01.03.1999

TIERESchöne Afrikanerin

Eine vom Nil herbeigeschaffte Giraffe versetzte 1827 ganz Frankreich in Verzückung. Ein Amerikaner rekonstruierte jetzt die seltsame Geschichte.
Für gewöhnlich lassen es die Franzosen am vaterländischen Gedenken für ihre großen Söhne und Töchter nicht fehlen. Dem Thronräuber Bonaparte spendierten sie einen Sarkophag im Invalidendom, der Transvestitin Jeanne d''Arc ein Ehrenmal in Rouen. Joseph Pujol, der berühmteste Kunstfurzer aller Zeiten, liegt seit 1945 auf dem Friedhof von Toulon unter repräsentativem Marmor.
Um so beschämender mutet an, wie das Volk der Franzosen mit "Zarafa" verfährt. Ihre letzte Ruhestätte ist der erste Treppenabsatz im naturhistorischen Museum von La Rochelle, wo sich die miserabel ausgestopfte Giraffe von ringsum hängenden Nilpferdschädeln begaffen lassen muß - wohl kaum das angemessene Gedenkambiente für ein Geschöpf, das einst der Stolz der Grande Nation war.
Im Sommer 1827, als Zarafa nach zweieinhalb Jahre langer und 7000 Kilometer weiter Reise zu Schiff und zu Fuß endlich in Paris anlangte, war sie die Sensation der Saison, die auch modisch ganz im Zeichen der langhalsigen Wiederkäuerin stand: Die Damen trugen die Haare höchstgetürmt "à la girafe", die Herren konterten mit röhrenartigen "Giraffique"-Hüten sowie Krawatten und Westen im Fleckdesign des Giraffenfells.
Karl X., der das exotische Tier zum Geschenk erhalten hatte, empfing Zarafa mit höfischem Zeremoniell; des Königs xanthippoide Nichte hingegen zeterte, weil auch sie nun auf dem Boden ihrer Kalesche hocken mußte, um ihre Giraffenfrisur nicht am Kutschplafond zu zerdrücken.
Das Volk jedoch ergötzte sich uneingeschränkt: Zu Zehntausenden lärmten Schaulustige an Zarafas Gehege im Jardin du Roi vorbei, futterten Gebäck in Giraffenform, sangen die neuesten Giraffenlieder und schwadronierten über die Gloire Frankreichs, das als einziges Land Europas eine Giraffe sein eigen nannte - Zarafa nahm es gelassen, denn auf ihrem 900-Ki-
* Gemälde von J. Raymond Brascassat (1804 bis 1867).
** Michael Allin: "Zarafa". Headline Book Publishing, London; 216 Seiten; 12,99 Pfund.
lometer-Marsch von Marseille nach Paris hatte sie sich an die Begleiterscheinungen des Showgeschäfts gewöhnt.
Die Erinnerung an die französische Nationalgiraffe, die Stendhal und Balzac inspirierte und den vierjährigen Flaubert so beeindruckte, daß er sie sein Leben lang nicht vergaß, hat jetzt ein Amerikaner in einem liebevoll recherchierten Buch wiederbelebt - eine späte Hommage an den wackeren Paarhufer, dem nun endlich der Splitter Unsterblichkeit zuteil wird, der ihm seit seiner aufsehenerregenden Ankunft auf französischem Boden zusteht**.
Feucht-schwer lag über Marseille der Nebel, als Zarafa, samt Gefolge aus der Savanne Afrikas herbeigeschifft, am frühen Morgen des 20. Mai 1827 zur letzten Etappe ihrer Reise ins postnapoleonische Paris aufbrach.
Vorneweg schritten euterschwingend vier Milchkühe, gefolgt von zwei älteren
Mohren in Pumphosen sowie einem jungen Araber mit für sein Alter erstaunlich aus-
gereiften Plattfüßen. Schlurfend bewegte sich auch die Giraffe, wann immer sie die eigens angefertigten Lederstiefeletten zum Schutz ihrer Füße und das schwarze Regencape aus gewachstem Taft auf dem Rücken trug. Hinter Zarafa knirschte ein Fuhrwerk mit einer Antilope und zwei Mufflons in Käfigen, die mit infernalischer Lautstärke gegen diese Art des Transports protestierten.
Die Idee, eine Giraffe nach Frankreich zu verschicken, entstammte den winkelzügigen Hirnen eines Piemontesers und eines Albaners, zweier Meister der krummen Wege, auf denen es der eine zum französischen Generalkonsul, der andere zum osmanischen Vizekönig in Ägypten gebracht hatte; im Nebenberuf galten beide als die größten Grabräuber und Sklavenhändler ihrer Zeit.
Weil der Konsul Bernardino Drovetti und sein vizeköniglicher Kumpan Mohammed Ali gern auch noch in Griechenland ein wenig plündern wollten, die Franzosen aber damit nicht einverstanden waren, kamen die zwei auf den Gedanken mit der Geschenk-Giraffe für den König.
