27.05.2013

LEGENDENKranke Monster

Von Alter, Krankheit und Drogenexzessen gezeichnet, wollten die Heavy-Metal-Pioniere von Black Sabbath mit ihrem Sänger Ozzy Osbourne nach 35 Jahren noch einmal eine Platte einspielen. Es wurden Aufnahmen um Leben und Tod. Von Philipp Oehmke
Soll er nun lachen oder richtig wütend werden? Geezer Butler ist extra aus Los Angeles eingeflogen, okay, er hat am Abend zuvor wahrscheinlich eine Flasche Wein zu viel getrunken und ist nun ein bisschen müde, und trotzdem steht er jetzt in dieser verdammten Londoner Hotelsuite, aber wer zum Teufel ist nicht da?
Ozzy.
Natürlich nicht. Fucking Ozzy Osbourne. Vor mehr als 30 Jahren haben sie ihn schon in einem ziemlich hohen Bogen aus der Band geworfen, weil er nie auftauchte, wenn man ihn brauchte, entweder war er betrunken oder auf Kokain. So war das mit Ozzy, so ist es auch nun, wo sie alle es ein letztes Mal miteinander versuchen wollen. Auch Tony Iommi, der Gitarrist von Black Sabbath, hat ins Hotel gefunden an diesem Morgen, für ein paar Interviews.
Eigentlich heißt es seit Jahren schon, dass Ozzy clean sei. Seit damals, als ihm die halbe Welt zusah, wie er in der MTV-Fernsehserie "The Osbournes" durch sein Haus in Los Angeles torkelte. Tony lacht ein schepperndes altes Rockstarlachen. "Ja, logisch! Ozzy hat aufgehört zu trinken."
"Right, mate", sagt Butler. "Der übliche Wahnsinn: Erst haut Ozzy aus L. A. ab nach London. Ich ihm nach. Und jetzt? Und wo ist er jetzt? Wieder in L. A.?!"
Vor Tony Iommis Brust baumelt ratlos ein Kreuz aus Silber. Er ist sehr dünn, seine Kleidung schwarz und schwer, das meiste aus Leder. An der rechten Hand trägt er auf zwei Fingerkuppen merkwürdige fleischfarbene Aufsätze. Als er 17 war, 1965, hatte er sich an seinem letzten Arbeitstag in der Fabrik die Fingerkuppen in der Metallpresse abgehackt. Die Ärzte sagten ihm, er werde nie wieder Gitarre spielen. Doch Iommi bastelte sich diese Aufsätze aus Plastik und Leder und stimmte seine Gitarre ein paar Halbtöne tiefer, damit die Saiten leichter zu drücken waren. Fast jede Heavy-Metal-Band hat das später nachgemacht. Tonys Maschinenunfall ist einer der Gründungsmythen des Heavy Metal.
Geezer Butler, der Bassist, ist Veganer und Horrorfan, er sieht genauso aus wie Tony Iommi, nur ohne Silberkreuz und die Aufsätze auf den Fingerkuppen. Geezer ist 63 Jahre alt, Tony 65.
Rock ist heute alt. Rock sieht heute aus wie Keith Richards. Aber Tony und Geezer sind noch mal etwas anderes. Die beiden sind der richtig böse Rock, sie sind Black Sabbath, sie haben Heavy Metal erfunden und den Lärm, den es dafür braucht. Die beiden sind 40 Jahre Drogen und Alkohol, und wenn man ihre Platte rückwärtslaufen lässt, aber wer tut das heute schon, hört man, wie der Teufel zu einem spricht. Diesen beiden Männern also ist alles zuzutrauen, sogar angeblich lebenden Fledermäusen den Kopf abzubeißen. Aber das waren sie gar nicht, sondern Ozzy.
Auch Monster werden alt. Butler sagt, er könne seit 30 Jahren kein Auge zumachen ohne eine "fucking sleeping pill". Iommi kommt gerade aus der Chemotherapie, Lymphdrüsenkrebs. Den Schlagzeuger Bill Ward mussten sie rausschmeißen, weil er sich keine drei Songs mehr merken konnte, was selbst nach Ozzy-Maßstäben zu wenig ist. Und Ozzy? Zittert, stottert, geht nur noch mit Trippelschritten und ist schon wieder nicht aufgetaucht. Kranke Monster.
