03.06.2013

AUTOREN Was stimmte

Er sagte die Finanzkrise voraus und wurde verlacht. Dann kam die Krise, und Nassim Nicholas Taleb gewann viel Geld, aber die Ökonomen halten den Finanzphilosophen der neuen Art noch immer für einen Spinner.
Nassim Nicholas Taleb kommt gerade von einem Lunch mit zwei Milliardären. Eigentlich mag er keine reichen Leute, ihre Gesellschaft ist ihm langweilig. Dabei ist Nassim Nicholas Taleb selbst ziemlich reich, was er an diesem Nachmittag allerdings zu verbergen weiß. Sein Kleidungsstil erinnert an einen mittelbegabten Mafia-Killer aus New Jersey: Lederslipper, Karottenjeans, Karo-Sakko, aus dem Pullover quillt Brusthaar. In seinem neuen Buch schreibt Taleb, er könne 150-Kilogramm-Gewichte heben und sei somit ein Intellektueller mit der "Ausstrahlung eines Bodyguards".
Taleb ist Professor für Risk Engineering an der New York University. Er ist erst Anfang fünfzig, aber er war auch schon Bestsellerautor, Wall-Street-Trader und Hedgefonds-Manager: Er hat das Metropolitan Museum of Art für ein Treffen vorgeschlagen. Das Museum zeigt Exponate aus der Kunstgeschichte der Menschheit, alles hängt hier mit allem zusammen. Taleb geht oft hierher, weil auch in seinen Büchern alles mit allem zusammenhängt, Philosophie und Ökonomie, Mathematik und Alltagsbeobachtungen, der Internationale Währungsfonds und der Stoiker Seneca.
Talebs Lederslipper rutschen über den Steinboden, so schnell bewegt er sich. "How ya doo-ing? How ya doo-ing?", ruft er jedem Wärter in einem dicken Brooklyn-Italo-Dialekt zu, obwohl er nicht in Brooklyn, sondern in Beirut aufgewachsen ist. Er wirbelt auch einmal durch den Museumsshop, um zu überprüfen, ob sein neues Buch dort ausliegt. Tut es. Gut.
Dann taxiert er den Besuch aus Deutschland. Er mag keine Journalisten. Er hält sie für dumm.
"Wenn ein Baseball und der Schläger zusammen 1,10 Dollar kosten und der Schläger genau einen Dollar teurer ist als der Ball: Wie viel kostet dann der Ball?"
So beginnt Taleb ein Gespräch. Es ist ein berühmtes Beispiel seines Freundes Daniel Kahneman, des Psychologieprofessors und Wirtschaftsnobelpreisträgers, und es soll beweisen, dass die meisten Menschen mental faul sind. Die meisten Menschen antworten, der Ball koste zehn Cent und der Schläger einen Dollar. Was falsch ist.
Für geistige Faulheit, das will Taleb sagen, wird es mit ihm wenig Toleranz geben. Er hat keine Zeit zu verschenken.
Aus einer verschlissenen Ledertasche zerrt er ein geheftetes Buch. Einer der beiden Milliardäre hat es ihm beim Mittagessen überreicht. Es heißt "Big Bets & Black Swans. A Presidential Briefing Book" und enthält Empfehlungen von führenden Intellektuellen für Obamas zweite Amtszeit. Die Texte interessieren Taleb nicht besonders, ihn interessiert nur der Titel: Black Swans. Schwarze Schwäne. Da ist er wieder. Das ist sein Begriff. Er hat ihn nicht erfunden, doch er hat ihn weltberühmt gemacht. Jetzt steht er sogar schon auf einem Buch für den Präsidenten.
Seit mehr als einem Jahrzehnt redet Taleb von diesen Schwarzen Schwänen. Lange hat ihm keiner zugehört, doch im Jahr 2007, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, veröffentlichte er ein ganzes Buch über sie. "Der Schwarze Schwan" verkaufte sich weltweit rund drei Millionen Mal, hielt sich 36 Wochen auf der Bestsellerliste der "New York Times", und die "Sunday Times" wählte es unter die zwölf einflussreichsten Bücher seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die Finanzkrise ab 2007, so lautet heute eine gängige Erklärung, bestand vor allem aus Schwarzen Schwänen, wie Taleb sie in seinem Buch beschrieben hatte - also aus schwer voraussagbaren, irregulären Ereignissen mit sehr starken Konsequenzen, für die es eigentlich keine Erklärung gibt. "Aber wir Menschen versehen sie im Nachhinein mit einer Erklärung, um uns vorzugaukeln, wir würden verstehen, was passiert. Was natürlich Bullshit ist."
Taleb lächelt, hält zum ersten Mal kurz inne und sagt schließlich: "You get the idea." Was klingt wie ein Befehl.
Schwarzer-Schwan-Ereignisse nach Taleb waren: die Lehman-Pleite, die Beinahe-Pleiten von Fannie Mae und AIG, aber auch der 11. September, die Erfindung des Internets oder der Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Nach dem Erscheinen von Talebs Buch "Der Schwarze Schwan" und der folgenden Finanzkrise wurden Begriffe, die Taleb oft benutzt, Begriffe wie Zufälligkeit, Volatilität, Unberechenbarkeit, Irrationalität, die großen Modewörter. Der Nobelpreisträger Kahneman behauptete, Taleb habe "mein Verständnis dafür geändert, wie die Welt funktioniert".
Vor allem aber war Taleb einer der wenigen, die die Erschütterungen der Finanzkrise vorhergesehen und gewarnt hatten, dass die ökonomischen Risikomodelle diese Erschütterungen nicht erfassen könnten und die Wissenschaft keine Antworten haben werde. Was stimmte.
Taleb triumphierte. Er hatte sich seit Jahren gegen alle möglichen Kursschwankungen mit Tausenden "options" abgesichert und verdiente durch die Erschütterungen der Finanzkrise viele Millionen. Wichtiger noch war ihm: Er hatte recht gehabt. Die sogenannten Masters of the Universe, jene Star-Trader an der Wall Street oder bei den Hedgefonds in Connecticut, die ihm immer erzählt hatten, sie würden mit Expertise und Geschick die Märkte beherrschen; jene, die in den Jahren vor der Finanzkrise immer mehr Geld gemacht hatten als er: Sie waren eben doch keine Master. Sie waren eben doch nur Teil dessen, was Taleb den "phony capitalism" nennt - nicht mehr als ein Netzwerk von Freunden aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, die sich gegenseitig die Bälle zuspielten.
Dazu gehören laut Taleb die "New York Times" mit ihrem Kolumnisten Thomas Friedman, der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, die Wissenschaftler und Politiker, die jedes Jahr eitel auf der Konferenz in Davos kungeln, aber auch Paul Krugman, der Wirtschaftsprofessor in Princeton, ebenfalls Nobelpreisträger, "ein unbrauchbarer Typ", dessen Karriere Taleb, wie er sagt, "mit einem einzigen Aufsatz beenden könnte. Ich kann ein Krugman-Modell hernehmen und zeigen, wie es zusammenbricht, sobald Schwarzer-Schwan-Ereignisse auftreten. Er hat einfach nicht darüber nachgedacht".
Taleb nahm Krugman und seine akademischen Kollegen öffentlich und laut in Haftung. Ihre fehlerhaften Modelle zur Risikoevaluation, die seine Schwarzen Schwäne nicht hätten mit einberechnen können, hätten großen Schaden angerichtet, und das Schlimme sei, dass den Verlust andere tragen müssten: nicht die Ökonomen, die, wie Taleb meint, die Fehler gemacht haben, und nicht die Finanzhändler, die nach diesen fehlerhaften Modellen gearbeitet hätten. Die Wissenschaftler seien zu feige gewesen, nach ihren eigenen Modellen zu wetten, sie hatten kein "skin in the game", wie Taleb es nennt. Sie setzten nicht ihre eigene Haut aufs Spiel, anders als er, Taleb, der aus der Praxis kam.
Das Schlimmste daran: Wenn die theoretischen Modelle und die Computeralgorithmen nicht funktionieren, wenn die Vorhersehbarkeit von Kursentwicklungen eingeschränkt ist, bedeutet das für die Masters of the Universe, dass ihr Erfolg nicht auf Geschick oder Können beruht, sondern eben schlicht auf Glück. Glück? Für die Wall Street war das der Gedanke eines Ketzers.
Die Ökonomen disqualifizierten Talebs Theorien als banal, nannten ihn einen Scharlatan oder ignorierten ihn.
Ende vergangenen Jahres ist nun, so nennt er es, sein Hauptwerk erschienen. Es ist eine Anleitung für ein Leben in einer Welt der Schwarzen Schwäne. Der Grundgedanke ist einfach. Wenn Schwarze Schwäne auftauchen, und das tun sie andauernd, können sie auf drei verschiedene Zustände treffen: auf eine robuste Umgebung, die die Erschütterungen aushält und sich nicht verändert; auf eine fragile Umgebung, die einstürzt, wie weite Teile des Finanzmarkts es getan haben; oder auf einen Zustand, für den Taleb das Wort "antifragil" erfunden hat: Antifragil ist, was durch einen Schock zwar erschüttert wird, sich daraufhin aber verändert und verbessert. Die Natur ist antifragil, die Evolution, Teile der Kultur, Umstürze natürlich, aber auch die menschliche Psyche. Sogar antifragile Finanzstrukturen gebe es, sagt Taleb, Papiere also, die darauf ausgerichtet sind, von Marktschwankungen zu profitieren.
"Antifragilität" heißt das Buch, und es ist ein größenwahnsinniges Werk auf 688 Seiten, anekdotisch, apodiktisch, angriffslustig und ausschweifend, es handelt von Taleb selbst, aber auch von seinen Alter Egos Fat Tony (einem abgewichsten Broker aus Brooklyn) und Nero Tulip (früher Finanzhändler, später Bücherwurm), von Nietzsche und Seneca, Baudelaire, Karl Popper, dem Leibarzt von Michael Jackson, Albert Camus, Céline, Euklid, Warren Buffett oder Platon und natürlich von all den Ahnungslosen (Politikern, Journalisten, Ökonomen, Investoren), die glauben, sie würden die Welt oder zumindest die internationalen Finanzmärkte begreifen. "You get the idea?"
"Ich möchte in einer Welt, die ich nicht verstehe, glücklich leben können", schreibt Taleb zu Beginn seiner Suada. Und dafür müsse man antifragil sein, sich nicht gleich von jeder kleinsten Erschütterung aus der Bahn werfen lassen. Sein Buch wurde fast überall als ausschweifend und angeberisch verrissen, seitdem befindet sich Nassim Nicholas Taleb im Kriegszustand.
Er zerrt deswegen nun aus seiner Tasche 50 kopierte und zusammengeheftete Zettel, mit allerlei Kurven, Graphen und Gleichungen darauf. Was das ist? Das ist sein Buch "Antifragilität", natürlich! Nicht als Text, nicht als Erzählung oder Gedanken, sondern als Formeln und Gleichungen.
"Niemand kennt meine Arbeit wirklich. Niemand hat sich die Mühe gemacht, bei ,Antifragilität' den Anhang zu lesen. Niemand konnte sich vorstellen, dass jemand, der Millionen Bücher verkauft hat, auch technisch-mathematisch argumentieren könnte. Dabei basiert mein neuestes Buch auf 500 Seiten Mathematik."
Eine der ersten Kurven befasst sich zum Beispiel mit dem "Truthahn-Problem", einem Taleb-Klassiker. Das Truthahn-Problem illustriert, dass in manchen Fällen Erfahrungen, selbst wenn sie eindeutig scheinen, nicht zuverlässig genug sind, um Prognosen für die Zukunft zu erstellen. Ein Truthahn macht (zumindest in Nordamerika) folgende Erfahrung: Viele Tage nacheinander kommt ein Mensch und füttert ihn ausgiebig. Der Truthahn sammelt also Tag für Tag ziemlich überzeugende statistische Belege dafür, dass dieser Mensch ihm nichts tun wird. Dann kommt Thanksgiving. Und konfrontiert den Truthahn mit einem massiven Schwarzer-Schwan-Ereignis.
Wenn man sein Leben lang nur weiße Schwäne sieht, bedeutet das nicht, dass irgendwo nicht doch ein schwarzer existiert, so lautet die berühmte These des Wissenschaftsphilosophen Karl Popper. Talebs Truthahn-Problem beschreibt den gleichen Gedanken etwas radikaler und mit einem anderen Vogel. Wie dem Truthahn, das war Talebs Idee, könnte es auch jedem Finanzinvestor und jedem Computeralgorithmus gehen: bumm. Thanksgiving. Auf einmal ist alles tot, alles weg.
Seinen ersten eigenen Schwarzen Schwan erlebte Taleb als Jugendlicher. Er kommt aus einer einflussreichen griechisch-orthodoxen Familie im Norden des Libanon, sein Großvater war der Außenminister des Landes, genauso der Urgroßvater. Doch dann, völlig unvorhersehbar, kippte sein Land innerhalb von sechs Monaten, wie Taleb sagt, "vom Paradies zur Hölle", das war Mitte der Siebziger.
