27.05.2013

GRÜNERosa Flieder

In den achtziger Jahren war ein verurteilter Pädophiler bei den Grünen aktiv. Heute mag sich dort niemand an ihn erinnern.
Bei den Grünen will niemand Dieter F. Ullmann so recht gekannt haben. Wolfgang Wieland, heute Bundestagsabgeordneter, kann sich nicht mal an den Namen erinnern. Dabei waren beide zur selben Zeit bei der Alternativen Liste (AL) in West-Berlin aktiv. Herbert Rusche, erster offen schwuler Bundestagsabgeordneter und heute aktiv bei den Piraten, stritt sich heftig mit Ullmann über die grüne Sexualpolitik, weiß heute aber nichts mehr davon. Und Volker Beck, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen und Ende der achtziger Jahre schwulenpolitischer Sprecher, erinnert sich nur noch vage an "einen aus der Pädo-Gruppe".
Dabei hat Ullmann alles dafür getan, um in Erinnerung zu bleiben: Er forderte freien Sex mit Kindern - auch öffentlich. 1985 wurde er sogar Koordinator der zuständigen grünen Bundesarbeitsgemeinschaft, sprach mit Fraktion und Partei, verschickte Briefe an sie mit Bildern nackter Jungen. Er war der Kopf der Pädophilenbewegung bei den Grünen.
Tatsächlich war Ullmann offen pädophil und ein verurteilter Straftäter. Zwischen 1980 und 1996 wurde er sechsmal wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und anderer einschlägiger Taten verurteilt. Im Dezember 1988 beispielsweise wurde er wegen Oralverkehrs und versuchten Analverkehrs mit einem Siebenjährigen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt.
Eine auffällige Biografie - doch Grüne leiden, auf Ullmann angesprochen, an Gedächtnisschwund. Dabei hat die Partei lückenlose Aufklärung gelobt, was den Einfluss Pädophiler in den achtziger Jahren angeht. Seit die Debatte um Daniel Cohn-Bendit vor einigen Wochen neu entflammte (SPIEGEL 20/2013), werden die Grünen mit ständig neuen Details aus ihrer Parteigeschichte konfrontiert. Jetzt haben sie den Parteienforscher Franz Walter mit der Untersuchung beauftragt. Er könnte es schwer haben gegen das große Vergessen.
Die Grünen waren die einzige Partei, die pädophilen Straftätern wie Ullmann eine Bühne bot. Sogar während eines Freigangs erschien Ullmann auf einer Mitgliederversammlung der West-Berliner AL - der auch Wieland, Renate Künast und Hans-Christian Ströbele in den achtziger Jahren angehörten. Dass er einsaß, verbarg er nicht. Bei Versammlungen ergriff er auch das Wort - und fand Unterstützung für seine Forderungen. In ihrem Landeswahlprogramm von 1981 forderte die AL, die Paragrafen 174 und 176 des Strafgesetzbuchs, die sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen unter Strafe stellen, so zu ändern, dass "nur Anwendung oder Androhung von Gewalt oder Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses bei sexuellen Handlungen unter Strafe zu stellen sind".
Ab Mai 1981 war Ullmann Mitglied der AL, ab 1985 dann Koordinator der Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle (kurz BAG SchwuP), bevor sie 1987 durch die BAG Schwule ersetzt wurde.
In der Homosexuellen-Szene war Ullmann Anfang der achtziger Jahre bekannt: Im Juli 1981 schrieb der damalige "taz"-Mitarbeiter Olaf Stüben in der Schwulenzeitung "Rosa Flieder" über "die nationale Pädofrage" und beklagte, dass "viele Freunde und Bekannte im Knast" seien. Er nannte die drei bekanntesten: den Schriftsteller Peter Schult, den - später freigesprochenen - Nürnberger Oberindianer Ulli Reschke - und Dieter Ullmann, der gerade wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen in vier Fällen saß. Zuvor hatte er als Erzieher in einem Schülerwohnheim gearbeitet.
Selbst während seiner Zeiten im Gefängnis setzte sich Ullmann für die Pädophilen ein: Aus "meiner Zelle im Knast" schreibt er 1988 im "Rosa Flieder" eine Brandschrift für "Pädos". Außerdem finden sich mehrfach Leserbriefe an die "taz", immer unter Klarnamen, im Februar 1990 sogar mit dem Hinweis "zur Zeit Knast Berlin-Moabit".
1989 trat Ullmann aus der Partei aus, seine Spur verläuft sich, laut Einwohnermeldeamt ist er inzwischen verstorben. Eine Akte ist allerdings noch zu finden: Im November 1996 wurde Ullmann erneut verurteilt. Er und sein Komplize Thomas S. hatten Fotos und Videos thailändischer Jungen bei sexuellen Handlungen angefertigt, diese in Deutschland vertrieben und damit rund 23 000 Mark eingenommen. Thomas S. erhielt vier Jahre und offenen Vollzug. Der einschlägig vorbestrafte Ullmann wurde zusätzlich wegen sexuellen Missbrauchs an zwei deutschen Kindern verurteilt. Vier Jahre und zehn Monate kassierte er.
Doch selbst dann war von Einsicht keine Spur. Im März 2000 schrieb er erneut einen Leserbrief, diesmal für das Pädophilen-Blatt "Der Knüpfer", das unter dem Motto "Nicht der Pädo ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt" erschien. Unter dem Pseudonym Gerd wetterte Ullmann gegen "Pädos mit bürgerlichem Background", die den Begriff Pädophilie nutzten, anstatt ehrlich von Pädosexualität zu sprechen. Er forderte, auch "öffentlich die sexuelle Komponente pädophiler Beziehungen" zu benennen. Es war die letzte Ausgabe des "Knüpfers".
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Müller, Ann-Katrin

DER SPIEGEL 22/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 22/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GRÜNE:
Rosa Flieder