03.06.2013

LEBENSMITTELBillig ist teuer

Die wahren Kosten der Fleischproduktion sind im Ladenpreis nicht enthalten. Umweltschützer fordern daher einen Subventionsstopp - und höhere Preise.
Es war ein harmlos klingender Satz, den der britische Thronfolger Charles vergangene Woche im baden-württembergischen Langenburg von sich gab. "Billiges Essen ist überhaupt nicht billig", sagte der Prince of Wales vor etwa hundert Teilnehmern einer Konferenz über Agrar- und Nahrungsmittelsysteme. Und schob die Erklärung gleich hinterher: Die "aggressive Suche" nach billigen Lebensmitteln funktioniere nur, weil die eigentlichen Kosten auf andere abgeschoben oder in die Zukunft verlagert würden - seien es die explodierenden Kosten für Diabetes-2-Kranke und andere Übergewichtsfolgen oder teure Umweltschäden.
Mit dieser Meinung ist der als "Bio-Prinz" bekannte Thronfolger nicht allein. Seit Jahren weisen Wissenschaftler, Agrarökonomen, Gesundheitspolitiker und Umweltschützer auf die hohen Folgekosten von intensiver Landwirtschaft und hochverarbeiteten Lebensmitteln hin.
Nirgends wird das Missverhältnis von Preis und realen Kosten so deutlich wie beim Fleisch. Seit 1950 hat sich der Verzehr von Rind, Schwein und Hühnchen in Deutschland fast verdreifacht. Jeder Deutsche verdrückt im Schnitt 90 bis 100 Kilogramm Fleisch pro Jahr - doppelt so viel, wie von Gesundheitsorganisationen empfohlen. Gleichzeitig sind die Preise für Schnitzel, Kotelett und Würstchen deutlich gesunken. Gaben die Deutschen 1973 noch etwa vier Prozent ihrer gesamten Konsumausgaben für Fleisch aus, liegt dieser Wert heute nur noch bei zwei Prozent.
Grund dafür ist auf der einen Seite eine deutlich effizientere, weil industrialisiertere Landwirtschaft. Auf der anderen Seite aber sind in den Preisen, die der Verbraucher an der Supermarktkasse zahlt, viele Kosten nicht enthalten: etwa die EU-Agrarsubventionen für Futtermittelanbau und Stallneubauten oder die Belastungen für das Gesundheitssystem, wenn übermäßiger Fleischkonsum zu Darmkrebs, Diabetes oder Übergewicht führt.
Die intensive Tierhaltung verschmutzt zudem das Grundwasser und Oberflächengewässer mit Phosphat und Nitrat. Der massenhafte Antibiotika-Einsatz führt zu multiresistenten Krankheitserregern, gleichzeitig schaden Stickstoffüberschüsse, Pestizideinsatz und Monokulturen den Böden wie dem Klima.
"Obwohl wir all das wissen, produzieren wir in Deutschland immer mehr Fleisch", sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace. "Die Fleischwirtschaft ist stolz darauf, dass der Export dank der billigen Preise steigt. Die Kosten aber tragen alle, egal, ob sie Fleisch essen oder nicht."
Würden die wahren Kosten der Produktion in den Preis einfließen, würde der Fleischkonsum automatisch gedrosselt. Das zeigt eine Studie, die das Forum für Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft
im Auftrag von Greenpeace erstellt hat. Sie hat vier ökonomische Instrumente untersucht, die entweder bei der Tierhaltung oder direkt beim Konsumenten ansetzen.
Schon eine Anhebung des Mehrwertsteuersatzes würde danach reichen, um den Verbrauch zu senken. Derzeit gilt für Wurst- und Fleischerzeugnisse ein reduzierter Steuersatz von 7 Prozent. Würde er auf die normalen 19 Prozent angehoben, müssten die Verbraucher pro Jahr etwa 25 Euro mehr für Fleisch ausgeben. Nach Meinung der Wissenschaftler würde das dazu führen, dass jeder Deutsche dreieinhalb Kilogramm weniger Schwein, ein Kilo weniger Geflügel und ein halbes Kilo weniger Rindfleisch essen würde.
"Hochgerechnet bedeutet das knapp 60 Millionen weniger geschlachtete Hühner, 3,8 Millionen weniger getötete Schweine und 180 000 weniger Rinder", sagt Hofstetter. Damit würde so viel CO2 reduziert, wie knapp zwei Millionen Autos im Jahr ausstoßen, und gleichzeitig eine Ackerfläche von der Größe des Ruhrgebiets eingespart.
Auch eine Stickstoff-Abgabe, in Fachkreisen als "Gülle-Euro" bekannt, ließe die Preise deutlich steigen, der Verbrauch ginge um bis zu 3,5 Prozent zurück. In der intensiven Landwirtschaft wird zu viel Stickstoff eingesetzt, der als Dünger auf den Feldern landet und Boden und Wasser schädigt. Knapp drei Milliarden Euro, so die Rechnung der Ökonomen, könnte man bei einer Abgabe von zwei Euro pro Kilo Stickstoff je Hektar an zusätzlichen Steuereinnahmen verbuchen.
Zwar haben die Wissenschaftler auch die Effekte einer Importsteuer auf eiweißhaltige Futtermittel und einer Fettsteuer durchgerechnet. Es sind aber vor allem die erstgenannten Instrumente, die den Autoren "besonders geeignet" erscheinen, "Fleischprodukten einen angemesseneren Preis zu verleihen".
Sie treffen damit einen Nerv - denn die Diskussion um Massentierhaltung und ihre Folgen ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Überall regt sich Protest gegen Tierfabriken und Hühner-KZ, in Niedersachsen wählten die Bürger Anfang des Jahres kurzerhand die regierende CDU ab, weil sie zu viele Mastanlagen genehmigt hatte.
"Es gibt ein Recht auf Nahrung, aber kein Recht auf Billigfleisch aus Massentierhaltung", sagt Greenpeace-Mann Hofstetter. Die Umweltschutzorganisation fordert deshalb, die "Subventionierung für ein Luxusgut abzuschaffen, dessen ökologische und gesundheitliche Begleiterscheinungen desaströs sind".
* Am 27. Mai im baden-württembergischen Cröffelbach.
Von Susanne Amann

DER SPIEGEL 23/2013
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