13.05.2013

AGENTENEiner gegen Amerika

Thomas Drake galt als loyaler Mitarbeiter der National Security Agency, des weltgrößten Geheimdienstes. Dann fand er heraus, dass sein Arbeitgeber US-Bürger ausspionierte, und wurde zum Staatsfeind.
Der Alptraum, sagt Thomas Andrews Drake, begann an einem Novembertag, ein paar Minuten vor Sonnenaufgang. Er erinnert sich, wie er aus dem Fenster des Schlafzimmers schaute, im ersten Stock seines Holzhauses in der amerikanischen Kleinstadt Glenwood. In der Dämmerung sah er fünf oder sechs weiße Wagen vorfahren. Männer stiegen aus, hinten auf ihren Jacken stand in gelben Buchstaben: FBI. Die Polizisten liefen durch seinen Vorgarten, einer von ihnen klopfte an die Haustür. Seine Frau war noch im Haus, auch sein zwölfjähriger Sohn. Drake stand da, reglos wie ein Unbeteiligter, und sagte sich: "Da sind sie also."
Die Männer vom FBI lesen ihm seine Rechte vor und zeigen ihm den Durchsuchungsbefehl, Fallnummer 07-3840WC. Drake wird verdächtigt, ein Staatsfeind zu sein. Die Beamten sollen bei ihm nach Beweismitteln suchen, die belegen, dass er eine Verschwörung gegen den Staat plane und dass er geheime Dokumente über die Landesverteidigung rechtswidrig an die Öffentlichkeit gegeben habe. Drake hat sich immer als loyalen Geheimdienstler gesehen. Nun wird ihm vorgeworfen, ein Verräter zu sein: Er sei verantwortlich für das Ausplaudern des größten Überwachungsskandals seit Watergate: die millionenfache Bespitzelung von Amerikanern. Sie wurden im eigenen Land vom Auslandsgeheimdienst der USA abgehört.
Die FBI-Leute betreten Drakes Haus und durchsuchen das Schlafzimmer, auch das Ehebett, durchblättern jedes Buch im Regal, klopfen die Wände nach Hohlräumen ab, stochern im Garten herum. Am Ende laden sie beschlagnahmte Akten in ihre Wagen, Kalender, Adressbücher, Familienfotos, handschriftliche Notizen und alles, was einen elektronischen Speicher hat, die Computer, jeden USB-Stick, jede Kamera, jedes Handy. Drake wird neun Stunden lang an seinem Küchentisch verhört, an dem er morgens noch sein Vollkornmüsli mit Banane und Sojamilch aß. Die erste Frage lautet: "So who did you piss off?" - Wen haben Sie denn verärgert?
Damit konnte nur sein Arbeitgeber gemeint sein. Drake steht seit 18 Jahren im Dienst der National Security Agency, der NSA, eines der größten, geheimsten und modernsten Spionageorganisationen der Welt, größer als jeder andere der 15 Geheimdienste der USA. Eine Behörde, die bis in die achtziger Jahre kaum einem Amerikaner bekannt war. Hat der Apparat undichte Stellen? Ist Drake eines dieser Lecks? Wer sind seine Komplizen - Russen? Chinesen? Araber? Setzte er das Leben amerikanischer Soldaten aufs Spiel?
Im Visier haben die Ermittler auch Drakes Vorgänger bei der NSA. Ihm hielten die Agenten eine Pistole ins Gesicht, als er gerade unter der Dusche war. Sein ehemaliger Kollege erzählte Drake hinterher, diese Hausdurchsuchungen seien so angenehm wie 50 Darmspiegelungen an einem Tag. Und eine Freundin von Drake, früher Mitarbeiterin im Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhauses, überprüft noch immer jeden Abend, ob ihre Haustür verschlossen ist. So groß ist ihre Angst, seit die Männer vom FBI bei ihr waren. Doch der wichtigste Drahtzieher, so schien es den Ermittlern, war Drake.
Will man einen Eindruck davon bekommen, wogegen Drake gekämpft hat, kann man in die kleine Stadt Bluffdale fahren, in die Berge des Bundesstaats Utah, zu einer Abzweigung sieben Kilometer südlich der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Dort, an der Redwood Road, warnt ein kleines Schild zu Beginn einer frisch geteerten Straße: Militärisches Sperrgebiet, Zutritt verboten.
Dahinter ein Sicherheitszaun und ein Erdwall, Wachhunde und Patrouillenfahrzeuge, Überwachungskameras und ein biometrisches Identifikationssystem. Das ist der Schutzwall einer amerikanischen Macht, die sich laut den Budgetpapieren des Pentagon ein Pförtnerhaus für 14 Millionen Dollar leistet.
Wer sich hier unberechtigt Zugang verschafft, dessen Wagen wird zugeparkt, er muss Ausweis, Telefon, Kamera und Papiere abgeben. Ein Sprengstoffspürhund sucht den Kofferraum nach Bomben ab. Vier Sicherheitsleute notieren sich jedes Wort, das man sagt, in kleinen grünen Notizbüchern. Und danach kommt ein Mann in Zivil, der seinen Namen und seine Funktion nicht nennen, aber vieles wissen will: Informanten, Arbeitgeber, Flugzeiten, Gesprächstermine. Aber wer es bis hierhin geschafft hat, erkennt kurz vor dem Pförtnerhaus ein rundes Wappen mit einem bronzefarbenen Adler, der einen Schlüssel in den Klauen hält, darüber den Namen: National Security Agency.
Es ist eine Organisation, die etwa 40 000 Mitarbeiter beschäftigt und über ein jährliches Budget von acht bis zehn Milliarden Dollar verfügt. Eine Organisation, die ohne Zustimmung, selbst ohne Wissen des Kongresses gegründet wurde, die Osama Bin Ladens Satellitentelefon mit der Nummer 873-682 505 331 abhörte, die den USA Vorwände gab für den Vietnam- und den Irak-Krieg, die den E-Mail-Wechsel ihrer eigenen Generäle und Kongressabgeordneten mitliest, die die Codes für den Einsatz amerikanischer Nuklearwaffen ausgibt und die so absurd geheim ist, dass selbst ihre Weihnachtsfeier unter falschem Namen abgehalten wird.
Der Dienst hat viele Bezeichnungen. "Palast der Rätsel", "Big Daddy", "The Agency". Die meisten nennen die Behörde bloß: NSA. Insider sagen, das Kürzel stehe für "No such Agency" oder "Never say anything".
Hinter dem Sicherheitszaun in Utah, den nur Arbeiter mit amerikanischer Staatsbürgerschaft passieren dürfen, die bis zu 72 Stunden auf ein mögliches Risiko überprüft wurden, arbeiten Kräne auf einer Baustelle. Hier entsteht das größte Datenzentrum eines Geheimdienstes, das auf der Welt bekannt ist. Auf 100 000 Quadratmetern werden vier Server-Hallen errichtet, für 1,5 bis 2 Milliarden Dollar. Der Name, so wie er in den Papieren der NSA auftaucht, lautet: Utah Data Center.
Es ist ausgestattet mit zwei Ersatzgeneratoren und Diesel für sechs Tage sowie drei Wasserpumpen, die täglich sechs Millionen Liter Wasser zur Kühlung der heißlaufenden Computer in das System drücken können. Allein die Stromrechnung soll bei 40 Millionen Dollar im Jahr liegen, schätzen die örtlichen Energieversorger. Das U. S. Army Corps of Engineers, das für den Neubau zuständig ist, bestätigt, dass die Server im September dieses Jahres planmäßig in Betrieb gehen werden.
