10.06.2013

„Sie haben alles über dich“

Der amerikanische Geheimdienstdirektor und das Weiße Haus bestätigen erstmals, was Insider schon lange wussten: Die Regierung Obama bespitzelt die ganze Welt.
Südlich des Großen Salzsees von Utah bewacht der amerikanische Auslandsgeheimdienst National Security Agency (NSA) eines seiner teuersten Geheimnisse. Dort, neben dem Militärcamp Williams, entstehen auf 100 000 Quadratmetern riesige Hallen für superschnelle Rechner. Etwa zwei Milliarden Dollar wird das Projekt kosten, die Computer werden das gigantische Datenvolumen von mindestens fünf Billionen Gigabyte speichern können. Allein der Strom für die Kühlanlagen der Server wird jährlich 40 Millionen Dollar kosten.
Die ehemaligen NSA-Mitarbeiter Thomas Drake und Bill Binney sagten dem SPIEGEL im März, dass dort bald persönliche Daten von Menschen aus aller Welt gespeichert würden, für Jahrzehnte: E-Mails, Skype-Gespräche, Google-Suchen, YouTube-Videos, Facebook-Einträge, Banküberweisungen - elektronische Daten jeder Art. "In Utah haben sie alles über dich", so Drake. "Wer entscheidet, ob sie es sich ansehen? Wer entscheidet, was sie damit machen?" Binney, Mathematiker und einst einflussreicher Analytiker der NSA, hat ausgerechnet, dass die Server groß genug sind, um die gesamte elektronische Kommunikation der Menschheit in den nächsten 100 Jahren speichern zu können - zuvor mitlesen und mithören können seine Ex-Kollegen natürlich auch.
Nun bestätigte James Clapper, der nationale Geheimdienstdirektor, die Existenz eines großangelegten Überwachungsprogramms. Auch Präsident Barack Obama erklärte, dass der Kongress die Überwachung autorisiert habe - allerdings seien US-Bürger davon ausgenommen. Woher ein Großteil der Daten stammen könnte, zeigt jetzt ein amerikanisches "Top Secret"-Dokument, das die "Washington Post" und der britische "Guardian" vergangene Woche veröffentlichten. Danach begann die NSA 2007, in großem Stil direkten Zugang zu den Rechnern der amerikanischen Internetfirmen zu suchen. Die erste Firma war Microsoft. Yahoo folgte ein halbes Jahr später, dann Google, Facebook, PalTalk, YouTube, Skype und AOL. Als bislang letztes Unternehmen habe Apple im Oktober 2012 seine Bereitschaft zur Kooperation erklärt, so steht es in dem Geheimdokument der Regierung, in dem es stolz heißt: Der Zugriff erfolge "direkt auf den Servern der Unternehmen".
Die Firmen bestritten das am Freitag vergangener Woche. Aber sollte das Dokument die Wahrheit beschreiben, dann könnte der Geheimdienst wissen, was jeder Mensch auf der Welt treibt, der Dienste dieser Firmen nutzt. Auch Millionen von Deutschen sind wahrscheinlich betroffen, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner forderte "klare Antworten" von den Konzernen.
Wer das Gelände in Utah betritt, sieht überall Sicherheitszäune, Wachhunde, Überwachungskameras, dazu die Geräte eines biometrischen Identifikationssystems. Zwei Informanten sagten, der Standort der Serveranlage sei mitnichten zufällig gewählt. In Utah lebt die größte Zahl von Mormonen weltweit. Die überwiegend patriotisch eingestellte Religionsgemeinschaft schickt ihre jungen Mitglieder zum Missionieren in die ganze Welt - bevor viele von der heimischen Nationalgarde angeworben werden. Deren 300th Military Intelligence Brigade beschäftigt 1600 Linguisten, auf die der Geheimdienst jederzeit Zugriff hat, zur, so die Vermutung eines Insiders, "Analyse internationaler Telekommunikation".
"Prisma" heißt das Überwachungsprogramm der NSA in dem Geheimdokument, in Anspielung auf die Reflexion von Licht in Glasfaserkabeln. Diese Kabel sind das Rückgrat des weltweiten Internetverkehrs. Die interne Präsentation der NSA zeigt, dass selbst Datenströme aus Europa, die nach Asien, in die Pazifikregion oder nach Südamerika fließen, zum Großteil über Server in den USA laufen. "Anrufe, E-Mails oder Chatgespräche einer Zielperson werden den preisgünstigsten Weg, nicht den kürzesten Weg nehmen", heißt es.
Es war die Bush-Regierung, die diese neue Dimension des Schnüffelns legalisierte, aber es war die Obama-Regierung, die das Gesetz im Dezember 2012 verlängert hat. Es erlaubt beispielsweise die Überwachung aller Nutzer von Google, die nicht in Amerika leben - sowie der Kommunikation von US-Bürgern ins Ausland. Aus den geheimen Dokumenten geht hervor, dass die NSA mit Programmen wie "Prisma" die Rechtsgrundlage an einem entscheidenden Punkt neu interpretiert.
Jahrzehntelang brauchten die Dienste einen Beschluss eines speziellen Gerichts mit präzisen Angaben zum Verdächtigen, wenn sie etwa ein E-Mail-Konto überwachen wollten. Mittlerweile reicht es, wenn die NSA begründete Anhaltspunkte hat, dass sich jemand außerhalb der USA aufhält oder mit jemandem kommuniziert, der außerhalb der USA lebt. Das erweitert den Kreis der Verdächtigen, es senkt die bürokratischen Schwellen und reduziert die demokratische Kontrolle: Es wird noch einfacher, noch schneller noch mehr Menschen auszuforschen.
