13.05.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Die sind alle meschugge“

Der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit über den Vorwurf der Pädophilie, die verschwiegene Seite der sexuellen Revolution und das Rückspiel der Konservativen gegen die Generation der 68er
SPIEGEL: Herr Cohn-Bendit, haben Sie jemals ein Kind unsittlich berührt?
Cohn-Bendit: Nein.
SPIEGEL: Sie schrieben 1975 über Ihre Zeit als Kindergärtner in Frankfurt am Main: "Mein ständiger Flirt mit den Kindern nahm erotische Züge an. Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln." Sie haben später zur Erklärung gesagt, das sei schlechte Literatur gewesen. Für Literatur ist das ziemlich konkret, finden Sie nicht?
Cohn-Bendit: Haben Sie das Buch gelesen, in dem ich das geschrieben habe?
SPIEGEL: Ja, natürlich.
Cohn-Bendit: Dann wissen Sie, dass "Der große Basar" nicht nur furchtbar schlecht geschrieben, sondern auch eine merkwürdige Kolportage aus Fiktion und Erlebtem ist. Das Buch ist aus einem Interview entstanden, als eine Art Manifest gegen die bürgerliche Gesellschaft. In einer Passage argumentiere ich gegen Zweierbeziehungen, obwohl mein Leben zu der Zeit ganz anders aussah. An einer anderen Stelle berichte ich, wie ich im Fußballstadion mit 200 Zuschauern über die Fahrpreiserhöhung diskutiere. Völliger Quatsch. Ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen, in der Gegengeraden politische Reden zu schwingen. So ist es auch mit der Passage, die Sie zitiert haben: Es ist eine Provokation. Geschmacklos, dumm, aber eben eine Provokation.
SPIEGEL: Für uns klingt die Textstelle eher wie ein typisches Zeitzeugnis aus der Kinderladenbewegung. Entsprach es nicht dem pädagogischen Konzept, dass Eltern und Erzieher die Kinder dazu anhalten sollten, ihre Sexualität zu entdecken?
Cohn-Bendit: Es gab diese Diskussionen, sicher, auch bei uns. Eines der Probleme im Kindergarten war nach unserer Auffassung, dass die Konservativen die Existenz der kindlichen Sexualität allenfalls verschämt anerkannten, während wir versuchen wollten, die Kinder dabei zu unterstützen, diese frei zu entwickeln. Die Frage war also, wie wir uns verhalten sollten, um jede Repression zu vermeiden.
SPIEGEL: Und zu welchem Schluss kamen sie dabei?
Cohn-Bendit: Es gab zum Beispiel eine Debatte, ob man die Kinder beim Sex zusehen lassen sollte. Ein Elternpaar berichtete, dass es die Tür nicht zugemacht hatte und dann überrascht worden war. Darüber wurde sehr heftig gestritten.
SPIEGEL: Wie ging die Debatte aus?
Cohn-Bendit: Dass man besser die Tür schließt. In der Hinsicht waren wir eher prüde.
SPIEGEL: Eine der Mütter, die damals einen Sohn in einer benachbarten Krabbelgruppe hatte, sagt im Rückblick: "Für viele ist es heute schwer zu verstehen, dass die siebziger Jahre eine ganz andere Zeit waren. Kenntnis und Erforschung des eigenen Körpers, selbstbestimmte Sexualität, Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft waren Themen dieser Zeit."
Cohn-Bendit: In meinem Text finden Sie im Grunde genommen die Verdichtung dieser Diskussion: Wie verhält man sich, wenn Kinder sexuelle Wünsche artikulieren?
SPIEGEL: Also doch ein realer Kern.
Cohn-Bendit: Ja, aber nur in dem Sinne, dass er eine Verunsicherung aufgriff, wo die Grenzen liegen. Es ging doch nicht darum, die Kinder zu sexuellen Handlungen anzuleiten. Ein kleines Mädchen von sechs Jahren geht einem Erwachsenen nicht an den Hosenlatz. Das ist eine Projektion, eine Männerphantasie, wie Alice Schwarzer zu Recht analysiert hat. Wenn wirklich irgendetwas gewesen wäre, das wäre doch öffentlich geworden. Die Kinder haben ihren Eltern erzählt, was sie tagsüber erlebt hatten, was sie lustig und nicht so lustig fanden.
SPIEGEL: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie in Frankfurt als Kindergärtner eingestellt wurden?
Cohn-Bendit: Die Eltern haben mich gefragt. Ich hing damals gerade ziemlich rum. Ich wollte nicht Berufsrevolutionär werden, und mit dem Studium hatte ich aufgehört. Ich war zwar noch eingeschrieben, aber nur wegen der Waisenrente, die ich bis zur Vollendung des 27. Lebensjahrs bekam. Der Kindergarten war vom Studentenwerk in Eigenregie gegründet worden, man kannte sich untereinander.
SPIEGEL: Waren Sie der einzige männliche Erzieher?
Cohn-Bendit: Ja, das war auch einer der Gründe gewesen, mich einzustellen. Es gab in der Einrichtung zwei Frauen, die machten das unheimlich gut, aber irgendwie kamen die mit den Jungs nicht zurecht.
SPIEGEL: Wie politisch waren die Eltern?
Cohn-Bendit: Wir hatten zwei Kinder aus einem besetzten Haus. Aber ansonsten waren das normale, mehr oder weniger bürgerliche Eltern, die nicht unmittelbar zum harten Sponti-Kern gehörten. Die fanden einfach das Klima bei uns gut.
SPIEGEL: Irgendetwas muss aber vorgefallen sein. Sie selber schrieben damals, Sie seien der "Perversion" bezichtigt worden. Man habe Sie nur deshalb nicht entlassen, weil Sie einen Vertrag mit den Eltern hatten und nicht von der Stadtverwaltung bezahlt wurden.
Cohn-Bendit: Das ist totaler Unsinn, die Stelle ergibt in keiner Weise Sinn. Angenommen, die Eltern hätten sich beklagt - da sie den Vertrag mit mir abgeschlossen hatten, hätten sie mich sofort entlassen können.
SPIEGEL: Und warum haben Sie dann so etwas geschrieben?
Cohn-Bendit: Weil ich beweisen wollte, dass auch ich, Dany Cohn-Bendit, vom Radikalenerlass bedroht war. Ich wollte mich gefährlicher machen, als ich bin. Es gab nie eine Diskussion in der Stadtverordnetenversammlung, nur eine Anfrage zu meiner Waisenrente, in der ein Abgeordneter wissen wollte, warum ich bis zum 27. Lebensjahr Geld vom Land Hessen bekam. Aber das war auch alles.
SPIEGEL: Bedeutet das Wort "Perversion" nicht, dass Sie sehr wohl wussten, dass hier eine Grenze überschritten war, die man besser nicht hätte überschreiten sollen?
Cohn-Bendit: Der Text ist aus einem stundenlangen Gespräch hervorgegangen, das dann von den Interviewern in Paris redigiert wurde. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, wie ich damals argumentiert habe. Mir ist in der Interviewsituation zweifellos klar gewesen, dass die Übertragung der Erwachsenensexualität auf ein Kind eine Perversion ist. Aber ich hätte den Begriff damals nie ohne Anführungszeichen benutzt.
SPIEGEL: 1978 wurden Sie verantwortlicher Redakteur und Herausgeber des "Pflasterstrand". Im gleichen Jahr erschien dort ein Beitrag, in dem ein anonymer Autor über Sex mit einem sechsjährigen Mädchen berichtet: "Es war eines der schönsten und sprachlosesten Erlebnisse, die ich je hatte." Können Sie sich noch an den Text erinnern?
Cohn-Bendit: Was war der "Pflasterstrand"? Der "Pflasterstrand" war eine Szenezeitung mit ständig wechselnder Redaktion, in der es anders als im SPIEGEL auch keinen Verantwortlichen gab, der alles las, bevor es in Druck ging. Die meisten Texte waren anonym oder unter Pseudonym geschrieben. Der Einzige, der mit Namen auftauchte, war ich.
