03.06.2013

UNTERNEHMENFreelancer Gottes

Eine Agentur vermittelt evangelische Geistliche auch an Kunden, die nicht Kirchenmitglied sind. Frevel oder kluge Geschäftsidee?
Der Pastor aus Schwaben ist Musiker, ledig und ein "begnadeter" Redner. Sein Glaubensbruder aus Schleswig-Holstein liebt Action, seine Frau und schönes Design. Und den Frankfurter Mickey Wiese beschreiben Kunden als "warm und mitreißend"; wer ihn näher kennenlernen will, kann ein "erstes kostenloses und unverbindliches" Gespräch vereinbaren.
Wiese, 53, und seine Kollegen sind weder auf einer der vielen Single-Börsen im Internet registriert, noch verdienen sie ihr Geld als Escort-Herren. Sie arbeiten als selbständige evangelische Geistliche für die Agentur Rent-a-Pastor. Kunden können sie unter anderem als Redner für Hochzeiten engagieren.
"Coole Location!", ruft Wiese. Er springt auf die Stufen, die zum Altar der Waldenserkirche in Bad Homburg führen, ein wuchtiger Mann, gut 1,90 Meter groß, bestimmt 100 Kilo schwer, schwarzer Anzug, die grauen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Seine Assistentin stimmt die Gitarre, Wiese schraubt am Mikrofon und verschiebt Stühle. Er bereitet eine Trauung vor, in einer halben Stunde beginnt die Zeremonie. "Das muss sitzen", sagt er, "unsere Gäste erwarten etwas für ihr Geld."
Wiese ist eine Art Freelancer Gottes - ohne eigene Gemeinde. "Ich hielt das anfangs, ehrlich gesagt, für Kokolores", sagt er. Der Theologe hatte in Frankfurt am Main eine Jugendgemeinde geleitet, diese jedoch verlassen und Bücher über Gott und Sexualität geschrieben. Im Januar überzeugte ihn sein Freund und Kollege Samuel Diekmann, dessen Agentur beizutreten.
Diekmann ist rund zwanzig Jahre jünger als Wiese und arbeitet als Pastor in Dietzenbach, einer Kleinstadt in Hessen. Vor vier Jahren entwickelte er seine Geschäftsidee und begann, neben dem Amt in der Gemeinde seine Dienste selbständig anzubieten. Menschen, die heiraten, die einen Freund oder Verwandten verloren haben, eine Lesung organisieren oder aus anderem Grund einen Geistlichen benötigen, können ihn seither für etwa 50 Euro pro Stunde mieten - unabhängig davon, ob sie Kirchenmitglied sind.
Zu Jahresbeginn holte Diekmann Kollegen hinzu und gründete eine Agentur. Inzwischen lassen sich 19 freiberufliche Gottesmänner aus ganz Deutschland über Rent-a-Pastor buchen. Sie treten ein Fünftel ihres Honorars an Diekmann ab.
Auf der Website der Agentur verfügt jeder Kandidat über ein Profil mit Foto und Kurzbiografie. Kunden können Bewertungen abgeben und E-Mails an die Geistlichen schreiben. Theologe Wiese etwa bescheinigen sie, musikalisch zu sein und unkonventionell (jeweils drei von fünf Punkten). Er hat Verliebten in Parks seinen Segen gegeben und einer Hippie-Hochzeit beigewohnt. Gerade wurde er von einem Paar mit Mittelalter-Spleen gebucht. Wiese wird im September in Mönchskluft auf einer Burg auftreten. In seinen alten Job, sagt er, möchte er nicht zurückkehren.
In der Waldenserkirche in Bad Homburg hat sich die Hochzeitsgesellschaft in den Bänken verteilt. Zu Orgelmusik schreitet das Brautpaar durch die Pforte. Wiese faltet die Hände, hebt das Kinn. Mehrmals hat er sich mit Braut und Bräutigam vor der Hochzeit getroffen. Er kennt ihre Liebesgeschichte, erzählt sie jetzt in Auszügen, streut Witze ein, spielt Gitarre. Er begreife sich in erster Linie als "Event-Pastor", sagt er, als christlicher Entertainer; eine Predigt sei gelungen, wenn die Zuhörer mindestens einmal lachten und einmal weinten.
Seine Kunden sind an diesem Nachmittag eine Mitarbeiterin der Deutschen Bank und ein Software-Experte. Sie wollten für ihre Hochzeit einen feierlichen, religiösen Rahmen, sind jedoch keine Kirchenmitglieder. "Wir füllen eine Lücke, die die Kirche hinterlässt", sagt Agentur-Gründer Diekmann. Pro Woche erhalte er bis zu zehn Anfragen von Interessenten. Wie aber verträgt sich sein Geschäftsmodell mit der Ernsthaftigkeit des Glaubens? Wie passen Event und Entertainment zum Protestantismus, der demnächst 500 Jahre alt wird?
Vertreter der evangelischen Landeskirche wie Frauke Eiben, Pröpstin aus Schleswig-Holstein, warnen vor Beliebigkeit. Rent-a-Pastor unterlaufe womöglich die Standards traditioneller Seelsorge. Diekmann hält dagegen, seine Redner seien alle ausgebildete Theologen, keine Laien.
Er selbst sieht sich als Reformer - und damit ein wenig auch in der Tradition Luthers. In Umfragen brächten gerade junge Menschen eine große Sehnsucht nach Spiritualität und religiösen Werten zum Ausdruck. Die Kirchen aber profitieren davon nicht, sie verlieren Mitglieder. "Die Kirche ist verstaubt", sagt Diekmann. Sie müsse sich dringend modernisieren.
Tatsächlich könnte Diekmann dem Katalog der Evangelischen Jugend entsprungen sein. Er spielt in seinen Gottesdiensten Rockmusik, greift auf Powerpoint-Präsentationen zurück und stellt seine Predigten als Podcast ins Internet. Er hat keine Schwierigkeiten, Protestanten und Muslime zu verheiraten. Ginge es nach ihm, dürfte in den Kirchen Bier getrunken werden.
In Bad Homburg ist die Hochzeitsgemeinde zufrieden mit dem Miet-Pastor. "Das war phantastisch, Mickey!", ruft die Braut nach der Trauung. Und eine ältere Frau fragt: "Wo kann ich Sie buchen, Herr Pfarrer?"
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 23/2013
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