Man bekommt eine Ahnung davon, wie viele Informationen in dieses Datenzentrum passen, wenn man versucht, sich 400 000 Textseiten vorzustellen: die Informationsmenge eines Gigabyte. Die mathematische Suchmaschine Wolfram Alpha gibt die geschätzte Größe allen menschlichen Wissens mit zwölf Milliarden Gigabyte an. Auf die Server in Utah aber passt mehr als 400-mal so viel: fünf Billionen Gigabyte oder fünf Zettabyte. Was will ein Geheimdienst mit so viel Speicherplatz?
Die NSA verweigert die Antwort auf diese Frage. Ihr Chef hat noch nie ein Interview gegeben. Es ist General Keith Alexander, den einige für mächtiger als den amerikanischen Präsidenten halten, weil Alexander bestimmt, welche Informationen er regelmäßig an Barack Obama weiterleitet. Alexander begründete seine seltenen öffentlichen Auftritte einmal damit, dass seine Mutter ihm gesagt habe, sein Gesicht eigne sich nur fürs Radio. Zum Serverzentrum in Utah sagte er nach einer Rede im Juli 2012 am konservativen American Enterprise Institute: "Ich werde nicht sagen, was wir in Utah machen. Das wäre lächerlich und würde unseren Feinden einen enormen Vorteil geben."
Wer bei der NSA arbeitet, dessen Aufgabe besteht darin, Geheimnisse zu suchen, dessen Leben aber darin, Geheimnisse zu verbergen. Es gibt nur eine Handvoll Menschen, die den Geheimdienst von innen kennen und davon erzählen.
Einer von ihnen ist Thomas Andrews Drake. Seine Geschichte lässt sich nachlesen im Archiv des Bundesbezirksgerichts von Maryland, an der Ostküste der USA, Fallnummer RDB-10-CR-181. Sie steht auf Formularen der NSA und auf Schreibmaschinenbögen der U. S. Air Force. Sie ist als Notiz zwischen 3685 Aktenseiten des Pentagon zu finden und in verschlüsselten E-Mails von Informanten. Sie endet in einem Apple Store am Rande Washingtons und beginnt mit einem Flugzeugabsturz über Griechenland.
Am 6. April 1944 gerät ein zweimotoriger Bomber der amerikanischen Luftwaffe, eine North American B-25, außer Kontrolle. Lieutenant Colonel William H. Drake, Navigator einer Aufklärungseinheit, schafft es, mit einem Fallschirm über dem von Deutschen besetzten Griechenland abzuspringen. Er sieht, wie sein Hut davonfliegt, zählt bis drei, zieht die Reißleine, während unter ihm das Flugzeug aufschlägt und das Wrack in Flammen aufgeht. So berichtet er davon, viele Jahre später. Im Flugzeugwrack verbrennen seine sechs Kameraden, die es nicht mehr geschafft haben. Er überlebt als Einziger. Mit Hilfe griechischer Partisanen braucht er sechs Monate, um wieder nach Hause zu kommen, nimmt 30 Kilo ab, leidet ein Leben lang unter den Schuldgefühlen des Überlebenden, aber erzählt seiner Familie zunächst nichts davon.
Stattdessen sagt er seinem Sohn: "Wahrheit ist die beste Strategie." Er prügelt ihm diesen Spruch mit dem Ende seines Ledergürtels ein. "Ohne Gnade", sagt Thomas Andrews Drake, der Sohn. Er meint heute, sein Vater müsse "an einem dunklen Ort" gewesen sein, als der schließlich eine Jagdflinte nahm, damit auf die Mutter anlegte, bis sich Drake, damals 14 Jahre alt, dazwischenstellte und Schlimmeres verhinderte.
Der junge Drake lernt, Geheimnisse zu bewahren. In der Schule, in der sein Vater als Mathematiklehrer unterrichtet, darf niemand die Spuren der Schläge sehen. Nach außen wirken sie wie eine gutbürgerliche Familie in einem weißen Farmhaus in Vermont, die Mutter arbeitet als Sekretärin für die Nobelpreisträgerin Pearl S. Buck. Im Inneren des Hauses regieren Lügen und Halbwahrheiten. Der Vater verheimlicht der Familie eine frühere Heirat und zwei weitere Kinder. Die Mutter wird depressiv und trinkt zu viel Sherry. Sie fühlt sich, wie sie später sagen wird, wie in der Hölle.
