03.06.2013

ZEITGESCHICHTEVerdeckte Recherchen

Der Bundesnachrichtendienst warb in den fünfziger und sechziger Jahren Journalisten als Informanten an. Jetzt musste er erstmals Namen seiner Zuträger nennen.
Geheimdienste heißen Geheimdienste, weil sie ihre Geheimnisse für sich behalten. Besonders geschützt wird, wer ihnen Geheimes anvertraut. Doch nun hat der Bundesnachrichtendienst (BND) die Grundregel des zweitältesten Gewerbes der Welt brechen müssen. Er gibt offiziell Auskunft über einige Quellen, die er in den fünfziger und sechziger Jahren abgeschöpft hatte.
Und als wäre dies nicht brisant genug, handelt es sich um Informanten, die der Geheimdienst womöglich gar nicht hätte anwerben dürfen: vier Journalisten, die für diverse deutsche Medien tätig waren - den SPIEGEL und die "Welt", "Bild", "Frankfurter Allgemeine" und die "Zeit".
Das ist peinlich für die Medienbranche, die nun erfahren muss, dass sie Agenten beschäftigte; dass vier Journalisten ihre Leser, ihre Kollegen und ihre Arbeitgeber hintergingen. Für den BND aber ist es mehr als nur unangenehm. Seit der Nennung der Namen liegt der Verdacht nahe, dass die Spionagebehörde gegen ein Verbot verstieß: auf "innenpolitischem Gebiet" tätig zu werden.
So war es dem für Auslandsaufklärung zuständigen Dienst aufgetragen worden, als er 1956 geschaffen wurde. Dass Gründer Reinhard Gehlen sich darüber hinwegsetzte, geschah vermutlich mit Rückendeckung der damaligen Regierung von Kanzler Konrad Adenauer. Gehlen leitete den BND bis 1968; mindestens in jener Zeit lassen sich Bemühungen nachweisen, die Medien zu unterwandern und zu manipulieren.
Gehlens Spin-Doktor war der Regierungsdirektor Kurt Weiß, ein umtriebiger Mann mit einem formidablen Gedächtnis. Man habe Journalisten im Inland "in allererster Linie" zur "Public-Relations-Pflege" angeheuert, erklärte Weiß einmal. Sie sollten "die großen Schwierigkeiten" ausräumen, "die uns teilweise durch die Presse gemacht wurden".
Offenbar warb Weiß zahlreiche Helfer an. Diesem Verdacht ging der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom schon vor geraumer Zeit nach und präsentierte 1998 eine Fülle von Belegen. Bei allen großen Zeitungen, bei Funk und Fernsehen - überall schien der BND mitgemischt zu haben. Eine offizielle Bestätigung aber verweigerte die Zentrale in Pullach.
Nicht zu bestreiten ist, dass der BND diverse Dossiers über Journalisten angelegt hatte. Über den SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein ist darin zu lesen, er lebe von seiner Frau getrennt; außerdem, so ist den Papieren zu entnehmen, hatte der Dienst - vergebens - nach Belastendem aus der Nazi-Zeit gesucht. Andere Journalisten werden in den Akten als "eiskalt" oder "verwaschen liberal" charakterisiert.
Dass der Dienst nun Quellen offengelegt hat, liegt auch an der Ankündigung einer Klage durch den SPIEGEL-Verlag. Bei Recherchen zur SPIEGEL-Affäre 1962 hatte die Redaktion entdeckt, dass der Geheimdienst nach eigenen Angaben mehrere "geheime Linien" in das Magazin gelegt hatte. Der SPIEGEL verlangte vom BND, die Verräter beim Namen zu nennen und Details zu offenbaren.
Seit kurzem ist ein solches Anliegen kein aussichtsloses Unterfangen mehr. Das Leipziger Bundesverwaltungsgericht urteilte im Februar, dass die Presse gegenüber dem BND einen einklagbaren Informationsanspruch habe, der sich direkt auf den Pressefreiheitsartikel im Grundgesetz gründe. Da zudem das Kanzleramt im Wahlkampfjahr einen Gerichtsprozess über die Bespitzelung der Medien durch den BND vermeiden wollte, stimmte dessen Präsident Gerhard Schindler zu.
Die Rolle eines Nachrichtendienstes zu erhellen, "der Inlandsaufklärung innerhalb der Presselandschaft betrieben haben könnte", sei für die Öffentlichkeit "von hohem Interesse", erklärte der Dienst in einer Stellungnahme. Er nannte die Namen von vier Informanten, die alle verstorben sind: Horst Mahnke, Paul Karl Schmidt, Wilfred von Oven, Hans Bayer.
Sie hatten durchaus bedeutende Posten inne:
‣ Horst Mahnke war 1956, als der Dienst ihn anwarb, Leiter des Ressorts "Internationales" beim SPIEGEL, wurde dann Chefredakteur einer Illustrierten des Springer-Verlags und später Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger. Er hatte zunächst mit Wissen Augsteins den Kontakt zur Organisation Gehlen gepflegt, dem Vorläufer des BND. Dann wechselte er die Seiten jedoch ohne Wissen des SPIEGEL-Herausgebers. Nach BND-Angaben endete die "nachrichtendienstliche Verbindung" 1973;
‣ Paul Karl Schmidt war in den fünfziger Jahren als freier Mitarbeiter für die "Zeit" und den SPIEGEL tätig, stieg später in den Führungskreis des Springer-Verlags auf und diente Axel Springer unter anderem als Sicherheitschef; in dieser Zeit wurde er nach BND-Angaben angeworben. Der Öffentlichkeit ist er als Autor unter dem Pseudonym "Paul Carell" bekannt, einige seiner Werke über den Zweiten Weltkrieg waren Bestseller;
‣ Wilfred von Oven wurde 1950 von der Organisation Gehlen rekrutiert. Der Lateinamerika-Korrespondent des SPIEGEL verließ das Magazin bald darauf und schrieb danach für die "Frankfurter Allgemeine". Der BND führte ihn bis 1966 unter verschiedenen Decknamen.
Mahnke, Schmidt und Oven standen schon lange im Verdacht, für den Geheimdienst gearbeitet zu haben. Ihr Ruf war zudem wegen ihrer Funktionen in der NS-Zeit ohnehin schwer ramponiert. Schmidt hatte als Pressesprecher Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop gedient, Oven als Pressereferent für Joseph Goebbels gearbeitet und Mahnke als Hauptsturmführer dem Reichssicherheitshauptamt angehört, also der Terrorzentrale der SS.
Eine Überraschung ist hingegen der Fall des Hans Bayer, der unter dem Künstlernamen Thaddäus Troll zu bundesweiter Bekanntheit gelangte. Der schwäbische Mundart-Schriftsteller, den Walter Jens als einen der "letzten großen Impressionisten deutscher Sprache" bezeichnete, war bis Mitte der fünfziger Jahre für das Stuttgarter Büro des SPIEGEL tätig. Später wurde Troll Vizepräsident des PEN-Zentrums und Vizechef des Verbands deutscher Schriftsteller, er saß im Rundfunkrat des Süddeutschen Rundfunks sowie im ARD-Programmbeirat und unterstützte gemeinsam mit Günter Grass die Sozialdemokratische Wählerinitiative zugunsten von Willy Brandt.
Allerdings ist der Dienst in der Causa Troll vorsichtig im Urteil. Dieser werde in BND-Akten in "nicht nachvollziehbarer Weise" als "Quelle" bezeichnet, eine "nachrichtendienstliche Verbindung" könne "nicht belegt werden". Was wohl bedeuten soll: Troll könnte vom BND ohne sein Wissen abgeschöpft worden sein.
Es gibt jedoch zwei Dokumente, die ihn belasten. Laut einem Vermerk wusste Troll 1962 über einen ehemaligen Kollegen "zu berichten", dass dieser "intensive Verbindungen" in die DDR gepflegt habe und für einen "Salonbolschewisten" zu halten sei. Er empfahl, weitere Erkenntnisse in Berlin zu recherchieren. Und ein weiterer Vermerk beginnt mit dem Satz: "Wie Quelle Dr. Hans Bayer ... mitteilt."
Das klingt nicht so, als wäre Bayer alias Troll unwissend Opfer eines cleveren BND-Manns gewesen.
In dem zweiten Dokument geht es um den Verleger Helmut Kindler. Troll behauptet darin, Kindler habe ihn 1944 im besetzten Polen beim Sicherheitsdienst, dem Geheimdienst der SS, denunziert. Später habe der Verlagschef Trolls Schweigen durch einen attraktiven Job erkaufen wollen. Am Wahrheitsgehalt dieser Geschichte sind jedoch Zweifel angebracht: Laut BND erklärte Troll, mit Kindler in derselben Einheit gedient zu haben. Das ist aber ausgeschlossen. Kindler saß 1944 in Gestapo-Haft. Der angebliche Denunziant zählte nämlich zum Widerstand.
Was auch immer Troll und seine Agenten-Kollegen später als Journalisten verraten haben: Zur Zeit der SPIEGEL-Affäre vermochten sie die Redaktion schwerlich auszukundschaften. Mit dem Magazin hatten sie 1962 seit Jahren nichts mehr zu tun. Offen bleibt damit die Frage, welche "geheimen Linien" es waren, die aus Pullach in die Redaktion des SPIEGEL geführt haben sollen.
Der BND hat bereits erklärt, dass die Liste mit den vier Namen "nicht abschließend" sei. Man werde weiter im Archiv suchen.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 23/2013
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