Und weil sie krank sind, wollten sie noch eine letzte Platte zusammen aufnehmen, die erste seit 1978. In den vergangenen 35 Jahren haben sie sich vor Gericht gezerrt, jahrelang nicht miteinander gesprochen, wieder zusammengetan, wieder getrennt.
Sie sind Jugendfreunde aus Birmingham, sie kommen aus der gleichen englischen Nachkriegsunterschicht. Die Häuser, in denen sie aufwuchsen, hatten keine Toiletten, und für Unterhosen war kein Geld da. Sie kennen sich fast ein ganzes Leben lang, in der Schule hat Tony diesen John Osbourne, der sich Ozzy Zig nannte, stets nur "Cunt" gerufen.
Sie begannen als Bluesrock-Band, ab 1969 nannten sie sich Black Sabbath, ihre Musik sollte so klingen, dass die Leute sich fürchteten. Wenn man in den Industrie-Slums von Birmingham aufwächst, ist die Flower-Power-Musik der Hippies ziemlich weit weg. Also stimmte Iommi seine Gitarre runter, sang Osbourne seinen Heulgesang über Gott und Teufel, die Texte stammten übrigens überwiegend von Geezer.
Ihr zweites Album "Paranoid" hat sich bis heute allein in den USA mehr als vier Millionen Mal verkauft, Black Sabbath wurden zu einer der größten Bands der Siebziger und definierten jene Musik, die bald als Heavy Metal berühmt werden sollte. Nach gut zehn Jahren verließ Osbourne die Band und machte allein weiter. Nie wieder aber erreichte er die Größe, zu der er mit Black Sabbath fähig war, genauso wie Black Sabbath ohne ihn einfach nur eine gewöhnliche Metal-Band war. Zusammen aber waren sie, wie der Musiksender MTV es einmal feststellte, die "Greatest Metal Band" aller Zeiten.
Seit mehr als zehn Jahren wollten sie diese eine letzte Platte machen, doch jedes Mal hatte einer von ihnen gerade einen Alkoholrückfall, einen Herzinfarkt oder keine Lust.
Dass kommende Woche tatsächlich ein neues Black-Sabbath-Album rauskommt, hat vor allem mit einem Mann zu tun, dem einzigen, der ihnen noch helfen konnte: Rick Rubin.
Immerhin hat Rubin mit dem abgewrackten und später todkranken Johnny Cash, als niemand mehr an diesen glaubte, einige der besten Platten gemacht, die Cash je gelungen sind. Er hat den Red Hot Chili Peppers zu einem verblüffenden Neustart verholfen, als die Band künstlerisch komplett erledigt war; er ist mit den Jungs von Metallica klargekommen, die legendär zerstritten waren.
Ozzy Osbourne kannte Rubin ein bisschen von Partys in Hollywood. Er wusste, Rubin liebte Black Sabbath. Er ließ seine Frau und Managerin Sharon bei Rubin anrufen. Rubin war gerade im Studio mit Adele, aber er sagte sofort zu.
Der Produzent Rick Rubin hat sein Studio etwas oberhalb des Pazifiks in den Hügeln von Malibu. Früher gehörte das Studio Bob Dylan und The Band, woran eine Holzplatte am Eingang erinnert. Ein hoher Zaun umschließt das Studiogelände, es dauert, bis sich die Pforte automatisch öffnet.
Die Zeitschrift "Time" hat den Musikproduzenten Rubin vor ein paar Jahren in ihre Liste der 100 einflussreichsten Menschen aufgenommen. Rubin stammt aus Long Island bei New York, er war Anfang zwanzig, als er aus seinem Studentenzimmer an der New York University die Plattenfirma Def Jam gründete und der relativ neuen Musik, die sich HipHop nannte, mit LL Cool Js "I Need Love" ihre erste Ballade verschaffte. Der Rapper hatte bei Rubin im Studentenheim eine Kassette mit seinen endlosen Reimen abgegeben, ein 90-minütiger Monolog. Rubin harkte durch die Reime und arrangierte sie in Strophen und Refrains. Er, der jüdische Junge aus Long Island, der die Beatles verehrte, machte aus den Reimen Songs, wie der HipHop sie noch nicht kannte. Er brachte die Beastie Boys zum Rap und erweiterte mit Slayer die Grenzen des Metal.