Er ging nach Paris und dann in die USA, studierte Wirtschaftswissenschaften, und 1984, mit Mitte zwanzig, wurde er Derivatehändler an der Wall Street, später an der Börse von Chicago. Damals gab es den Begriff "Quant" noch nicht, der heute hochspezialisierte Nerds bezeichnet, die, ausgestattet mit einem Doktortitel in Physik oder Mathematik, statistische Modelle entwickeln zur Vorhersage von Marktentwicklungen. Taleb wurde rasch zu einem Fachmann in Finanzmathematik und entwickelte Formeln für Finanzderivate. In seinem zweiten Jahr hatte er ein Modell erstellt, das Marktschwankungen von bis zu 5 Prozent bei speziellen Währungspositionen darstellen konnte, doch plötzlich veränderte sich tatsächlich der Markt dieser Positionen um 15 Prozent. Das bewegte sich außerhalb von Talebs Annahmen. Durch Zufall machte er zum ersten Mal viel Geld. Taleb wurde neugierig, guckte sich die Statistiken an und stellte fest, dass solche Ausschläge häufiger vorkamen. Es hatte nur niemand gemerkt, weil sie außerhalb der üblichen Berechnungen lagen.
"Ich sagte mir: Die Menschen realisieren gar nicht, dass ständig extreme Ereignisse vorkommen. Also begann ich, mich auf sie vorzubereiten."
Wie bereitet man sich auf seltene extreme Ereignisse vor? Durch das, was in der Finanzwelt Optionen heißt. Optionen sind eigentlich eine Art Versicherung. Taleb zahlte einem Optionenhändler einen geringen Betrag und erwarb damit das Recht, ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Aktie zu einem vorher festgelegten Preis zu verkaufen. Angenommen, eine Aktie läge bei 100 Dollar. Taleb glaubt aber, dass ein extremes Ereignis sie in den nächsten Monaten auf 80 Dollar abstürzen lässt. Er kauft also Optionen, sie dem Händler für 90 Dollar verkaufen zu können. In den meisten Fällen passiert nichts, und der Händler streicht seine Gebühr ein, Taleb hat einen kleinen Verlust gemacht. Aber vielleicht kommt doch ein Schwarzer Schwan und lässt die Aktie auf 80 Dollar fallen. Dann geht Taleb los und kauft eine Million Aktien für 80 Dollar pro Stück, die er dem Optionenhändler für 90 Dollar pro Stück verkauft. Dann hätte Taleb 10 Millionen Dollar Gewinn gemacht.
Taleb handelte mit nichts anderem mehr. "Ich war besessen." Zwei Jahre nachdem er damit begonnen hatte, kam der erste Börsencrash seit dem Zweiten Weltkrieg, im Oktober 1987. Taleb war 27 und wusste, er würde nie wieder in seinem Leben arbeiten müssen.
Er tradete noch ein bisschen, dann promovierte er über seine Erkenntnisse. Todesraten oder Pokerspiele, davon war Taleb jetzt überzeugt, mögen der Gaußschen Normalverteilung folgen, sie sind statistisch vorhersagbare Größen. Die Aktienmärkte aber sind bestimmt von Anlegern, von ihren Launen, Psychen, ihrer Panik, ihren Lügen, von ihren Depressionen und ihrem Größenwahnsinn.
Riesige Sprünge der Aktienkurse dürfte es, folgten sie der Normalverteilung, nur alle 7000 Jahre geben; tatsächlich kommen sie alle drei oder vier Jahre vor. Stellt man den Markt als Kurve dar, würden nicht fast alle Kursbewegungen in die Mitte fallen, wie bei der Normalverteilung. Es würden auch einige Ereignisse an die Enden der Kurve fallen, die Kurve würde "fat tails" bekommen, dicke Enden. Talebs Doktorarbeit wurde zum Standardwerk über "fat tails".
Im Metropolitan Museum of Art flaniert Taleb häufig durch die Ausstellungen, er hält das für sinnvoller und produktiver, als an einem Schreibtisch zu sitzen. Er streicht über eine byzantinische Skulptur. "Sehen Sie, früher hatte alles dreidimensionale, strukturierte Oberflächen. Heute ist alles glatt."
Na und? Was bedeutet das?
"Wir entwickeln uns zurück."
Manchmal scheinen seine Behauptungen eine Nummer zu groß zu sein und zu allgemein, und obwohl er sich einen Empiriker nennt, ist vieles, was er als Tatsache präsentiert, eher die Interpretation eines angriffslustigen Denkers.
Ende der neunziger Jahre gründete Taleb einen Hedgefonds, der anders als andere Hedgefonds nur auf Pessimismus setzte, auf den Verfall von Kursen, auf das Auftauchen von Schwarzen Schwänen. Taleb taufte den Fonds Empirica. Mit einem Team aus jungen Quants setzte er sich in eine Bürosiedlung in Connecticut, schrieb an Computerprogrammen, die Optionen aussuchten, und kaufte diese tonnenweise. Empirica handelte nur mit Optionen, sie kauften und verkauften also keine Aktien, sondern wetteten auf sie. An einem typischen Tag zahlte Empirica die Gebühren für ihre zahlreichen Optionen, ohne eine auszuüben. Das bedeutete tägliche Verluste, während all seine Kollegen in den Fonds große Gewinne einfuhren.
War seine Prämisse vielleicht doch falsch? Hatten die anderen recht? "Ich war darauf eingestellt, jeden Tag Geld zu verlieren. Wenn Sie Ihr Auto versichern, verlieren Sie auch jeden Tag Geld - bis zu dem Tag, an dem Sie einen Unfall haben. Dann gewinnen Sie massiv."
1998 brach der große Hedgefonds LTCM zusammen, weil "sie die Idee von ,fat tails' nicht verstanden", 2000 kam dann der Dotcom-Crash. Im Jahr 2008 sah Taleb die Hypothekenbank Fannie Mae auf dem Weg in den Bankrott und wettete gegen sie. Im September musste die US-Regierung eingreifen, der nur mühsam verhinderte Zusammenbruch auf dem Höhepunkt der Finanzkrise war Talebs Triumph.
Er hat nun das Museum verlassen und möchte zu seinem Auto laufen, das er aus nicht nachvollziehbaren Gründen in einem Parkhaus 30 Blocks weiter südlich geparkt hat, eine halbe Stunde zu Fuß. Das Museum liegt auf der Upper East Side, Manhattans gediegenster Gegend, und je mehr ihn seine Schritte dort wegtragen, desto mehr entspannt sich der Multimillionär. Bald sind weniger hochgestrapste Frauen mit Balenciaga-Taschen zu sehen, weniger Nannys mit Ralph-Lauren-Kindern, weniger Männer mit Chauffeur.
"Wollen Sie noch einen letzten Ratschlag in Erkenntnistheorie?"
Okay.
"Ob jemand ein Arschloch ist oder nicht, weiß man erst, wenn er reich wird."
Aber es gibt schon ein paar, die auch ihn für ein Arschloch halten.
"Ich fahre gleich mit meinem unspektakulären Auto in einen Vorort von New York. Dort habe ich ein Haus, das ist okay, aber nichts Besonderes. Aber ich habe darin 15 000 Bücher. Und ich muss für niemanden irgendetwas tun, ich bin komplett unabhängig."
Sein Hedgefonds Empirica heißt heute Universa, aber Taleb ist nicht mehr aktiv. Er will nicht mehr für Geld arbeiten, er möchte nur noch Aufsätze schreiben und die Welt überzeugen, dass sie ihn endlich ernst nehmen soll.
"Krugman, wissen Sie?", sagt er an einer Straßenecke. "Der legt sich mit jedem an. Nur in meine Nähe traut er sich nicht. Die Leute wissen, dass ich sehr, sehr spezialisiert bin auf dem Feld der Zufallsereignisse. Ich habe die vergangenen 27 Jahre damit verbracht, dieses Zeugs in- und auswendig kennenzulernen."
Zum Abschied reicht er einem die Zettel mit den Kurven, Graphen und mathematischen Formeln. Die seien geschenkt, die wolle man sich zu Hause sicher noch einmal ansehen. Er schreibt "Thank you for the conversation" auf die Zettel, obwohl eigentlich nur er geredet hat. Auf der Höhe der 50. Straße verschwindet er in einem Parkhaus.
Die Antwort auf Talebs Baseball-Frage lautet übrigens: fünf Cent für den Ball, 1,05 Dollar für den Schläger. ◆
Von Oehmke, Philipp

DER SPIEGEL 23/2013
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