zu einer bestimmten Sache keinen öffentlichen Kommentar abgebe. Das hatte ich ihnen selbst vorgeschlagen, aber mich natürlich irgendwann nicht mehr daran gehalten, weil einfach zu viel passierte. Dann dauerte es immer ein, zwei Wochen, bis sie dahinterkamen, bis irgendeine chinesische Exilzeitung meine Tweets übersetzt hatte.
SPIEGEL: Herr Ai, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Mit SPIEGEL-Mitarbeiterin Wu Dandan, Redakteur Bernhard Zand in Peking. Auf dem Tisch: Ais sonnenbadende Katze.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 19/2013
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