01.03.1999

GROSSBRITANNIEN

Rasputin von Downing Street

Von Hoyng, Hans

Vor einem Euro-Beitritt muß Premier Blair das Mißtrauen der Briten überwinden. Wichtigster Helfer ist sein neuer Pressechef.

Blut fließt im Vereinigten Königreich. Es quillt, gottlob, nur aus Zeitungskiosken, kündet aber gleichwohl von einer gewaltigen Schlacht, die vorige Woche anhob, als Premier Tony Blair "die Totenglocke für das Pfund Sterling" läutete. So jedenfalls empfanden wortgleich der vornehm-konservative "Daily Telegraph", die Hauszeitung für Britanniens bessere Stände, und die "Sun", das rüpelhafte Londoner Massenblatt. Die lang erwartete Auseinandersetzung zwischen der mehrheitlich europhoben britischen Presse und dem in Europafragen stets übervorsichtigen Premier hatte begonnen.

Zwar ist die britische Übernahme der gemeinsamen Währung im wahrscheinlichsten Fall erst 2004 zu erwarten. Überdies ist sie abhängig von einem Volksentscheid nach der nächsten Wahl (beides voraussichtlich in 2001). Doch schon die Präsentation eines Vorbereitungsplans für die Umstellung auf den Euro erzürnte die erfahrenen publizistischen Streiter wider alles kontinentale Übel. Sie droschen auf Blair ein wie auf einen Vaterlandsverräter.

Die Vorarbeit für den Euro sei "schäbiger Machtmißbrauch", befand die "Daily Mail". Die "Times" warnte vor einem "historischen Irrtum". Das Schwesterblatt "Sun", ebenfalls aus dem Hause des australisch-amerikanischen Verlegers Rupert Murdoch, mobilisierte per Telefon-Hotline eine "gewaltige Armee" von Pfund-Rettern und drohte, Blair könne "leicht zum verhaßtesten Premier überhaupt werden".

Immerhin: Allenthalben war Erleichterung zu spüren, daß im Konflikt um die entscheidende Frage britischer Politik endlich die Fronten geklärt sind. Dies sei "der große Moment", behauptete Blairs Sprecher Alastair Campbell und kündigte an, daß der Premier die Auseinandersetzung bei der Verleihung des Aachener Karlspreises mit einer Grundsatzrede zur Zukunft Europas vorantreiben will.

Blairs wichtigster Feldherr in diesem Kampf wird ebenjener Sprecher Campbell sein, der nach dem Rücktritt seines Vertrauten Peter Mandelson zum mächtigsten Helfer des Premiers aufstieg. War Mandelson bei Freund und Feind wegen seiner trickreichen Medienmanipulationen als "Fürst der Finsternis" verrufen, gilt nun Campbell im Regierungsviertel Whitehall als "Blairs Rasputin" oder "Vizepremier".

In der Tat hatte noch kein Pressesprecher vor ihm eine solche Machtvollkommenheit genossen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern nimmt Campbell, 41, an jeder Kabinettssitzung teil. Campbell redigiert nicht nur alle Blair-Reden, sondern kann jederzeit aus dem Stegreif jene abgefeimten Meinungsbeiträge verfassen, die unter Blairs Namen in den Boulevardzeitungen erscheinen und mit denen der nicht sonderlich volksnahe Regierungschef beweisen will, wie gut er die Nöte seiner Landsleute kennt.

Campbells Büro für "Strategische Kommunikation" wird vor allem von den erfolglos um Sympathien werbenden Tories beneidet. Dort bringen seine Mitarbeiter die "Agenda" heraus, einen Regierungsfahrplan, der verbindlich festlegt, wer wann was zu welchem Thema sagen darf. Per Fax und E-Mail gibt er tägliche Sprachregelungen aus.

"Kontrolle über die Botschaft", die Sorge, daß die wichtigsten Anliegen der Regierung auch überkommen, verfolgt Campbell rücksichtslos. Während der Regierungschef den Briten mehr Demokratie versprochen hat und etwa die Londoner Zentrale ihre Macht künftig mit neuen Regionalregierungen teilen will, versucht der Pressechef die Kontrolle von 10 Downing Street immer weiter zu stärken. Schon beschweren sich auch Labourabgeordnete, daß das Parlament, traditionelles Zentrum britischer Politik, zum bloßen Befehlsempfänger degradiert werde.

Nicht nur Parteifreunde, die es wagen, "off message" zu gehen, werden mit zornigen Faxen auf den rechten Weg zurückgeholt. Vor allem unbotmäßige Berichterstatter verfolgt Campbell mit wüsten Beschimpfungen und Beschwerden bei deren Chefs. Sein rüder Ton gehört inzwischen zur Whitehall-Folklore. Wer das schöne Bild, das Campbell in den täglichen Briefings unermüdlich neu erstrahlen läßt, nicht brav wiedergibt, gilt als unfähiger "Wichser", der nur "Scheiße" produziert.

Als ehemaliger Politikchef des labournahen "Mirror" ist Campbell Boulevard-Journalist aus Überzeugung. Doch nach knapp zwei Jahren im Amt beginnt der Pressechef, der sich während seiner Cambridge-Studienjahre sein erstes Honorar durch Pornographie erschrieben hat, ernsthaft an seiner alten Zunft zu zweifeln.

Am Beispiel der Kampagne gegen den deutschen Finanzminister Oskar Lafontaine, laut "Sun" der "gefährlichste Mann Europas", wirft Campbell der Whitehall-Presse vor, sich wie eine Hundemeute auf ein jeweiliges Opfer zu stürzen und dabei den Blick für die - im allgemeinen weitaus kompliziertere - Wirklichkeit zu verlieren. Der Versuch, die Wähler über die politische Berichterstattung in den Tageszeitungen zu erreichen, sei darum meist zwecklos. Deshalb empfiehlt Campbell seinem Chef, sich künftig häufiger in seichten TV-Talkshows blicken zu lassen, oder seine Anliegen in regionalen Medien und in Frauenzeitschriften auszubreiten, wo freundlichere Behandlung garantiert ist.

Ob eine solche Strategie ausreicht, die skeptischen Briten von den Vorteilen einer gemeinsamen europäischen Währung zu überzeugen, ist allerdings nicht sicher. In dieser Frage traut Campbell offenbar eher seiner alten Überzeugung, daß eine Verständigung mit den Zeitungsbesitzern wichtiger ist als mit den Redakteuren.

Vorigen Mittwoch konnte Campbells Büro nicht dementieren, daß Tony Blair persönlich Kontakt zu dem entschiedensten Gegner der gemeinsamen Währung aufgenommen hat, zum einflußreichsten Pressezaren Murdoch. HANS HOYNG


DER SPIEGEL 9/1999
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