22.02.1999

POLIZEIGanz ungeniert

Polizistinnen werden von Kollegen häufiger sexuell belästigt als Frauen in jedem anderen Beruf. Jetzt hat sich eine Beamtin umgebracht.
Ein schwarzer Tüllschleier hängt an dem Holzkreuz, auf dem Balken stehen ein Name und zwei Jahreszahlen, die nicht allzu weit auseinanderliegen: Silvia Braun, 1976 - 1999. "Ihr Tod soll nicht umsonst gewesen sein. Das schwör' ich ihr am Grab", sagt Margit Braun, als der Sarg mit der Leiche ihrer Tochter am Mittwoch vergangener Woche unter Schnee, Erde und Nelkenkränzen versinkt.
Eine fröhliche junge Frau sei Silvia gewesen, sagen Freunde, Mitglied im Fußballverein war sie und Motorradfahrerin. Lieber Polizistin als Friseurin hatte sie werden wollen, weil ihr die ARD-Serie "Großstadtrevier" so gut gefiel. Doch die Wirklichkeit in der Wache sah anders aus als die heile TV-Welt: Die Eltern Braun glauben, daß ihr behütet aufgewachsenes Kind im Dienst sexuell belästigt und damit womöglich in den Tod getrieben wurde.
Am vorvergangenen Sonntag hatte eine Funkstreife die Polizeiobermeisterin auf dem Rastplatz Adelzhausen an der Autobahn A8 gefunden: Silvia Braun, 22, hatte sich am Steuer ihres schwarzen BMW in den Kopf geschossen, mit der Dienstwaffe, einer Heckler & Koch, Kaliber neun Millimeter.
Ein Abschiedsbrief wurde bislang nicht entdeckt, doch vermuten Bekannte, daß es vor allem üble Zoten im Revier waren, die Silvia bedrückten. Ihr Schichtleiter, der inzwischen versetzt wurde, soll sie etwa als "Bauerntrampel" geschmäht und sie immer wieder, so Münchens Polizeipräsident Roland Koller, mit "volkstümlich-obszönen Umschreibungen des Geschlechtsverkehrs" traktiert haben.
Ob dumme Sprüche, Grapschereien oder körperliche Gewalt - sexuelle Belästigung ist für Polizistinnen in ganz Deutschland ein Dauerproblem. Eine Studie des Bundesministeriums für Familie und Frauen belegt, daß Polizistinnen von allen befragten Berufsgruppen am häufigsten Opfer von Sex-Attacken am Arbeitsplatz werden, gefolgt von Frauen auf dem Bau.
Das deckt sich mit Untersuchungen aus den USA, nach denen Frauen besonders häufig Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz werden, wenn sie in Metiers mit geringem Frauenanteil arbeiten und somit überwiegend Männer ihre Vorgesetzten sind.
Genau so ist das in der deutschen Polizei: Frauen stellen nur knapp zwölf Prozent der 235 000 Beamten der Länderpolizeien und des Bundeskriminalamtes. In Führungspositionen ist das Mißverhältnis noch krasser. In den Chefetagen der Hamburger Polizei beispielsweise finden sich unter den 107 Beamten des Höheren Dienstes fünf Frauen.
Ende der siebziger Jahre begannen die Bundesländer, verstärkt Frauen im Vollzugsdienst der Polizei einzustellen, in Baden-Württemberg erst 1987. Viele Polizisten reagierten abwehrend auf die Konkurrentinnen am Arbeitsplatz - zumal dann, wenn die so ehrgeizig waren wie Silvia Braun, die sogar in ihrer Freizeit durch das Revier streifte, um es besser kennenzulernen.
Die Täter geben sich in der Regel ganz ungeniert. Als sich vor knapp einem Jahr eine junge Beamtin über den Einsatzführer eines Hamburger Innenstadtreviers wegen wiederholter Anmache beschwerte, leugnete der Hauptkommissar noch nicht einmal, als er zur Rechenschaft gezogen wurde. Er fand einfach nichts dabei. Der Sprücheklopfer wurde vorsorglich in eine Schreibstube versetzt.
"Bei sexueller Belästigung", sagt Karin Sprenger, Frauenbeauftragte der Hamburger Polizei, "geht es meistens nicht um Sexualität, sondern darum, Macht auszuspielen." Ein "Schnuckiputzi" zur Begrüßung oder "Mausi, hol mal Kaffee", mache klar, wer die Hosen an hat.
In Nordrhein-Westfalen, das ergab eine Studie im Auftrag des Düsseldorfer Innenministeriums, fühlt sich jede vierte Polizistin sexuell belästigt. In jedem dritten Fall war der Täter ein Vorgesetzter.
Eine Umfrage an der Hamburger Landespolizeischule und bei der Bereitschaftspolizei kam zu ähnlichen Ergebnissen. Die überwiegende Mehrzahl jener Polizistinnen, die sich an der Umfrage beteiligten, beklagte sich über Witze und Sprüche mit anzüglichem Inhalt. Fast die Hälfte berichtete von ungewollten Umarmungen und Küssen, drei Polizistinnen gaben gar an, im Dienst zum Sex gezwungen worden zu sein.
Längst werden in Seminaren für Führungskräfte der Polizei schlüpfrige Bemerkungen, etwa über Kleidung, oder gar anzügliches Verhalten geächtet. Seit 1994 gibt es ein Bundesgesetz zum Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. "Doch alle Richtlinien", so Frauenbeauftragte Sprenger, "bleiben wirkungslos, solange sie in den Schubladen der Vorgesetzten verstauben."
Im Dienstalltag bleiben Frauen allzu oft die Verlierer des Geschlechter-Mobbings. Wenn sie sich an einen Vorgesetzten wenden, wird ihnen vielfach die Versetzung angeboten. Die Frau muß gehen, der Täter bleibt. Sprenger: "Das Opfer hat in solchen Fällen das Gefühl, daß es doppelt bestraft wird."
Hinzu kommt, daß die Vergehen manchmal nur schwer zu packen sind. Was eine Frau schon als unangenehm empfindet, mag eine andere noch als unbeholfenes Kompliment durchgehen lassen. Ertappte Männer reden sich zudem oft damit heraus, es sei ja nicht so gemeint gewesen oder sie hätten nur flirten wollen. Für Karin Sprenger sind das nur schlappe Ausreden: "Wenn jemand flirten will, dann weiß er auch, wie das funktioniert und wann Schluß ist." BETTINA MUSALL, ANDREAS ULRICH
Von Bettina Musall und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 8/1999
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