Der Sammelanspruch der NSA geht weit über die amerikanischen Internetserver hinaus. Die Behörde klärt weltweit auf, etwa mit Hilfe von Satelliten. In diversen Ländern hat der Geheimdienst auch Hochleistungsantennen installiert, mit denen der Mobilfunkverkehr abgesaugt wird. Nie zuvor hat eine Regierung derart viele Daten zusammengetragen.
Den Behörden in Deutschland gilt die NSA als geschmeidiger Partner. Regelmäßig empfängt der Chef der NSA, Vier-Sterne-General Keith Alexander, Delegationen aus Deutschland in Fort Meade, seinem Hauptquartier. Die Treffen sind meist konstruktiv, auch, weil die Kleiderordnung geklärt ist: Die NSA weiß fast immer viel mehr, die Deutschen sind die Assistenten. Der Bundesnachrichtendienst führt etwa diverse geheime Operationen gemeinsam mit der NSA, meist geht es um Datenbeschaffung in großem Stil. Die Deutschen helfen den Amerikanern auch schon mal, vor allem in Krisenregionen.
Andersherum teilt die NSA regelmäßig Hinweise auf Verdächtige mit den deutschen Sicherheitsbehörden. Die Sauerland-Gruppe um den deutschen Islamisten Fritz Gelowicz, die einen Bombenanschlag in Deutschland geplant hatte, flog etwa durch Mail-Verkehr und Telefongespräche auf, die die NSA überwacht und weitergegeben hatte.
Wie der ehemalige NSA-Mitarbeiter Binney meint, seien auch amerikanische Programme in Deutschland erprobt worden. An "Prisma", sagt ein ehemaliger hochrangiger Sicherheitsbeamter, sei-
en die deutschen Behörden allerdings nicht beteiligt gewesen.
Seit nun klar ist, was Experten schon seit Jahren vermuten - dass die NSA jede Form der elektronischen Kommunikation weltweit überwacht -, stellt sich vor allem eine Frage: Wie kann ein Geheimdienst, sei er noch so groß und personalstark wie die NSA mit ihren rund 40 000 Mitarbeitern, mit dieser Flut an Informationen sinnvoll arbeiten?
Die Antwort darauf liefert ein Phänomen, das auch die Wirtschaft umtreibt und das international mit dem Begriff "Big Data" (SPIEGEL 20/2013) beschrieben wird: Dank neuer Datenbank-Technologien wird es erstmals möglich, völlig verschiedene Datenarten miteinander zu verknüpfen und automatisch zu analysieren.
Einen raren Einblick in das, was Geheimdienste mit derlei Big-Data-Anwendungen anfangen können, gab im vorigen Jahr der frischgebackene CIA-Chef David Petraeus. Es gehe bei diesen neuartigen Datenanalysen darum, "nichtoffensichtliche Zusammenhänge" aufzudecken, erklärte der Geheimdienstchef auf einer Konferenz: etwa zwischen einem Einkauf eines Verdächtigen, einem Telefonanruf, einem grobkörnigen Video und Informationen der amerikanischen Immigrationsbehörden.
Das Ziel sei, durch Big Data weitgehend unabhängig davon zu werden, dass der richtige Analytiker sich die richtigen Fragen stelle, so Petraeus. Die Algorithmen sollen rote Fäden im unstrukturierten Datenmeer "automatisch" finden. "Die CIA und unsere Partner in der Intelligence-Community müssen im Big-Data-Ozean schwimmen, wir müssen Weltklasseschwimmer sein, die besten sogar", sagte Petraeus.
Welchen Stellenwert die Big-Data-Analyse in der US-Geheimdienstszene inzwischen hat, zeigen auch die Investitionen, die NSA und CIA dafür tätigen. Dazu gehören nicht nur Multimillionenverträge mit auf "Data-Mining" spezialisierten Dienstleistern, die CIA investiert über ihre Tochterfirma In-Q-Tel auch gleich direkt in mehrere Big-Data-Startups.
Es geht darum, Menschen und ihr Verhalten vorhersagbar zu machen. NSA-Forschungsprojekte beschäftigen sich damit, anhand von Telefondaten, Twitter- und Facebook-Postings Aufstände, soziale Proteste und andere Ereignisse vorherzusagen. Auch neue Analysemethoden in der Auswertung von Überwachungsvideos werden erforscht - um Auffälligkeiten im Verhalten von Attentätern möglichst schon vor der Tat zu erkennen.
Gus Hunt, der Technologie-Chef der CIA, gestand im März unverblümt: "Grundsätzlich versuchen wir, alles zu sammeln und für immer zu speichern." Was Hunt mit dem Wort "alles" meinte, sagte er auch: "Wir stehen kurz davor, alle von Menschen generierten Informationen verarbeiten zu können."
Mit dem vierten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung, der Privatsphäre garantiert, ist dieser Satz schwer in Einklang zu bringen. Deshalb fügte Gus Hunt fast entschuldigend hinzu: "Die Technik dieser Welt entwickelt sich schneller, als jede Regierung oder jedes Gesetz mithalten könnte."
* Am 6. Juni in einer Schule von Mooresville, North Carolina.
Von Marcel Rosenbach, Holger Stark und Jonathan Stock

DER SPIEGEL 24/2013
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