13.05.2013

FINANZINDUSTRIEDer Landraub von Laos

Vietnamesische Konzerne bauen in Südostasien ohne Rücksicht auf Umwelt und Einheimische Kautschuk für den Weltmarkt an - mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Bank.
Nur mit Shorts bekleidet hockt der hagere Mann auf der winzigen Veranda seines Bretterverschlags. Der 27-Jährige aus dem Dorf Ban Hatxan in Laos lebt hier mit seiner Frau und seinen Eltern. Vor ihm liegen drei leblose Echsen, ihr Abendessen. Unter dem Pfahlbau laufen drei Hühner herum, auch ein Schwein gehört zum Haushalt. Mehr ist der Familie nicht geblieben.
Der junge Bauer, der aus Furcht vor Repressalien seinen Namen nicht nennen möchte, ist geflohen; weggelaufen vor dem vietnamesischen Konzern Hoang Anh Gia Lai (kurz: Hagl), der hier in Laos in großem Stil Kautschuk anbaut. Als "Rubber-Lords", Kautschuk-Barone, gelten die Vietnamesen in der Region.
"Sie kamen vor drei Jahren auf mein Grundstück, ohne Vorwarnung", erzählt der Bauer. Seit seiner Kindheit hatten er und seine Familie auf dem Flecken Land gelebt, aus Palmfrüchten gewannen sie Öl. "Davon konnten wir leben." Doch dann schickte Hagl seine Rodungstrupps. "Sie fällten die Bäume und brannten den Rest nieder, auch unser Haus."
Laos und Vietnam sind mehr als 8000 Kilometer von Deutschland entfernt. Doch Geld und Unterstützung für den Landraub in Südostasien bekommt Hagl auch über die Deutsche Bank. Ein Fonds ihrer Tochter DWS ist an Hagl direkt beteiligt, ebenso an einem zweiten vietnamesischen Rohstoffkonzern, einer Tochter der Vietnam Rubber Group. Außerdem ermöglichte die Bank Hagl den Gang an die Londoner Börse.
Die Geschichte zeigt, wie westliche Finanzkonzerne um jeden Preis am Erfolg aufstrebender Märkte wie Vietnam teilhaben wollen; wie sie deshalb den skrupellosen Abbau von Rohstoffen unterstützen, mit denen der Hunger Chinas und anderer Wirtschaftsmächte gestillt wird - oft auf Kosten der Umwelt und der heimischen Bevölkerung.
Recherchen der Umweltorganisation Global Witness haben ergeben, dass der Landraub indirekt auch von der Weltbank unterstützt wird, die glaubt, armen Ländern wie Laos etwas Gutes zu tun. Die Entwicklungsbank hat über ihre Tochter IFC Geld in einen Beteiligungsfonds investiert, der im Steuerparadies der Cayman Islands sitzt und ebenfalls an Hagl beteiligt ist.
IFC erklärt, für die Anlagepolitik sei der Fonds zuständig, man unterstütze ihn bei der Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards, die den Weltbank-Anforderungen entsprechen.
Die Geschichte beginnt Anfang der neunziger Jahre, als ein junger Mann namens Doan Nguyen Duc im vietnamesischen Hochland Holzmöbel für Schulen baut. Bald expandiert Duc in die Holzwirtschaft und hat in den neunziger Jahren Anteil an der unkontrollierten Entwaldung Vietnams. Richtig reich wird er indes erst nach der Jahrtausendwende, als er ins Immobiliengeschäft einsteigt.
Die Leute nennen ihn jetzt "Bau Duc", Duc, der Boss. Er leistet sich als erster Vietnamese ein eigenes Flugzeug, kauft sich einen Fußball-Club und erklärt, er wolle der erste Milliardär des Landes werden.
Helfen soll ihm dabei unter anderem die Deutsche Bank, die seit den neunziger Jahren in Vietnam Geschäfte macht. 2007 kauft sie sich bei der heimischen Habubank ein. Wie andere schnell wachsende asiatische Staaten lockt Vietnam in jener Zeit viele Investoren an.