Sofort sei ein solches Tier herbeizuschaffen, befahl Ali im Sommer 1824 und ließ, um die Dringlichkeit seines Anliegens zu unterstreichen, ein paar ministeriale Köpfe rollen - ein damals noch zulässiges Mittel, um eine Bürokratie auf Zack zu bringen. Dennoch mußte der Vize sich fast anderthalb Jahre gedulden, bis Zarafa die 3500 Kilometer lange Nilfahrt vom Sklavenstützpunkt Sennar im Sudan nach Alexandria hinter sich gebracht hatte - stets begleitet von ihren treuen Kühen, von deren Milch sie sich noch in Paris ernährte.
Postum zu loben ist aber auch Capitano Stefano Manara, der für die vierwöchige Schiffsreise nach Marseille ein großes Loch mitten ins Deck seiner schönen Brigantine "I Due Fratelli" sägen ließ, damit die Geschenk-Giraffe nur ja bequem reise: Aus der sorgsam mit Stroh umpolsterten Öffnung ragte einen Meter hoch Zarafas filigraner Kopf mit den großen, blauschwarzen, wie sinnenden Augen, die bald schon noch Seltsameres erblicken sollten als den gut gefüllten Schritt italienischer Seemannshosen.
Abgrundtief waren die Dekolletés der Damen der Gesellschaft von Marseille, die sich in Zarafas luxuriösem Quartier im Garten des Präfekten zu "Soirées à la Girafe" scharten. Das Faible für die "schöne Afrikanerin" reiste Zarafa auf ihrem Weg in die Metropole Paris ebenso voraus wie ihren schwarzen Betreuern der Ruf, sie seien nur allzu bereitwillig
geneigt, die Neugier weißer Weiblichkeit zu befriedigen.
In Lyon drängten sich bei Zarafas Ankunft 30 000 Menschen, ein Drittel der Einwohnerschaft, unter den Linden der Place Bellecour. Das war nur ein kleiner Vorgeschmack auf den Rummel, der losbrach, als Zarafa nach 41 Tagen endlich in Paris angekommen und dem sichtlich erfreuten König vorgestellt worden war: Frankreich begab sich geschlossen in den Giraffenwahn.
Im ganzen Land wurden Straßen, Plätze und Gasthäuser nach Zarafa benannt; von überall her wallten Schaulustige heran - aus Rouen etwa die Familie Flaubert mit dem petit Gustave im Schlepp. Kutschen des Hofes setzten vor Zarafas Gehege ihren brillantbesetzten Inhalt aus, sogar die fette Königsnichte, die Volkes Nähe ansonsten mied, walzte neugierig herbei - vielleicht aber auch nur, um Atir zu besichtigen, den knackigsten von Zarafas Begleitmohren, über dessen Lendenkraft man in Damenzirkeln ehrfurchtsvoll flüsterte.
In den Prunkgemächern des Adels wie in den Mansarden der Grisetten prangte plötzlich auf Tapeten, Gemälden, Möbeln und Geschirr das Abbild der allgegenwärtigen Giraffe. Die länglich geschwungene Klavierharfe, soeben erfunden, wurde in "Piano-Giraffe" umbenannt, die Grippe des Winters 1827 erhielt den Namen "Giraffen-Influenza" - als die grassierte, war Zarafas diplomatische Mission gerade gescheitert: Schon im Oktober hatten die Franzosen nach Kräften dabei mitgeholfen, Mohammed Alis griechisches Expeditionskorps in den Orkus zu kartätschen.
Zarafa hingegen war ein langes Leben beschieden, wenn auch ihr Ruhm mit den Jahren verblaßte. Als sie 1845 starb, erinnerten an ihre wundersame Reise von Sennar zur Seine nur noch einiges Gerümpel sowie ein paar Redewendungen, die in den Sprachgebrauch eingingen: Er sei, schrieb etwa Flaubert an seine Freundin George Sand, "müde wie der Türke mit der Giraffe" - bis zur somnambulen Erschöpfung hatten offenbar die Pariserinnen den armen Atir hergenommen, der noch viele Jahre bei seiner Schutzbefohlenen in der Hauptstadt verbrachte.
Nach und nach glitt Zarafa aus dem Gedächtnis der Lebenden, nicht einmal der Verbleib ihres präparierten Leibes war bekannt. Den fand erst ihr Biograph Michael Allin aus Kalifornien nach langer Suche im Musée d'' Histoire Naturelle von La Rochelle.
Dort steht sie, ihr eigenes Denkmal, auf der Treppe und blickt hinab auf ein - ebenfalls nachlässig ausgestopftes - Krokodil, das in ihrer Gegenwart verstaubt. HENRY GLASS
* Gemälde von J. Raymond Brascassat (1804 bis 1867). ** Michael Allin: "Zarafa". Headline Book Publishing, London; 216 Seiten; 12,99 Pfund.
Von Henry Glass

