17.06.2013

Die neue Schlechtschreibung

Seit vielen Jahren sind Grundschüler einem deutschlandweiten Feldversuch ausgesetzt: Reformer wollten kreativere Geschöpfe heranziehen. Nun lernen die Kinder nicht mehr richtig schreiben. Experten sprechen von einer Rechtschreibkatastrophe.
Marius beugt sich konzentriert über sein Heft. Er soll Fehler in einer kurzen Geschichte finden. Das erste Wort, das ihm auffällt, heißt: "geträumt". "Das ist falsch!", ruft er triumphierend. Lange denkt er nach. Dann schreibt er in Schönschrift "Getreumd" ins Heft. Als Nächstes stolpert Marius (alle Kindernamen geändert) über "Figuren". "Auch falsch", sagt er. "Es muss ,Fieguren' heißen."
Es ist Dienstagmorgen, dritte Stunde: Rechtschreibunterricht in der zweiten Klasse einer Grundschule in der Nähe von Köln.
Viele Eltern, die einst in der zweiten Klasse Wörter wie "Geburtstag" oder "Weihnachten" gefälligst richtig zu schreiben hatten, packt angesichts einer solchen Szene das Entsetzen.
Der Lehrer jedoch ist zufrieden mit Marius und dessen Klassenkameraden. Sie dürfen mit den Buchstaben spielen, und Fehler sind erlaubt in der "Rechtschreibwerkstatt", einem von etlichen hierzulande verbreiteten Verfahren, die Ideen des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen aufgreifen.
Reichen war ein Mann mit Visionen, natürlich, das gehörte ja zur Reformpädagogik dazu. Es ging darum, den Drill abzuschaffen, es ging darum, die Kinder zu kreativeren Geschöpfen heranzuziehen, ihnen eine Stimme zu geben. "Lesen durch Schreiben" nannte er sein Konzept. Klang nach Aufbruch, klang nach Freiheit. Und so verbreitete sich seine Idee in Deutschland wie ein Virus.
Jetzt können leider viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nicht mehr richtig schreiben.
Es leiden vor allem schwache Schüler, für die sich das Konzept Reichens als Bildungshürde erweist; Bildungsforscher halten es inzwischen für gefährlich.
Aber seine Grundidee ist längst hineindiffundiert in die deutschen Schulen. Ob das Lehrwerk "Tinto", die "ABC Lernlandschaft", "Konfetti", aber auch manche Lehrhefte, die daherkommen wie klassische Fibeln - sie alle wurden von Seelenverwandten Reichens konzipiert.
Jürgen Reichen (1939 - 2009) glaubte, dass Schüler sich die Schriftsprache selbst erarbeiten können, ähnlich wie sie als Kleinkinder das Laufen und das Sprechen lernen. Kernstück seines Konzepts ist die sogenannte Anlauttabelle, das "Buchstabentor". Darin illustriert ein passendes Bildchen jeden Buchstaben. Eine Banane zum Beispiel steht für "B".
Mit der Hilfe dieser Tabelle sollen die Abc-Schützen sich "alle Wörter der Welt" aus Lauten zusammenfriemeln. Will ein Schüler etwa "Mami" schreiben, spricht er die einzelnen Laute des Worts vor sich hin und sucht die Buchstaben dafür aus den Bildchen der Tabelle zusammen: das "M" von der Maus, das "A" vom Affen und so weiter.
So wollte man die Kleinen zu "furchtlosen Schreibern" heranziehen, die "woam" (Wurm) ebenso angstfrei zu Papier bringen wie "feat" (fährt), "oile" ("Eule") oder "lagrwer" (Lagerfeuer). Rechtschreibregeln kommen - je nach Methode und Lernstand des Kindes - frühestens Ende der ersten, meist erst in der zweiten, mitunter sogar erst in der dritten Klasse ins Spiel.
Deutschlands Schulanfänger werden auf diese Weise zunächst systematisch zu Rechtschreibanarchisten erzogen - um sie dann mühsam wieder aus der fremdverschuldeten Unfähigkeit zu befreien. Währenddessen werden Mama und Papa daheim angewiesen, sich jede noch so zärtliche Korrektur des Buchstaben-Tohuwabohus im Hausaufgabenheft zu verkneifen. Sonst, so warnt der Lehrer auf dem Elternabend, könnten sie ihr Kind zutiefst verwirren.
Lange haben Eltern dies hingenommen. Doch allmählich wächst der Widerstand, die Kritiker finden sich zusammen. Alarmiert von Studien, die einen erschreckenden Verfall der Orthografie bei deutschen Schülern offenbaren, warnen Linguisten und Didaktiker, Pädagogen und Hirnforscher: Vor allem Risikokinder, die in einer spracharmen Umgebung oder mit Deutsch als zweiter Sprache aufwachsen, lernen so möglicherweise niemals richtig schreiben. Gleiches gilt für Mädchen und Jungs, die zu einer Legasthenie neigen.
Renate Valtin, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, sagt ganz klar: ",Lesen durch Schreiben' muss verboten werden." Und ihr Wort wiegt schwer - sie gilt als eine der renommiertesten Grundschulforscherinnen des Landes.
Auch der Münchner Jugendpsychiater und Legasthenie-Experte Gerd Schulte-Körne hält den Glauben an die Wunderkraft der Anlauttabelle für unheilvoll. Dringend fordert er, strukturierte Schreiblehrgänge bundesweit für den Grundschulunterricht vorzuschreiben. Ähnlich sieht es der Hirnforscher Henning Scheich vom Leibniz Institut für Neurobiologie in Magdeburg: "Schon die alten Pädagogen wussten, dass beim Schreibenlernen nur eines hilft: üben, üben, üben."
Sogar die Schüler selbst melden sich zu Wort - aufgerüttelt durch den Schock beim Übergang an die weiterführende Schule, wo orthografische Stümperei womöglich brutal geahndet wird. So forderte der Landesschülerrat in München Anfang des Jahres, dass die auf "Lesen durch Schreiben" basierenden Lehrgänge abgeschafft werden und man doch, bitte schön, zurückkehren solle zu den alten Methoden. "Ich halte es für ausdrücklich schädlich", sagt Landesschülervertreter Timo Greger, "dass Kinder nach einem Modell unterrichtet werden, in dem ihnen suggeriert wird, ihre eigene Rechtschreibung erfinden zu dürfen!"
Wie schlimm es um die Orthografie der Deutschen steht, das kann Günther Thomé gut erklären. Den Sprachwissenschaftler von der Frankfurter Goethe-Universität umweht die etwas altbackene Seriosität des Bilderbuch-Gelehrten: hellbraunes Cordsakko, weißer Kragen, Schlipsknoten unterm V-Ausschnitt. Thomé leitet eine Legasthenie-Studie. "Die Schüler, die richtig schreiben lernen, tun dies trotz der Schule", sagt er.
Das Wort "Rechtschreibkatastrophe" betrachtet Thomé als korrekte Beschreibung der aktuellen Situation.
Vor sechs Jahren fand der Frankfurter Forscher in der Schulleistungsstudie DESI (Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International) heraus, dass nur noch jeder fünfte Neuntklässler die deutsche Orthografie einigermaßen sicher beherrscht. In einem Testdiktat mit 68 Wörtern schafften es die Schüler, im Schnitt 16 Fehler unterzubringen. Thomé: "Und dabei hatten Experten aus den Ministerien vorher gesagt, das Diktat sei zu leicht."
Wie dramatisch das Rechtschreibniveau gesunken ist, hat jüngst Wolfgang Steinig gezeigt, Germanist an der Uni Siegen. Er führte Viertklässlern einen zweiminütigen Film vor, den vor 40 Jahren Schüler derselben Schulen in Dortmund und Recklinghausen auch gesehen hatten. Genau wie diese sollten die Kinder die Handlung - einen Streit um eine Puppe - nacherzählen.
Dabei kam heraus, dass Viertklässler sich aktuell im Schnitt 17-mal in 100 Wörtern vertun. Im Jahr 1972 waren es gerade einmal 7 Fehler gewesen. Die Forscher staunten über Texte wie diesen: "Dan haben sie dad Kind in ruhe gelasen und das Madchen war Froh und. ende!!!"
Wolfgang Steinig war schockiert - nicht nur über die Zahl der Fehler, sondern vor allem darüber, wem sie unterliefen. "Es macht einen schon sehr betroffen", sagt er, "dass heute die Schreibfähigkeiten von Viertklässlern, die auf dem oft lebensentscheidenden Sprung zur weiterführenden Schule sind, so viel stärker von der sozialen Schicht der Eltern abhängen als noch in den siebziger Jahren."
Mit anderen Worten: Gerade jene Kinder, die aus sozial schwierigen Verhältnissen kamen, schnitten in der Rechtschreibung besonders verheerend ab. Nicht der Migrationshintergrund erwies sich als die größte Hürde, sondern die soziale Lage der Eltern: Kinder aus einer kroatischen Akademikerfamilie, meint Steinig, hätten weniger Probleme mit der deutschen Rechtschreibung als Kinder aus einer deutschen Arbeiterfamilie.
Na und? Ist es wirklich so wichtig, ob es nun "doof" oder "doov" heißt? Wer muss das wissen in Zeiten von Korrekturprogrammen und Facebook-Twitter-Blog-Kommunikation?
Wer solche Fragen stellt, blendet aus, dass es um weit mehr geht als um Dehnungs-h und Doppel-s. Die Orthografie ist eine Grundfähigkeit, die das Tor in die Welt jedweder Bildung öffnet. Wer sie nicht beherrscht, versagt selbst bei Internetsuchen und bei der Fahndung nach Songs in iTunes. Jedes Lexikon bleibt eine Terra incognita, Nachschlagen führt in die Irre, bis die Kinder es, Frust lass nach, ganz bleiben lassen. Vor allem aber: Wer nicht weiß, wie man schreibt, kann auch nicht gut lesen.
Denn die Kenntnis richtiger Schreibung beschleunige enorm das Lesetempo, sagt die Pädagogikprofessorin Valtin. Wer dagegen jedes Wort entziffern müsse, sei schnell frustriert: "Viele lesen nur sehr wenig, weil es schlicht zu mühsam ist."
Umfassende Lektüre aber ist ein wichtiger Indikator für Bildungserfolg. Wer schon zu Beginn seiner Schulkarriere zu wenig liest, bekommt auch später zu wenig mit von der Welt in Zeitungen, in Büchern, im Internet. Manch ein intelligentes Kind erleidet genau dieses: Es scheitert, weil die Schule ihm nicht beigebracht hat, wie man richtig schreibt.
Erschreckend dabei: Niemand weiß, wie viele Kinder betroffen sind. Niemand erfasst, an wie vielen Schulen in Deutschland die Jünger der Anlauttabelle lehren. Eine Anfrage bei den 16 Kultus- oder Bildungsministerien der Länder ergab: Es sind stets die Schulen, meist sogar die Lehrer, die entscheiden, wie ihre Schützlinge unterrichtet werden. Niemand überschaut, wer wie und wo nach welchem Verfahren unterrichtet.
Es scheint, als hätten Kultusbeamte und Lehrer den Reformern die Grundschule als Experimentierfeld überlassen. "Dass neue Lehrmethoden vor ihrer Einführung nicht in qualitativ hochwertigen wissenschaftlichen Studien überprüft werden müssen", sagt Hirnforscher Scheich, "entspricht unkontrollierten Menschenversuchen. Wenn ich als Wissenschaftler etwas Vergleichbares machen wollte, müsste ich dafür zumindest einen Antrag bei der Ethikkommission stellen."
Nur Bayern macht den Lehrern etwas genauere Vorgaben. Und allein das saarländische Ministerium für Bildung und Kultur stellt klar: "Eine ausschließliche Umsetzung der Methode ,Lesen durch Schreiben' nach Jürgen Reichen verbietet sich." In den anderen Ländern müssen lediglich die Lehrpläne erfüllt werden. Wie gut das mit den einzelnen Methoden gelingt, evaluiert niemand. Das sei Aufgabe der Universitäten und Pädagogischen Hochschulen, wehren die Behörden ab.
So konnte sich auch in Nordrhein-Westfalen der Schreibunterricht auf der Basis von "Lesen durch Schreiben" weithin durchsetzen.
Deswegen dürfen jetzt in der Grundschule bei Köln, in Marius' Klasse, Emilio und Farid auf dem Fußboden hocken und richtige Schreibungen ausdiskutieren. "O, ef, e, en", buchstabiert Emilio das Wort, das auf seinem Kärtchen steht. Farid soll die Buchstaben im Kopf zusammensetzen. Er stutzt. "Heißt das jetzt Ofen oder offen?", fragt er. "Ofen", sagt Emilio, "weil offen schreibt man klein." Farid zeigt sich noch nicht richtig überzeugt: "Ich schreib alles klein", sagt er. "Das ist voll einfach."
Wie konnte es bloß so weit kommen? Das ist eine Frage, die man Hans Brügelmann stellen muss, dem Mann, der mit einem ähnlichen Konzept wie Jürgen Reichen einst beschloss, die Kinder vom Drill zu befreien. Vor nunmehr 30 Jahren verfasste er ein Werk, das die Schullandschaft verändern sollte.
Inzwischen ist Brügelmann emeritierter Professor für Grundschulpädagogik. Während Jürgen Reichen eher sektenartig Gefolgsleute um sich scharte, nutzte der gelernte Jurist Brügelmann das reformgierige geistige Klima der Pädagogenwelt in den frühen achtziger Jahren, um den auf Reichen fußenden Methoden in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen. Brügelmann war einer der wichtigsten Türöffner für die neue Rechtschreibanarchie.
Jetzt sitzt der bärtige Oberpädagoge - der selbst nie als Grundschullehrer gearbeitet hat - in seiner kleinen Wohnung in einem Dorf bei Schwäbisch Gmünd in einem Schlösschen, dessen einstiger Glanz sich hinter Efeuranken und im zugigen Treppenhaus nur noch erahnen lässt. Als hätte Brügelmann sich verbarrikadiert: meterdicke Mauern, Bücherwände ringsum, ein Kelim in Rottönen auf den Dielen, das Weinregal neben dem Arbeitspult. Leise wabern seichte Klänge durch den Raum. Savoir-vivre in der Provinz.
Brügelmann erzählt von seiner eigenen Kindheit. "In der Schule hatte ich das Gefühl: Die Lehrer haben immer recht." So wie die Paukerin in der dritten Klasse: Als er und sein Nachbar, beide eigentlich gut in Rechtschreibung, im Diktat "Bäcker" mit "e" geschrieben hatten, verpasste sie den Jungs bei der Rückgabe der Hefte Backpfeifen, weil sie Betrug vermutete. "Sie hat ungebremst ihre Macht ausgeübt", sagt Brügelmann.
Als er 1980 Professor an der Uni in Bremen wurde, machte er sich daran kaputtzumachen, was ihn kaputtgemacht hatte: "Es ging darum, die Kinder zu befreien", erzählt er, immer noch mit Begeisterung in der Stimme. "Es ging darum, ihnen Räume zu geben, in denen sie ihre eigenen Erfahrungen machen können."
"Kinder auf dem Weg zur Schrift" hieß das Werk, das er damals verfasste. Darin propagierte er eine neue Methode zum Schreibenlernen - die in ihren Grundzügen dem reichenschen Konzept ähnelt: den "Spracherfahrungsansatz". Die Grundidee dabei ist, die Kinder einzuladen, über das zu schreiben, was sie interessiert. Das mache sie kreativer. Am Anfang steht auch hier die Anlauttabelle.
Brügelmanns Buch war ein Kracher. Innerhalb weniger Jahre erschien es in zweiter und dritter Auflage. Als "Leitdampfer" sieht es der Autor heute. "Es hat in der damaligen Aufbruchsstimmung gewirkt wie ein Katalysator."
Brügelmann trat den Weg durch die Institutionen an. Er wurde Präsident der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben und als solcher gleichsam zum amtlichen Verkünder der neuen Methoden. Auch den Grundschulverband brachte er auf Kurs - und erreichte damit Zehntausende Lehrer.
In der Zeitschrift des Verbandes konnten er und Gleichgesinnte die Reichen-Methode und den Spracherfahrungsansatz ausführlich feiern. Zwar sprachen etliche Studien gegen die neuen Heilslehren. Doch Brügelmann säte Zweifel. Auch an der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung Iglu und den Vergleichsarbeiten, die das Ausmaß der Rechtschreibkatastrophe erahnen lassen, fand er wenig Gutes.
Für die Didaktikerin Agi Schründer-Lenzen von der Universität Potsdam ist es ein Rätsel, wie es eine Idee ohne jegliche Vorprüfung schaffen konnte, die Grundschulpädagogik derart zu durchdringen. "Man muss doch von einem Bildungssystem erwarten können, dass Unterrichtsmethoden auf einer wissenschaftlich gesicherten Basis stehen", sagt sie.
Schründer-Lenzen hat, mit Kollegen, selbst eine große Studie ("BeLesen") durchgeführt, um zu prüfen, welche Methode am besten funktioniert: ein Fibellehrgang, der brügelmannsche Spracherfahrungsansatz oder Reichens "Lesen durch Schreiben". Über vier Grundschuljahre hinweg erfassten die Wissenschaftler, was bei Berliner Kindern in sozialen Brennpunkten hängenbleibt, wenn ihre Deutschlehrer sie mit den verschiedenen Methoden unterrichten.
Die Fibelklassen, so zeigte sich, lernten deutlich mehr als die Reichen-Klassen. Im Methodenvergleich führte das Reichen-Konzept im Rechtschreiben kontinuierlich von der ersten bis zur dritten Klasse zu den geringsten Lernergebnissen. Darüber hinaus zeigte sich: Gerade die Sprösslinge von Migranten lernten besser schreiben und lesen mit einer Fibel.
Ein ähnliches Ergebnis brachte die Marburger Studie, die ebenfalls 2002 startete. Sie verglich die anerkannte Fibel "Lollipop" mit der zu einem wichtigen Teil auf der Reichen-Methode fußenden "Rechtschreibwerkstatt". Nach Abschluss der zweiten Klassen kam heraus, dass der Anteil der Kinder, die als rechtschreibschwach galten, in der "Rechtschreibwerkstatt" bei 23 Prozent lag. Bei den "Lollipop"-Kindern waren es 5 Prozent.
Die Studie wurde dann fortgeführt bis ans Ende der vierten Klasse; zwar hatten die Rechtschreibwerkstätter nun viel aufgeholt; dennoch betrug der Anteil der Kinder mit orthografischer Schwäche immer noch 16 gegenüber 10 Prozent bei den "Lollipop"-Schülern.
"Rechtschreibwerkstatt"-Erfinder Norbert Sommer-Stumpenhorst hält nichts von der Marburger Studie. So hätten die "Lollipop"-Kinder beispielsweise einen Teil der abgeprüften Wörter zuvor als Lernwörter auswendig gelernt. Doch für die Grundschulexpertin Schründer-Lenzen ist die Faktenlage eindeutig: "Die empirisch arbeitenden Kollegen sind sich einig. Methoden, die wie ,Lesen durch Schreiben' gar nicht oder zu spät mit dem Rechtschreibunterricht beginnen, haben an den Schulen nichts zu suchen." Gerade Migrantenkinder brauchten eine systematische Unterstützung, um gut lesen und schreiben lernen zu können.
Pädagogin Valtin ist ganz ihrer Meinung: "Es braucht nicht noch mehr Studien, die einige Kinder zum Scheitern verurteilen. Das wäre unethisch." Schon die Grundannahme Reichens, dass Kinder sich das Schreiben quasi selbst beibringen könnten, mute absurd an, erklärt sie. "Die Menschheit hat Jahrtausende gebraucht, um unsere heutige Alphabetschrift zu erfinden." Wie könne man da auf die Idee kommen, dass Kinder irgendwie naturwüchsig diese Schrift ganz allein lernen könnten?
Anfangs war Hans Brügelmann ganz fasziniert von Jürgen Reichen, vom freien Schreiben mit der Anlauttabelle, von der Idee, dass Kinder sich das Schreiben selbst erschließen. An alldem hält er immer noch fest. Ohne Rechtschreibunterricht jedoch, so gibt er zu, gehe es wohl doch nicht: ",Lesen durch Schreiben' in Reinform ist ein Kunstfehler", sagt er.
Tatsächlich jedoch hat Brügelmanns Spracherfahrungsansatz, ebenso wie andere von Reichen inspirierte Unterrichtsmaterialien, viel mit der Lehre des Urvaters gemein. So lautet ein Kernsatz Reichens: "Kinder lernen umso mehr, je weniger sie belehrt werden." Getreu dieser Parole lassen die Lehrer beim Lehrgang "Tinto" jedem Kind die Wahl, welchen Buchstaben es als Nächstes lernen will; in der "Rechtschreibwerkstatt" muss selbst der Schwächste darüber entscheiden, mit welcher neuen Rechtschreibregel er sich nun beschäftigen will.
Als wären orthografische Prinzipien verlockend wie Schoko- oder Waldmeistereis, wird den Schülern der nächste Lerninhalt angeboten: Willst du lieber das "vokalische r" oder das "Silben trennende h" lernen? Lieber erst das "ie" oder die "Doppelkonsonanten"?
Dass dies Unsinn ist, lässt sich inzwischen belegen durch die Ergebnisse einer umfangreichen Untersuchung von John Hattie. Der Bildungsforscher an der University of Melbourne wertete rund 800 Metastudien aus, um herauszufinden, welche Faktoren den Kindern wirkliche Lernerfolge bringen.
Schüler, so lautet sein Fazit, brauchten klare Ansagen und gutstrukturierte Unterrichtsstunden. Eine wirksame Methode sei die "direkte Instruktion". Hattie betont, dass er damit keinesfalls stupiden Frontalunterricht meine. Besonders wichtig ist nach Hattie zudem, dass der Lehrer nicht nur den Fortschritt jedes Schülers genau beobachtet, sondern dass er stets lenkend eingreift.
Dass ein solcher Unterricht sogar mit "Tinto" möglich ist, zeigt das Beispiel von Ann-Cathrin Michel. Zwar unterrichtet sie ihre erste Klasse in der Grundschule Echoer Straße in Wuppertal-Ronsdorf nach dem Lehrwerk, das auf der Reichen-Methode basiert - dies ist an ihrer Schule so üblich. Doch dabei achtet sie schon früh intensiv auf richtiges Schreiben.
So hat Michel mit den schwachen Kindern die Buchstaben ganz traditionell gemeinsam erarbeitet. "Die hätten das sonst nicht geschafft", sagt sie. Und auch schwierige Schreibzeichen wie "tz" oder "ck" - sie nennt sie "Spezialbuchstaben" - nimmt sie mit allen Kindern gemeinsam durch. "Da will ich einfach auf Nummer sicher gehen."
"Wer hat denn schon mal etwas vom 'ie' gehört?", fragt jetzt die Lehrerin. Sofort gehen zehn Finger in die Höhe, und schnell wird klar, dass das Thema die Kleinen keineswegs überfordert. "Das ist ein langes ,i'", antwortet ein Mädchen. "Eigentlich hört man nur ,i'", erklärt ein Junge, "aber weil wir wissen, dass es ein Spezialbuchstabe ist, schreiben wir es ,ie'."
Nun sollen die Kinder in kleinen Gruppen Wörter mit ,ie' sammeln. Eifrig tragen sie ihre Ergebnisse zusammen: "Sophie", "Knie", "Riese", "die", "Spiel", sagen sie, und Michel schreibt die Wörter an die Tafel. Als ein Mädchen "Liebe" sagt, kichern einige Jungs. Und auch "wie" geht nicht einfach so durch. "Das schreibt sich doch mit zwei ,i'", kritisiert ein Kind. "Nein", sagt Michel, "es geht doch nicht um die Spielkonsole!"
Anschließend sollen alle ihre Arbeitsblätter zum Thema bearbeiten. Anton, der bereits im Kindergarten Schreiben gelernt hat, darf sich eine Quatschgeschichte aus den Wörtern an der Tafel ausdenken. "Sophie sah einen riesen", schreibt er in sein Heft. Als Ann-Cathrin Michel nachfragt: "Überleg mal: Kannst du einen Riesen anfassen?", verbessert er "riesen" sofort in "Riesen". Dass Nomen großgeschrieben werden, hat er schon gelernt und auch geübt.
Überhaupt: üben. Dieses uralte Prinzip aus der Zeit vor den reformpädagogischen Eiferern ist im Zuge der Neuerungen auf der Strecke geblieben. "Rechtschreibung ist etwas ganz anderes, als zum Beispiel die Hauptstädte Europas auswendig zu lernen", sagt Henning Scheich, der Hirn- und Lernforscher aus Magdeburg. "Weil es kaum ein kognitiver, sondern vor allem ein sogenannter prozeduraler Lernprozess ist - wir lernen rechtschreiben so, wie wir Rad schlagen, Hochsprung oder Geige spielen lernen: Es ist zwar wichtig, die Technik gut erklärt zu bekommen. Dann aber muss geübt und geübt und geübt werden."
Irgendwann sinke das Gelernte von höheren, bewussten in niedrigere, unbewusste Hirnregionen. "Dann schreibt, spielt oder springt man automatisch richtig, ohne groß nachzudenken", sagt Scheich. "Dann vergisst man das Gelernte ein Leben lang nicht mehr."
Genau dieses ständige Schreibenüben, richtige Wörter, mit der Hand, ist bei den Reichen-Anhängern als Drill verpönt. "Es ist doch nicht das Ziel, dass die Kinder möglichst früh ,Vater' mit ,V' schreiben und ,Zoo' mit zwei ,o'", sagt Norbert Sommer-Stumpenhorst, der Erfinder der "Rechtschreibwerkstatt". "Das ist doch lächerlich. Die Kinder sollen verstehen, wie es geht, dann können sie alles schreiben."
Scheich hält das für ein fundamentales Missverständnis. Kognitives Lernen allein bringe einen bei der Rechtschreibung nicht weiter - genau so, wie das exakte Berechnen von Flugbahnen noch keinen guten Tennisspieler ausmache.
Prozedurales Lernen, so Scheich, sei nun einmal ein Lernen durch Ausprobieren, Korrigieren, Wieder-Ausprobieren. Entscheidend für den Lernerfolg sei dabei die möglichst prompte Lernkontrolle: Was war falsch, und was war richtig? Beim Radfahren lernt die Vierjährige, wenn ihr Fahrrad umkippt; und Anton, wenn ihn Lehrerin Michel auf das kleingeschriebene "riesen" aufmerksam macht.
Deshalb macht es Henning Scheich fassungslos, dass bei den meisten der auf Reichen beruhenden Methoden Rechtschreibfehler mindestens ein Jahr lang, oft auch noch deutlich länger, nicht oder nur unregelmäßig angestrichen werden. Das orthografische Chaos wird als "Privatschreibung" des Schülers beschönigt. "Das ist völlig verrückt", sagt Scheich. "Wie kann man das Wesen des prozeduralen Lernens nur so verkennen?"
Viel wichtiger als jede Korrektur gilt bei den Verfechtern von Reichens Ansatz der Spaß an der Sache. Die Kinder dürfen lustig verschriften, was ihnen so durchs Köpfchen geht, am besten Alltägliches aus ihrer Lebenswelt. Und wenn die kleine Leonie über Monate hinweg "Ato" statt "Auto" schreibt, dann lässt man sie entspannt gewähren.
Es mag toll sein, wenn die Kleinen mit der Anlauttabelle phantasievolle, witzige Texte schreiben. Bloß: Hat sich die falsche Art zu schreiben einmal eingeprägt, wird man sie nur mühsam wieder los. Sie ist dann genauso schwer zu korrigieren wie ein falscher Aufschlag beim Tennis oder eine schiefe Bogenhaltung beim Geigenspiel - und viel schwerer, als es gleich von Anfang an richtig zu lernen.
Verzweifelt fragt eine Lehrerin in einem Internetforum um Rat: "Ich bin inzwischen nicht mehr ganz so überzeugt, dass meine Schüler die Wertigkeit der Rechtschreibung jemals verinnerlichen werden. Wenn sie frei schreiben, fallen fast alle in anarchische Zustände der Rechtschreibung zurück. Auch die Schrift ist teilweise katastrophal. Was habe ich falsch gemacht?"
Folgendes Zeugnis weitgehender Anarchie hat eine Viertklässlerin verfasst: "Er sah auf, er nam den Stein, den dan Maden in er haud ligen hate. ,Ich hab noch mer steine zu hause'"(*). Ein überzeugter Reichen-Jünger findet auch da noch einiges zum Loben: Du kannst schon wörtliche Rede! Toll!
Auf Dauer bestärkt das stete Lob die Kinder in ihrem laxen Umgang mit der Schriftsprache. Also schreiben sie weiter wild drauflos, mitsamt allen falschen Wortschemata und Mustern, die sie sich über die Jahre angewöhnt haben. "Die falsche Strategie verfestigt sich", konstatiert Pädagogikprofessorin Renate Valtin.
Wilfried Metze, langjähriger, inzwischen pensionierter Grundschullehrer in Berlin, weiß genau, wie es besser geht. Er ist der Autor mehrerer strukturierter Fibelwerke wie zum Beispiel "Tobi". Damit lernen die Kinder zunächst alle gemeinsam mit einer überschaubaren Anzahl Buchstaben den schwierigen Zusammenhang zwischen gesprochenen Lauten und geschriebenen Zeichen kennen. Buchstabensalat ist dabei nicht gefragt.
"Viele Kinder", so Metze, "sind mit dem selbstgesteuerten Erwerb dieser Strukturen völlig überfordert." Die Lehrerin, erklärt er, müsse die Schüler unbedingt unterstützen bei diesen Analyse-Synthese-Vorgängen beim Lesen und Schreiben.
Im Verlauf des Lehrgangs, so Metze, würden dann die durch das Schriftsystem vorgegebenen Schwierigkeiten aufgegriffen, ihre Bewältigung würde ständig geübt und abgesichert.
Dass Kinder unbedingt über ihre eigenen Erfahrungen schreiben müssten, hält Metze für nicht unbedingt notwendig: "Nicht jedes Kind", meint er, "drängt es von sich aus zum freien Schreiben." Eine Kinderbuchgeschichte, die zur Identifikation einlädt, motiviere oft mehr.
Besonders schlimm trifft das Erlernen falscher Strategien am Ende jene, die von Lese-Rechtschreib-Schwäche betroffen sind. Denn die Kuschelpädagogik à la Reichen birgt die Gefahr, dass eigentlich förderbedürftige Mädels und Jungs vier Jahre Grundschule absolvieren, ohne als Legastheniker aufzufallen. Eltern, die angesichts der Schriftproben ihres Kindes Bedenken anmelden, werden besänftigt: "Alles ganz normal", heißt es dann. "Ihr Sohn braucht noch etwas Zeit, er ist halt einen Tick langsamer als die anderen."
Laut Hans Brügelmann brauchen die Kinder über die Grundschulzeit hinaus Unterstützung für die Entwicklung ihrer Rechtschreibung. Norbert Sommer-Stumpenhorst spricht sogar von rund neun Jahren, die zur Rechtschreibentwicklung benötigt würden. Auch die Gymnasien, schimpft Brügelmann, müssten sich darauf endlich einstellen.
Die jedoch sehen das ganz anders. "Wir haben genug mit G8 zu tun", erzählt eine Kölner Gymnasiallehrerin, "für Rechtschreibung bleibt da noch viel weniger Zeit als früher." Für Kinder, die am Ende der vierten Klasse noch nicht weitgehend fehlerfrei schreiben könnten, seien die Probleme programmiert - in allen Fächern.
Nach der Schule wird es eher noch schlimmer für die Rechtschreibchaoten. Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, sagt: "Ein gutes schriftliches Ausdrucksvermögen ist von zentraler Bedeutung, unter anderem für den Umgang mit Kunden. Fehlerhafte oder schlecht formulierte Anschreiben sind keine gute Werbung für ein Unternehmen." Wer also will jemandem eine Lehrstelle geben, der schon in der Bewerbung um eine "Leerstelle" nachsucht?
Also zurück zum Drill, und das war's? "Auf keinen Fall!", sagt Günther Thomé. "Wir wollen ja nicht zurückfallen in alte Zeiten." Diktate zum Beispiel, das wisse man inzwischen, seien "völliger Unsinn", meint Thomé. "Nur gute Rechtschreiber mögen Diktate. Allen anderen Schülern schaden sie eher."
Das Grundproblem des deutschen Rechtschreibunterrichts formuliert Thomé so: "Weder die Autoren der Lehrmaterialien noch die Lehrer wissen, wie die deutsche Orthografie eigentlich funktioniert." An der Uni lernten die wenigsten Lehramtsstudenten, wie man den Kleinen das richtige Schreiben beibringt; die Schriftsprachdidaktik werde vernachlässigt, in der Lehrerausbildung herrsche "Dilettantismus".
Thomé ist überzeugt: Man muss den Schülern von Anfang an die Grundstruktur der Schriftsprache beibringen. Und die finde sich weder im Abc noch in den daran angelehnten Anlauttabellen. Die 26 Buchstaben des Alphabets - mitsamt den Umlauten und dem "ß" sind es 30 - bilden nämlich nur extrem unzureichend die Standardlaute der deutschen Sprache, die sogenannten Phoneme, ab.
"Fragen Sie mal die Lehrerin Ihrer Kinder, wie viele Vokale es im Deutschen gibt", sagt Thomé. "Sie wird wahrscheinlich sagen: fünf. Oder acht, wenn sie ä, ö und ü mitzählt. Tatsächlich aber gibt es 16."
Übersehen werden zumeist die Kurzvokale, die aber entscheidend sind für die Rechtschreibung. So steht das "ü" in "Mütze" für einen völlig anderen Laut als in "Bücher", und das "i" in "Witz" klingt ganz anders als das in "Tiger". Der häufigste Vokal im Deutschen ist das sogenannte Schwa. Es wird als "e" am Ende von "Blume" verschriftet und klingt wie der unbestimmte Artikel im Englischen: a.
Die gängige Fixierung der Lehrer aufs a-e-i-o-u beschwöre die Fehler geradezu herauf. "Warum schreiben so viele Schüler noch in der vierten Klasse ,libe Oma'?", fragt Thomé, der sich darüber richtig aufregen kann: "Das ist das Igelsyndrom!" In fast allen Anlauttabellen, erklärt er, stehe der Igel fürs lange "i" - obwohl dieses nur in einer Handvoll Wörter wie "Bibel" oder "wider" vorkomme. "Das heißt, die Kinder lernen die Ausnahme zuerst - und verstehen sie als Regel."
An einer Vermittlung der Sprachgesetze hapere es in der Lehrerausbildung, sagt auch Renate Valtin. "Die Lehrer hängen oft der falschen Vorstellung an, dass es eine 1:1-Beziehung zwischen Laut und Buchstabe gibt." Aber wenn sie in der Vorlesung auch nur das Wort "Phonem" erwähne, berichtet Valtin, "ist bei vielen Studenten sofort die Aufmerksamkeit weg".
Wen wundert es da, dass die Workshops des Schulpsychologen und "Rechtschreibwerkstatt"-Erfinders Norbert Sommer-Stumpenhorst guten Zulauf haben? Er überfordert niemanden. Seine Hauptbotschaft: Das mit der Rechtschreibung ist eigentlich alles ganz einfach.
An diesem sonnigen Freitagnachmittag zum Beispiel ist er am Schreib-Lese-Zentrum des Germanistischen Instituts der Universität Münster zu Gast. Stumpenhorsts Buch, sagt der Leiter des Zentrums bei der Vorstellung, sei "ein wichtiges Standardwerk". Die Zuhörer in Münster schreiben eifrig mit.
In den folgenden drei Stunden werden die angehenden Pädagogen dann eingeladen, selbst das wenige zu vergessen, was sie bislang über Linguistik und Rechtschreibdidaktik gelernt haben - und das fällt manch einem nicht schwer. "Ich kann mich, ehrlich gesagt, gar nicht mehr daran erinnern, was wir da durchgenommen haben", gesteht eine Studentin.
Jetzt steht der gelernte Bankkaufmann Sommer-Stumpenhorst, der später Schulpsychologe wurde, im Seminarraum neben seiner Powerpoint-Präsentation und strahlt eine derartige Ruhe und Zuversicht aus, dass man sich gut vorstellen kann, wie er auch noch dem schlechtesten Schüler helfen kann, wieder Vertrauen in sich selbst zu fassen.
