27.05.2013

Dunkle Phantasien

Eine Prostituierten-Gruppe kämpft gegen staatliche Vorschriften - unterstützt von den Piraten.
Die Escort-Dame legt Wert auf Niveau: Auf ihrer Website bezeichnet sich Carmen als Sopranistin und Pianistin, zitiert den englischen Naturmystiker William Blake und stellt sich in die Tradition der Hetären, der gebildeten Prostituierten im alten Athen.
Ihre Dienstleistung hat Carmen den Wünschen moderner Kunden angepasst. Honorare werden vorab aufs Geschäftskonto überwiesen, sensible Haut kommt nicht zu Schaden: "Falls Sie unter einer Latex-Allergie leiden, weisen Sie im Vorfeld darauf hin, damit Carmen latexfreie Kondome für das Treffen organisieren kann."
Im Internet präsentiert sie sich mit Bauchnabelpiercing, nacktem Hintern und nacktem Busen. Vor dem Milchkaffee in einem Café am Prenzlauer Berg sitzt eine zierliche Frau mit Rollkragenpullover und Schlabberhose. Über ihr Leben jenseits des Escort-Services möchte die Berlinerin nicht reden.
Nur so viel: Sie habe Geisteswissenschaften studiert und arbeite im Qualitätsmanagement einer IT-Firma. Seit etwa sechs Jahren sei sie auch als Escort-Dame tätig. "Ich habe mir gedacht, bevor ich in einer Frittenbude jobbe, mache ich lieber das hier."
Sie könne sich die Zeit frei einteilen und bekomme für geringen Aufwand gutes Geld. Die Sexarbeiterin hat sich auf Bildungsbürger spezialisiert. Häufig würden sich Akademiker bei ihr melden, die eine Begleitdame etwa für die Oper suchen - und womöglich auch fürs Bett. Kultur allein wird mit 125 Euro für zwei Stunden berechnet, Kultur und Sex mit 350 Euro. Ein ganzer Tag mit Carmen kostet 1290 Euro.
"Die Prostitution ist dafür da, Liebe und Sex zu trennen", sagt Carmen. "Es geht um Befriedigung, ohne den anderen danach am Bein zu haben." Sie steht für eine Gruppe von Prostituierten, die ihren Job freiwillig machen. Doch ihr Geschäft sieht Carmen derzeit bedroht durch Politiker, Polizisten oder Aktivistinnen, die Prostitution stärker regulieren wollen und etwa eine Meldepflicht fordern.
"Warum meinen Frauen wie Alice Schwarzer, mir vorschreiben zu müssen, mit wem ich ins Bett gehe?", fragt Carmen, sie klingt aufgebracht. "Ich bezeichne mich selbst als Feministin. Und ich habe Spaß am Sex. Na und? Wer will mir das verbieten? Deren Forderungen empfinde ich als Eingriff in meine Berufsfreiheit."
Sie sei nicht naiv, sagt Carmen, natürlich gebe es Bordelle, in denen Frauen zum Sex gezwungen würden. Aber dafür enthalte das Strafgesetzbuch Tatbestände wie Menschenhandel und Vergewaltigung. Das habe mit ihrem Job nichts zu tun. In der Öffentlichkeit werde Prostitution zu schnell mit Zwangsprostitution gleichgesetzt, dabei könne und müsse man beides trennen.
Carmen besucht seit einiger Zeit den "Hurenabend" in Berlin und ist auch als Lobbyistin tätig. Mit Kollegen und Kolleginnen baut sie eine Vereinigung auf, die Sexworker-Organisation Deutschland. Das Motiv der Prostituierten: "Ohne eine eigene Stimme sind wir nur in den dunklen Phantasien und in den Vorurteilen lebendig." Vor kurzem trafen sich Interessierte zum ersten Mal in Frankfurt am Main. Auf der Website sind über 50 Unterstützer verzeichnet - von der reifen Wanderhure "Fraences" aus Wuppertal bis zum Tantramasseur "Elias" aus der Schweiz.
Carmen ist seit dem vergangenen Jahr zudem politisch aktiv: in der Piratenpartei. Die Piraten sind skeptisch gegenüber staatlichen Vorschriften, nicht nur beim Thema Internet. Im Grundsatzprogramm der Partei heißt es, jeder Mensch müsse sich frei für den selbstgewählten Lebensentwurf entscheiden können. Seit einigen Jahren fordern manche Piraten gar die Abschaffung des Inzest-Paragrafen 173 im Strafgesetzbuch, der Beischlaf enger Verwandter unter Strafe stellt.
Auch beim Thema Prostitution wendet sich die Partei nun gegen eine stärkere Regulierung. Carmen kam es zupass, dass die Piraten zur Prostitutionspolitik wie bei so vielen Themen noch keine festen Standpunkte hatten. So stieg sie schnell zur Expertin auf. Carmen warb in Online-Konferenzen für die berufliche Anerkennung von Prostituierten und stellte im Netz ein Dossier zusammen.
Auf dem letzten Parteitag Anfang Mai in Neumarkt nahmen die Mitglieder ihren Antrag "Stärkung der Rechte Prostituierter" ins Wahlprogramm auf. Darin findet sich nun etwa eine explizite Absage an alle, die eine Bestrafung von Freiern fordern.
"Ich mache bei den Kolleginnen aber keine Werbung für die Piraten", sagt Carmen. "Wenn überhaupt, dann mache ich bei den Piraten Werbung für die Kolleginnen."
Von Sven Becker

DER SPIEGEL 22/2013
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