SPIEGEL: Das heißt, den Text haben Sie vor der Veröffentlichung nie gesehen?
Cohn-Bendit: Das kann ich heute nicht mehr mit Sicherheit beantworten.
SPIEGEL: Hätten Sie ihn, wenn Sie ihn gekannt hätten, dennoch gedruckt?
Cohn-Bendit: Nach den Maßstäben des "Pflasterstrand": ja. Es wäre gelogen, wenn ich jetzt etwas anderes sagen würde. Wir waren der Meinung, alles muss aus dem Dunkel, damit es diskutiert wird. Da kamen sehr schöne und auch sehr schreckliche Sachen heraus.
SPIEGEL: Und gab es anschließend eine Diskussion?
Cohn-Bendit: Und wie. Diese Nummer hat eine große Debatte nach sich gezogen, so dass wir danach eine ganze Ausgabe gemacht haben, die nur die Sexualitätsnummer zum Thema hatte. Dabei ging es nur am Rand um die sexuelle Entwicklung der Kinder. Es gab in unserer Szene damals in vielen Fragen der Sexualität Experimentierlust und auch Unsicherheit. Der "Pflasterstrand" war ein Forum, beides zu diskutieren. Es gab Kleinanzeigen mit den verrücktesten Sachen.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Cohn-Bendit: Ich suche einen Auspeitscher. Ich will mit meinem Hund was machen. Bevor es das Internet gab, war eben unsere Zeitung für ein bestimmtes Milieu das Medium, in dem man sich fand.
SPIEGEL: Das Bekenntnis zu Fesselsex hat als Tabubruch eine ganz andere Qualität als die Phantasie von Sex mit einer Sechsjährigen. Oder hat man da keinen Unterschied mehr gemacht?
Cohn-Bendit: Die Maxime des "Pflasterstrand" war: Alles muss raus. Also auch die abseitigsten Vorstellungen.
SPIEGEL: Weil man sich davon Aufklärung erhoffte?
Cohn-Bendit: Weil man das, was ans Tageslicht kommt, im Zweifel auch bekämpfen kann. Ich will nicht sagen, das war richtig. Ich will nur sagen, das war in den siebziger Jahren die Theorie.
SPIEGEL: Sie hatten keine eigene Haltung dazu?
Cohn-Bendit: Doch, ich hatte eine Haltung. Ich weiß noch, wie ich irgendwann, als das mit der Indianerkommune losging, die auf allen Podien die Herabsetzung der Altersgrenze für sexuellen Verkehr zwischen Erwachsenen und Jugendlichen forderten, in der Redaktion gesagt habe: Schluss mit diesem Indianerscheiß, die sind doch alle meschugge.
SPIEGEL: Sie haben das Thema weiter verfolgt. Es gibt einen Talkshow-Auftritt Anfang der achtziger Jahre, bei dem Sie freimütig über Kindersex reden. "Wenn ein kleines fünfjähriges Mädchen beginnt, Sie auszuziehen, ist es phantastisch. Es ist phantastisch, weil es ein Spiel ist, ein wahnsinnig erotisches Spiel", sagen Sie dort. Was war das? Schlechte Lyrik?
Cohn-Bendit: Der Moderator der Sendung, Bernard Pivot, hat später gesagt, dass man mir von der ersten Sekunde angemerkt habe, dass ich mein Gegenüber provozieren wollte. Ich wollte ihm mit dieser Szene beweisen, dass ein Kind über eine gespielte Verführung eine erotische Beziehung zu einem Erwachsenen aufbauen kann. Das heißt nicht, dass der Erwachsene darauf eingehen sollte. Aber mein Gegenüber behauptete einfach, es gebe keine kindliche Sexualität.
SPIEGEL: Ihr Gegenüber war Paul Guth, ein konservativer Schriftsteller.
