13.05.2013

Die Wüste bebt

Deutsche Anleger investierten knapp 100 Millionen Euro in den Bau einer Luxusklinik in Abu Dhabi. Es wurde ein Desaster.
Abu Dhabi hat viele Visionen kommen und verschwinden sehen, Märchenschlösser und Superlative. So ist es nicht überraschend, am Rande der Stadt, vergraben im Wüstensand, die wohl teuerste Betonplatte der Emirate zu finden - made in Germany.
Zwei Baustellen-Schilder, eines schon zerfetzt und abgerissen, stehen in der Hitze. "German General Hospital" steht da, und es liest sich wie eine Erinnerungstafel, eine Art archäologischer Hinweis: Hier sollte einmal ein deutsches Krankenhaus stehen. Eine Modellklinik für Herz-, Gefäß- und Nierenmedizin mit 240 Betten war geplant, mit einer Lobby wie in einem Fünfsternehotel, gedämpftem Licht, Arabesken und überhaupt: "hochqualitativem deutschem Gesundheitswesen". Der Betrieb sollte im Spätsommer 2011 starten.
Neben einer prächtigen Website gibt es bisher nur diesen knappen Hektar Beton, aus dem Moniereisenbüschel ragen. Ab und zu fegen ein paar Handlanger den Staub von der Platte, Sand beißt in den Augen. Ansonsten passiert seit einem Jahr nichts.
96 Millionen Euro sind hier versickert, verschwunden wie eine der ortsüblichen Luftspiegelungen. Und in Deutschland sitzen 3500 Anleger und sind noch immer nicht aufgewacht aus diesem Traum.
Die Nürnberger Shedlin Capital AG hatte ihren geschlossenen Fonds "Middle East Health Care" beworben mit künftigen Renditen von rund 14 Prozent und "hervorragenden Investitionsmöglichkeiten im Gesundheitswesen" der Emirate.
Nach dem Motto: Der Scheich ist reich, aber Herzprobleme hat er auch.
Das Initiatoren-Trio Kamaran Amin, Markus Eulig und Oliver Schorn hatte nur homöopathische Ahnung von Kliniken oder Projektmanagement. Einer hatte vorher ein Fitnessstudio betrieben, ein anderer konnte als Halbiraker zumindest die Landessprache. Aber sie konnten sich gut verkaufen. Heute schieben sich Shedlin und die drei Visionäre die Verantwortung gegenseitig zu. Damals trommelten sie gemeinsam.
Das Klinikum Offenbach würde die Anlagen betreiben, so hieß es, Siemens die Ausstattung der Klinik übernehmen. Auch der Name des damaligen deutschen Botschafters tauchte in den Prospekten auf. Das vermittelte Seriosität. Die einschlägigen Internetmagazine zeigten sich begeistert: "Erfahrene Entscheidungsträger" und eine "exzellente Analyse des Zielmarkts" entdeckte Philip Nerb vom Portal werteanalysen.de.
Exzellent waren jedenfalls die Einkünfte der drei Initiatoren. Zwischen 677 000 und 1,47 Millionen Dollar bekamen sie 2009.
Als Schaufensterprojekt eröffnete 2009 ein Ärztehaus in Abu Dhabi, das "German Medical Center". Für horrendes Geld wurden Ärzte angeworben und Geräte angeschafft. Bereits Ende 2009 waren die Anlegergelder des ersten Fonds großteils aufgebraucht. Shedlin legte einen zweiten "Middle East Health Care"-Fonds auf, wieder mit "sehr guter Konzeptqualität", wie Fondsspezialisten im Web feststellten.
Vielleicht rührte die Zuversicht der Fondsdrücker auch daher, dass sie im November 2009 zum Formel-1-Rennen nach Abu Dhabi eingeladen worden waren, bei Ticketpreisen von 4900 Dollar.
Im April 2011 wuchs die Unruhe der ersten Anleger. Der zweite Fonds hatte nicht genug Geld eingebracht. Die Stadtklinik machte Verluste. Und dort, wo eigentlich der Krankenhausbetrieb hätte aufgenommen sein sollen, lag nur die hektargroße Betonplatte. Eine außerordentliche Gesellschafterversammlung entschied, die Geschäftsführung auszutauschen. So verabschiedete sich das Trio Amin, Eulig, Schorn aus der Vision - nicht ohne vorher noch sechs- und siebenstellige Überweisungen erhalten zu haben.
Shedlin sedierte die Anleger mit vollmundigen Newslettern und coolen Fotos von der Skyline Abu Dhabis. Denn die Welt der geschlossenen Fonds ist vor allem eine geschlossene Welt der Autosuggestion und Realitätsferne. Als anfang November 2012 einige Anleger die Baustelle sehen wollten, wurde kurzfristig ein Bulldozer gemietet: Potemkin in der Wüste.
Unter der Überschrift "A salam aleikum SHEDLIN!" meldete der Fonds-Newsletter am 7. Dezember fröhlich, dass "die Mobilisierung der Baustelle" eingeleitet sei und "in den nächsten Wochen" Baumaschinen, Kräne und Material "vollständig" aufgefahren würden.
Zur gleichen Zeit bekamen Mitarbeiter der Stadtklinik schon keine Gehälter mehr gezahlt. Shedlin bestreitet das. Doch auch ein Aussteiger mit Kenntnis der Bankauszüge sagt: "Die Konten waren Ende des Jahres 2011 praktisch leer." Inzwischen haben alle deutschen Ärzte gekündigt. Und weil eine Klinik ohne Ärzte nur bedingt attraktiv ist, wurde das German Medical Center geschlossen - "wegen Umbauarbeiten", wie es heißt. Die Polizei hat kürzlich die Röntgenanlage beschlagnahmt.
Anleger werden mit drei "Exit-Szenarien" beruhigt. Entweder würde man das Projekt an ein "ausländisches Investorenkonsortium" verkaufen, an die Regierung von Abu Dhabi, oder man würde es an die Börse bringen. Der "prognostizierte Verkaufswert" nach Fertigstellung, so Shedlin, läge bei 538 Millionen Dollar.
Davon ist man noch weit entfernt. Ein vom Management selbst in Auftrag gegebenes vertrauliches Wertgutachten der Firma Deloitte kam im August 2012 auf einen Marktwert des Projekts, ohne Immobilie, von umgerechnet vier Millionen Euro.
Shedlin-Chef Robert Schmidt gibt zu, Fehler gemacht zu haben: "Das war unser GAU." Er selbst habe einen Teil seines Privatvermögens in das Projekt gesteckt. Die neue Geschäftsführung arbeite an einer Lösung. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn merke: Bei geschlossenen Fonds ist sogar ein Erfolg nie ganz auszuschließen.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 20/2013
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