24.06.2013

CHAOS Der Bürgermeister

In einem jordanischen Lager mit 116#8239000 Kriegsflüchtlingen aus Syrien regiert die Mafia. Gegen sie tritt der deutsche Entwicklungshelfer Kilian Kleinschmidt an. Es muss ihm gelingen, die Würde der Menschen zu retten.
Kilian Kleinschmidt betritt das Camp bewaffnet mit einem 15 Zentimeter langen Haken aus Edelstahl. "Ich hasse Flüchtlingslager", sagt er. Er hält den Haken in der Hand wie einen Dolch.
Als die Nacht hereinbrach, sagte ein Militärpolizist zu Kleinschmidt, er dürfe auf keinen Fall nachts ins Camp gehen. Kleinschmidt geht stumm durch das Tor.
Vor ihm in der Finsternis leben 116 000 Flüchtlinge in einem Lager mit dem Namen "Saatari". Sie sind aus dem Krieg in Syrien geflohen. Sie hausen in Containern und Zelten, die einen blauen Aufdruck tragen, UNHCR. United Nations High Commissioner for Refugees, das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, ist Kleinschmidts Arbeitgeber. Die Menschen kommen mit Bussen von der Grenze in dieses Stück Wüste im Norden Jordaniens, jeden Tag werden es mehr. Die Beduinen aus der Gegend sagen, bevor die Flüchtlinge kamen, habe in dieser Wüste der Teufel gewohnt, niemand sonst, nicht einmal Skorpione.
Kilian Kleinschmidt soll dafür sorgen, dass die Flüchtlinge hier überleben. Er will ihnen die Würde zurückgeben. Er soll Ordnung schaffen im Lager. Er ist Deutscher. Ein Deutscher stellt die Ordnung wieder her, so könnte man den Plan zusammenfassen.
Die Flüchtlinge bekommen Wasser, Nahrung, Obdach, Toiletten und warme Decken für die Nacht. Es könnten zufriedene Flüchtlinge sein. Aber sie stürmten einen Container, in dem Waschmittel verteilt wurde, und brachen einer Entwicklungshelferin den Fuß mit einem Stein. Kleinschmidt geriet in eine Schlacht zwischen Militärpolizei und Flüchtlingen, sein Hals schmerzt noch vom Tränengas. Flüchtlinge zogen einen Polizisten aus seinem Räumpanzer und schlugen ihm mit einem Stein auf den Schädel.
Jeden Tag halten vier Busse im Lager und sammeln Menschen ein, die zurück nach Syrien reisen wollen. Die Flüchtlinge stellen sich morgens an, und wenn die Busse halten, schlagen sie sich um die Plätze. Sie prügeln sich, weil sie lieber im Krieg leben wollen als in Saatari. Kleinschmidt erlebt das Lager als einen Ort, in dem der Teufel noch immer zu Hause ist.
Das UNHCR gab ihm im März den Auftrag, Saatari aus dem Chaos zu retten. Sie ließen ihn aus Kenia einfliegen, stellten ihm einen Container in einen Bereich, der durch Zäune, Stacheldraht und Wachmänner gesichert wird, und druckten ihm einen Stapel Visitenkarten mit dem Aufdruck "Senior Field Coordinator". Das bedeutet: Er hat hier das Sagen.
Kleinschmidt guckte sich das Lager zehn Tage lang an, sprach mit Helfern und Flüchtlingen und verstand, dass die Helfer es geschafft hatten, allen Flüchtlingen das Leben zu retten und deren Grundbedürfnisse zu stillen. Aber es war niemandem gelungen, die Flüchtlinge glücklich zu machen. Kleinschmidt dachte nach und kam zu dem Ergebnis, dass Saatari zwei Probleme haben müsse. Erstens: die Flüchtlinge. Zweitens: die Helfer.
Bevor Kleinschmidt zu seiner Nachtwanderung aufgebrochen ist, ging er das Lager der Helfer ab. Er ging vorbei an Bürocontainern von: Unicef, UNHCR, Technischem Hilfswerk, International Medical Corps, Mercy Corps, Save the Children, International Relief & Development, World Food Programme, Norwegian Refugee Council, United Nations Population Fund, Noor Al Hussein Foundation, Jordan Health Aid Society, Oxfam, International Rescue Committee, Relief International, