13.05.2013

LEBENSMITTELWundersame Vermehrung

Der Skandal um übervolle Hühnerställe entlarvt Kontrollen im Bio-Landbau als lasch. Öko-Prüfer entdeckten die Missstände - handelten aber nicht.
Der Naturland-Betrieb Lärz liegt direkt am Müritz-Havelkanal, idyllisch in der mecklenburgischen Seenplatte. Die Legehennen haben es hier besser als viele ihrer Artgenossen in der konventionellen Landwirtschaft - zumindest laut Werbung des Biohofs. Jedes Tier habe "genügend Platz", "großzügig bemessene Nester" und "vielfältige Bewegungsmöglichkeiten".
Kontrolleuren des Konstanzer Instituts für Marktökologie (IMO) bot sich in den vergangenen Jahren offenbar ein anderes Bild. Die Öko-Inspektoren stellten bei Besuchen fest, die Ställe seien mit zu vielen Tieren belegt, Nestplätze fehlten. Auch die Zahl der produzierten Eier schien ihnen angesichts der Zahl der registrierten Hennen suspekt. Die Legeleistung sei "sehr hoch, aber noch möglich", vermerkten sie. Zweimal notierten Inspektoren, die Biohennen hätten nicht den vorgeschriebenen Auslauf gehabt.
Die IMO-Prüfer vermerkten diese Missstände zwar in ihren Prüfberichten, doch dann versäumten sie es, die zuständigen Fachbehörden für Verbraucher- und Tierschutz über die Verstöße zu informieren.
Hielten sie es für unerheblich, wenn sie wie in Lärz 3200 Hühner in einem Stall fanden, der maximal für 3000 Tiere ausgelegt war? Oder schwiegen sie aus Kumpanei mit den Tricksern in der grünen Branche?
Jedenfalls will das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg (Laves) das Gebaren des IMO nicht länger tolerieren. Das Amt forderte die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn im April auf, dem IMO die Zulassung zu entziehen: Die IMO-Kontrollen seien "nicht wirksam".
Noch ist offen, ob das Bundesamt dem Antrag der Oldenburger folgt. Aber schon jetzt ist der Vorstoß aus dem rot-grünen Niedersachsen ein empfindlicher Schlag für den gesamten Ökolandbau in Deutschland. Die Biobauern werben damit, dass sie sich besser um Tiere und Pflanzen kümmern und dass sie strengere Vorgaben erfüllen als ihre Kollegen auf den konventionellen Höfen. Nirgendwo werde die Lebensmittelproduktion besser überwacht als bei den Ökos, lautete das Mantra, mit dem die Branche bei den Verbrauchern um Vertrauen wirbt. Das erweist sich beim IMO nun als Farce.
Das Institut mit seinen rund 50 Mitarbeitern ist zwar nur Experten ein Begriff, doch es gilt als ebenso große wie renommierte Prüfeinrichtung des Ökosektors. Bei Geflügelkontrollen ist die Firma laut eigenen Angaben Marktführer. Der Versuch, dem Institut die Zulassung zu entziehen, wirkt in etwa so, als wollten Behörden dem TÜV die Untersuchung von Autos untersagen.
Die Verantwortlichen des Instituts mögen sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Aber Belege für die "mangelhafte Tätigkeit" des Öko-TÜV gibt es laut dem Landesamt reichlich. Die Behörde hat etliche IMO-Berichte ausgewertet. Dabei beschlich die Beamten der Verdacht, die Kontrolleure könnten weggeschaut haben, weil sie möglicherweise "betriebliche Interessen an maximal ausgelasteten Ställen" höher bewertet hätten als ihren eigenen Kontrollauftrag.
Das Landesamt stützt sich auch auf Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft Oldenburg. Seit Monaten ermitteln die Fahnder im "Großkomplex Überbelegung" gegen Eiererzeuger im ganzen Land. Hunderte konventionell und ökologisch wirtschaftende Höfe hatten mehr Tiere in ihre Ställe gepfercht, als das Gesetz oder Öko-Richtlinien erlauben. Ende März führten Strafverfolger 276 Ermittlungsverfahren (SPIEGEL 9/2013).
Die Ökobetriebe, die dabei negativ auffielen, wurden größtenteils vom IMO kontrolliert. Allein in Niedersachsen seien 30 Betriebe mit 64 Stallanlagen von dem Institut überwacht worden, heißt es im Bericht der niedersächsischen Verbraucherschützer unter Bezug auf die Staatsanwaltschaft. Die ermittelt ohnehin schon gegen das IMO, aufgrund einer Strafanzeige der Tierrechtsorganisation Peta.