Drake sucht nach einem Notausgang in eine eigene Welt. Die einfache Wahrheit von Puzzles fasziniert ihn, die sichere Wahrheit von Zahlen. Er lernt Eröffnungen im Schach, studiert die Sterne und wird Leiter des Astronomieclubs seiner Schule. Er übernachtet allein im Grand Canyon. Er liest "Siddhartha" und Albert Camus. Das Amerika der frühen Siebziger unter Präsident Nixon wird ihm zu eng. "Ich fühlte mich wie ein Fisch unter Wasser", sagt Drake, "der weiß, dass über der Oberfläche noch eine ganz andere Welt liegt." Drake will lernen zu fliegen.
Mit 22 Jahren tritt er der U. S. Air Force bei, Personalnummer A20831A. Er lässt sich auf derselben Basis wie sein Vater stationieren, dem Luftwaffenstützpunkt Mildenhall, in der Grafschaft Suffolk im Südosten Englands. Thomas Drake sagt heute, er habe ins Innere des Ungeheuers vorstoßen wollen. "Ich wollte das Militär von innen verstehen lernen." Inmitten des Kalten Kriegs fliegt Drake Missionen über Ostdeutschland und den Rand der Sowjetunion. Er ist ausgebildet als Kryptoanalytiker. Sein geheimer Auftrag ist es, die Funksprüche des Warschauer Pakts aufzuspüren und aufzuzeichnen. Offiziell betreibt seine Einheit elektromagnetische Studien.
Er fliegt so hoch über den Wolken, dass er die Schwärze des Weltalls und die Krümmung der Erde sieht. Im Winter leuchtet das Polarlicht über Finnland, rot und grün, ein schimmerndes Bonbonband, so sagt es Drake. "Ich sah Dinge, die die meisten Leute nie sehen."
Aus dem runden, eisbeschlagenen Fenster des Notausgangs sieht er die Mauer der innerdeutschen Grenze. Er hört die Funksprüche der DDR ab, er staunt über ein Land, das so viel über seine Bürger weiß. Seine dienstliche Regel als Abhörspezialist lautet: "Hörst du einen Amerikaner, beendest du die Aufnahme." Der vierte Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung schützt die Privatsphäre der Bürger, ein Heiligtum. Drake kann sich nicht vorstellen, dass sich daran jemals etwas ändern könnte.
Im März 1983 kauft sich Thomas Drake für 495 Dollar einen heruntergesetzten Atari 800, einen der ersten Heimcomputer. Im Vergleich zu heutigen Rechnern ist er so leistungsfähig wie eine Kokosnuss, aber Drake spricht so liebevoll von ihm wie andere Männer von ihrer ersten Freundin. Er verwahrt den Atari immer noch, im Keller seines weißen Holzhauses in Glenwood, Maryland, in der Originalbox. Er sagt, er sei damals mit etwas in Berührung gekommen, das einzigartig für ihn war, einer Zauberwelt, die er betreten konnte, wann er wollte. Drake verliebt sich in eine Wahrheit, die er selbst erschaffen kann: Er lernt programmieren.
Drake wird zum Staff Sergeant befördert, bekommt herausragende Bewertungen seiner Vorgesetzten. Auf das Formular 910 lassen sie tippen: "Ein Paradebeispiel für Jüngere in seiner Hingabe zur Pflicht", "Solche Offiziere braucht die Air Force", "Einer meiner besten Offiziere. Ich bewundere seine Ehrlichkeit", "Der geradlinigste Kerl, den ich je kennengelernt habe", "Mein bester Mann". Abschluss mit Auszeichnung, Dozent des Jahres, zwei Auszeichnungen für besondere Verdienste, sieben Orden der Air Force.
Drake steigt in der Hierarchie der Nachrichtendienste auf, lässt sich zur CIA versetzen, sitzt im Pentagon in der Abteilung für den Mittleren Osten. Während einer Militäroperation auf Haiti, 1994, kommt auch Präsident Bill Clinton vorbei. Er schüttelt Drake die Hand. Es gibt davon ein Foto. Drake, Republikaner, in weißer Uniform, mit Orden bewehrt, hat die Lippen geschlossen, reckt sein Kinn vor und wirkt wie jemand, den man gerade bei der Arbeit stört. Er ist angekommen im Inneren der Bestie. Nur eine Station fehlt ihm noch: der sogenannte Palast der Rätsel.
Drake kennt das Hauptquartier der NSA. Es liegt in einem Waldgebiet, eine halbe Autostunde nördlich von Washington, in Fort Meade, einer reinen Geheimdienstler-Gemeinde mit Zehntausenden Agenten, der vermutlich größten Ansammlung von Mathematikern, Linguisten und Computerexperten der Welt. Dort, so beschreiben es Mitarbeiter, verbirgt sich in einem riesigen schwarzen Glasbau eine Kuppel aus Kupfer, die keinerlei elektronische Signale aus den Wänden dringen lässt. Die Fenster haben zwei Scheiben. In den Zwischenraum wird Musik eingespielt - für den Fall, dass ein Spion mit einem Lasermikrofon die winzigen Schwingungen aufzeichnen sollte, die Gespräche an Fensterscheiben hinterlassen.
Ein Ort mit mehr Geheimnissen ist in den USA schwer zu finden. Dort will Drake, der mittlerweile ein guter Programmierer ist, arbeiten. Er bewirbt sich.
Um Zugriff auf Dokumente mit der höchsten Geheimhaltungsstufe zu bekommen, muss Drake durch den psychologischen Test. Formular P1817B, Seite 2, Punkt 18. "Waren Sie und/oder Ihr Ehepartner (oder Ihr Intimpartner) jemals untreu?" Daneben ein Kästchen für Ja, eines für Nein. Und eine Zeile für Kommentare. Haben Sie im letzten Jahr geweint? Ist Ihr Kind gut in der Schule? Bekommt es ein verschreibungspflichtiges Medikament, z. B. Ritalin, Adderall, Dexedrine? Schläft Ihr Kind nachts gut? Ja? Wie viele Stunden?
Er soll Sätze ergänzen: "Meine Familie behandelt mich wie ...", "Ich wünschte, ich könnte die Zeit vergessen, als ...", Ganz unten steht: "Am meisten ärgert mich ..." Drake ergänzt: "... wenn Menschen mein Vertrauen missbrauchen."
Die NSA stellt Drake im Jahr 2001 ein, binnen einem Jahr wird er zum technischen Leiter der Entwicklungsabteilung. In einer geheimen Außenstelle von Crypto-City hebt er seine Hand und leistet einen Amtseid auf die Verfassung.
Wenn Staatsoberhäupter von Limousinen aus den Kreml anrufen, zeichnet die NSA es auf. Wenn Rebellen in Syrien in Funkgeräte sprechen, Radarantennen in Nordkorea Ortungswellen empfangen oder jemand in Deutschland Geld überweist, einen Flug bucht oder eine Suchanfrage startet - Internetverkehr, Handy-Signale, Funksprüche, alles zeichnet die NSA auf. Selbst ausgeschaltete Handys kann die Behörde noch orten.
Drake sagt, die NSA sei ein stummer Wächter, einer, der immer zuhört, aber nie spricht. Und sie ist ein technischer Dienst, der statt Agenten Software einsetzt. Drakes Aufgabe ist zu testen, wie gut diese Software funktioniert. Er sucht Fehler im Code, überprüft, ob die Bausteine der Programme zusammenpassen und ob das, wofür Milliardenbeträge ausgegeben werden, funktionieren kann.
