22.02.1999

NACHRUFHeinz Schubert

Eigentlich hätte er, wie sein Vater, ein tapferes Schneiderlein werden sollen. Aber statt zu Nadel und Faden griff Heinz Schubert ins volle Menschenleben und wurde Schauspieler. Einer, den man nicht so bald vergessen wird.
Unvergeßlich jedenfalls wird er mit einer Rolle bleiben, die er vor einem Vierteljahrhundert im deutschen Fernsehen spielte, in Serie und in Hosenträgern, mit Schnauzbart und mit Schnauze ohne Herz: den Proll-Spießer Alfred Tetzlaff, kurz "Ekel Alfred", den Deutschen, den jeder Deutsche als Nachbarn kennt.
In jener längst vergangenen Zeit, als das Fernsehen noch etwas geholfen hat und der Schirm nicht die Wirklichkeit abwehrte, sondern sie reflektierte, hatte ein haarloser Berliner Sarkast, der Autor Wolfgang Menge, die Tetzlaff-Story ersonnen: Ein Reihenhaus im Ruhrpott, zwei Generationen unter einem Dach, überall '68 und ein Kanzler namens Willy Brandt.
Die Rolle des "Ekel Alfred" schrieb Menge dem "Schubi" Schubert auf den kurzen (158 Zentimeter) Leib. Da blieb sie, sehr zum Leidwesen Schuberts, ein Leben lang haften. Aber er war überhaupt kein Ekel. Er besaß die Intelligenz der Liebenswürdigkeit, die Skurrilität eines rundköpfigen Querschädels.
Zu Recht hatte er bei Brecht angefangen. Der besah ihn kurz, im Jahre 1950, und murmelte: "Ja, ja, kommen Sie mal morgen "- ins "Berliner Ensemble", das Tadsch Mahal des damaligen Theaters. Scharfe Komik, tödlicher Slapstick wurden sein Revier. Er zog, neben Mutter Weigel, den Wagen der "Courage", und als die Mauer kam, 1961, ließ er ihn stehen und zog nach Westen.
Und gleich in die Beletage der Bühnenwelt, in die Münchner Kammerspiele, 1968 in Hamburgs Deutsches Schauspielhaus, spielte da unter den Mabuses und Maestros der Regie, von Jérôme Savary bis Peter Zadek; oft Rollen am Rande, die das Ganze illuminierten.
Der Film kam, das Fernsehen, 1980 wurde er Dozent, fünf Jahre später Professor an der Hamburger Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Er spielte Golf, sah vom Blankeneser Elbhang auf das Kommen und Gehen der Schiffe. Und fotografierte.
Schaufensterpuppen. Mehr als 23 000 Aufnahmen hat er gemacht, in aller Welt, von Castrop-Rauxel bis Hongkong. Er hat sie, mit Erfolg, veröffentlicht und ausgestellt; die Puppen waren "Kollegen aus Kunststoff", sie verkörperten für Schubert die "Deformation des Menschen".
War "Ekel Alfred" eine Deformation? Des Menschen? Des Deutschen? Er war eine Explosion. Des Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Miefigen, das sich bieder gibt und brutal denkt; und das krakeelt gegen alles, was anders ist, ob Frau, Fremder oder Sozi. Es war ein Bericht zur Lage und Lüge der Nation.
"Ekel Alfred", der Haustyrann in Hosenträgern, der häßliche Deutsche im Gehäuse, erregte die Nation. Er bekam falsche Freunde und falsche Feinde. Der Unflat, den der Giftzwerg spuckte, wurde zu geflügelten Worten, die Serie zum Blick in das Frust-Fach der Deutschen - und Heinz Schubert zu einer Ikone.
Heinz Schubert starb am 12. Februar in Hamburg an einer Lungenentzündung. Auf seinem Anrufbeantworter war er letzte Woche noch zu hören. "Ahoi, Ahoi, Ahoi", sagt er zum Schluß.

DER SPIEGEL 8/1999
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