Cohn-Bendit: Der war fassungslos. Das war der Punkt, wo er schachmatt war.
SPIEGEL: Wenn hier ein Psychoanalytiker säße, würde er sagen: Sie hatten eine Obsession entwickelt.
Cohn-Bendit: Wenn man mir nachsagt, also irgendwie war der Cohn-Bendit in dieser Zeit obsessiv antibürgerlich, würde ich antworten: Ja, stimmt.
SPIEGEL: Es gibt alle möglichen Formen des Tabubruchs. Sie hätten zur Onanie aufrufen, Sie hätten sich zur Homosexualität bekennen können. Warum das öffentliche Phantasieren über Sex mit fünfjährigen Kindern?
Cohn-Bendit: Sexualität der Kinder. Nicht Sex mit Kindern. Das ist ein großer Unterschied. Auch in dieser Fernsehsendung sage ich nur, wenn ein Kind dies und jenes macht, hat das eine erotische Kraft.
SPIEGEL: Sie haben nicht sagen wollen, dass Sie das erotische Spiel eines fünfjährigen Mädchens als aufreizend empfinden? Das sind doch genau Ihre Worte.
Cohn-Bendit: Wenn man nicht pädophil ist, und ich bin nicht pädophil, ist so etwas nicht aufreizend. Ich fand es reizvoll in dem Sinne, wie ich es gerade erläutert habe: Ich habe die Kraft und den Willen
der Kinder dabei bewundert.
SPIEGEL: Wo ist der Unterschied zum Aufreizenden?
Cohn-Bendit: Ich betrachte ein Kind, wie es im Grunde genommen mit sich selbst spielt. Aber das ist nichts, wo ich sage, ich möchte mit diesem Kind etwas haben. Es macht mich nicht an. Die Wahrheit ist, dass ich in meinem realen Verhalten eine ganz andere zivilisatorische Schranke habe als in meiner Sprache.
SPIEGEL: Die Vorstellung nackter Mädchenkörper spielt in Ihrer erotischen Phantasiewelt keine Rolle?
Cohn-Bendit: Weder nackte Mädchen noch nackte Jungs. Wenn ich eine solche Tendenz hätte, dann müsste die ja in meinem Leben wieder auftauchen. Aber da ist nichts: Null plus null gibt immer noch null. Es war ja in dieser antiautoritären Phase gang und gäbe, dass in den Wohnungen alle nackt herumliefen, eine von außen auferlegte Schamlosigkeit, die, so sehe ich es heute, dem Schamgefühl der Kinder überhaupt nicht gerecht wurde. Diese nackten Kinder haben keinerlei erotische Impulse bei mir ausgelöst.
SPIEGEL: Hatten Sie vor der Sendung im französischen Fernsehen eigentlich etwas genommen? Sie sprechen auch über die Vorzüge von Haschplätzchen.
Cohn-Bendit: Diese Entschuldigung kann ich leider nicht anbieten. Wenn ich Haschplätzchen nehme, schlafe ich bald danach ein.
SPIEGEL: Wie empfinden Sie sich selber, wenn Sie Ihren Auftritt heute sehen?
Cohn-Bendit: Hässlich. Hässlich und wirr. Ich empfinde schon den "Großen Basar" als unglaublich angeberisch. Es gibt darin vereinzelt Reflexionen, die ich noch heute teilen würde. Aber alles ächzt unter diesem Bedürfnis, immer noch einen draufsetzen zu wollen. Genauso ist auch dieses Fernsehinterview. Ich bin Mitte dreißig und muss immer noch spätpubertär daherreden.
SPIEGEL: Was ist das Ziel Ihrer Entgleisung? Paul Guth aus der Fassung zu bringen?
Cohn-Bendit: Ich will die Verklemmtheit der konservativen Bürgerlichen demaskieren. Ich will ihnen sagen: Ihr könnt die reale Welt nicht wahrnehmen, weil ihr so verklemmt seid. Und natürlich hatte ich dabei auch Wilhelm Reich im Kopf, wonach eine repressive Sexualerziehung verklemmte, autoritär strukturierte Charaktere produziert, die anfällig für autoritäre Führer sind.