2008 geht der "Bau Duc" mit Hagl zunächst in Ho-Chi-Minh-Stadt an den Aktienmarkt. Der Börsengang gelingt, schnell verdreifacht der Konzern seinen Börsenwert. Doch der Boss will mehr. Als erster vietnamesischer Konzern soll Hagl an die Londoner Börse gehen. Die Deutsche Bank hilft. Sie erwirbt Ende 2010 Aktien von Hagl, wenige Monate später ermöglicht sie den Vietnamesen den Börsenstart in London. Mit den Deutsche-Bank-Anteilen sind sogenannte GDRs unterlegt, Zertifikate, über die Anleger in den Hagl-Konzern einsteigen können.
Damit der Börsengang auch in London ein Erfolg wird, muss eine "Story" her, eine Geschichte, in der es um Wachstum geht. Mit den Immobilien läuft es zu der Zeit für Hagl schon nicht mehr so gut, der Konzern macht jetzt in Rohstoffen. Der Boss erkennt, welches Potential in der enormen Nachfrage steckt, die aus China und anderen wachstumsstarken Volkswirtschaften der Region kommt.
"Ich glaube, Rohstoffe sind begrenzt, und ich muss sie mir nehmen, bevor sie weg sind", soll Duc laut "Forbes"-Magazin gesagt haben. Er nimmt sie sich. Zunächst in Vietnam. Als die Expansion dort an Grenzen stößt, auch im benachbarten Kambodscha und in Laos.
Kambodscha hat bis 2012 2,6 Millionen Hektar Land verpachtet, drei Viertel der Ackerflächen des Landes. Etwa die Hälfte der Konzessionen ging an Kautschuk-Konzerne. Laos hat Landrechte für 1,1 Millionen Hektar vergeben, einen großen Teil ebenfalls für den Kautschuk-Anbau.
Zum Zuge kommen wenige Rohstoff-Magnaten. Allein Hagl soll in der Region mehr als 80 000 Hektar Land kontrollieren. Mit welchen Mitteln das Unternehmen im Kautschuk-Geschäft groß wurde, zeigt ein Deal, den der Konzern mit der Regierung in Laos einging.
Für 2009 hatte das klamme Land den Zuschlag für die Ausrichtung der Südostasienspiele bekommen und brauchte dringend die Hilfe ausländischer Investoren, um das Großereignis zu stemmen. Für die (Kredit-)Finanzierung des Athletendorfs im Wert von 19 Millionen Dollar erhielt Hagl 10 000 Hektar Land, durfte dort den Wald abholzen und Kautschuk anbauen. Die betroffene Bevölkerung erfuhr davon oft erst, als die Bulldozer kamen.
Während die Zentralregierung die vietnamesischen Konzerne unterstützt, sind lokale Politiker ohnmächtig. "Natürlich sorgen auch wir uns um die Zukunft und um das Klima", sagt ein Beamter in Attapeu. Hagls Rodungen würden den Süden von Laos auf Generationen verändern. Andererseits: "Laos ist ein armes Land, was bleibt uns anderes übrig? Wir brauchen Entwicklung." Hagl verspricht sie.
Global Witness wirft den Konzernen zudem vor, durch direkte persönliche Beziehungen zu den Machthabern in Kambodscha und Laos an Konzessionen für den Landraub gekommen zu sein. In Kambodscha etwa ist die Fläche, die einzelne Unternehmen erwerben dürfen, auf 10 000 Hektar begrenzt. Doch die Rubber-Lords überschreiten diese Grenzen, indem sie über ein verschachteltes System von Tochterfirmen weitere Konzessionen erwerben. Zudem roden die Konzerne regelmäßig auch in Gebieten jenseits der erworbenen Konzessionen.
Die Vereinten Nationen kritisierten schon 2012 in einem Bericht über Kambodscha: "Die Vergabe und Verwaltung von Landrechten krankt an einem Mangel an Transparenz und Gesetzeskonformität." Es sei zweifelhaft, ob die heimische Bevölkerung von der Landnutzung profitiere, Korruption sei im Spiel, es gebe ernsthafte Menschenrechtsverletzungen. Umwelt werde zerstört, den Einheimischen Mitsprache verweigert und der Lebensunterhalt genommen. Die Konzessionsnehmer gingen teils gewaltsam vor, unterstützt von der Armee.
Die gleichen Erfahrungen machen die Einwohner in Laos. Einige der entwurzelten Bauern in der Provinz Attapeu haben sich in eine Waldlichtung oberhalb des Flusses Xekaman zurückgezogen, der den Südosten von Laos wie ein braunes Band durchzieht. Sie haben Angst vor den Vietnamesen. Wer sich mit dem Plantagen-Konzern anlegt, bekommt es mit der laotischen Obrigkeit zu tun.
Viele hoffen hier immer noch, Ersatz zu bekommen für das geraubte Land, so auch der hagere junge Mann aus dem Dorf Ban Hatxan. Für drei Hektar Land zahlten die Hagl-Leute dem Bauern 1,5 Millionen Kip, etwa 150 Euro. Für das Haus wollten sie ihn zunächst gar nicht entschädigen. "Sie sagten: Warum wollt ihr dafür Geld? Das ist doch abgebrannt." Am Ende habe ihm einer der Männer 16 000 Kip ausgehändigt. Dieser Betrag reicht in einem Restaurant der nahen Provinzhauptstadt Attapeu gerade für eine Nudelsuppe mit Fleischeinlage.
Bis die Regierung ihm ein neues Stück Land zur Verfügung stellt, bleibt dem Bauern nichts anderes übrig, als mit anderen Vertriebenen bei Hagl auf der Plantage zu arbeiten. Und von all dem wusste die Deutsche Bank nichts? Das ist kaum anzunehmen. Im Wertpapierprospekt zum Börsengang in London weist Hagl selbst auf Gesetzesverstöße hin. Für einige seiner Projekte habe Hagl bestimmte Genehmigungen und Lizenzen nicht erhalten. Zudem "steht die Entwicklung und Durchführung mancher Projekte nicht im Einklang mit den anzuwendenden Gesetzen und Vorschriften", heißt es da. Hagl erklärte dazu später, einige Passagen in dem Prospekt seien falsch übersetzt worden, man habe sich immer an die Gesetze gehalten. Für eine weitergehende Stellungnahme war Hagl nicht zu erreichen.
Die Deutsche Bank erklärt, eine Prüfung durch den DWS-Fonds, der derzeit nur 0,6 Prozent an Hagl halte, habe "keine Hinweise auf eine Verletzung international akzeptierter Normen" ergeben. Gebe es Belege zu den Vorwürfen, werde sie mit den Konzernen in einen Dialog treten, um die Bedingungen in Bezug auf Umwelt und Soziales zu verbessern.
Doch sogar mit dem von der Deutschen Bank gestalteten Londoner Börsengang selbst verletzte Hagl vietnamesisches Recht und wurde dafür von der Wertpapieraufsicht des Landes bestraft.
Zu Standards für nachhaltiges Bankgeschäft, zu denen sich die Deutsche Bank offiziell bekennt, passt die Finanzierung der Rubber-Lords eh nicht. "Wie kann die Deutsche Bank erwarten, dass ihre Kunden und Aktionäre glauben, was sie ihnen über Ethik und Nachhaltigkeit erzählt, wenn sie insgeheim solche Aktivitäten finanziert?", sagt Megan MacInnes von Global Witness.
Die Frankfurter seien nicht zum ersten Mal durch die Finanzierung von Landraub aufgefallen. Sie müssten ihren Einfluss nutzen, "damit die von ihr finanzierten Unternehmen ihre Geschäfte wieder mit den Gesetzen in Einklang bringen".
Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei der Deutschen Bank auseinander. Auch im Jahr eins des von den neuen Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen beschworenen kulturellen Wandels.
Von Martin Hesse, Jörg Schmitt und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 20/2013
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