DER SPIEGEL 9/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 9/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TIERE:
Schöne Afrikanerin

Video 04:30

Bundestagswahl 2017 Gewinner und Verlierer

  • Video "Bundestagswahl 2017: Gewinner und Verlierer" Video 04:30
    Bundestagswahl 2017: Gewinner und Verlierer
  • Video "AfD-Wahlparty: Wir werden den Altparteien in den Arsch treten" Video 02:28
    AfD-Wahlparty: "Wir werden den Altparteien in den Arsch treten"
  • Video "Videoanalye zum SPD-Ergebnis: So totenstill war es noch nie" Video 02:53
    Videoanalye zum SPD-Ergebnis: "So totenstill war es noch nie"
  • Video "Videoanalyse zum AfD-Ergebnis: Die müssen ihren Erfolg erst mal fassen" Video 02:38
    Videoanalyse zum AfD-Ergebnis: "Die müssen ihren Erfolg erst mal fassen"
  • Video "FDP-Wahlparty: Comeback nach vier Jahren" Video 00:37
    FDP-Wahlparty: Comeback nach vier Jahren
  • Video "AfD-Spitzenkandidat Gauland: Wir werden sie jagen!" Video 00:31
    AfD-Spitzenkandidat Gauland: "Wir werden sie jagen!"
  • Video "Wahlparty der Grünen: Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet" Video 01:01
    Wahlparty der Grünen: "Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet"
  • Video "Bundestagswahlkampf im Netz: Man kann gegen Social Media nicht mehr gewinnen!" Video 03:19
    Bundestagswahlkampf im Netz: "Man kann gegen Social Media nicht mehr gewinnen!"
  • Video "Wahlkampf CDU vs. AfD: Stimmenfang am rechten Rand" Video 03:50
    Wahlkampf CDU vs. AfD: Stimmenfang am rechten Rand
  • Video "Hungriger Elefant: Futtersuche im Hau-Ruck-Verfahren" Video 00:34
    Hungriger Elefant: Futtersuche im Hau-Ruck-Verfahren
  • Video "Bus der Begegnung: Im Doppeldecker gegen Politikverdrossenheit" Video 03:26
    "Bus der Begegnung": Im Doppeldecker gegen Politikverdrossenheit
  • Video "Der Wahlabend: Live bei SPIEGEL ONLINE" Video 00:32
    Der Wahlabend: Live bei SPIEGEL ONLINE
  • Video "Australien: Krokodil greift GoPro an" Video 00:42
    Australien: Krokodil greift GoPro an
  • Video "Bundestagswahl in Zahlen: Rekordwahl 2017" Video 01:50
    Bundestagswahl in Zahlen: Rekordwahl 2017
  • Video "Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede" Video 00:59
    Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede