18.05.2013

KONZERNEFrankfurter Klüngel

Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sucht einen Chef für die Kommission zur guten Unternehmensführung. Bislang gibt es nur Absagen.
Für eine Festrede reicht es noch. Auch dieses Jahr wird Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf der Jahrestagung der Regierungskommission Corporate Governance sprechen, jenem Gremium aus Wissenschaftlern und Topmanagern, das über gemeinsame Regeln für Großkonzerne berät. Es ist gute Tradition, dass die Ministerin der Runde die Ehre erweist; so hielt es auch ihre Vorgängerin.
Was die Liberale den Gästen im Berliner Kempinski Hotel Bristol am 12. Juni mitteilen wird, steht ebenfalls schon fest: Dank an die Kommissionsmitglieder für ihren wackeren Einsatz. Extragroßer Dank an den engagierten Vorsitzenden, Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller. Und ganz dickes Lob für die wichtigen Impulse, die von dem Gremium seit Jahren für die Standards guter Unternehmensführung und im Kampf gegen Gehaltsexzesse und Korruption ausgingen.
Dabei könnte die Realität kaum trister sein. Die Kommission, die unter Kanzler Gerhard Schröder eingesetzt wurde, damit die Wirtschaft sich selbst Regeln setzen und strengere Gesetze überflüssig machen möge, ist ein Schatten ihrer selbst: von der Politik übergangen, in der Wirtschaft als Papiertiger oder Bürokratiemonster geschmäht - und vor allem: demnächst kopflos.
Kommissionschef Müller hatte Mitte März seinen Rücktritt angekündigt. Eigentlich wollte er auf der diesjährigen Jahrestagung einen Nachfolger präsentieren. Doch der oder die, so heißt es einhellig in Kommissions- wie Ministeriumskreisen, ist noch nicht in Sicht.
Als die Runde 2001 ihre Tätigkeit aufnahm, saßen mit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, mit Vorständen von Allianz, BASF, Deutscher Börse und Deutscher Bank echte Alphatiere der Wirtschaft am Tisch. Inzwischen haben sich die Reihen der Topmanager gelichtet, zuletzt schieden der frühere SAP-Boss Henning Kagermann, BASF-Aufsichtsrat Max Dietrich Kley und Peer Schatz, Vorstandschef des Biotech-Unternehmens Qiagen, aus. Auch der frühere Daimler-Finanzchef Manfred Gentz soll Vertrauten angekündigt haben, die Runde bald zu verlassen.
Stattdessen scharen sich immer mehr Professoren, Anwälte und Aufsichtsräte ohne Management-Erfahrung um Kommissionschef Müller. "Das ist Frankfurter Klüngel", lästert ein Spitzenmanager, "nicht eine Kommission, die sich die Wirtschaft wünschen würde."
Kein Wunder, dass die Justizministerin nach einem klangvollen Namen für die Müller-Nachfolge suchen lässt. Wolfgang Reitzle, erfolgreicher Spitzenmann bei Linde, winkte ab. Auch Joe Kaeser, Finanzvorstand von Siemens, zählte zu den Kandidaten. Doch bislang blieb die Suche ohne Ergebnis, schlimmer noch: Aus dem Umfeld von Karl-Ludwig Kley, Chef des Pharmamultis Merck, war gar zu hören, er könne keinen rechten Bedarf mehr für die Kommission erkennen.
So sehen das viele in den Chefetagen der Konzerne. Zu oft wurde die Kommission in Berlin ignoriert oder überrumpelt, ganz gleich, ob es nun um neue Regeln zur Veröffentlichung von Vorstandsgehältern oder zur Besetzung von Aufsichtsratsposten ging.
Dass mit Müller ein Mann das Gremium führte, der die Regeln seiner Kommission selbst nicht so genau nahm, sondern vom Vorstand direkt in den Aufsichtsrat der Commerzbank wechselte, schadete dem Ansehen des Gremiums ebenfalls. Auch der Umstand, dass Müllers Bank vom Staat gerettet werden musste und der Aktionärswille dabei keine große Rolle spielte, war nicht hilfreich.
Sogar die frühere Justizministerin Brigitte Zypries geht inzwischen auf Distanz: "Die Kommission hat in den letzten Jahren sehr an Strahlkraft verloren", sagt sie. Trotz der vielen Treffen seien nicht genug Impulse zu wichtigen Themen wie Gehaltsregulierung und Frauenförderung gekommen.
Das entscheidende Hindernis für einen Neustart aber ist das Geld. Eine halbe Million Euro kostete die Kommission im vergangenen Jahr, rechnen Insider vor. Die Summe wird nicht etwa in der Industrie eingesammelt, sondern komplett getragen von jenem Unternehmen, das den Vorsitzenden stellt. Seit Jahren zahlt also die teilverstaatlichte Commerzbank für Reisekosten, Übernachtung, Gutachten, Verwaltung und Personal.
Zwar sei das aktuelle Budget gering im Vergleich zu jenen Beträgen, die Müllers Vorgänger Gerhard Cromme verpulvert habe, heißt es in Berlin. Trotzdem ist es schwer, einen Manager zu finden, der bereit ist, eigene Mittel mitzubringen.
Der scheidende Kommissionschef Müller, der bis zur Präsentation eines Nachfolgers an sein Amt gekettet sein dürfte, gibt sich freilich gelassen. Vergangene Woche präsentierte er einen neuen Vorschlag, die Gehälter von Spitzenmanagern zu deckeln - und befand: "Die Kommission kann jetzt gut auch mal ein Jahr lang nichts machen."
Von Melanie Amann und Frank Dohmen

DER SPIEGEL 21/2013
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