DER SPIEGEL



Spiegel des 20. Jahrhunderts

Verräterin der Weiblichkeit?

DAS JAHRHUNDERT DER BEFREIUNG: Die Emanzipation der Frau

Von Schwarzer, Alice

PORTRÄT Alice Schwarzer über Simone de Beauvoir

Sie ist das Symbol der emanzipierten, intellektuellen Frau des 20. Jahrhunderts. Sie gehört zu der Anfang des Jahrhunderts geborenen ersten Generation von Frauen, die, zumindest theoretisch, einen uneingeschränkten Zugang zu Bildung und Beruf hatten.

Diese Pionierinnen waren stolze, selbstbewußte Frauen, die die Frauenfrage für erledigt hielten und sich selbst keineswegs in erster Linie als "Frauen" verstanden, sondern als Menschen. So schrieb Simone de Beauvoir im Rückblick über sich selbst: "Ich hielt mich nicht für eine ''Frau'', ich war ich."

Es dauerte Jahrzehnte, bis sie sich ihrer Grenzen als Frauen bewußt wurden, auch Simone de Beauvoir. Schließlich war die intelligente, unkonventionelle Philosophielehrerin die (geschlechterübergreifend) jüngste Absolventin der Pariser Elite-Hochschule Ecole normale supérieure und im Kreis ihrer Kollegen durchaus anerkannt.

Doch als die später weltberühmte Schriftstellerin Beauvoir bei dem Pariser Verlag Gallimard 1937 ihre ersten Erzählungen einreichte, wurden diese mit der Begründung abgelehnt, die Texte seien "unpassend für eine Frau": Heutzutage wäre eine solche Argumentation wohl schwer denkbar, sie würde eher lauten: "Dieser Text wäre passender für unsere Frauenreihe." Als Frau ausgeschlossen sein oder ins Frausein eingeschlossen sein - kommt das nicht letztendlich auf das gleiche raus?

"Anfänglich hatte ich geglaubt, schnell damit fertig zu werden", schreibt Beauvoir. "Ich hatte nie an Minderwertigkeitskomplexen gelitten, niemand hatte zu mir gesagt: Sie denken so, weil Sie eine Frau sind. Daß ich eine Frau bin, hatte mich in keiner Weise behindert."

Doch jetzt erkannte es auch die Privilegierte: "Diese Welt ist eine Männerwelt." Unleugbar spielt es, unabhängig von Bildung, Klassenzugehörigkeit und Hautfarbe, für jede Frau in jeder Sekunde ihres Lebens eine Rolle, daß sie eine

Gekürztes Vorwort zu Schwarzers Neuausgabe der Gesprächssammlung "Simone de Beauvoir. Rebellin und Wegbereiterin", die der Verlag Kiepenheuer & Witsch zum 50. Jahrestag von Beauvoirs "Das andere Geschlecht" am 24. März herausbringt (136 Seiten; 16,90 Mark).

Frau ist - ob sie will oder nicht; und für jeden Mann, daß er ein Mann ist. Er macht das Gesetz, sie hat sich zu fügen. Er ist die Norm, sie die Abweichung. Er ist der Eine, sie die Andere.

Beauvoirs umfassendes theoretisches Werk "Das andere Geschlecht", erschienen 1949, prägt bis heute das Denken auch derer, die sich dessen gar nicht bewußt sind. Das Buch veränderte das Leben von Millionen Frauen, ja die Welt, es ist das Fundament, auf dem die neuen Frauenbewegungen stehen. Ohne dieses Buch hätten sich die Feministinnen des ausgehenden 20. Jahrhunderts mühsam Schritt für Schritt erobern müssen, was diese eine Pionierin in Siebenmeilenstiefeln abgemessen hat.

Ich selbst gehöre zu der Generation, für die die ferne Existenz einer Simone de Beauvoir eine unerhörte Herausforderung und Ermutigung war. Da war nicht nur ihr Werk - die Romane, Essays, Reportagen -, da war auch ihr Leben: eine Intellektuelle, die sich widerständig und beachtet in die politischen Debatten ihrer Zeit einmischte; eine Frau, die mit ihrem Weggefährten unverheiratet in getrennten Wohnungen und in "freier Liebe" lebte; eine Schriftstellerin, die kreativ, erfolgreich - und begehrenswert war. Kurzum: eine ganz und gar unerhörte Erscheinung!