Im vergangenen Herbst hatten Aktivisten heimlich federlose, kranke Hühner in Ställen im niedersächsischen Twistringen gefilmt, die wie der Hof am Havelkanal zum Imperium von Heinrich Tiemann gehören, dem größten deutschen Bioeierproduzenten. Auch dort prüften Kontrolleure des IMO, auch dort fanden sie Missstände, auch dort erfuhren die Behörden nichts. Tiemann will sich weder zu den Vorgängen in Mecklenburg noch zu denen in Niedersachsen äußern.
Die Konstanzer Inspektoren erweisen sich nicht zum ersten Mal als außerordentlich nachsichtig. Schon 2007 und 2008, als die Nachfrage nach Ökoeiern erstmals merklich stieg, wollten viele Höfe mit Tricks vom Bio-Boom profitieren. Die Legebetriebe verfielen darauf, ihren IMO-Kontrollvertrag zu kündigen, kurz bevor sie neue Junghennen erhielten. So konnten sie konventionell aufgezogene Tiere einkaufen. Am Tag, nachdem die Tiere im Stall waren, schlossen sie einen neuen Kontrakt ab. Damit wurden die Tiere automatisch zu Öko-Legehennen. Das IMO hatte bei dieser Mogelei mitgespielt, bis das Landesamt in Oldenburg die Tricks untersagte.
Besonders aber kreiden die Behörde und die Oldenburger Staatsanwaltschaft den IMO-Kontrolleuren an, dass sie den großangelegten Eierbetrug leicht hätten aufdecken können, wenn sie ihren Job "sachgerecht" erledigt hätten. Die IMO-Leute kontrollierten nämlich nicht nur die Legebetriebe, sondern auch den größten Lieferanten der Junghennen. Der Geflügelzuchtbetrieb Gudendorf-Ankum gehört zum Agrarkonzern der Familie Wesjohann. Die Kontrolleure hätten schnell erkennen können, dass der Hennenproduzent weit mehr Tiere verkaufte, als dann später bei den Eierbetrieben in den Papieren standen.
Die Verantwortlichen von Gudendorf-Ankum wollen sich zu den Ermittlungen nicht äußern. Aber auch hier kam es wohl zu Schiebereien. Aus einem Aufzuchtstall wurden beispielsweise 591 Junghennen mehr verkauft, als Küken vorher angeliefert worden waren. Die wundersame Tiervermehrung fiel den IMO-Kontrolleuren zwar auf, aber auch hier unternahmen sie offenbar nichts.
Die Zurückhaltung der Prüfstelle könnte damit zu tun haben, dass die Kontrollen in Deutschland - im Gegensatz zu manch anderen Ländern - privatwirtschaftlich organisiert sind. Wie der TÜV sind die Kontrollfirmen zwar verpflichtet, neutral zu untersuchen, können aber die Preise aushandeln und sind auf Folgeaufträge angewiesen.
Mit dem Versagen der Kontrolleure rückt auch der Ökoverband Naturland ins Blickfeld. In der Branche wurde Geschäftsführer Steffen Reese manchmal kritisiert, weil er Großbetriebe wie den von Heinrich Tiemann in seinen Verband aufgenommen hatte. Reese argumentierte, dass die großflächige Ausweitung des Ökolandbaus nur mit großen Betrieben zu schaffen sei. Nun aber scheinen gerade große Naturland-Betriebe von den Ermittlungen betroffen. Aktuell will Reese sich nicht äußern.
In der Branche wird außerdem darüber geredet, dass Naturland derzeit seine Verträge ändere. Große Lieferverträge wie mit Tiemann werden zugunsten kleinerer Kontrakte für einzelne Ställe umgestellt. Das wirkt bäuerlicher und generiert zusätzliche Mitgliedsbeiträge. Doch in den Ställen ändert sich dadurch nichts.
Wie Insider berichten, lasse der Verband seinen Bauern sogar Schummeleien durchgehen, etwa wenn Naturland-Erzeuger Eier zukaufen, die zwar den Ökokriterien der EU entsprechen, nicht aber den strengeren Naturland-Regeln. Trotzdem würden die Eier dann mit dem Naturland-Logo vermarktet.
Gleich mitentlarvt hat sich im Eierskandal der Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT). Dieser Verein druckt ebenfalls gern sein Kontrollsiegel auf Eierverpackungen. 95 Prozent aller in Deutschland verkauften Eier seien KAT-kontrolliert, versichert Geschäftsführer Caspar von der Crone.
Tatsächlich aber fanden die KAT-Prüfer auf ihren 6000 Kontrollen im vergangenen Jahr keinen einzigen Hinweis auf die massiven Überbelegungen in Hunderten Ställen. Womöglich kein Wunder: KAT geht nicht selbst auf die Höfe, sondern beauftragte Kontrollfirmen wie das IMO. Dem KAT-System gehörte selbstverständlich auch der Ökohof am Havelkanal an.
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 20/2013
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