03.06.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH „Wir sind alle illegal“

Der Hamburger Ethnopharmakologe Christian Rätsch gilt als Drogen-Guru. Seine „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“ fehlt in keiner Kiffer-WG. Ein Gespräch über Alkohol, LSD, Richard Wagner und andere Rauschmittel.
Als die Tür aufgeht zu dieser Wohnung in dieser langweiligen Wohnsiedlung in einem Hamburger Stadtteil namens Farmsen-Berne, steht da ein Bison mit Brille. Oder ein pensionierter Heavy-Metal-Gitarrist. Sehr lange, sehr graue Haare, sehr langer Bart, ein Wolfsfell über den Schultern und aus schmalen Augen ein müder Blick. Er sagt: "Kommen Sie doch bitte herein", heißt Dr. phil. Christian Rätsch, ist erst 56 Jahre alt, hat aber bestimmt mehr äußere und innere Reisen unternommen als alle Nachbarn im Wohnblock zusammen. Rätsch ist Altamerikanist, Ethnopharmakologe, Bewusstseinsforscher und Schamane. Er verbrachte zu Studienzwecken mehrere Jahre bei den Lakandonen-Indianern im südmexikanischen Urwald. Als Drogenexperte ist er seit früher Jugend sein eigenes Forschungsobjekt. Rätsch schrieb Bücher über indianische Heilkräuter, ekstatische Tänze und berauschende Biere. Ein Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Hexerei, war er der akademischen Gemeinde immer zu esoterisch und den Esoterikern zu wissenschaftlich. Sein Hauptwerk, die über 900 Seiten starke "Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen", listet vom Bilsenkraut über den Schlafmohn bis zum Zauberpilz alles auf, was high macht, es beschreibt die Zubereitung und Wirkung sämtlicher bekannter Drogen der Welt. "Eine Frage der Forscherehre" sei es, sagt Rätsch, dass er alles, worüber er schreibe, auch ausprobiere.
Rätsch: Tee?
SPIEGEL: Gern.
Rätsch: Ich hatte schon Journalisten zu Besuch, die haben sich kaum getraut, die Tasse anzufassen bei mir. Die dachten, beim Rätsch, da ist sicher irgendwas drin.
SPIEGEL: Und? Ist was drin?
Rätsch: Nichts. Außer Koffein natürlich, wie in jedem schwarzen Tee. Koffein macht wach, in größeren Mengen euphorisch. Ein guter Darjeeling, kurz gezogen, das kann schon sehr anregend sein.
SPIEGEL: Würden Sie also sagen, dass wir gerade eine Droge konsumieren?
Rätsch: Selbstverständlich. Und es gibt keinen Menschen, der keine Drogen konsumiert. In der Kartoffel zum Beispiel steckt Diazepam, das ist Valium. Wer Kartoffeln isst, nimmt eine verschreibungspflichtige Substanz zu sich - allerdings in so geringer Menge, dass man mehrere Zentner verschlingen müsste, um die Wirkung einer Valiumpille zu erreichen. Es ist überall so: Die Dosis ist entscheidend. Im Übrigen produziert der Mensch auch seine eigenen Drogen, etwa Dimethyltryptamin, kurz DMT, einen Stoff, der im Körper natürlich vorkommt, der aber dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt. Im Grunde sind wir alle illegal.
SPIEGEL: Wozu bildet der Körper Dimethyltryptamin?
Rätsch: Man weiß es nicht. Zur Erleuchtung womöglich. Es gibt Forschungen, wonach DMT kurz vorm Sterben in großen Mengen ausgeschüttet wird. Es soll auch die Traumtätigkeit beeinflussen.
SPIEGEL: Definieren Sie bitte, was eine Droge ist.
Rätsch: Das ist einer der meistmissbrauchten Begriffe überhaupt. Politiker und Medien reden von Drogen oder von Rauschgift, wenn sie Stoffe meinen, die durch das Betäubungsmittelgesetz verboten sind. Ich bevorzuge den Begriff psychoaktive Substanz, der alles einschließt, was gemeinhin unter Drogen verstanden wird, aber viel umfassender ist. Der einzige gemeinsame Nenner von so komplett unterschiedlichen Wirkstoffen wie Nikotin, Alkohol oder LSD liegt im Wort psychoaktiv.
SPIEGEL: In Ihrer "Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen" beschreiben Sie Dutzende solcher psychoaktiver Genussmittel, von Kaffee über Ayahuasca bis Heroin. Alles selbst ausprobiert?
Rätsch: So gut wie alles, ja. Das ist meine Verantwortung als Forscher. Ich kann nicht über etwas schreiben, das ich nicht kenne. Ich kann ja auch keinen Reiseführer über ein Land schreiben, in dem ich nicht war.
SPIEGEL: Welche Substanz ist Ihnen heute die liebste?
Rätsch: Ach, es gibt so viele. Aber einer der höchsten Genüsse für mich ist ein bisschen LSD bei einer Aufführung der "Götterdämmerung" von Wagner. Da kommt man dem Himmel schon recht nah. Mit der Hilfe von Lysergsäurediethylamid wird alles intensiver, es eröffnen sich immer neue, tiefere Perspektiven. Das funktioniert aber nur mit einer sehr geringen Dosis, denn die "Götterdämmerung" ist ja an sich schon ein Trip.
SPIEGEL: Wie fing es bei Ihnen mit den Drogen an?
Rätsch: Mit zwölf Jahren habe ich auf dem Schulhof mein erstes Haschisch gekauft, für 3,50 Mark pro Gramm, damals mein ganzes Taschengeld. Zu Hause musste ich erst einmal herausfinden, womit ich es rauchen könnte, und weil ich damals Tabak nicht mochte, fing ich an zu experimentieren und versuchte es mit getrockneten Pfefferminzblättern. Dieses Herumprobieren, das war der Beginn meiner Forschungstätigkeit. Beim ersten Mal spürte ich dann so gut wie nichts, aber beim zweiten Mal, als ich die Mischung gemeinsam mit einem Freund im Wald rauchte, überfiel uns eine wunderbare Heiterkeit. Wir lagen unter Bäumen und lachten uns kaputt.
SPIEGEL: Warum nimmt der Mensch Drogen?
Rätsch: Weil er es kann. Manche nehmen sie, um ein Leiden zu lindern. Andere zum Vergnügen, zur Entspannung, zur Erholung oder zum geistigen Wachstum. Ich glaube, dass die ekstatischen Erfahrungen, wie sie manche psychoaktiven Substanzen ermöglichen, zu einem erfüllten Leben gehören wie der Orgasmus. In der westlichen Moderne allerdings ist das alles banalisiert worden. Niemand, der morgens mit einem Pappbecher Kaffee in der U-Bahn steht, denkt mehr daran, dass die arabischen Sufis die Kaffeepflanze als Göttergewächs verehrten. Die Leute sitzen mit einer Bierdose vor dem Fernseher und wissen nichts vom heiligen Ursprung des Gerstensafts. Sie rauchen eine schnelle Zigarette, schmeißen sie nach der Hälfte weg, während derselbe Tabak den Schamanen hilft, in andere Welten zu blicken. Das stört mich, dieser gedankenlose Drogenkonsum überall.
SPIEGEL: Wie genau wirkt eine Droge?
Rätsch: Drogen sind chemische Substanzen, die im Gehirn einen ähnlichen Effekt ausüben wie unsere natürlichen Neurotransmitter. Sie steuern die Rezeptoren im Gehirn an und lösen etwas aus, das uns angeboren ist. Manche Drogen, etwa Kokain, funktionieren dabei so, dass sie Synapsen blockieren, so entsteht ein Überschuss natürlicher Botenstoffe. Andere Substanzen docken direkt am Rezeptor an, sie ahmen quasi natürliche Transmitter nach. Aber jeder Mensch ist biochemisch einzigartig und reagiert deshalb auch unterschiedlich. Es gibt Leute, die nehmen Kokain und spüren gar nichts. Andere machen damit spirituelle Erfahrungen, sie nehmen die ganze Welt deutlicher wahr und fühlen sich so erst richtig darin zu Hause.
SPIEGEL: Gehen wir mal ein paar Drogen durch, und Sie sagen kurz, was das ist und wie sich die Wirkung anfühlt. Heroin?
Rätsch: Wurde von der deutschen Firma Bayer erstmals kommerziell als Hustenmittel produziert. Chemisch ist das Diacetylmorphin, hergestellt aus einem Alkaloid, das in der Schlafmohnpflanze vorkommt. Wie alle Opiate ein sehr effizientes Schmerzmittel.
SPIEGEL: Ecstasy?
Rätsch: Enthält meistens MDMA, ein Amphetamin. Hilft, sich in andere Personen hineinzuversetzen.
SPIEGEL: Crack?
Rätsch: Habe ich noch nie gesehen, und ich kenne auch niemanden, der es probiert hat.
SPIEGEL: Crystal Meth?
Rätsch: Eigentlich nix Dolles. Ein ganz normales Methamphetamin. Wirkt wie drei doppelte Espressi. Es kann allerdings bei übermäßigem Gebrauch ziemlich gefährlich sein.
SPIEGEL: Ayahuasca?
Rätsch: Ein Trank aus ausgekochten Lianen und Chacrunablättern. Die Lianen enthalten Harmalin, die Blätter DMT. Dank dieser Kombination entfaltet der Trank eine stark bewusstseinserweiternde Wirkung. Die Schamanen des Regenwaldes nutzen Ayahuasca, um mit den Pflanzengeistern in Kontakt zu treten.
SPIEGEL: Welches ist die gefährlichste Droge?
Rätsch: Alkohol, ganz klar.
SPIEGEL: Alkohol ist gefährlicher als Kokain oder Heroin?
Rätsch: Nichts anderes fügt dem Körper so viel Schaden zu wie Alkohol. Er greift nahezu alle Organe an und macht unproduktiv, schläfrig, teilnahmslos. Ich trinke jedenfalls keinen mehr. Nie. Alkohol ist die einzige psychoaktive Substanz, mit der ich negative Erfahrungen gemacht habe. Ethanol, also Alkohol, kann schon in geringer Dosierung toxisch sein. Reines Kokain oder Heroin hat dagegen oft kaum negative Auswirkungen, wenn Dosis, Set und Setting stimmen. Die Gefahren dieser Substanzen liegen in den beigemengten Verschnittstoffen und im Lebensstil der Junkies. Es sind Gefahren, die erst durch die Illegalität dieser Drogen entstehen. Handelsübliches Straßenkoks enthält oft gerade mal fünf bis zehn Prozent reines Kokain.
SPIEGEL: "Dosis, Set und Setting" - was bedeutet das?
Rätsch: Das stammt von Timothy Leary, dem berühmten US-amerikanischen Psychologen. Für einen gelingenden Konsum einer psychoaktiven Substanz müssen drei Dinge stimmen. Die Dosis meint die richtige Menge der Substanz. Das Set betrifft den eigenen Geisteszustand, meine Wünsche und Erwartungen. Das Setting meint Zeitpunkt und Ort, also den äußeren Rahmen. Wenn das alles passt, kann eigentlich nichts schiefgehen.
SPIEGEL: Es sterben jährlich Zehntausende Menschen durch Drogen. Wäre eine Welt ohne Drogen nicht eine schönere Welt?
Rätsch: Eine Welt ohne Drogen gab es nie und wird es nie geben. Und die Menschen sterben nicht an den Substanzen selbst, sondern am unsachgemäßen Gebrauch und an der Kriminalisierung der Drogen.
SPIEGEL: Würden Sie sich als Süchtigen bezeichnen?
Rätsch: Nein. Ich könnte morgen mit allem aufhören. Allerdings will ich das nicht. Es wäre ungeheuer schade. Im Übrigen, was heißt das schon: süchtig?
SPIEGEL: Sagen Sie es uns.
Rätsch: Betrachten Sie einmal Patienten mit Herzschwäche, die jeden Tag eine therapeutische Dosis Digitalis zu sich nehmen müssen. Wenn man ihnen das wegnimmt, sind sie womöglich nach ein paar Tagen tot. Sie sind abhängig von einem Präparat aus einer psychoaktiven Pflanze. Trotzdem würde ein Mediziner nicht sagen, Herzpatienten seien digitalissüchtig.
SPIEGEL: Was ist Digitalis?
Rätsch: Ein Glykosid aus dem Fingerhut, einem kerzenartigen, sehr adretten Gewächs, das man auch bei uns häufig als Zierpflanze sieht. In der richtigen Dosis regen die Digitalisglykoside das Herz an, gleichmäßig und kräftig zu pulsieren. In einer etwas höheren Dosis führen sie zum Herzstillstand. Aus pharmakologischer Sicht ergibt sich die Gefährlichkeit einer Substanz daraus, wie nahe die therapeutische und die toxische Dosis beieinanderliegen. Aus dem Fingerhut im Garten einen Tee zu kochen und ihn als Halluzinogen zu nutzen wäre wahnsinnig gefährlich. Beim LSD aber, bekanntlich verboten, ist mir eine toxische Dosis überhaupt nicht bekannt.
SPIEGEL: Haben Sie Lieblingspflanzen?
Rätsch: Eine ist die Engelstrompete, aber nicht wegen ihrer psychoaktiven Wirkung, sondern weil sie wunderschön ist. Das sind sehr nette Wesen, mit denen man gern Raum und Wohnung teilt.
SPIEGEL: Sie sprechen fast, als hätte die Engelstrompete ein Bewusstsein.
Rätsch: Das kann man nicht wissen. Ich habe keine Angst vor ihr. Obwohl man bei den Engelstrompeten wirklich vorsichtig sein muss, wenn man sie zu sich nehmen will. Sie beinhalten wohl die stärksten Halluzinogene, die das Pflanzenreich zu bieten hat, und können Halluzinationen erzeugen, die nicht mehr als solche erkannt werden. Das Delirium kann tagelang dauern, Nachwirkungen können über Wochen zu spüren sein, es wurde schon von Todesfällen durch Atemlähmung berichtet. Aber die Samen dieser Pflanze sind überall im Blumenhandel frei erhältlich. Das ist ein weiterer Hinweis auf die Widersinnigkeit des Betäubungsmittelgesetzes.
SPIEGEL: Was stört Sie am Betäubungsmittelgesetz?
Rätsch: So ziemlich alles. Wie kann ein Staat sich anmaßen, seinen Bürgern vorzuschreiben, was sie zu sich nehmen dürfen und was nicht?
SPIEGEL: Weil der Staat seine Bürger schützen will. Deswegen erlässt er auch Verkehrsregeln, zum Beispiel.
Rätsch: Natürlich, es braucht den Staat, das Gemeinwesen, die Gesetze. Aber ob einer Drogen konsumieren möchte oder nicht, muss seine freie Entscheidung sein. Ich glaube an das Recht auf Rausch. Allerdings braucht es Regeln. Man soll psychoaktive Substanzen nicht verbieten, aber es braucht einen Verbraucherschutz. Der Staat soll den Drogenmarkt genauso regeln, wie er den Lebensmittelmarkt regelt, also darum besorgt sein, dass alles rein ist und mit rechten Dingen zugeht. Dann kann auch die Tüte Kokain am Kiosk stehen, neben der Schachtel Zigaretten oder der Flasche Bier.
SPIEGEL: Nehmen außer dem Menschen auch andere Tiere Drogen?
Rätsch: Alle, wahrscheinlich. Ich habe in meinem Buch "Lexikon der Liebesmittel" Pferde beschrieben, die auf der Weide nach bestimmten Pilzen suchen, etwa dem Dunkelrandigen Düngerling, der Psilocybin enthält. Wenn sie den fressen, werden sie ganz aufgeregt und hüpfen freudig über die Koppel. Und Affen mögen vergorenes Obst.
SPIEGEL: Bauen Sie manche Pflanzen selber an?
Rätsch: Bilsenkraut und Stechapfel. Manchmal auch Engelstrompeten. Und wenn ich beim Spazierengehen Pilze finde, dann nehme ich die mit. Das sind unglaublich humorvolle, lehrreiche Lebewesen. Es gehört zu ihren Heilkräften, dass man mal richtig herzhaft lachen kann. Der Pilz geht mit mir eine Bewusstseinssymbiose ein für die Dauer seiner Wirkungskraft. Dabei entstehen natürlich neue Eindrücke, auch für den Pilz, nehme ich an.
SPIEGEL: Heute welche gegessen?
Rätsch: Keineswegs.
SPIEGEL: Worüber lachen Sie auf Magic Mushrooms?
Rätsch: Über mich. Über meine Mitmenschen. Über das Universum. Über alles. Der Zauberpilz kann dich aber auch ganz schön an die Kandare nehmen. Er kann dir auch zeigen, was für eine Scheiße du treibst, was für einen Quatsch du denkst. Pilze sagen dir die Wahrheit.
SPIEGEL: Warum gibt es überhaupt psychoaktive Substanzen in der Natur? Was nützt dem Schlafmohn das Morphin?
Rätsch: Das ist eine sehr grundlegende Frage. Warum gibt es überhaupt die Welt?
SPIEGEL: Finden Sie es nicht erstaunlich, dass in irgendwelchen, manchmal schwer zugänglichen Pflanzen Stoffe existieren, die auf den Menschen euphorisierend oder halluzinogen wirken? Das lässt sich darwinistisch schlecht erklären.
Rätsch: Der Schlafmohn, dem wir das Opium verdanken, scheint dadurch ziemlich wirksam gegen Schädlinge geschützt zu sein. Das ist die traditionelle Theorie: dass die Pflanzen diese Substanzen zum Schutz vor Fressfeinden entwickelt haben. Aber damit kann man nicht alles erklären. Warum zum Beispiel enthalten manche Pilze das nahezu ungiftige Psilocybin? Es gibt auch die Betrachtungsweise, dass sie diese Stoffe produzieren, um sich bei uns attraktiv zu machen. Damit wir dafür sorgen, dass ihre Art erhalten bleibt.
SPIEGEL: Wie kam es eigentlich zu Ihrer ausufernden Haartracht?
Rätsch: Ich habe schon immer lange Haare gehabt. Die Indianer sagen, wer sich die Haare schneidet, kappt das Denken ab. Ich laufe auch gern in Leder und Fell herum. Ich bin da sehr konservativ, meine Mode kommt quasi aus der Steinzeit.
SPIEGEL: Sie konsumieren seit Jahrzehnten alle möglichen Drogen. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Rätsch: Meine Blutwerte sind hervorragend. Ich nehme diese Sachen ja auch, damit es mir gutgeht, damit ich Inspiration habe und Freude. Welche Erfahrungen haben Sie denn mit Drogen gemacht, wenn ich fragen darf?
SPIEGEL: Nicht besonders viele. Genusstrinker, Gelegenheitsraucher. Eine Weile gekifft. Und einmal was mit Pilzen.
Rätsch: Wie war das?
SPIEGEL: Ich erinnere mich, dass wir uns enorm über das Fernsehprogramm amüsiert haben, obwohl der Apparat gar nicht lief. Mein einziges negatives Erlebnis mit Drogen war mit Haschisch.
Rätsch: Haben Sie es gegessen?
SPIEGEL: Ja, in einem Kuchen.
Rätsch: Das ist gefährlich. In Nepal isst man Haschisch, um sich dem Bewusstsein des Gottes Shiva anzunähern. Nur haben die meisten Leute bei uns keine Ahnung, wie man Haschisch dosiert. Eine Überdosierung äußert sich oft in Angst und Panikattacken, dazu Erbrechen oder Übelkeit. Das bewirkt bei vielen Leuten, dass sie nachher nicht mehr kiffen.
SPIEGEL: Genau so war's.
Rätsch: Dann versuchen Sie es mal wieder mit einer Haschzigarette. Da ist eine Überdosis praktisch ausgeschlossen. Ich verstehe nicht, warum die Leute eine so große Angst vor Drogen haben.
SPIEGEL: Bei mir ist es die Angst vor Kontrollverlust. Ist das nicht ein gesunder Impuls?
Rätsch: Das ist völlig lächerlich. Der Mensch an sich ist unkontrolliert. Erst durch psychoaktive Substanzen kann man überhaupt eine Vorstellung von Kontrolle bekommen.
SPIEGEL: Bitte? Ich habe doch jetzt, nüchtern, das klare Gefühl, Herr über mich selbst zu sein.
Rätsch: Das ist eine Illusion. Die Vernunft suggeriert uns, dass wir selbstbestimmt und logisch handeln, dass wir einen klaren Geist haben und alles kontrollieren können. Aber das kann niemand. Unser Wille ist längst nicht so frei, wie wir das gern hätten. Wir leben in und mit einem Körper, der seine eigenen Gesetze hat. Wir leben zudem in einem gesellschaftlichen System, das uns formt und leitet.
SPIEGEL: Was haben Sie mit Hilfe von Drogen über sich selbst gelernt?
Rätsch: Ich habe gemerkt, welche sozialen Regeln und Forderungen in mir aktiv sind und wie ich mich davon befreien kann. Da verdanke ich dem LSD sehr viel.
SPIEGEL: Wird man damit nicht gesellschaftsuntauglich?
Rätsch: Das kann passieren, ja. Ich kenne viele Leute, die sich aus der Gesellschaft ausgeklinkt haben.
SPIEGEL: Erinnern Sie sich an Ihren ersten LSD-Trip?
Rätsch: Allerdings. Ich war knapp zwanzig, und es war eine Erfahrung, die mich für den Rest des Lebens prägte. Ich habe mich dabei in ein Tier verwandelt. Ich konnte zusehen, wie überall das Fell aus meinen Armen wuchs. Und dann guckte ich in einen Spiegel und sah da einen schwarzen Jaguar. Dann schaute ich zu meinem Freund, der ebenfalls auf LSD war, und ich sah einen Leoparden. Die nächsten Stunden haben wir uns nur noch mit Knurren verständigt.
SPIEGEL: Auch Ihr Freund sah sich selbst als Leoparden und Sie als Jaguar? Wie kann das sein? Hatte er nicht seine eigenen Visionen?
Rätsch: Sie halten diese Visionen wahrscheinlich für Projektionen des Gehirns?
SPIEGEL: Natürlich.
Rätsch: Das ist ein totaler Irrtum. Die andere Wirklichkeit ist immer da. Und zwar inhärent in unserer Welt. Auch manche Physiker sagen, dass es unendlich viele, gleichzeitig existierende Universen gibt.
SPIEGEL: Aber Sie selbst als Jaguar, das ist doch eine Projektion des Gehirns! Oder wollen Sie behaupten, dass Sie auch in diesem Augenblick als Jaguar existieren?
Rätsch: Nicht in dieser Wirklichkeit. Nicht jetzt, nicht hier, in dieser Küche in meiner Wohnung. Zur Jaguar-Wirklichkeit haben wir im Moment keinen Zugang. Es sei denn, wir würden etwas LSD nehmen.
SPIEGEL: Haben Sie Kinder?
Rätsch: Nein. Man ist entweder Forscher oder Vater.
SPIEGEL: Machen Sie sich mit Ihren Forschungen eigentlich strafbar?
Rätsch: Ich bin kein Dealer, ich bin Wissenschaftler. Der Konsum dieser Substanzen ist nicht verboten. Bei manchen ist zwar schon der Erwerb strafbar, aber da befinden wir uns in einer rechtlichen Grauzone, ich habe jedenfalls noch nie Ärger bekommen.
SPIEGEL: Ich möchte Ihnen einen Vorwurf machen.
Rätsch: Nur zu.
SPIEGEL: Mit einem Buch wie Ihrer "Enzyklopädie" verführen Sie die Leute zum Drogenkonsum. Es enthält detaillierte Anweisungen zur Zubereitung verschiedenster Stoffe. Es beinhaltet hymnische Beschreibungen der Wirkungen von Drogen. Es ist ein Buch, das töten kann.
Rätsch: Was für ein Blödsinn. Ich verführe nicht, ich kläre auf. Ich gebe dem Leser Informationen zur Hand, damit er selbstverantwortlich mit diesen Substanzen umgehen kann. Es gehört zum Wesen von psychoaktiven Substanzen, dass jeder selbst herausfinden muss, ob er mit ihnen zu tun haben will. So wie ich es für falsch halte, dass der Staat bestimmte Substanzen verbietet, so halte ich es auch für ein Verbrechen, jemandem zum Konsum von Drogen zu raten.
SPIEGEL: Was werden Sie heute noch einschmeißen?
Rätsch: Schokolade. Und Tee. Sonst nichts.
SPIEGEL: Herr Rätsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Guido Mingels.
Von Mingels, Guido

DER SPIEGEL 23/2013
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