In den Neunzigern stieß er auf Johnny Cash, einen ausgebrannten Countrysänger von gestern, der nicht glaubte, noch eine einzige Platte aus sich rausquetschen zu können. Rubin, mittlerweile spirituell Suchender mit Rauschebart, beruhigte den Sänger, dann nahmen sie die "American"-Serie auf, fünf Alben, die zum Berührendsten gehören, was die Popmusik je hervorgebracht hat.
Rubins Studio ist nicht nur ein Aufnahmestudio, es besteht aus verschiedenen Wohnzimmern, Schlafzimmern und Gärten sowie einer Gästewohnung. Immer wieder öffnen sich Blicke auf den Pazifik, es brennen Räucherstäbchen, überall stehen isotonische Getränke für den Antialkoholiker Rubin bereit.
Der Produzent sitzt im Kontrollraum des Studios auf einer Fensterbank im Schneidersitz. Er ist kürzlich 50 geworden und trägt nur Shorts und T-Shirt, Füße und Beine sind gebräunt. Er hat das gerade fertig gewordene Black-Sabbath-Album angestellt und die Regler an seinem Pult aufgedreht. "Sie sind der Erste, der das hört." Rubin hat das Album "13" genannt, obwohl Osbourne dagegen war.
Die erste Überraschung: richtige Musik. Langsame Blues-Passagen, melancholisch und schwer, flirrende Psychedelic-Stellen, dann wieder Härte und Klarheit. Rubin lächelt, während man sich Sorgen macht, dass die Fensterscheiben gleich aus dem Rahmen bis in den Pazifik fliegen.
Dann sagt Rubin: "Verstehen Sie die Idee? Black Sabbath haben so viele beeinflusst. Wenn wir nun ein Album aufgenommen hätten, das klingt wie eines der Bands, die sie beeinflusst haben - dann hätten wir versagt. In anderen Worten: Wenn das jetzt hier klingt wie ein Album von Metallica - dann ist es schiefgegangen."
Das hatte Rubin auch versucht, der Band zu erklären. Schwierige Angelegenheit. Weder Osbourne noch Butler, noch Iommi hatten sich zuvor eingehend mit Rubin beschäftigt. Für sie stellte sich das so da: Sie waren die Rockstars, und er war halt der Produzent. Der beste vielleicht, und, okay, er sah etwas merkwürdig aus, aber was schert einen das, wenn man Ozzy Osbourne ist? Weiter hatten sie nicht gedacht. Vielleicht wären sie sonst drauf gekommen, dass Rubin nicht nur schräg aussieht, sondern Platten auch anders produziert als seine Kollegen.
Rubin hat als weißer Junge schwarzen Rappern ihre Reime neu sortiert, er hat Johnny Cash dazu gebracht, nur mit seiner Stimme, seiner Akustikgitarre und ein bisschen Klavier Songs von Depeche Mode zu interpretieren. Es war also relativ klar, dass er zu Black Sabbath nicht einfach sagen würde, dann spielt mal los.
Die Arbeit eines Produzenten sei vor allem die eines Therapeuten, sagt Rubin. Er wusste natürlich, mit welchem Rucksack die Band hier bei ihm ankommen würde: die Streitereien, die Drogen, der legendäre Ruf der Band, der auf dem Spiel stand, die Angst, es nach 35 Jahren vielleicht gar nicht mehr zu können.
Er kennt Ozzy Osbourne schon seit den Neunzigern. Was Osbourne beschrieben hat, man kenne sich "von Partys in Hollywood", klingt bei Rubin so: Manchmal habe Osbourne nachts bei ihm geklingelt, als er noch in den Hollywood Hills wohnte. Ozzy, betrunken oder auf was auch immer, fing an zu reden, redete zwei, drei Stunden, und wenn die Sonne über den Hügeln hochkam, ging er wieder. Manchmal hörten sie alte Black-Sabbath-Platten, Ozzy tat dann so, als stünde er wieder auf der Bühne.
Ozzy Osbourne schien zunächst das größte Risiko für die neue Platte zu sein.
Am Tag vor dem Besuch bei Rick Rubin in Malibu war Ozzy Osbourne schließlich aufgetaucht. Er trug Slipper aus Kalbsleder und schwarz-weiße Ringelsocken dazu, eine Fledermaus-Gürtelschnalle und eine goldene Uhr. Zwei Interviewtermine hatte er in den vergangenen Wochen kurzfristig abgesagt und alle an den Rand des Wahnsinns getrieben. Jetzt also das Hotel Sunset Marquis in Hollywood, ein legendäres Rock'n'Roll-Hotel.
