10.06.2013

KRIMINALITÄTEin feiner Verbrecher

Verzweifelt jagt die Polizei einen merkwürdigen Bankräuber: Er stellt sich in die Schlange, überreicht Drohungen auf Zetteln, grüßt freundlich und lässt sich dabei filmen. Die Fahnder suchen Hilfe bei einem anderen Serientäter.
Das früheste Bild, das die Polizei von ihm hat, zeigt den Mann in der Schalterhalle einer Bank: glattrasiert, schwarzes Basecap, Bauchansatz, ungefähr 40 Jahre alt. Er trägt eine Lederjacke und ein schwarzes Poloshirt, in der Hand hält er einen Zettel.
Es sind die Sekunden vor dem Überfall, aufgenommen von der Überwachungskamera einer Sparkasse in Essen, Donnerstag, 8. Juni 2006. Ein Räuber in der Diskretionszone. Ein Mann, der auf den richtigen Moment wartet.
Gleich wird er nach vorn treten an den Schalter, den Zettel hinüberschieben zur Kassiererin. Auf dem Zettel steht, handschriftlich, in Großbuchstaben: "Wenn Sie Alarm auslösen, bevor ich die Bank wieder verlassen habe, schieße ich ohne jede weitere Warnung!"
Sieben Wochen später wird der Mann erneut gefilmt, in Bremen, als er die Sparkasse in der Bahnhofstraße betritt. Diesmal hat er eine Plastiktüte in der Hand.
An der Kasse stellt er sich in die Schlange und wartet. Die Uhr im Schalterraum zeigt 12.43 Uhr, als er die Tüte auf den Tresen legt und einen zusammengefalteten Zettel aus der Tasche zieht, wieder handschriftlich und in Großbuchstaben: "Folgen Sie diesen Anweisungen und es wird nichts passieren! Geben Sie mir jetzt schnell aber ruhig alle Scheine!"
An diesem Freitag Ende Juli 2006 liefert die Überwachungskamera mindestens elf Fotos, auf denen das Gesicht des Mannes deutlich zu erkennen ist. Auf der rechten Wange trägt er ein Pflaster, nur die Augen werden vom Schirm des Basecaps verdeckt. Deutlich sind darauf die drei Streifen des Adidas-Logos zu sehen. Auf das Poloshirt ist, weiß auf schwarz, der Name des Golfartikelherstellers Titleist genäht.
Von allen Möglichkeiten, an Geld zu kommen, das einem nicht gehört, ist Bankraub eine der anspruchsvollsten. Anders als beispielsweise der Erpresser muss der Bankräuber viele Menschen unter Kontrolle halten. Jeder von ihnen kann jederzeit alles verderben. Vieles muss bedacht werden für einen Auftritt, der selten länger als eine Minute dauert. Wohin mit dem Geld? Wohin nach dem Überfall?
Die Polizei erfährt am meisten über einen Täter, wenn ihm etwas misslingt. Wenn dem Räuber die Kontrolle entgleitet.
An jenem Tag in Bremen haben die Beamten Glück. Als die Kassiererin den Zettel liest, lässt sie sich von ihrem Stuhl zu Boden gleiten; eine Finte, die sich bei einem früheren Überfall bewährt hat. Zuvor gelingt es ihr, den Alarmknopf zu drücken. Wird Alarm ausgelöst, dann dauert es höchstens fünf Minuten, bis der erste Streifenwagen eintrifft.
Als die Frau vor dem Räuber plötzlich abtaucht, zeigt er keine Anzeichen von Nervosität. Er nimmt die Plastiktüte, dreht sich um und geht mit ruhigen Schritten zur Drehtür. Den Zettel lässt er auf dem Tresen zurück.
Er weiß, dass er gefilmt wird, er muss es wissen, aber es scheint ihm nichts auszumachen. Als seien die Kamerabilder Teil eines Plans.