Er trifft noch im Jahr 2001 auf ein Team um den Mathematiker Bill Binney. Der ist seit 36 Jahren bei der NSA und wird von seinen Kollegen als einer der besten Analytiker angesehen, die je bei der NSA arbeiteten. Er hat 6000 Leute unter sich. Er ist Leiter der World Geopolitical and Military Analysis Reporting Group, die weltweite Abhördaten verarbeitet und analysiert. Seit Jahren sucht er eine Lösung für das größte Problem der NSA: Was machen wir eigentlich mit all den Daten, die wir bekommen? Allein sechs Milliarden SMS verschicken Amerikaner jeden Tag. Binney fragt sich: Finden wir die richtigen Nachrichten darin, oder begraben sie uns wie eine Flutwelle?
Binney entwickelt zusammen mit einem kleinen Team um den Programmierer Ed Loomis und den Linguisten Kirk Wiebe ein Programm namens ThinThread, übersetzt: dünner Faden. Wie der Faden einer Nähnadel soll das Programm in Daten eintauchen und nur das herausfiltern, was gewünscht ist. Im Gegensatz zu all den überfrachteten und überforderten Programmen, die mit Dutzenden Fremdfirmen zusammengestellt werden, ist der Code von ThinThread elegant, die Umsetzung günstig. Drake meint, es sei das beste Programm, das er je gesehen habe.
Auch Diane Roark, die seit 1997 für die Republikaner im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses arbeitet und das Budget der NSA überwacht, ist vom Programm ThinThread überzeugt. Roark beschließt, ThinThread mit neun Millionen Dollar zu finanzieren. Das Programm wird den Partnerdiensten der NSA zu Testzwecken übergeben, auch dem Bundesnachrichtendienst in Deutschland, der mit dem amerikanischen Geheimdienst zusammenarbeitet. Alles ist bereit.
Doch Michael Hayden, der damalige Leiter der NSA, entscheidet sich plötzlich, ein neues Programm entwickeln zu lassen, und zwar von externen Firmen, für mehr Geld. Trailblazer soll es heißen, Wegbahner. Blaze heißt auch Feuersbrunst. Statt eines dünnen Fadens soll das Programm einen breiten Weg bahnen. Eine offizielle Erklärung für seine Entscheidung, die vier Milliarden Dollar kostet, gibt der NSA-Chef nie ab. Einer der damaligen NSA-Mitarbeiter sagt heute: "Viele Millionäre verdanken ihr Geld Trailblazer." Noch etwas Entscheidendes ist bei Trailblazer anders: Sämtliche Sicherheitsfunktionen sind entfernt. Damit können Bürger ohne gerichtliche Vollmacht abgehört werden, ein Verstoß gegen die amerikanische Verfassung. Roark, Binney und sein Team reichen nach dieser Entscheidung ihre vorzeitige Kündigung ein. Drake, der Jüngste im Team, bleibt. Er hat eine Wahrheit des Geheimdienstes entdeckt, die ihm nicht gefällt, sie ist hässlich, und er ist nicht bereit, sie kampflos hinzunehmen.
Wie Drake von Kollegen erfährt, werden mehr Informationen als je zuvor gesammelt. Stellar Wind soll das neue Überwachungsprogramm heißen, Sternenwind. Doch statt nur die gesetzlich erlaubten Daten zu sammeln, hortet die NSA einfach alle Daten, die sie aufzeichnen kann. Sie brauchten bald ein neues Rechenzentrum, meinen Mitarbeiter in den NSA-Konferenzen, sonst könnten sie all diese Daten nicht mehr lagern: Sie benötigen eine Datensammlung, in der alles gespeichert ist und auf die Übersetzer und Code-Entschlüssler des Geheimdiensts Zugriff haben. Es ist dieses Rechenzentrum, das heute in den Bergen von Utah gebaut wird.
Seit dem Watergate-Skandal 1972 und Präsident Richard Nixons tausendfacher Überwachung von politischen Gegnern und Bürgerrechtsaktivisten ist keine systematische illegale Überwachung von Amerikanern mehr bekanntgeworden. Ein Zitat des damaligen Vizepräsidenten Dick Cheney fällt Drake dazu heute ein. Cheney sagte es fünf Tage nach den Anschlägen des 11. September 2001 gegenüber einem Reporter des Fernsehsenders NBC: "Wir müssen jedoch auch, wenn Sie so wollen, auf der dunklen Seite arbeiten."
Drake hätte nie gedacht, dass Feinde der Verfassung im Büro nebenan sitzen. Er beschwert sich bei seinen Vorgesetzten, schreibt zusammen mit Binney und Roark an das Verteidigungsministerium und an den Sicherheitsausschuss. Sie müssten einen Verfassungsverstoß melden - und die Verschwendung von Steuergeldern. Zunächst passiert nicht viel, aber dann wird Drake in das Büro des Generalinspekteurs der NSA zitiert. Ihm wird klargemacht, dass das Überwachungsprogramm direkt vom Weißen Haus genehmigt wurde. "Fragen Sie nicht weiter nach, Mr. Drake", sagt ihm einer der NSA-Anwälte, "das wollen Sie nicht." Drake fragt nicht weiter nach, er schreibt an eine ihm bekannte Reporterin der Zeitung "Baltimore Sun". Er rechnet damit, deshalb vielleicht seinen Job zu verlieren. Er rechnet nicht mit dem, was tatsächlich passiert.
Wenn das FBI mit seinen Spezialisten der Anti-Terror-Einheit eine Wohnung durchsucht, wie bei Drake am 28. November 2007, dann untersuchen sie alles. Selbst seinen Atari 800 wollen sie mitnehmen. "Braucht ihr den wirklich? Der ist aus den Achtzigern", wendet Drake ein, "der hat nur einen Speicher von acht Kilobyte." Der Techniker überlegt kurz und bringt den Rechner zurück.
Beim anschließenden Verhör hört Drake in der Etage über sich die Schritte von Fahndern, die das Schlafzimmer durchwühlen. Nebenan tickt die Wanduhr, auf die er "Country Home" hat schreiben lassen. Fernsehteams fahren draußen vor, die Polizeiaktion wird später in den Nachrichten übertragen. Die Nachbarn schauen am Gartenzaun den Kameraleuten bei der Arbeit zu. Auch Bill Binneys Haus wird untersucht, ebenso das der Kongressmitarbeiterin Diane Roark. Sie liegt im Bett und wacht vom Pochen an ihrer Haustür auf. Der privateste Ort, den sie bisher hatten, ihr Rückzugsort, fühlte sich plötzlich bedroht an. Woher weißt du eigentlich, dass das FBI keine Wanzen bei dir zurückgelassen hat, wird Drake später von Freunden gefragt, aber er hat keine Antwort.
Ein Staatsanwalt fragt ihn: "Mr. Drake, was halten Sie davon, für den Rest Ihres Lebens im Gefängnis zu sitzen?" Kurz danach verliert er seinen Job bei der NSA. Der Staat lässt sich mit der Formulierung der Anklageschrift Zeit. Zweieinhalb Jahre später erst, 2010, lautet der Anklagepunkt Spionage. Für Drake gibt es kaum etwas, das ihn mehr verletzen kann. Er ist so patriotisch, dass er seinen amerikanischen Stammbaum bis zu den ersten Siedlern des 17. Jahrhunderts zurückverfolgt hat. Plötzlich drohen ihm im schlimmsten Fall 35 Jahre Gefängnis. 5 Staatsanwälte und 25 FBI-Beamte sind mehr als fünf Jahre lang mit dem Fall beschäftigt. Diane Roark sagt heute: "Drake sollte zerstört werden."