Doch selbst in den Gesprächen mit mir hat sie, ganz wie in ihren Memoiren, nicht immer die volle Wahrheit gesagt, wie sich nach ihrem Tod herausstellte. Allerdings hat Beauvoir selbst diese volle Wahrheit via Nachlaß postum mitgeteilt. Die Rede ist hier vor allem von dem Deal zwischen Beauvoir und Sartre und ihrer lebenslangen Bisexualität.

Einige Jahre vor ihrem Tod 1986 hatte ich sie gefragt, ob es etwas gebe, was sie als Autorin heute anders machen würde. "Ja, ich wäre ehrlicher", hat sie geantwortet. "Ich habe nicht alles gesagt über meine Sexualität." Sie hat auch nicht alles gesagt über den Preis ihrer "freien Liebe". Denn natürlich war der Pakt einer Hauptbeziehung mit Sartre - bei gleichzeitigen Nebenbeziehungen mit Dritten - schwerer für die Frau, die Liebe und Sexualität nicht so leicht trennen konnte und wollte. Auch ihrer Liebe zu Frauen hat Beauvoir systematisch durch ungleiche, ihr nicht gewachsene Freundinnen keine Chance gegeben.

Ausgerechnet die Autorin, die die klarsichtigsten Texte über Liebe und Sexualität geschrieben und sie auch gelebt hat, hat also lange einen Blindflecken bei der Frage der weiblichen Homosexualität gehabt. Sie muß gespürt haben, daß sie ihren Anspruch auf Ganzheitlichkeit nur mit der Unterstützung eines Mannes würde realisieren können. Ist vielleicht das der eigentliche Grund für ihren lebenslangen Pakt mit Sartre, ihrem "männlichen Zwilling"? Und hat Beauvoir dafür etwa einen zu hohen Preis bezahlt?

So zumindest sieht es das britische Autorenpaar Kate und Edward Fullbrook. Es stellte die minutiös belegte These auf, Beauvoir sei nicht, wie immer behauptet, die "Schülerin Sartres", sondern es sei genau umgekehrt: Sie sei die eigentliche Schöpferin des französischen Existentialismus und Sartre ihr "Plagiator". Doch auch Beauvoir selbst habe lebenslang versucht, das zu vertuschen.

Die Fullbrooks belegen anhand der Tagebücher von Beauvoir und Sartre, daß sie noch vor ihm die Mutter des Gedankens war. War es also die unausgesprochene Bedingung dieses Pakts zwischen einer Frau und einem Mann, daß sie nicht nur alles mit ihm teilte, sondern ihm ganze Teile ihres Lebens und Denkens abtrat - von den Geliebten bis zu den Erkenntnissen? Und ist es vielleicht überhaupt so, daß Frauen, denen Männer die Gnade der Gleichheit gewähren, sich diese erkaufen müssen - durch Zuarbeit?

Hatte die junge Beauvoir also den brillanten Jean-Paul Sartre vor allem gewählt, um an seiner Seite Zugang zu der ihr als (randständiger) Frau verschlossenen Welt zu haben? War Sartre also für sie auch eine Art Medium, über das sie, die Frau, "männlich" denken und handeln durfte?

Es ist wahrscheinlich, daß die bedeutendste Intellektuelle dieses Jahrhunderts ohne diesen Mann an ihrer Seite nie die hätte werden können, die sie geworden ist. Doch: Sie wäre ohne ihn auch nicht Gefahr gelaufen, in seinem Schatten zur relativen Frau, zur "Anderen" degradiert zu werden.

Als das postume Erscheinen der Beauvoir-Briefe 1990, vier Jahre nach ihrem Tod, enthüllte, daß der "reizende Biber" (wie Sartre sie nennt) seinem "geliebten kleinen Geschöpf" (wie sie ihn vorzugsweise anspricht) die Liaisons mit Frauen meist als "lästig" und unbedeutend dargestellt hat, war eine ihrer frühen Geliebten, Bianca Bienenfeld, so verletzt, daß sie, ein halbes Jahrhundert später, zur Abrechnung schritt. Sie veröffentlichte die "Memoiren eines getäuschten Mädchens". Darin beklagte die Gekränkte sich bitter über die "Skrupellosigkeit" des allzu freien Paares.

All das ist Wasser auf die Mühlen derer, die schon lange den Mythos Beauvoir bekämpfen wollen. Nicht nur Beauvoirs Werk sei fragwürdig, sondern auch ihr Leben sei alles andere als vorbildhaft, heißt es nun. Die ganze Libertinage sei auf Sartres Mist gewachsen. Gedemütigt habe sie ein Leben lang seinen Harem ertragen. Und Frauen gegenüber habe sie sich schlimmer verhalten als jeder Kerl.

