13.05.2013

KARRIERENDer Frauenförderer

Der Chef der Bundesnetzagentur soll Milliardenmärkte wie Strom und Telekommunikation regulieren. Zurzeit hat er ein ganz anderes Aufsichtsproblem.
Hektik kommt bei Jochen Homann eher selten auf. Mitarbeiter erzählen, oft sitze der Chef der Bundesnetzagentur in seinem Bonner Büro, schaue Nachrichten im Fernsehen, surfe im Internet oder blicke angestrengt aus dem Fenster.
Dicke Aktenordner, mit denen sich sein Vorgänger Matthias Kurth noch stundenlang in die schwierigen Fragen der Regulierung von Milliarden-Euro-Märkten wie Energie, Telekommunikation, Post und Bahn einzuarbeiten pflegte, sehen sie bei dem 60-Jährigen eher selten.
Der Volkswirt mag es lieber kurz und bündig. Vermerke sollen seine Mitarbeiter so schreiben, dass auf den ersten Blick erkennbar ist, ob es einer Entscheidung des Präsidenten bedarf oder ob er den Vorgang nur zur Kenntnis nehmen muss. Homann ist ein geflissentlicher Zur-Kenntnis-Nehmer.
Manager von Großkonzernen wie RWE, E.on, Telekom oder Post, deren Geschäfte nicht zuletzt von den Entscheidungen der Bundesnetzagentur abhängen, beobachten seine Amtsführung und seine öffentlichen Auftritte mit einiger Sorge. Die Präsenz seiner Vorgänger habe er "noch nicht erreicht", moniert ein Manager vorsichtig.
In der Behörde fällt das Urteil über Homann ein Jahr nach dessen Amtsantritt deutlicher aus: Von dem Verhalten ihres Chefs sind viele Mitarbeiter peinlich berührt. Ausschlaggebend für das harsche Urteil ist dort allerdings weniger sein Arbeitsstil als eine pikante Personalie, bei der Homann - entgegen sonstiger Gewohnheiten - offenbar richtig in Fahrt gekommen ist. Möglicherweise mangelte es ihm sogar an der in seinem Amt notwendigen Nüchternheit und Neutralität, auch wenn Homann Unregelmäßigkeiten strikt bestreitet.
Seit Mitte April hat die biedere Behörde eine neue Leiterin der Pressestelle. Persönlich vorgestellt hat sie sich den rund 2700 Mitarbeitern bislang nicht, aber aus der "Klatschpresse ist sie auch so hinlänglich bekannt", bemerkt ein altgedienter Beamter säuerlich.
Ihr Name: Anette Fröhlich. Mit dem bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Horst Seehofer ist sie weder verwandt noch verschwägert. Sie hat nur ein Kind von ihm. Nach dem unehelichen Intermezzo mit dem ansonsten bekennenden Familienmenschen Seehofer sorgte Fröhlich als Tanzpartnerin des Unions-Politikers Christian von Boetticher kurzfristig für Schlagzeilen. Der schleswig-holsteinische Landadlige war 2011 wegen seiner Beziehung zu einer 16-Jährigen als Spitzenkandidat und Landesvorsitzender der CDU zurückgetreten. Was die so prominent vernetzte Ex-Hauptstadt-Repräsentantin einer Film-Firma für den Job in der Bundesnetzagentur qualifiziert, ist vielen Mitarbeitern nicht klar. Hinzu kommt, dass die Stellenausschreibung fast wie eine geheime Kommandosache behandelt wurde.
Normalerweise werden freie Stellen in der Bundesnetzagentur zunächst intern ausgeschrieben. Erst wenn sich in der Behörde kein geeigneter Kandidat findet, geht die Suche außerhalb weiter. Doch Homann ließ den Posten im Intranet der Behörde gar nicht anzeigen. Als der Personalrat dies monierte, soll der Chef in Gesprächen mit Vertretern der Beschäftigten für Ruhe gesorgt haben.
Potentielle Kandidaten außerhalb der Behörde mussten nahezu übernatürliche Fähigkeiten haben, um herauszufinden, dass die attraktive Stelle des Pressechefs der Regulierungsbehörde tatsächlich öffentlich ausgeschrieben war. Auf der gut besuchten Internetseite des Bundes, bund.de, wo derlei Angebote normalerweise zu finden sind, tauchte der Sprecher-Job gar nicht erst auf. Er wurde kurzfristig nur der Bundesagentur für Arbeit übermittelt und auf die wenig beachtete Website der Bundesnetzagentur gestellt.
Dabei wurde die meist übliche Veröffentlichungsfrist von vier auf zwei Wochen halbiert. Der Präsident, erinnert sich ein Beteiligter, habe mit "besonderer Eilbedürftigkeit" argumentiert. Worin die bestanden haben soll, bliebe sein Geheimnis. Die Stelle war nicht vakant, der langjährige Sprecher in Amt und Würden.
Dennoch fügte sich alles wie im Märchen: Nach Jahren des Pechs in der Liebe hatte die alleinerziehende Mutter wenigstens Glück im Job. Fröhlichs Bewerbung war am Ende die einzige, die in der Behörde einging. Homann stellte sie ein. Und auch danach meinte das Schicksal es weiter gut mit ihr. Gleich zu Beginn des Arbeitsverhältnisses am 16. April wurde sie zur Beamtin ernannt - im Range einer Regierungsdirektorin, Besoldungsgruppe A 15, Grundgehalt: 4700 bis 5900 Euro.
Dass da noch Luft nach oben blieb, hatte die Verwaltung bereits im Vorfeld geregelt. Anfang April hatte das "Referat Z 11" (Organisation) im Intranet der Behörde gemeldet, das Bundeswirtschaftsministerium habe "der Einrichtung des neuen Leitungsreferats ,Presse, Berlin-Büro, Sonderstelle Öffentlichkeitsarbeit' zugestimmt". Das bisherige Pressereferat (Stab 04) werde aufgelöst. Für Fröhlich heißt das: Die bislang bestehende Besoldungsobergrenze für Pressesprecher - A 15 - ist ebenfalls aufgehoben. Die neue Spitzenkraft kann bei allernächster Gelegenheit auf A 16 befördert werden.
So viel Großzügigkeit in Sachen Frauenförderung sorgt auch im Bundeswirtschaftsministerium, das der Netzagentur übergeordnet ist, für Gesprächsstoff. Warum gab es keine Presseerklärung, wie es beim Wechsel in der Leitung der Pressestelle sonst überall üblich ist? Warum residiert Fröhlich allein in der Hauptstadt, während fast der gesamte Pressestab in Bonn bleibt? Warum stehen der Sprecherin in Berlin opulente Räume zur Verfügung? Hat Horst Seehofer seine Beziehungen spielen lassen, um sie abzusichern? Oder will Homann selbst sie fördern?
Homann verteidigt den Vorgang: Für die Ausschreibung der Stelle eines Pressesprechers gebe es gar kein "übliches Verfahren". Dauer und Form richte sich nach den Erfordernissen. Das sei mit Verwaltung und Personalvertretern so abgestimmt. Mauscheleien oder Druck habe es nicht gegeben. Zudem erfülle Fröhlich "vollumfänglich" die Anforderungen. Sein Verhältnis zu ihr sei eine reine "Arbeitsbeziehung", Kontakte zur CSU habe es in der Frage auch nicht gegeben.
Wie auch immer - Homanns ohnehin angekratztes Image dürfte durch die Personaldebatte nicht besser werden. Denn für viele in der Bundesnetzagentur scheint der Fall klar, wie der Spitzname für die neue Spitzenkraft zeigt: Lola Montez. So hieß die Geliebte des Bayernkönigs Ludwig I. Die Erhebung der angeblich aus Spanien stammenden Tänzerin in den Adelsstand kostete den Monarchen letztlich den Thron.
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.
Von Frank Dohmen und Gunther Latsch

DER SPIEGEL 20/2013
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