17.06.2013

LUFTFAHRTJagd auf das Eichhörnchen

Ex-Mitarbeiter einer EADS-Tochter sollen der Schweiz beim Bau eines Hubschraubers helfen. Ein russischer Magnat finanziert das Abenteuer.
Wer die Firma Marenco im Münchner Vorort Höhenkirchen-Siegertsbrunn besucht, fühlt sich wie im Kurzurlaub. Das schmucke Sandsteingebäude mit Springbrunnen verbreitet Toskana-Flair. Im Erdgeschoss des mehrstöckigen Bürokomplexes residiert der Edelitaliener Da Vinci. Motto: "Wir verbinden Natur und Genuss." Bei schönem Wetter reicht die Aussicht bis zu den Alpen.
Derartiger Luxus ist neu für die Marenco-Beschäftigten. Bis vor kurzem arbeiteten die Ingenieure und Techniker noch knapp sieben Kilometer nördlich bei Eurocopter, der Hubschrauber-Tochter des europäischen Luftfahrt- und Rüstungsriesen EADS. Doch weil die gerade die gesamte Heli-Entwicklung von Ottobrunn ins 130 Kilometer entfernte Donauwörth verlegt haben und nicht alle mit umziehen wollten, heuerte rund ein Dutzend Spezialisten beim Schweizer Wettbewerber Marenco Swisshelicopter an.
Der werkelt schon geraume Zeit am Bau eines hypermodernen Leichthubschraubers und sitzt eigentlich in Pfäffikon bei Zürich. Damit die Bayern sich wohl fühlen, haben die Schweizer ihnen eigens den Ableger im Münchner Südosten eingerichtet. Die Überläufer sind spezialisiert auf die Neuzulassung von Hubschraubern bei der Europäischen Agentur für Flugsicherheit. Exakt solche Experten hatten die Eidgenossen zu Hause vergebens gesucht, was nicht weiter verwundert: In der Schweiz wurden noch nie Hubschrauber gebaut. Genau das aber soll sich nun endlich ändern.
Der Abgang eines Teils seiner Zulassungstruppe ist für den EADS-Konzern als größten europäischen Hersteller von Zivilhubschraubern nicht nur peinlich. Die Schweizer Angreifer von Marenco könnten ihm mit der deutschen Hilfe zumindest bei kleineren Modellen bis zu einem Startgewicht von 2,5 Tonnen richtig lästig werden.
Bislang dominiert Eurocopter dieses Segment mit seinem bereits vor fast 40 Jahren entwickelten "Ecureuil" (zu Deutsch: Eichhörnchen). Kunden beklagen allerdings happige Preise für Wartung und Ersatzteile oder auch schon mal klemmende Türen. Derlei Beschwerden von Polizei, Rettungsdiensten oder VIP-Transporteuren riefen bereits vor gut zehn Jahren den Schweizer Maschinenbauingenieur Martin Stucki, 46, auf den Plan. Der Unternehmer besitzt selbst eine Hubschrauberlizenz und beriet mit seiner Firma Marenco AG zu diesem Zeitpunkt erfolgreich diverse Maschinenbaufirmen.
Nebenbei wollte er zunächst einen alternativen Heli-Antrieb entwickeln. Als das Vorhaben scheiterte, ging er zu Plan B über: einem Konzept für eine völlig neue Generation von leichten und kostengünstigen Lufttransportern, den SKYe SH09.
Der futuristisch wirkende Flugkörper besteht aus Carbon, hat ein Glascockpit, Schiebetüren und besonders variable Sitze. Dank einer Heckklappe können beispielsweise Verletzte nicht nur von der Seite, sondern auch bequem von hinten untergebracht werden.
Seinen Erstflug hat der Hubschrauber noch vor sich. Aber 47 Bestellungen liegen bereits vor. Mittelfristig wollen die Schweizer auf einem Areal im Kanton Glarus bis zu 80 Stück pro Jahr herstellen und die Produktion auf größere und kleinere Modelle ausweiten. Der US-Konkurrent Sikorsky interessiert sich angeblich bereits für eine Lizenzfertigung im Rüstungsbereich. "Der Markt ist einfach ausgetrocknet und verlangt in dieser Gewichtsklasse nach einem solchen modernen, neuen Helikopter, nach Jahrzehnten des Stillstands", meint Stucki.
Tatkräftig unterstützt wird der Schweizer Heli-Pionier von seinem Partner Daniel Schultheiss, 49. Der gelernte Ingenieur geht selbst gern in die Luft, unter anderem als Fallschirmspringer wie als Privatpilot, und hat seine eigene Beratungsfirma erst kürzlich verkauft, um sich ausschließlich dem Gemeinschaftsprojekt widmen zu können.
Den Löwenanteil an der Firma hält jedoch ein Mann, der finanziell etwas besser ausgestattet ist als die beiden Eidgenossen: der russische Magnat Alexander Mamut. Der Multimilliardär hat sein Vermögen im Bankgeschäft gemacht und ist 2009 bei Marenco eingestiegen. Stucki und Schultheiss suchten damals nach Geld für ihr Projekt.
Zu seinem Heli-Abenteuer will sich Mamut nicht äußern. Der Russe ist jedenfalls reich genug, um lange durchzuhalten - eine Voraussetzung im zeitaufwendigen Luftfahrtgeschäft. Genau das macht den Hubschrauber-Zwerg für die Branche allerdings auch so gefährlich. "Wir nehmen Marenco ernst und beobachten die Firma genauso intensiv wie andere Wettbewerber", sagt ein Eurocopter-Sprecher.
Entsprechend angesäuert reagierte Lutz Bertling, einst Chef der EADS-Heli-Tochter, als er erstmals vom geplanten Wechsel seiner Leistungsträger zu Marenco erfuhr. "Ihr klaut mir meine Leute", blaffte er Stucki und Schultheiss am Rande einer Luftfahrtmesse an. Die bestreiten das mit Nachdruck und beteuern, die EADS-Aussteiger seien von sich aus auf sie zugekommen. Inzwischen hat Bertling selbst bei einem neuen Arbeitgeber angeheuert, allerdings in der weniger glamourösen Bahnindustrie.
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 25/2013
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