SPIEGEL: Waren Sie in dieser Zeit in einer festen Beziehung?
Cohn-Bendit: War ich, aber ohne gegenseitige Verpflichtung zur Treue. Bald darauf habe ich meine spätere Frau kennengelernt. Danach habe ich mich irgendwann beruhigt.
SPIEGEL: Ihre Frau hatte demnach einen heilsamen Einfluss auf Sie?
Cohn-Bendit: Erst mal habe ich enorm abgenommen, weil ich ihr gefallen wollte, mindestens zehn Kilo. Und auch sonst habe ich mein Leben umgestellt. Sie hatte ein Kind, einen zweieinhalbjährigen Sohn. So etwas ändert vieles.
SPIEGEL: Wann haben Sie gemerkt, dass es nicht mehr cool war, über die Erotik einer Fünfjährigen zu reden?
Cohn-Bendit: Sie tun jetzt so, als hätte ich dauernd über dieses Thema gesprochen. In Wahrheit gibt es in meinem ganzen Leben nur diese zwei Fälle, über die wir geredet haben.
SPIEGEL: Es wäre jedenfalls heute undenkbar.
Cohn-Bendit: Es ist heute undenkbar, weil wir wissen, wie schlimm der Missbrauch von Kindern ist. Ich darf vielleicht anmerken, dass ich nicht der Einzige war, der das Thema nicht richtig gesehen hat. Mein Fernsehauftritt war ja kein konspirativ gefilmtes Geheimtreffen. Das fand vor einem Millionenpublikum statt, ohne dass sich irgendjemand anschließend besonders erregt hätte.
SPIEGEL: Die Empörung kam 2001.
Cohn-Bendit: Das ist 20 Jahre später. Ich will mich nicht hinter dem gesellschaftlichen Trend verstecken, gerade bei mir wäre das albern. Aber wir müssen doch sehen, dass die 68er als Subkultur begannen. In dieser Subkultur gab es selbstverständlich auch schmuddelige Ecken. Da gab es eine totalitäre Ecke mit Leuten, die irgendwelchen maoistischen Idealen nacheiferten. Wer kann sich heute noch erklären, wie intelligente Menschen unbedingt Ergebenheitsadressen an Pol Pot aufsetzen mussten? Es gab die Gewaltecke, und es gab die Ecke der antiautoritären Erziehung. Erst mit dem Bewusstsein von Kindesmissbrauch werden solche Aussagen, wie sie mir zu Last gelegt werden, einfach unerträglich. Das ist
die bittere Wahrheit, nicht der Petra von Kant, sondern des Dany Cohn-Bendit.
SPIEGEL: Gibt es etwas, das Sie im Nachhinein bereuen, abseits der Frage, dass die losen Reden von damals Sie inzwischen eingeholt haben?
Cohn-Bendit: Wenn man die provokatorische Logik meines Textes im "Großen Basar" weiterdenkt, kann er von Pädophilen zur eigenen Rechtfertigung benutzt werden. In dieser Hinsicht ist das, was ich geschrieben habe, unverantwortlich. Wenn ein Opfer von Missbrauch diesen Text liest und sagt: "Ich fühle mich dadurch angegriffen", dann verstehe ich das.
SPIEGEL: Claudia Roth und Winfried Kretschmann haben jetzt, auch mit Blick auf Ihren Fall, eine Aufklärung der Frühgeschichte der Grünen versprochen. Halten Sie das für notwendig?
Cohn-Bendit: Da wird man reichlich fündig werden, da brauche ich keinen Historiker. Sie müssen sich nur die Anträge zur Altersfreigabe beim Sex mit Erwachsenen ansehen: Das war bei den Grünen Mainstream. War es falsch? Mein Gott, natürlich war es falsch. Und trotzdem wird die Sexualität immer zu den Dingen gehören, die wir nicht in den Griff bekommen, egal von welcher Seite.