Gerade Linke, die einst selbst adorierend zur Mythenbildung beigetragen hatten, rechneten jetzt mit den früher so Verehrten ab. Vor allem mit ihr - was nicht neu ist. Schon bei Erscheinen des "Anderen Geschlechts" hatte Albert Camus das Buch quer durch den Raum geschleudert und gegiftet: "Sie haben den französischen Mann lächerlich gemacht!" Und niemand griff Beauvoir für ihre die bestehende Ordnung so fundamental in Frage stellende Analyse des Machtverhältnisses zwischen den Geschlechtern so heftig an wie die Kommunisten.

Auch heute kommt Kritik meist aus sich als fortschrittlich verstehenden Lagern - und oft von Frauen. Denn das Verhältnis zur "Übermutter" Beauvoir ist nicht selten unsouverän und angespannt. Sie scheinen sich einerseits blind mit dem Vorbild zu identifizieren, andererseits das einstige Idol für ihr eigenes Ungenügen zu hassen.

Der Konflikt um Beauvoir hat aber keineswegs nur psychologische, sondern auch handfeste politische Gründe. Denn die Kritik an der bedeutendsten Vertreterin des universell-feministischen Denkens in diesem Jahrhundert kommt quasi ausschließlich von den sogenannten Differentialistinnen; das heißt von Frauen, die, wie Luce Irigaray, der Auffassung sind: "Geschlecht ist Schicksal". Sie stellen nicht die Machtfrage wie Beauvoir, sondern verschleiern (und rechtfertigen sie damit) und beharren auf einer mythischen Differenz zwischen den Geschlechtern. Beauvoir ist in ihren Augen eine "Verräterin der Weiblichkeit", denn sie habe einen "männlichen Diskurs".

Wer ist Simone de Beauvoir? Sie ist eine unbeugsame Kritikerin der Betonung und Verherrlichung eines quasi natürlichen, schicksalhaften Unterschieds zwischen den Geschlechtern. Beauvoirs Ideal ist im Gegenteil die Wiedervereinigung des in eine "weibliche" und eine "männliche" Hälfte geteilten Menschen. Ihre Utopie ist die Geschwisterlichkeit der Geschlechter; ihr Credo der berühmteste feministische Satz dieses Jahrhunderts: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht."

Von Anfang an will Simone de Beauvoir beides sein: Objekt und Subjekt, Frau und Mann, Mensch. Sie weiß um die unterschiedlichen Prägungen und Realitäten der Geschlechter - aber sie nimmt sich die Freiheit der Wahl. Sie will sich nicht teilen lassen in Kopf oder Körper, in geachtet oder begehrt.

Nun jährt sich zum 50. Mal das Erscheinen ihres Buches "Das andere Geschlecht". Was hat Beauvoir bewirkt? Wie aktuell ist ihr Denken heute?

Das existentialistische Credo lautet: Der Mensch ist frei geboren. Ein Satz, der heute, in Zeiten der entmündigenden Psychologisierung und verschleiernden Mystifizierung der "Differenz" - zwischen den Geschlechtern, Rassen und Kulturen -, brennend aktuell ist. Nicht nur in Afghanistan, Algerien und in Iran kann der "kleine Unterschied" das Leben kosten. Das Leben einer Frau.

Die Erfahrungen der Pioniergeneration könnten lehrreich sein für die neue Frauengeneration, die nun Zugang zu Bildung und Beruf hat. Doch auch ihr wird, ganz wie einst, ein uneingeschränkter Zugang zur Welt und die Teilhabe an der Macht verweigert.

Auch unter diesem Aspekt ist das Werk von Beauvoir hoch aktuell. Diese jetzt nachrückende vierte Frauengeneration des 20. Jahrhunderts könnte profitieren von der Erfahrung einer Simone de Beauvoir: ihrer Klarsicht und ihrem Mut.

Schwarzer, 56, streitbarste deutsche Feministin, war mit Beauvoir befreundet.

DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. DAS JAHRHUNDERT DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR

Gekürztes Vorwort zu Schwarzers Neuausgabe der Gesprächssammlung "Simone de Beauvoir. Rebellin und Wegbereiterin", die der Verlag Kiepenheuer & Witsch zum 50. Jahrestag von Beauvoirs "Das andere Geschlecht" am 24. März herausbringt (136 Seiten; 16,90 Mark). DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. DAS JAHRHUNDERT DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR

DER SPIEGEL 9/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 9/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Spiegel des 20. Jahrhunderts:
Verräterin der Weiblichkeit?

TOP



TOP