Sechs Jahre nach dem misslungenen Überfall in der Bahnhofstraße hockt Uwe Roschen in seinem kleinen Büro im Bremer Polizeipräsidium vor dem Computer und klickt sich durch die Bilder der Überwachungskamera. Es sind Einzelbilder, aber wenn Roschen schnell genug klickt, sieht er den Mann mit dem Basecap vor sich wie in einem Film.
Roschen ist seit 20 Jahren für Raub zuständig. Mit 18 ging er zur Polizei, in drei Jahren wird er 60. Auf seinem Schreibtisch steht ein gerahmtes Poster, eine Szene aus dem Film "Easy Rider". Der Titleist-Räuber ist sein Fall, aber je länger er ermittelte, desto mehr verwandelte sich der Fall in ein Rätsel.
Damals, vor sechs Jahren, kamen sie schnell darauf, dass der Unbekannte bereits zwei weitere Banken überfallen hatte, bevor er nach Bremen kam: jene in Essen, und davor eine Volksbank in Bielefeld, im November 2005.
War Bielefeld der Anfang?
Bankraub ist ein aussterbendes Verbrechen. Die Sicherheitsvorkehrungen der Banken werden immer besser, das Geld ist vielfach gesichert. Große Beträge lagern meistens in einem Tresorraum im Keller, oft gibt ein Computer das Geld nur mit einer Verzögerung frei. Meist sind die Scheine registriert oder so präpariert, dass sie sich nach einiger Zeit verfärben. Sieben von zehn Banküberfällen werden in Deutschland aufgeklärt. Wer die Bank mit einer Waffe überfällt, muss mit mindestens fünf Jahren Gefängnis rechnen.
Es sieht so aus, als sei der Titleist-Räuber davon überzeugt, in dieser Statistik die Ausnahme zu sein.
Nur fünf Tage nachdem er die Sparkassenfiliale in der Bremer Bahnhofstraße ohne Beute verlassen musste, überfällt er die Sparda-Bank am Ernst-August-Platz in Hannover, er entkommt mit rund 25 000 Euro. Auf den Bildern der Überwachungskamera ist deutlich der Titleist-Schriftzug und das Adidas-Basecap zu erkennen. "Die Sau hat in Hannover noch das gleiche T-Shirt an wie bei uns", sagt Roschen.
Ein Serientäter. Einer, dem es egal zu sein scheint, dass er Spuren hinterlässt. Vielleicht sogar einer, der diese Spuren absichtlich legt.
Unter der Marke Titleist werden Golfartikel vertrieben, hauptsächlich Bälle und Schläger, Titleist-Shirts kommen in Deutschland so gut wie nie in den Verkauf. Roschens Leute verteilen Fahndungsplakate an Golfer und Golflehrer, sie besuchen jeden Golfshop im Großraum Bremen, jeden Golfclub. Bald sind sie davon überzeugt, dass es sich bei dem Shirt, das der Bankräuber trägt, um eine Fälschung handelt, hergestellt möglicherweise in Südostasien.
Dazu passt, dass die Plastiktüte, die der Mann in Bremen auf den Tresen legte, den Aufdruck "Bookazine" trägt, so heißt eine Kette internationaler Buchläden in Thailand, man kann dort deutschsprachige Zeitungen und Bücher kaufen. Ist es möglich, dass der Mann im Ausland lebt? Ein drittklassiger Golfer beispielsweise, der in Thailand in einer Ferienanlage arbeitet und während der Nebensaison nach Deutschland fliegt, um sein Gehalt aufzubessern?
Roschen lässt das Gesicht des Mannes durch die Datenbanken der Polizei laufen. Er überprüft, ob dem Unbekannten kürzlich ein Reisepass ausgestellt wurde, er bittet sogar die thailändischen Einreisebehörden um Hilfe, vergebens.
Währenddessen reist der Titleist-Räuber durch Deutschland. Am 4. Mai 2007 überfällt er eine Sparkasse in Düsseldorf, am 8. Juni 2007 eine Sparda-Bank in Frankfurt am Main, am 2. Oktober eine Volksbank in Dortmund. Überall trägt er auffällige Markenkleidung, fast immer lässt er den Zettel mit der Forderung in der Bank zurück. Immer ist er unmaskiert.
Und immer bleibt er besonnen. In Dortmund hält der Kassierer der Volksbank den Überfall zunächst für einen Scherz - und zerreißt den Zettel, den der Räuber ihm hinüberschiebt. Als er sich dann aber wegduckt, verlässt der Mann die Bank ohne Beute, so ruhig, wie er sie betreten hat.
Acht Tage später, am 10. Oktober 2007, taucht er erneut in Bremen auf, in der Sparkassenfiliale Am Brill.
Diesmal hat er ein schwarzes Basecap der Marke Nike auf dem Kopf, in der Hand trägt er eine grüne Plastiktüte der Drogeriekette Ihr Platz. Er lässt die Kassiererin eine silberfarbene Schusswaffe sehen, ihr fällt seine blasse Gesichtsfarbe auf. Auf dem Weg zum Ausgang, die Plastiktüte ist mit 10 200 Euro gefüllt, kommt ihm der Filialleiter entgegen. Der Mann mit dem Basecap grüßt freundlich und verschwindet.
Uwe Roschen konnte die Fingerabdrücke des Mannes sichern und sogar seine DNA. Zeitungen drucken die Fotos aus den Überwachungskameras, "Aktenzeichen XY" dreht einen Film über den Fall.
Dies ist der Moment, in dem Roschen um Hilfe bittet, er wendet sich an Axel Petermann, den Leiter der Operativen Fallanalyse bei der Bremer Polizei. Wenn alle Spuren abgearbeitet und alle Fragen gestellt sind, muss man nicht unbedingt nach neuen Spuren suchen. Manchmal reicht es, die Fragen anders zu stellen.
Petermann, damals Ende fünfzig, ist seit 1975 bei der Kripo, ein Profiler, in den Jahren bei der Polizei hat er mehr als tausend Tötungsdelikte bearbeitet. Fehler, sagt Petermann, werden in der Alltagsroutine gemacht, bei Kleinigkeiten. Er hat darüber Bücher geschrieben, sie tragen Titel wie "Auf der Spur des Bösen" oder "Im Angesicht des Bösen". Petermann mag es, aus einem Rätsel wieder einen Fall zu machen.
Petermann klebt eine große Deutschlandkarte an die Tür seines Büros und markiert die Tatorte mit Punkten. Er sucht Auffälligkeiten, Schwerpunkte. Bemerkenswert sei, sagt Petermann, wie konsequent der Mann mit dem Basecap seiner Methode treu bleibe. Bis zuletzt behält er die Kontrolle, niemand bekommt von dem Überfall etwas mit, die anderen Angestellten nicht, nicht einmal die Kunden hinter ihm in der Schlange. Der Bankräuber erscheint ihm als Künstler, der mit einem Zettel und einer Tüte einen ganzen Apparat narrt. Petermann findet den Mann mit dem Basecap "in seiner Vorgehensweise gut, das muss ich irgendwie anerkennen".
Als Petermann das Intercity-Netz der Bahn über die farbigen Punkte auf seiner Deutschlandkarte legt, verbinden sich die Tatorte plötzlich zu einem Muster. Alle überfallenen Banken liegen in unmittelbarer Nähe zu einem Bahnhof, von jedem Bahnhof gehen Verbindungen in alle Richtungen, sogenannte Konferenz-Bahnhöfe. Reist der Unbekannte für die Überfälle aus dem benachbarten Ausland ein? Vielleicht lebt er auch in Deutschland und hat beruflich etwas mit Bahnhöfen zu tun, denkt Petermann, als Schaffner, oder als Zulieferer, etwa für McDonald's, dessen Filialen in der Nähe jedes größeren Bahnhofs zu finden sind?
Irgendwann ist Petermann so weit, dass er seine Überlegungen zu einem Profil zusammenfasst, einer Art Phantombild des Verhaltens.
Der Mann handelt pragmatisch, unter Stress wird er nicht nervös. Einmal legt er seine Waffe beiseite, um das Geld einzupacken. Die Bankangestellte, die er gerade bedroht hat, greift nach der Pistole, richtet sie auf den Bankräuber und drückt zweimal ab. Auf diese Weise erfährt die Polizei, dass es sich bei der Pistole um eine Karnevalswaffe handelt. Aber selbst diesmal rennt der Räuber nicht davon, sondern geht, kaum zügiger als sonst, zum Ausgang.
Wahrscheinlich ist der Mann Deutscher, darauf deuten die Zettel hin, nicht sehr jung, eher ein reifer Mensch, der keine kriminellen Vorerfahrungen zu haben scheint. Beim ersten Überfall trug er noch ein weißes Hemd und eine Krawatte, möglich, dass er damals noch gearbeitet hat, als Angestellter, in einem Bürojob, vielleicht ist er auch Vertreter, Monteur oder selbständiger Handelsreisender.
Am 22. Dezember 2010 taucht der Mann in einer Sparkassenfiliale in Wuppertal auf, wieder mit einem Zettel. "Nur wenn meine Anweisungen genau befolgt werden passiert niemand was. Jetzt schnell aber ruhig alle Scheine her! Keine Diskussionen!! Keine Tricks!! Sonst knallt's hier!"
Wuppertal ist der 15. Überfall dieser Serie. Insgesamt hat der Mann mit dem Basecap bis dahin 233 215 Euro erbeutet.
Petermann hat früh die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, mit speziellen Fragen zu Spezialisten zu gehen. Einmal, sagt Petermann, habe er in einem Fall ermittelt, in dem ein Mann eine Frau getötet hatte. Er hatte sie gewürgt und anschließend erstochen, dann hatte er der Toten ein Ohr abgeschnitten.
Petermann war ratlos. Irgendwann besuchte er einen dreifachen Serienmörder, der Prostituierte verstümmelt und den toten Frauen den Hals weit geöffnet hatte. Seine Mutter habe ihn als Kind häufig gegängelt, hatte der Prostituiertenmörder gesagt. "Im Hals, da ist die Stimme drin."
Und das Ohr? Aus welchem Grund schneidet jemand einer Toten ein Ohr ab?
Der Prostituiertenmörder dachte nach, dann sagte er: "Da hat jemand nicht zuhören können."
Petermann liebt solche Momente, in denen sich der Blick auf etwas Neues, Unbekanntes öffnet. In einer Fernseh-Talkshow sieht er einen Mann, der als "Besenstiel-Räuber" bekannt wurde, weil er Bankangestellte einsperrte und die Türen mit Besenstielen verbarrikadierte. In den Neunzigern beraubte er insgesamt 17 Banken und erbeutete dabei 4,75 Millionen Mark.
Axel Petermann schreibt dem Räuber eine E-Mail. Ihn interessiert, was ein Profi über den anderen denkt. Warum redet der Mann mit dem Basecap so wenig?
Monate nach der Mail sitzt der Besenstiel-Räuber in einer kleinen Souterrainwohnung in Bayern, auf dem Tisch liegen die Fotos der Überwachungskamera. Petermann hat sie aus Bremen mitgebracht. Es komme darauf an, sagt der Besenstiel-Räuber, die Aufmerksamkeit der Zeugen auf einzelne Dinge zu lenken. "Die merken sich dann das Pflaster und nicht das Gesicht. Der intelligente Bankräuber versucht, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, was in der Realität gar nicht vorhanden ist."
Er hatte sich damals mit einem Kissen korpulenter gemacht, übers Kinn hatte er ein auffälliges Pflaster geklebt.
1999 verurteilte ihn ein Gericht zu dreizehneinhalb Jahren Gefängnis, von denen er zehneinhalb Jahre absaß: ein schmaler, höflicher Mann in weichen Hausschuhen, die grauen Haare zurückgekämmt. Er hat eine Freundin gefunden und vor kurzem einen Job. Er bittet darum, weder seinen Namen zu nennen noch den Ort, in dem er wohnt.
Anders als der Mann mit dem Basecap wollte sich der Besenstiel-Räuber nicht davon abhängig machen, welche Summe ihm die Kassiererin tatsächlich aushändigte, deshalb ließ er sich stets den Tresor öffnen. Seine Beute war groß, weil er ein hohes Risiko einging.
Warum, fragt Petermann, gibt sich der Mann mit dem Basecap mit den relativ kleinen Beträgen aus der Kasse zufrieden? "Weil er nicht mehr braucht", sagt der Besenstiel-Räuber. "Und weil Risiko und Ertrag für ihn im richtigen Verhältnis stehen. Bei einer Geiselnahme haben Sie natürlich das Problem, dass Sie eine Menge Leute haben, die Sie im Auge behalten müssen - Sie brauchen auch eine Menge Glück. Das braucht er nicht."
Die langen Zeiträume zwischen den Überfällen sprächen dagegen, dass der Gesuchte ein Spieler sei. Wahrscheinlich führe er ein bürgerliches Leben. Vielleicht ist er unauffällig, ein Nebendarsteller, privat und im Beruf, der davon träumt, einmal die Hauptrolle zu spielen - und alle anderen, Bankmitarbeiter, Kunden und Polizisten, zum stummen Publikum seiner Raffinesse zu degradieren.
Auch ein Bankräuber ist davon überzeugt, dass er sich das Geld erarbeitet. Banken zu überfallen ist ein Job, einerseits. Andererseits: "Das Problem ist ja auch, dass es Spaß macht. Der Reiz ist, sich mit der Polizei zu messen. Und mit den Bankangestellten. Je schwieriger das ist, desto größer ist die Freude. Es ist jedenfalls eine Tatsache", sagt der Besenstiel-Räuber, "dass meine 17 Banküberfälle das Einzige sind, was mir in den sechseinhalb Jahren gelungen ist."
Von allen Möglichkeiten, an Geld zu kommen, das einem nicht gehört, ist Bankraub eine der beglückendsten.
Bleibt die Frage, warum der Mann mit dem Basecap sein Gesicht zeigt. "Er tritt nicht auf wie jemand, dem alles egal ist, im Gegenteil", sagt der Besenstiel-Räuber. "Was wäre denn, wenn er gar nicht unmaskiert wäre? Wenn er die ganze Zeit eine Maske trüge?"
Der Besenstiel-Räuber schaut lange die Bilder aus der Überwachungskamera an, dann reicht er sie an seine Freundin weiter, die neben ihm auf dem Sofa sitzt.
"Glaubst du, er ist geschminkt?"
Die Freundin holt ihre Brille, dann sagt sie: "Er hat zu viele Rillen am Hals. Schauen S' die Rillen an. Der Hals schaut nicht natürlich aus. So schaut kein Hals aus."
Er habe von einem Bankräuber gehört, sagt der Besenstiel-Räuber, dem "geezer bandit", der in Kalifornien 16 Banken überfallen hat: ein alter Mann mit einem dicken Brillengestell, gebeugt, faltige Haut. Bei einem seiner Überfälle geriet der Alte in Panik, als das Sicherheitspaket, das der Bankangestellte in die Beutetasche geschmuggelt hatte, explodierte. Auf dem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie der Räuber plötzlich über den Parkplatz zu seinem Fluchtauto rennt - in einem Tempo, das eindeutig nicht zu seinem Aussehen passt.
Masken wie die des "alten Mannes" werden hauptsächlich für die Filmindustrie hergestellt, sie passen sich der Gesichtsform so perfekt an, dass sie die Bewegung der Gesichtsmuskeln abbilden, auf der Haut sind oft sogar Poren zu erkennen.
