01.03.1999

USAWie ein Tier im Käfig

Selbst Appelle Prominenter beeindruckten nicht - die Hinrichtung des Deutschen Karl LaGrand wurde als Spektakel inszeniert.
Als alle Berufungen, alle Initiativen, alle eindringlichen Gnadengesuche deutscher Spitzenpolitiker endgültig abgeschmettert waren, traf der Mörder Karl LaGrand seine letzte Entscheidung. Der Deutsche bat, doch lieber durch eine Giftspritze zu sterben statt qualvoll in der Gaskammer.
Das Gas hatte er gewählt, um Aufschub zu erreichen. Denn ein solches Hinrichtungsmittel hatte das zuständige kalifornische Berufungsgericht für ungebührlich grausam erklärt. Doch der Oberste US-Gerichtshof verwarf auf Antrag des Staates Arizona Stunden vor der Exekution dieses Urteil - daraufhin besann sich Karl LaGrand anders.
Kein Problem für die Tötungsmaschinerie im Staatsgefängnis Florence in der Wüste von Arizona: Geschäftig wurde das Zyanid wieder weggesperrt und die Giftspritze aufgezogen. Zwei Stunden später schnallten Vollzugsbeamte den Todgeweihten auf die Liege.
Die Zeugen der Hinrichtung wurden plaziert, und LaGrand sprach zum letzten- mal. Er bat die Witwe des Filialleiters Ken Hartsock, den er und sein Bruder Walter bei einem Banküberfall vor 17 Jahren mit 24 Stichen ermordet hatten, um Verzeihung. Dann begann das Gift durch die Venen zu fließen.
Der 35jährige lag regungslos, die Augen hatte er bis zuletzt auf seine Verteidigerin gerichtet. Um acht Uhr abends, vier Mi-
* Vor dem Staatsgefängnis in Florence am 24. Februar.
nuten nach der Injektion, war Karl LaGrand tot.
Er ist der erste Deutsche, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA hingerichtet wurde. An diesem Mittwoch ist sein älterer Bruder Walter, 37, an der Reihe. Alles deutet auf eine zweite gnadenlose Vollstreckung hin.
"Auch noch so große Schuld", hatte zuletzt Außenminister Joschka Fischer gemahnt, "ist kein Grund, einem Menschen das Leben zu nehmen." Doch weder die republikanische Gouverneurin Jane Hull noch der Gnadenausschuß ließen sich von den zahlreichen deutschen und internationalen Protesten beeindrucken - oder gar von dem Argument, daß den Brüdern das in der Wiener Konvention festgelegte Recht auf Kontakt mit ihrem Konsulat nicht zuteil geworden war. Statt dessen degradierte Hull die Sache zum Spektakel.
Wie ein Tier im Käfig saß Karl LaGrand in Handschellen am Tag vor seinem Tod in jener winzigen Zelle, in der die Verurteilten normalerweise mit ihren Besuchern sprechen. Durch ein blaues Gitter blickte er auf das Schicksalskomitee.
Er sah Styroporbecher voller Kaffee, einen rotglitzernden Cola-Automaten und eine Assistentin, die immer wieder einschlief, während Anwälte, Politiker, Diplomaten, Gläubige und Menschenrechtler um sein Leben kämpften. Er sah Fernsehtechniker in kurzen Hosen und mit Baseballkappen, er hörte Handys lärmen und die eilig aufgestellten gelben Plastikstühle quietschen. In dem sterilen graublauen Saal, wo sein Schicksal entschieden wurde, ging es zu wie auf dem Jahrmarkt.
Pressechefin Camilla Strongin stöckelte kaugummikauend über den hallenden Steinboden, perfekt herausgeputzt für ihren großen Auftritt. Zehn statt der verabredeten drei Kamerateams rangelten um die beste Position, und die war direkt vor den Zuschauerplätzen. Den Menschen, denen Karl LaGrand am meisten bedeutete, seinen früheren Pflegeeltern, war die Sicht versperrt.
Nach der Mittagspause erschien LaGrand nicht wieder. Er hatte das Gnadengesuch des deutschen Botschafters in Washington, Jürgen Chrobog, gehört und die Plädoyers seiner Anwälte, der Amerikanerin Carla Ryan und des Deutschen Steffen Ufer. Er hatte der emotionalen Ansprache der grünen Bundestagsabgeordneten Claudia Roth gelauscht und dem rührenden Appell zweier münsterscher Jungunternehmer, die spontan angereist waren. Er hatte gehört, wie ein Psychologe die Seele des Karl LaGrand offenlegte, die eines mißbrauchten, vernachlässigten Kindes.
Die Anklagevertreter wollte er sich nicht mehr antun. "Tiere" seien die LaGrands, befand der Staatsanwalt, "die kannten keine Gnade, jetzt kriegen sie keine." Die überlebende Bankangestellte Dawn Lopez schluchzte: "Die bereuen nichts, sie sollen nicht begnadigt werden."
Dann ging alles schnell. Ohne jede Beratung fragte der Ausschußvorsitzende die sämtlich juristisch ausgebildeten Mitglieder nach ihrem Urteil. Eine Minute später stand fest: Karl LaGrand soll sterben. Nur eine junge Schwarze stimmte dagegen.
Die Ausschußmitglieder packten zusammen und gingen in den Feierabend. Claudia Roth brach in Tränen aus, umstellt von Kameras, und kündigte internationale Schritte gegen die Todesstrafe an. Anwalt Ufer gab der Regierung Schröder, die nicht vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag geklagt hat, die Schuld. Karl sei "das Opfer des Mißerfolgs der Koalition". Chrobog wies diesen Vorwurf scharf zurück.
Wenn Walter LaGrands Gnadenausschuß tagt, wird keiner von ihnen dabeisein. MICHAELA SCHIEßL
* Vor dem Staatsgefängnis in Florence am 24. Februar.
Von Michaela Schießl

DER SPIEGEL 9/1999
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