27.05.2013

KONSUMModerne Trödler

Der Online-Handel mit Gebrauchtwaren macht Entrümpeln lukrativ. Neben dem Geschäft mit Büchern und CDs wächst vor allem der Elektronikmarkt.
Wer sich auch nur eine Stunde mit Lawrence Leuschner unterhält, muss danach den Kauf fabrikneuer Ware für dekadent halten und den Anblick vollgestopfter Bücher- und CD-Regale für frivol.
Leuschner erzählt begeistert von dem gebrauchten iPhone, das seine Mutter von ihm zu Weihnachten bekam, "sie hat sich darüber gefreut wie über ein neues". Er selbst habe sich jüngst von seiner CD-Sammlung getrennt, weil er Musik nur noch digital höre; von seinen Büchern habe er gerade mal vier behalten, darunter die Memoiren von Nelson Mandela und dem Unternehmer Richard Branson.
"Besitz darf dich nicht besitzen", sagt Leuschner und hört sich so franziskanisch genügsam an wie der neue Papst. Dabei beschreibt er doch nur das Geschäftsmodell seiner Firma.
Leuschner, 30, ist ein moderner Trödler. Anstatt mit einem Planwagen über die Dörfer zu ziehen, um Tand und Krempel einzusammeln, hat er sich mit dem Online-Portal Rebuy einen festen Handelsplatz errichtet. Damit zählt er zu den Pionieren im hiesigen Recommerce, dem Online-Geschäft mit Gebrauchtwaren.
Anders als beim Internetauktionshaus Ebay bieten die Kunden ihre Bücher oder DVDs nicht selbst feil. Das nehmen ihnen Händler wie Momox, Wirkaufens, Flip4New oder Rebuy ab, die das Erworbene wieder veräußern, meist mit enormem Aufschlag.
Dadurch fördern sie den fröhlichen Konsum ebenso wie den Verzicht: Während die Aussicht auf ein paar Euro die einen dazu ermuntert, durch konzertiertes Entrümpeln ihr Glück im Sein zu suchen anstatt im Haben, ermöglicht es anderen den Besitz schöner Dinge, die sie sich neu niemals leisten würden.
Leuschner erkannte früh das Potential, das im Handel mit Waren aus zweiter Hand steckt. Als Schüler organisierten er und ein Freund mit ihrer Firma Trade-a-Game übers Internet den Tausch, später den Verkauf von Videospielen. 2007 stieg der Internetmillionär Oliver Samwer für ein knappes Jahr in das kleine Unternehmen ein. 2009 wurde daraus die Rebuy Recommerce GmbH, zum Sortiment gehörten nun auch CDs, Bücher und Elektronik. Leuschner und seine Mitgründer agierten damals noch aus ihrer gemeinsamen WG heraus. Nachdem 2011 eine Übernahme durch Media-Saturn geplatzt war, weil deren Gesellschafter sich nicht einig wurden, stieg voriges Jahr SAP-Mitgründer Hasso Plattner bei Rebuy ein.
Ein Plakat in Leuschners kärglich eingerichtetem Büro in Berlin-Rudow gibt das Ziel vor, seine Firma solle irgendwann "der größte Gebrauchtwarenhändler der Welt" sein. Dafür müsste sie aber erst der größte Deutschlands werden.
Hiesiger Marktführer ist bislang das ebenfalls in Berlin ansässige Online-Portal Momox, das ursprünglich nur CDs verkaufte und heute vorwiegend Bücher. Momox ist seit zwei Jahren in der Gewinnzone und kommt auf einen Jahresumsatz von 60 Millionen Euro. Rebuy hat mehr als 40 Millionen Euro Umsatz, im vierten Quartal 2012 war das Unternehmen profitabel. Zurzeit arbeiten 400 Angestellte für Rebuy, bis Jahresende sollen mehr als hundert weitere dazustoßen. Die Lagerfläche soll sich bis dahin verdoppeln. Täglich werden rund 20 000 Pakete versendet.
