18.05.2013

PIRATEN„Druck und Stress“

Die politische Geschäftsführerin der Piraten, Katharina Nocun, 26, über das junge Prekariat und die Forderung nach einem neuen Generationenvertrag
SPIEGEL: Frau Nocun, Sie wollen sich als neue politische Geschäftsführerin der Piratenpartei auch zur Stimme der jungen Generation machen. Warum eigentlich?
Nocun: Schauen Sie sich doch die politische Entwicklung der letzten Jahre an. Ich habe erlebt, wie in Deutschland flächendeckend Studiengebühren eingeführt worden sind. Nach dem Universitätsabschluss wartet auf die meisten von uns nicht ein unbefristeter Job, sondern viele müssen sich mit Praktika oder schlecht bezahlten Jahresverträgen durchschlagen. Und wenn ich mich unter Gleichaltrigen umhöre, dann haben die meisten die Hoffnung aufgegeben, jemals etwas aus der gesetzlichen Rentenkasse zu bekommen. Tolle Aussichten sind das nicht.
SPIEGEL: Jammern Sie nicht ein bisschen zu viel? Die Studiengebühren wurden fast überall in Deutschland wieder abgeschafft. Und in kaum einem Land in Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit so niedrig wie in Deutschland.
Nocun: Ich glaube, es greift zu kurz, wenn wir nur auf die Arbeitslosenzahlen schauen. Es geht um die Perspektive. Wenn man jungen Leuten nur prekäre Arbeitsbedingungen bietet, dann muss man sich doch nicht wundern, dass sie sich weigern, eine Familie zu gründen.
SPIEGEL: Treten die Piraten dafür ein, befristete Arbeitsverträge zu verbieten?
Nocun: Es kommt drauf an. Ein Jahresvertrag nach dem Studium ist okay. Aber es ist nicht in Ordnung, wenn sich Menschen über viele Jahre von einem Zeitvertrag zum nächsten schleppen. Bei vielen Dozenten an der Universität ist das so. Dagegen muss es ein Gesetz geben.
SPIEGEL: Sie fordern auch ein "Update" der sozialen Sicherungssysteme. Was genau heißt das?
Nocun: Unsere Generation hat das Recht auf dieselben Sicherheiten wie die Generation der Älteren.
SPIEGEL: Sind Sie dafür, den jetzigen Rentnern die Bezüge zu kürzen?
Nocun: Die Piraten wollen, dass Selbständige und Beamte in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen. Außerdem wollen wir die Beitragsbemessungsgrenze abschaffen. Wer viel verdient, der muss auch mehr Lasten tragen.
SPIEGEL: Wenn Sie die Beitragsbemessungsgrenze abschaffen, müssen Gutverdiener zwar höhere Beiträge zahlen, aber am Ende bekommen sie auch eine hohe Rente. Das ist ein Nullsummenspiel.
Nocun: In der Schweiz deckelt man die Höhe der Auszahlung. Wer dort viel einzahlt, bekommt am Ende zwar genug, aber im Verhältnis zur Einzahlung weniger.
SPIEGEL: Haben Sie Ihr Konzept einer Rentenreform mal durchrechnen lassen?
Nocun: Unsere Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit dem Thema.
SPIEGEL: Sie haben sich darüber beklagt, dass der öffentliche Aufschrei gegen die Rente mit 67 ausgeblieben sei. Wollen Sie sie wieder abschaffen?
Nocun: Ich persönlich würde sagen: Man sollte zwischen Berufsgruppen unterscheiden, die körperlich oder geistig arbeiten. Ein Bauarbeiter kann sicher nicht bis 67 arbeiten.
SPIEGEL: Sie haben von einer "Inflation" gesprochen, die die Zukunftschancen Ihrer Generation entwerte. Die Jungen seien Getriebene des Konkurrenzdrucks auf dem Arbeitsmarkt. Haben Sie das selbst erlebt?
Nocun: Viele Studenten leiden unter psychischem Druck und Stress. Wir Piraten fordern ein Bildungsgrundeinkommen, das alle entlastet, die sonst Bafög bekommen oder Kredite aufnehmen müssten.
SPIEGEL: Wenn die Lage der jungen Menschen so schlecht ist, warum gehen sie dann nicht auf die Straße und verschaffen ihrem Anliegen Gehör? Die 68er haben vor 45 Jahren die ganze Republik auf den Kopf gestellt, weil sie mit der Politik der Elterngeneration nicht einverstanden waren.
Nocun: Viele junge Menschen frustriert die Ignoranz der Politik. Wenn wir auf die Straße gehen, zum Beispiel gegen Acta, dann sagt die Politik: Ja, ja, natürlich hören wir auf eure Wünsche. Sind dann die Proteste vorbei, kommt das nächste Aufreger-Gesetz.
SPIEGEL: Vielleicht brauchen Sie einfach einen längeren Atem.
Nocun: Mir müssen Sie das nicht sagen, ich mache seit sechs Jahren Bürgerrechtspolitik, und zwar neben meinem Studium.
SPIEGEL: In den vergangenen Jahren haben viele Piraten-Politiker die Flinte ins Korn geschmissen, weil ihnen der politische Betrieb zu ruppig war. Kann es sein, dass die Piraten zu wehleidig sind?
Nocun: Ich will ja nicht leugnen, dass bei uns manchmal ein Ton herrscht, der noch verbesserungsfähig ist. Und wenn eine Partei so schnell wächst wie unsere, dann müssen die Strukturen mitwachsen. Hier müssen wir sicher an uns arbeiten.
SPIEGEL: Ihr Vorgänger Johannes Ponader hat für seine Arbeit keinen Cent bekommen und galt am Ende als Schuldiger für alles, was in der Partei schieflief. Haben Sie nicht Angst davor, dass Ihnen ein ähnliches Schicksal blüht?
Nocun: Ich danke Johannes für die viele Arbeit, die er getan hat. Auch für die Arbeit im Hintergrund, die man nach außen nicht sieht. Und ich liebe Herausforderungen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie sich davor schützen, so zu enden wie Ihr Vorgänger?
Nocun: Ich weiß, dass es einem Menschen bessergeht, wenn er sich ab und zu zurückzieht. Ich kann auch mal einen halben Tag ohne Internet und Twitter auskommen.
Interview: Annett Meiritz
Von Annett Meiritz

DER SPIEGEL 21/2013
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