06.05.2013

SCHÖNHEITEros und Armut

Trotz Krise liegen die Griechen weltweit vorn beim Facelifting und Brustvergrößern. Gleichzeitig wird im griechischen Gesundheitswesen radikal gespart, viele Bürger sind nicht mehr krankenversichert. Wie passt das zusammen?
Im Athener Nobelvorort Glyfada, das Meer in Sichtweite, die Straßen palmengesäumt, präsentiert der Schönheitschirurg Athanasios Athanasiou sein neues Werk. Ins Zimmer tritt: eine tadellos aussehende junge Frau, engsitzender Trainingsanzug, wippender Pferdeschwanz, ihre rechte Hand spielt mit dem Autoschlüssel. Athanasiou sagt: "Eine komplette Mutti-Renovierung." Er lacht. Die Frau lacht auch. Sie setzt sich und sagt: "Ach, der Athi."
Die Frau möchte ihren Namen nicht nennen, in Griechenland kennt man sie aus dem Fernsehen. Aber sie erzählt, was sie hier nach dem zweiten Kind alles hat machen lassen: neues Silikon in die Brüste, Bauch straffen, Fett absaugen, Lippen aufspritzen. Dazu Botox, Hyaluron-Filler, Laser-Behandlungen. Seit fast 20 Jahren gehe sie zum Schönheitschirurgen, doch die Qualität der Arbeit habe sich in den vergangenen Jahren stark verbessert. "Ich will es nicht zu extrem", sagt sie. "Es soll natürlich aussehen. Der Athi kann das." Jetzt freut sie sich auf ihren Geburtstag. In einer Woche wird sie 45.
Die Zeiten, denen die Frau aus dem Fernsehen so frohgemut entgegensieht, sind hart für ihr Land. Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Firmenpleiten: Griechenland schlägt viele traurige Rekorde. Aber das Land liegt auch in einer anderen, seltsamen Hitliste ganz weit vorn: Nirgendwo in Europa gehen die Menschen häufiger zum Schönheitschirurgen.
Die International Society of Aesthetic Plastic Surgery erfragt jedes Jahr die Zahl der Eingriffe Plastischer Chirurgen weltweit. Rechnet man die Ergebnisse auf die Zahl der Einwohner eines Landes um, ergibt sich ein überraschendes Bild: Für das Jahr 2011 waren es in Griechenland 142 394 Eingriffe bei rund elf Millionen Staatsbürgern. Jeder 79. Einwohner hat sich demnach Fett absaugen, die Augenlider korrigieren oder Botox spritzen lassen. Weltweit werden die Griechen nur von den Südkoreanern übertroffen. In Deutschland waren es 2011 rund 415 448 Eingriffe, bei etwa 81 Millionen Menschen: etwa jeder 200.
2011 war das Jahr der Krise. Und dennoch kletterte Griechenland im internationalen Ranking noch weiter nach oben. Gut auszusehen scheint hier nach wie vor wichtig zu sein. Weshalb ausgerechnet jetzt?
In anderen Medizinsparten wurde drastisch gespart. 2009 gab der griechische Staat 14 Milliarden Euro für sein Gesundheitswesen aus. Im Jahr 2012 flossen nur noch 9,5 Milliarden Euro. Eine Studie im britischen Medizinjournal "The Lancet" beschreibt, dass die Budgets der Krankenhäuser um 40 Prozent gekürzt wurden, es gibt Engpässe bei Personal und Medikamenten.
Viele Krankenhäuser haben ihre Notaufnahme nur noch an vier Tagen in der Woche geöffnet, die Wartezeiten sind lang. Weil sie oft kein Geld mehr vom Staat bekommen, lassen manche Ärzte sich ihre Rechnungen bar vom Patienten bezahlen. Experten gehen davon aus, dass etwa 35 Prozent der Griechen ohne Krankenversicherung leben.
Nur das Geschäft mit der Schönheit läuft blendend. Wie kann das sein?
Dr. Athanasios Athanasiou, 42, trägt einen tiefblauen Anzug, dazu ein Einstecktuch aus grünem Stoff. Er sucht in seinem Computer nach einem Foto von früher. Damals, beteuert er, habe er grauenhaft ausgesehen. Er spricht von tiefen Furchen auf der Stirn und einer Halbglatze. Aber er findet das Bild nicht.
Dann zeigt er an sich selbst, was er hat machen lassen: das straffe Kinn, die glatte Stirn, das volle Haar. Und demnächst, er zwickt sich mit den Fingern in die Hüfte, macht ihm ein Kollege noch das Fett weg.
"Sie wollen wissen, warum die Leute ausgerechnet jetzt zu mir kommen?", fragt er. "Ich glaube, wenn es einem schlechtgeht, tut es besonders gut zu hören: ,Mensch, du siehst toll aus.'"
Athanasiou hat nach seiner Ausbildung zum Plastischen Chirurgen in den USA in Beverly Hills gearbeitet. Im Oktober 2011, auf dem Höhepunkt der Krise, eröffnete er die "Athens Beverly Hills Medical Group".
Es war die Zeit, als die griechische Regierung gerade das zweite große Sparpaket verabschiedete, die Steuern wurden erhöht, Beamte entlassen. Tausende Demonstranten versammelten sich auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament. Sie schrien "Diebe!" in Richtung des Abgeordnetenhauses.
Athanasiou aber baute seine Klinik auf mit dem Optimismus, den er in Amerika gelernt hat. Er sagt: "Ich habe die Krise immer als Chance begriffen."
Für ihn ist diese Rechnung aufgegangen. 16 Ärzte - Chirurgen, Zahnmediziner, Gynäkologen - kooperieren mit seiner Praxis. Seit der Eröffnung sind rund 3000 Patienten gekommen. Er bietet hier nicht nur Schönheitschirurgie an, sondern auch Urologie und Gefäßchirurgie. Das Geschäft lief bisher sehr gut, die Umsätze steigen. Er sagt, 80 Prozent seiner Kunden seien Griechen.
Herr Athanasiou, wer kann sich das leisten?
Der Arzt lehnt sich in seinen Sessel zurück. Er sagt: "Die Leute arbeiten. Sie verdienen vielleicht weniger Geld, aber sie arbeiten. Wir passen uns dem Markt an." In den vergangenen zwei Jahren sind seine Preise um 40 Prozent gesunken - vor allem, weil seine Ausgaben geringer sind. Athanasiou führt seine Operationen in Privatkliniken durch. Er sagt, wenn ein Krankenhaus früher 2000 Euro für die Bereitstellung eines OP verlangt habe, seien es heute 700 Euro. Ein Anästhesist stelle heute nicht mehr 400, sondern 150 Euro Honorar in Rechnung.
Eine Nasenkorrektur oder eine Brustvergrößerung kostet bei Athanasiou zwischen 2500 und 5000 Euro. Er sagt: "Das ist preiswert."
Eine halbe Stunde von Glyfada entfernt, in Ellinikon, liegt das "Medizinisch-Soziale Zentrum". Hier werden Menschen versorgt, die keine Krankenversicherung mehr besitzen. Natascha zum Beispiel wartet gerade auf ihren Termin.
Natascha ist 48 Jahre alt, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. Die Schilddrüse muss angesehen werden, sie ist größer geworden. Ihr Mann ist selbständiger Handwerker, vor einem Monat hat er die Sozialversicherungsbeiträge nicht mehr zahlen können, 425 Euro im Monat. Sie sagt: "Jetzt sitz ich hier."
Der Arzt Giorgos Vichas, groß, graumeliert und mit Falten auf der Stirn, arbeitet tagsüber als Kardiologe. Außerhalb seiner Schichten bietet er hier kostenlose Sprechstunden an. Mittlerweile helfen rund 120 Freiwillige und 80 Ärzte: Kinderärzte, Zahnärzte, Orthopäden, Psychotherapeuten, Neurologen, Kardiologen, fast jedes Fachgebiet ist vertreten. Vichas sagt: "Niemand von uns kann es ertragen, dass Menschen außerhalb der medizinischen Fürsorge existieren sollen."
Vichas, 51, erzählt von Krebspatienten, denen die Therapie verweigert wird, weil sie keine Medikamente zahlen können. Von Schwangeren, die nicht wissen, woher sie das Geld für die Geburt nehmen sollen.
Es gibt im Zentrum keine bezahlten Jobs, Geld als Spende nehmen sie nicht an. Dafür Windeln, Milchpulver für Säuglinge, Medikamente.
Im Dezember 2011 wurde das Zentrum eröffnet, im ersten Jahr kamen 4000 Patienten. In diesem Jahr waren es bereits in den ersten drei Monaten 4700. Vichas' Hoffnung ist, dass das, was sie hier tun, bald nicht mehr getan werden muss. Im Moment sieht es aber nicht so aus, als würde der Bedarf bald kleiner.
Herr Vichas, bei dem Mangel, den Sie hier erleben, wie kann es da sein, dass es so viele Schönheitsoperationen in diesem Land gibt?
Vichas denkt nach. Dann sagt er: "Wir Griechen waren vor der Krise nicht immer Heilige. Zu einem Teil haben viele von uns dazu beigetragen, dass es so gekommen ist."
Vichas spricht von der Korruption im Land. Natürlich hege auch er den Verdacht, dass viele, die sich heute diese Art von Eingriffen leisten können, zu den Profiteuren des alten Systems zählen. "Aber das ist das alte, das hässliche Griechenland", fügt er hinzu. Das heutige Griechenland sehe anders aus. Er glaube an die Solidarität, die Gemeinschaft, die gesellschaftliche Erneuerung, die er hier am Medizinisch-Sozialen Zentrum täglich erlebe.
Einen Satz gibt es, den Giorgos Vichas fast genauso wie der Schönheitschirurg Athanasiou formuliert: "Ich sehe in der Krise auch eine Chance."
Wie viele Widersprüche kann Griechenland aushalten? Wer nach Antworten auf diese Frage sucht, dem kann Matthew Josafat Auskunft geben. Der 76-jährige Psychiater ist einer der beliebtesten Analytiker der Nation. Er schreibt Bücher, füllt mit seinen Vorträgen Hallen. Seit 50 Jahren arbeitet er in seinem Beruf. Wie kein anderer hat er ergründet, welche Hoffnungen, Sehnsüchte und Abgründe in der griechischen Seele hausen.
Josafat ist klein und im Alter ein wenig rundlich geworden. Er nimmt in einem schweren Sessel am Stirnende seiner Therapeuten-Couch Platz. Die Regalwand ist voll mit Büchern, an der Wand hängen moderne Kunst und ein Freud-Porträt. Josafat hat lange in Großbritannien gearbeitet, deshalb, so sagt er, kenne er nicht nur die Süd-, sondern auch die Nordeuropäer ganz gut. Den Boom der Schönheitschirurgie kann Josafat nicht erstaunlich finden. Er müsse dem Kollegen recht geben: Gerade in der Krise tue man bisweilen Besonderes, um sich gut zu fühlen. Ja, es sei eben so, dass sich manche Menschen nach einem Facelifting besser fühlten.
Das gelte auch und besonders für die Griechen. Schließlich hätten sie sich schon in der Antike am Leitbild der Schönheit orientiert. "Das Schöne erfreute von jeher die Götter. Selbst Platon glorifizierte die Jugend und den Körper", sagt Josafat. "Wir hatten schon immer einen ästhetischen Blick auf das Leben."
Dann spricht der Psychiater von den Unterschieden zwischen dem Norden und dem Süden Europas. Im Norden zögen die Menschen einen Großteil ihrer Freude am Leben aus der Arbeit. "In England haben die Männer auf meiner Couch meistens über ihren Job gesprochen." In Griechenland passiere ihm das viel seltener. Hier gehe es auf der Couch eher um Romantik, um Liebe, um Eros.
Dieser Blick auf das Leben wirke sich auch auf die Stellung der Frau aus: "Frauen waren in der Antike Bürger zweiter Klasse. Ihr Kapital war ihr Aussehen", sagt Josafat. Die Idee von der emanzipierten Gefährtin, zu der die Frau in der Moderne wurde, habe sich in Griechenland langsamer durchgesetzt als im Norden Europas.
Zwar habe sich hier in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. Doch nun, fürchtet Josafat, könnten die Krise und der Mangel an Jobs die Frauen wieder in ihre alte Rolle drängen: schön sein, geheiratet werden. So ginge das vielleicht zusammen, mit dem Eros und der Armut.
Nicht nur in Griechenland floriert in Krisenzeiten das Geschäft mit der Schönheit. Auch in den USA haben sich viele Menschen trotz schlechter ökonomischer Lage verschönern lassen. Nach der Rezession 2008 gaben sie zwar weniger Geld für Essen, Miete und Kleidung aus, dafür aber umso mehr für Brustvergrößerungen, Fettabsaugen und Po-Lifting.
"Die Wirtschaft mag zwar in Scherben liegen, aber an den Umsätzen der Schönheitschirurgie würde das niemand erkennen", konstatierte die Zeitschrift "Newsweek".
Im "Athens Beverly Hills" erklärt Athanasios Athanasiou, wie er seine Zukunft sieht. Er möchte sein Geschäft ausweiten, den Medizintourismus ankurbeln. Athanasiou hofft auf Kunden aus Großbritannien, Deutschland, Russland, dem Nahen Osten. "Griechenland kann im internationalen Vergleich konkurrieren", sagt er.
Im Jahr 2014 plant er, zwei Millionen Euro Umsatz zu machen. Er glaube an die Regeln des Markts. Und, das habe er ja bereits gesagt: "Für mich ist die Krise eine Chance."
Von Kerstin Kullmann

DER SPIEGEL 19/2013
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