Doch macht das auch seine Methode gut? Den angehenden Pädagogen verkündet er ganz einfache Wahrheiten. Er zeigt ein buntes Diagramm mit zwölf Kästchen, in denen Stichworte zu Rechtschreibphänomenen stehen. "Diese Matrix", sagt er, "enthält alles, was man zur Rechtschreibung wissen muss."
Mit Rechtschreibung, betont Sommer-Stumpenhorst, meine er nicht, dass die Kinder richtig, sondern dass sie "angemessen" schreiben können. "Und deshalb brauchen Sie auch keine Fehler anzustreichen", erklärt er den Lehramtsstudenten. "Das ist ein Hobby von Lehrern, das ich noch nie verstanden habe." Auch "pleisteischen" (Playstation) solle sie unverändert stehen lassen?, fragt eine Studentin. Selbstverständlich, antwortet der Dozent, wieso denn nicht?
Wie tief und fest Falschgelerntes in den Köpfen sitzt, das erlebt Sprachwissenschaftler Thomé jeden Mittwochnachmittag an der Frankfurter Uni, wenn er versucht, den Probanden seiner Legasthenie-Studie die Fehler auszutreiben.
An diesem Mittwoch hat Nils, 13, seine Wochengeschichte mitgebracht. "Es war sonntag morgen und wir saßen beim frühstück", beginnt sie. Nils ist ein Kerlchen mit charmantem Grinsen, er trägt Brille und hat ein klein wenig Gel in seinem blonden Haar. Sein IQ liegt bei 121. Seine Texte sind orthografisches Katastrophengebiet.
Nils beugt sich mit verlegenem Lächeln über sein eigenes Geschreibsel: Warum zum Teufel macht er immer noch diese Fehler? "Überleg mal", sagt Thomé, "warum man ,Sonntagmorgen' genauso in einem Wort schreibt wie ,Fahrradtour'?" Die "Fahrradtour" hatte Nils nämlich korrekt zusammengeschrieben.
"Aber guck mal, wie viel du schon richtig schreibst!", staunt der Wissenschaftler beim Weiterlesen, und dann, scherzhaft: "Bald fliegst du hier raus aus der Studie!" Nils wird das in den Griff kriegen, davon ist Thomé überzeugt. Alle zehn Probanden hätten sich bereits entscheidend verbessert, ein Kind gar in drei Monaten von 63 auf 21 Fehlschreibungen pro 100 Wörter.
Nils, sagt seine Mutter, falle es schwer, seine Schwäche zu akzeptieren. "Er glaubt, er sei dumm und nix wert." Der Münchner Experte Gerd Schulte-Körne hält das für typisch. Lese-Rechtschreib-Schwäche gehe oft mit einem erschütterten Selbstwertgefühl einher, sagt er. Fast ein Drittel der Legastheniker habe sogar Selbstmordgedanken. In Schule und Gesellschaft würden sie massiv diskriminiert. Trotz gleich hoher Intelligenz hätten sie deutlich geringere Bildungschancen.
Grundlage einer Lese-Rechtschreib-Schwäche sei in der Regel eine genetische Belastung. "Doch all die von Reichen abgeleiteten Methoden können die Symptomatik verstärken", so Schulte-Körne. "Es stimmt einfach nicht, was deren Verfechter behaupten: dass manche Kinder einfach nur langsamer lernen als andere."
Genau das jedoch ist das gängige Argument, mit dem besorgte Eltern von den Lehrern ruhiggestellt werden. "Auf dem ersten Elternabend müssen Sie vor allem eines erreichen", erklärt Sommer-Stumpenhorst den angehenden Pädagogen in Münster: "dass die Eltern sagen: ,Na ja, warten wir mal ab.'"
Doch was wäre, wenn die Eltern sich nicht mehr so einfach beruhigen ließen? Wenn sie Sturm liefen gegen die absurden Methoden?
Was wäre also, wenn all die Papas und Mamas Schulleiter in ganz Deutschland unter Druck setzten, ihren Kindern endlich mal richtig schreiben beizubringen? Wenn ein guter Rechtschreibunterricht zur Werbung für eine Grundschule würde?
Günter Jansen setzt viel Hoffnung darauf, dass die Eltern den Aufstand proben. Er selbst war Lehrer, Fachleiter, nun führt er den Widerstand an gegen die einstige Revolution in den Klassenzimmern. Von seinem gemütlichen Wohnzimmer im Örtchen Dahlem in der Eifel aus versorgt er auf seiner Website grundschulservice.de empörte Eltern mit Zündstoff. Akribisch widerlegt er Glaubenssatz für Glaubenssatz mit wissenschaftlichen Fakten.
Außerdem arbeitet er an einem Brief, den all die Väter und Mütter, die über dem Buchstabensalat ihrer Sprösslinge verzweifeln, demnächst an die Schulleitungen schicken können.
Darin zitiert er am Ende Christa Röber, Pädagogikprofessorin von der Uni Freiburg. Ihr Satz liest sich wie eine handfeste Drohung: Die Anwendung einer dieser Methoden sei nichts anderes als "unterlassene Hilfeleistung".
* "Er sah auf, er nahm den Stein, den das Mädchen in der Hand liegen hatte. ,Ich habe noch mehr Steine zu Hause'".
Von Bredow, Rafaela von, Hackenbroch, Veronika

DER SPIEGEL 25/2013
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