Er geht gebückt und tatsächlich meist mit Trippelschritten, auf den Fingern seiner linken Hand steht OZZY, das hat er sich als Jugendlicher in Birmingham selbst tätowiert. Sein Gesicht ist mit dem Alter weicher geworden, er ist jetzt 64 Jahre alt. Schwer vorstellbar, dass dieser freundlich wackelnde Mensch früher für gemeingefährlich gehalten wurde. Dass er einmal bei einem Konzert einer lebenden Fledermaus den Kopf abgebissen und ausgespuckt habe, sagt er, sei echt ein Missverständnis gewesen. Er hatte viel getrunken und gedacht, es sei ein Gummitier.
Zwei Wochen nach diesem Treffen im Sunset Marquis wird Ozzy Osbourne bekanntgeben, er habe einen Rückfall gehabt, er habe die letzten anderthalb Jahre getrunken und wieder Drogen genommen, er sei ein Arschloch gewesen und entschuldige sich bei seinen Bandmitgliedern. An diesem Tag im Sunset Marquis wirkt er clean, nur seine Sprache hört sich etwas verwaschen an.
Der einfachste Teil bei einem Black-Sabbath-Album sei es, sagt er, "sich darauf zu einigen, dass man ein Black-Sabbath-Album macht. Danach geht meistens alles schief".
Es begann vor zwei Jahren mit einem Treffen im Haus von Kid Rock, in dem Rubin damals wohnte. Rubin spielte der Band ihr erstes Album vor. Osbourne, Iommi und Butler fanden das lächerlich und wollten nicht zuhören.
"Wir kennen die Platte", sagte Iommi zu Rubin. "Wir haben sie gemacht."
"Lasst sie uns hören und danach drüber diskutieren", entgegnete Rubin.
Lachen, verdrehte Augen. Diskutieren? Was für einen Vogel hatte Ozzy da angeschleppt?
"Es war interessant", sagt Rubin heute in Malibu, "zu sehen, an welchen Stellen sie lachten oder etwas gut fanden. Sie kannten die Songs natürlich, aber sie hatten die Band vergessen, die sie mal waren. Ein häufiges Phänomen. 40 Jahre Rockstartum überschreibt die Erinnerung an den Ursprung. Was haften bleibt im Gedächtnis, sind die eigenen Klischees. Die Band denkt, sie sei das, was Öffentlichkeit und Epigonen aus ihr gemacht haben."
Rick Rubin mag die alten Songs von Black Sabbath, aber er war nicht sonderlich beeindruckt von dem, was Iommi und Butler ohne Ozzy nach 1978 unter dem Namen Black Sabbath gemacht hatten; ihn interessierte auch nicht der hochgezüchtete Heavy Metal von Osbourne als Solokünstler. Wenn Rubin die Band im Studio machen ließe, wie sie es aus den vergangenen Jahrzehnten gewohnt war - jeder kommt rein und nimmt allein seine Spuren auf -, würde er nur die Summe der Musiker bekommen, aber kein Black Sabbath. Er musste sie also dazu bringen, im Studio miteinander live zu spielen, vielleicht sogar zu jammen.
Am ersten Tag der Proben kam Tony Iommi mit einer Demo-CD, darauf seine neuen Songs. Geezer Butler hatte Texte dazu in eine Kladde geschrieben. Iommi erwartete, dass Rubin sich die Songs anhörte und vielleicht noch ein, zwei Ideen beisteuerte.
Rubin hörte sich die CD an und machte mit den Songs, was er schon vor 30 Jahren mit LL Cool Js Reimen gemacht hatte: Er schraubte sie komplett auseinander. An manchen Stellen sagte er zu Iommi: "Wow. Dies könnte ein guter Anfang sein für einen Song." Oder auch: "Hier hast du einen guten Refrain." Damit schickte er Iommi zur Band, sie sollten aufbauend auf den paar brauchbaren Riffs improvisieren, gucken, wo es sie hinführt. Und plötzlich entstanden Blues, Jazz und auch psychedelische Musik, die an die frühen Pink Floyd erinnert.
Black Sabbath fiel wieder ein, wer sie mal gewesen waren. Trotzdem ist es schwer, sich vorzustellen, wie man Tony Iommi einfach wegschickt.
"Es hat geklappt", sagt Rubin im Schneidersitz. Er hat sich während des Gesprächs bisher nicht einmal bewegt. Ein Angestellter bringt ein blaues isotonisches Getränk. Es gibt einen kurzen Trailer von den Studioaufnahmen, den Osbournes Sohn Jack gefilmt hat. In dem Film sieht man Rubin auf seinem runden Bauch liegen, ein Kissen unter der Brust, die Fußsohlen in den Himmel gestreckt, zuhörend, während die Band spielt.
"Ich finde ihn ein bisschen exzentrisch", sagt ausgerechnet Ozzy Osbourne. "Ich meine, er ist wie ein ,fucking guru'. Überall laufen da so indische Typen rum. Meint der das fucking ernst?"
Als bei dem Gespräch mit Iommi und Butler in London die Rede auf Rubin kommt, benehmen sich die beiden Rockherren wie Schuljungen, wenn der Lehrer die Klasse verlässt. "Dieser lustige Kugelbauch! Und er trägt jeden Tag die gleichen Klamotten. Und diese dreckigen, alten, kaputten Schuhe! Der zieht sich an wie ein Obdachloser, dabei soll der eine halbe Milliarde Dollar schwer sein."
Es sei eine seltsame Art zu arbeiten gewesen, sagt Iommi. Normalerweise höre man sich einen Song gemeinsam an, nachdem man ihn aufgenommen hat, um letzte Fehler zu beheben. Bei Rubin hätte er, Tony Iommi, Erfinder des Heavy Metal, nichts hören dürfen. Bis dato kenne er nicht mal jeden Song.
Ozzy Osbourne schrie und fluchte, wenn Rubin ihm sagte, sein Gesang sei schon sehr gut gewesen, aber vielleicht noch einmal?
Ich werde nicht jünger und das Zittern nicht weniger, jetzt oder nie, sagte sich Ozzy Osbourne jeden Morgen und fuhr zu den Proben, und das obwohl er offenbar wieder massiv Alkohol trank. Dann wurde bei Tony Iommi ein komisches Geschwür immer größer, ein Arzt in Los Angeles, ein Arzt in New York. Ein Spezialist in England diagnostizierte schließlich Lymphdrüsenkrebs, Bestrahlung sofort, Chemotherapie.
Black Sabbath verlegten ihre Proben von Osbournes Haus in Los Angeles zu Tony Iommi nach England. Der Tod probte jetzt mit. Iommi glaubte, er sei in ein paar Monaten tot.
Osbourne sagt: "Da wusste ich: Gott wollte nicht, dass wir dieses Album machen. Komm schon, wir sind nur drei Scheißtypen aus Birmingham, die versuchen, ein bisschen Musik aufzunehmen!"
Aber ist Gott nicht ohnehin tot?
"God Is Dead?" heißt die erste Single. Das Stück klingt wie altes, klassisches Black Sabbath, mit einigen Tempowechseln, und manchmal scheint der Song innezuhalten und kurz nachzudenken, wo er jetzt hinwill.
Als das Stück "God Is Dead?" ausklingt und es still wird im Studio in Malibu, sagt Rick Rubin: "Haben Sie die eine Zeile im Refrain gehört? Da singt Ozzy: ,I don't believe that God is dead'."
Und Tony, der Gitarrist, lebt immer noch. Geezer sagt: "Tony war entschlossener denn je. Ozzy und mich hat es mitgerissen, wie stark Tony war." Die Bestrahlung war bisher erfolgreich, die Welttournee ist um Iommis Bestrahlungstermine herum gelegt.
Vielleicht hat die Platte ihn gerettet. Für Ozzy, glaubt Rubin, bedeutete sie vor allem Erlösung, 34 Jahre nachdem er aus der Band geflogen war. Er soll inzwischen wieder weg sein vom Alkohol. Black Sabbath haben Musik aufgenommen, von der sie seit 1969 nicht mehr wussten, dass sie das Vokabular dafür in sich tragen, wie es Rubin formuliert.
Rubin, der "fucking guru", verabschiedet sich an diesem Tag in Malibu nach ein paar Stunden, in einen kleinen kargen Raum nebenan. Er will jetzt meditieren.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 22/2013
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