SPIEGEL: Vielleicht hätten nicht ausgerechnet die Grünen besonders laut über Missbrauch in der katholischen Kirche klagen sollen.
Cohn-Bendit: Es scheint mir generell empfehlenswert, wenn wir die Empörungsfähigkeit redimensionieren würden. Das täte der Politik sicher in vielen Fällen gut. Damit meine ich ausdrücklich nicht die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen.
SPIEGEL: Vor drei Wochen haben Sie in Stuttgart den Theodor-Heuss-Preis bekommen. Entscheidend für die Debatte in Deutschland war die Absage von Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle, zu Ihren Ehren die Laudatio zu halten. Empfanden Sie das als feige?
Cohn-Bendit: Voßkuhle wusste ja nicht, dass der Preis an mich gehen würde, als er seine Zusage gab. Als das dann klar war, hat ihn ein Redakteur der "Stuttgarter Nachrichten" angerufen und gefragt, ob er die Stelle aus dem "Großen Basar" kenne. Seine Begründung für die Absage verstehe ich sogar: Er stehe unheimlich unter Druck wegen der anstehenden Entscheidung zur Homo-Ehe, da wolle er nicht in irgendeinen Verdacht geraten.
SPIEGEL: Sie haben mit Voßkuhle gesprochen?
Cohn-Bendit: Ich nicht, aber es gibt Leute, die mit ihm geredet haben. C'est la vie. Manchmal gibt es Dinge, die auch 40 Jahre später noch zum Skandal werden.
SPIEGEL: Sie waren bei Ihrer Dankesrede den Tränen nahe.
Cohn-Bendit: Ich habe sogar geweint. Ich hatte vorher die Rede von Roger de Weck gehört, die mit einem alten jüdischen Ausspruch endete: Egal was war - "er ist Mensch". Das war für mich sehr ergreifend. Man konnte ja zwischenzeitlich den Eindruck gewinnen, hier bekomme ein Monster einen Preis.
SPIEGEL: Sie sollten auch einen Preis für Ihre Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft bekommen. Warum haben Sie diese Auszeichnung abgelehnt?
Cohn-Bendit: Ich werde keinen Preis mehr annehmen, wo sich die Frage stellt, ob jemand seine Teilnahme absagt. Vielleicht sieht die Welt nach der Bundestagswahl wieder anders aus. Da haben sich die Gemüter möglicherweise beruhigt. In Baden-Württemberg ging es um Winfried Kretschmann, nicht um mich. Das ist alles Teil des politischen Kampfes.
SPIEGEL: Sie waren in Ihrer großen Zeit auch nicht gerade zimperlich.
Cohn-Bendit: Das stimmt. Die Härte, die wir an den Tag gelegt haben, kommt jetzt spiegelbildlich zurück. Deswegen sage ich mir auch: nicht jammern. Irgendwann werde ich sterben, und dann wird an meinem Grab stehen: Er war ein toller Typ, aber auf Seite 143 des "Großen Basar" hat er etwas ganz Schlimmes geschrieben. Da ich kein Grab haben, sondern an die Luft verfüttert werde, macht das auch nichts.
SPIEGEL: Denken Sie manchmal, es könnte Ihren Gegnern gelingen, Ihre Biografie auf diese Seite 143 zu reduzieren?
Cohn-Bendit: Das ist der Versuch. Ich glaube nicht, dass er gelingen wird. Man kann auch das Leben von Theodor Heuss nicht auf seine Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz reduzieren.
SPIEGEL: Aber es hört nie mehr auf, oder?
Cohn-Bendit: Ich hoffe, dass es mit diesem Gespräch aufhört. Ich habe jetzt alles gesagt, was ich dazu sagen kann. Jetzt ist Schluss.
SPIEGEL: Herr Cohn-Bendit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Am 20. April in Stuttgart anlässlich der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises.
Das Gespräch führten die Redakteure Jan Fleischhauer und René Pfister.
Von Jan Fleischhauer und René Pfister

DER SPIEGEL 20/2013
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