Axel Petermann, der Profiler, ging also zu einem Schönheitschirurgen und zeigte ihm die Fotos aus der Überwachungskamera. Der Mann trage keine Maske, sagte der Chirurg. Aber er sei sich ziemlich sicher, dass der Unbekannte sein Aussehen manipuliert habe. Möglicherweise sei der Bauchansatz falsch, ebenso die Falten am Hals, wahrscheinlich wurde das Gesicht teilweise verändert. Es ist leichter, sich älter zu machen, als sich zu verjüngen.
Für die Polizei würde das bedeuten: Sie hätte all die Jahre nach einem Mann gesucht, den es gar nicht gibt. Es würde bedeuten: Alles noch mal von vorn.
Für Uwe Roschen, der bei der Polizei in Bremen für Raub zuständig ist, eine heikle Situation. Zumal der Mann mit dem Basecap nach dem Überfall in Wuppertal eine Pause einlegte. Eine auffallend lange, rätselhafte Pause. Den Polizeibeamten war es endlich gelungen, ein Bewegungsbild zu erstellen, sie hatten zu wissen geglaubt, in welchen Städten, vielleicht sogar, bei welchen Banken er das nächste Mal zuschlagen würde. Jetzt ließ er sie warten: ein Mann, der sich entzog, je näher man ihm kam, der umso geheimnisvoller wurde, je mehr man über ihn herausbrachte.
Hat er sich zur Ruhe gesetzt? Oder ein anderes, lukrativeres Verbrechen für sich entdeckt?
Uwe Roschen sitzt in seinem kleinen Büro vor dem Wuppertal-Video, draußen wird es langsam dunkel. Er starrt auf die letzten Bilder, die er von dem Mann mit dem Basecap hat, die letzten Bilder vor dem Verschwinden.
Sie zeigen den Unbekannten vor dem Kassenschalter einer Bank: helle Winterjacke, schwarze Reißverschlüsse, den Kragen hochgeschlagen. Er trägt eine Fleece-mütze mit Schirm, die Schützer sind über die Ohren geklappt.
Sein Gesicht scheint voller geworden, weicher. Aber was heißt das schon?
Roschen meint, diesen Mann zu kennen. Er hat die Überwachungsvideos immer und immer wieder studiert, er weiß, an welcher Stelle der Mann mit dem Finger die Nase berührt, wann er an seiner Hose nestelt, wann er den Inhalt seiner Plastiktüte überprüft. Er weiß, dass der Mann mit dem Basecap nervöser ist, als es den Anschein hat. Dass er sich zur Ruhe zwingt.
Roschen klickt ein Foto auf den Schirm, aufgenommen von einer Überwachungskamera im Bremer Hauptbahnhof, ein paar Minuten nachdem der Mann mit dem Basecap die Sparkasse Am Brill überfallen hatte: Mittwoch, 10. Oktober 2007, 16.21 Uhr.
Das Bild zeigt einen Mann mit einer Mütze, möglicherweise einem Basecap. Er geht draußen vor einem Seiteneingang des Bahnhofs vorbei. Das Bild ist unscharf, man kann das Gesicht des Mannes nicht erkennen, seine Umrisse verschwimmen im Gegenlicht.
Roschen vergrößert das Bild, bis der Mann sich fast in Pixeln auflöst. Er weiß, dass ein Mensch nicht spurlos verschwindet. Wenn der Mann auf dem Foto der Gesuchte sein sollte, dann wäre alles nur eine Frage der Organisation.
Er weiß, dass der Mann leichtsinniger wird, je öfter seine Masche Erfolg hat. Roschen muss sich jetzt zur Geduld zwingen. Der Bankräuber wird bald einen entscheidenden Fehler machen, wie jeder, der sich seiner Sache zu sicher ist.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 24/2013
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