Seine fünf Söhne verstehen erst nach der Hausdurchsuchung, worin der Beruf des Vaters bestand. Der jüngste verbringt nun viele Stunden beim Schulpsychologen. Drakes Vater, mittlerweile 90 Jahre alt, versteht nicht, warum Drake alles aufs Spiel gesetzt hat. Drakes Mutter hat Angst um ihn. Kollegen kommen nicht mehr zum Mittagessen, Nachbarn reden nicht mehr mit ihm. Er sei ein Spion, heißt es, ein Verräter. Im Internet liest er Botschaften von Menschen, die seinen Tod fordern. Das FBI verhört seine Frau, der er nichts erzählt hat, um sie nicht zu gefährden. Das FBI glaubt den beiden nicht. Als die Fahnder merken, dass er ihr wirklich nichts erzählt hat, sind sie davon überzeugt, dass Drake noch größere Verbrechen begangen haben muss. Andernfalls hätte er seine Frau doch eingeweiht. "Im Land der Schatten ist die Wahrheit eine Lüge", sagt Drake.
Im Gerichtssaal von Baltimore in Maryland erklärt der Richter am letzten Verhandlungstag im Juli 2011, dass er selten einen Angeklagten erlebt habe, der ein besseres Führungszeugnis hat als er selbst. Drake hat in seinem Leben noch nicht einmal ein Bußgeld für falsches Parken zahlen müssen. Sein Strafregister besteht aus einer weißen Seite. Es stellt sich vor Gericht heraus, dass Drake keinerlei geheime Informationen an die Reporterin weitergegeben hat, die die Sicherheit des Landes gefährdet hätten. Der Fall bricht in sich zusammen, nach fast vier Jahren und 80 000 Dollar Anwaltskosten für Drake. Die Staatsanwälte bieten ihm mehrere Deals an, aber er lehnt jedes Angebot ab.
Zum Schluss verurteilt ihn der Richter nur wegen eines Vergehens, des unautorisierten Benutzens eines Dienstcomputers. Drake soll 240 Sozialstunden ableisten, die er damit verbringt, für die Library of Congress Kriegsveteranen zu interviewen. Unter ihnen ist auch Daniel Ellsberg, der entscheidende Informant aus Vietnam-Kriegszeiten, der die Pentagon-Papiere an die "New York Times" gab. Ellsberg sagt zu ihm: "Das Teuflischste ist zu schweigen." Drake sagt: "Ja."
Einen Job bei einem Nachrichtendienst oder einen anderen gehobenen Job in einer Verwaltung bekommt er nach dem Verlust seiner Unbedenklichkeitserklärung nicht mehr. Den Anspruch auf die Rente, die ihm fünf Jahre später sicher gewesen wäre, hat er verloren. Die Anwaltskosten verschlingen seine Ersparnisse, er hat kein Einkommen mehr, verliert seine Krankenversicherung. Über die Beziehung zu seiner Frau sagt er bloß einen Satz: "Mein Privatleben wurde zerschlagen." Der Richter wünscht ihm am letzten Verhandlungstag "viel Glück".
Nachts, im Schlaf, verirrt sich Drake in einem finsteren Labyrinth, einem Land, das zu einem Überwachungsstaat geworden ist. Der Traum endet oft damit, dass Drake einer Polizeikontrolle ausgeliefert ist.
Er arbeitet jetzt in einem Apple Store am Rande Washingtons, niemand sonst wollte ihn einstellen. Drake trägt ein blaues Firmen-T-Shirt und ein Schildchen um den Hals. Darauf steht: "Thomas". Bei der NSA verdiente er 154 600 Dollar im Jahr, jetzt sind es ein paar Dollar pro Stunde. Wie viel genau, will er nicht sagen.
Wer ihn in seinem Laden besucht, erlebt einen Mann, dessen weicher Händedruck nicht zu der Kommandostimme eines ehemaligen Offiziers der Air Force passt. Einen Mann, dessen Misstrauen erst nach stundenlangen Gesprächen verschwindet. Einen Mann, der versucht, sich seine Erschöpfung nicht anmerken zu lassen. Einige seiner Kollegen wundern sich darüber, wie viel dieser Hilfsarbeiter von Computern versteht.
Von Stock, Jonathan

DER SPIEGEL 20/2013
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