13.05.2013

Was will „Radio Lotte“ beim NSU-Prozess, Herr Burschel?

Friedrich Burschel, 48, hat gerade viel Häme über sich ergehen lassen müssen. Der Journalist berichtet vom NSU-Prozess für den Stadtsender Radio Lotte Weimar. Größere Medien waren beim Losverfahren um die Journalistenplätze leer ausgegangen.
SPIEGEL: Herr Burschel, wer hat sich als Erster bei Ihnen gemeldet, um sich zu beschweren?
Burschel: Die Schnellsten waren die Kollegen von der "Super Illu". Die wollten sich aber nicht beschweren, die wollten, dass ich für sie berichte.
SPIEGEL: Viele Journalisten haben sich über Radio Lotte lustig gemacht. Der Name klingt nach Heimatmelodien und seichten Themen.
Burschel: Ich kann Ihnen versichern, bei uns hören Sie keine Heimatmelodien. Wir sind ein nichtkommerzielles Radio. Wir spielen Independent-Musik, keinen Mainstream.
SPIEGEL: Können Sie verstehen, dass Journalisten Ihnen gegenüber skeptisch waren?
Burschel: Ich konnte nachvollziehen, dass viele dachten: Was sind das denn für Würstchen? Aber ein wenig mehr Demut hätte ich mir schon gewünscht. Die Berichterstattung über die Morde damals, als man noch von den "Döner-Morden" sprach, ist ja nicht gerade ein Ruhmesblatt journalistischer Arbeit gewesen. Auch bei den großen Medien nicht.
SPIEGEL: Man hat Ihnen mangelnde Kompetenz unterstellt.
Burschel: Also, wenn es Sie beruhigt, ich habe mein Handwerk bei der "Süddeutschen Zeitung" gelernt. Außerdem befasse ich mich seit Jahren mit dem Thema Rassismus in Thüringen, und Radio Lotte tut das auch. Wir haben mit der hiesigen Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus gut zusammengearbeitet. Ich habe immer wieder über das Thema berichtet. Ralf Wohlleben, der neben Beate Zschäpe in München vor Gericht steht, ist für mich wahrlich kein Unbekannter.
SPIEGEL: Woher kennen Sie ihn?
Burschel: Ich war oft als Berichterstatter bei Nazi-Aufmärschen in Jena, Weimar und Erfurt. Wohlleben war damals eine lokale Größe. Er stand da mit seinem Kinnbart und agitierte, aber dass er so weit gehen könnte, ein Tötungskommando zu unterstützen - auf diese Idee wäre ich damals nicht gekommen.
SPIEGEL: Wurden Sie am ersten Prozesstag von Kollegen schief angeschaut?
Burschel: Die Sache hat sich entspannt. Bald werden sogar Plätze frei bleiben, glaube ich. Die wenigsten Journalisten können ja jedes Mal an- und abreisen, nur weil der Richter wieder die Verhandlung für ein paar Tage unterbricht.

DER SPIEGEL 20/2013
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