In einer Ecke des Lagers löschen Spezialisten die Daten von aufgekauften Handys und testen, ob alles funktioniert. Ein paar Tische weiter werden zerkratzte CDs abgeschliffen und nicht mehr vorzeigbare Hüllen ausgetauscht. Bücher sollten in einem Zustand sein, dass man sie ohne Ekel mit ins Bett nehmen möchte. Eine Autobiografie von Ex-Fußballer Stefan Effenberg ist gerade im Container mit dem Ausschuss gelandet. Sie sieht aus, als sei sie hundert Jahren Zigarettenqualm ausgesetzt gewesen, dabei ist sie erst 2003 erschienen. "Bei der Qualität machen wir keine Kompromisse", sagt Leuschner.
Beim Preis allerdings auch nicht. Den Wert eines Artikels bestimmt allein Rebuy, beim An- wie beim Verkauf. Beide Preise lassen sich online abrufen.
Wer etwas loswerden möchte, gibt auf der Internetseite den Namen des Produkts ein oder scannt mit dem Smartphone den Strichcode. Ein Algorithmus errechnet, was Rebuy zu bezahlen bereit ist. Dabei werden mehrere Dutzend Variablen berücksichtigt, darunter die Verfügbarkeit eines Artikels, die Nachfrage und der Neupreis.
Für das iPhone 5 etwa, schwarz und 16 Gigabite stark, bietet Rebuy bis zu 443,28 Euro, um es dann für 549 Euro weiterzuverkaufen.
Für das aktuelle Buch von Margot Käßmann, Neupreis 17,99 Euro und Platz zehn der SPIEGEL-Bestsellerliste, würde Rebuy 8,05 Euro geben. Im Verkauf will es dafür dann 12,69 Euro haben.
Das neue China-Buch von Helmut Schmidt interessiert Rebuy offenbar gar nicht. Es gibt nicht mal ein Gebot ab.
Im Durchschnitt bekommt man laut Rebuy-Chef Leuschner Bücher bei ihm um die Hälfte günstiger als im Handel, Handys oder iPods etwa um ein Drittel.
Obwohl immer mehr Menschen sich Musik auf den Rechner oder aufs Smartphone ziehen, ist die Nachfrage nach CDs zuletzt sogar gestiegen. "Doch das kann schnell kippen", sagt Leuschner. Ob er dann schon bald mit Downloads handeln wird, ist unklar, denn der Handel mit digitalen Gütern ist immer noch eine rechtliche Grauzone.
Zwar hat der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr den Verkauf von gebrauchter Software für zulässig erklärt. Strittig ist jedoch bis heute, ob das Urteil auch für digitale Musik und elektronische Bücher gilt. Ja, sagt etwa der Bundesverband der Verbraucherzentrale, der deswegen immer wieder mal vor Gericht zieht. Nein, sagen die Hersteller. Sie wollen verhindern, dass ein anderer mit ihren Produkten Geschäfte macht.
Die Apple-Tochter iTunes etwa verbietet ausdrücklich den Weiterverkauf ihrer Downloads. Der Online-Händler Amazon hat sein Lesegerät Kindle mit den Benutzerkonten der Besitzer verknüpft, so dass beim Weiterverkauf alle darauf befindlichen E-Books verlorengehen.
Beide wollen sich die Option offenhalten, aus ihren Waren mehrmals Kapital zu schlagen. Apple wie auch Amazon haben im Frühjahr Patente für den Handel mit digitalen Inhalten angemeldet. Gebrauchte Bücher, E-Reader oder Handys verkauft Amazon bereits.
Auch Rebuy will seinen Handel mit Elektronik ausbauen. Der machte im vorigen Jahr noch 20 Prozent des Umsatzes aus, in diesem Jahr werden es voraussichtlich mehr als 40 Prozent werden.
Vor allem das Geschäft mit gebrauchten Handys soll zulegen, laut Rebuy-Chef Leuschner "ein Milliardenmarkt". Einer Studie des IT-Branchenverbands Bitkom zufolge liegen in Deutschland fast 86 Millionen Mobiltelefone ungenutzt in der Schublade. In erster Linie iPhone-Besitzer wollen ganz vorn dabei sein: "Wer das 4s hat, will sofort das 5er und dann am liebsten gleich das 6er", sagt Leuschner.
So hat Apple seine Kunden erzogen. Rebuy profitiert davon. Und Leuschner, der mal der größte Gebrauchtwarenhändler der Welt werden will, träumt einen weiteren Traum: Dass der Handel mit gebrauchter Elektronik eines Tages den mit Neuwaren überflügelt.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 22/2013
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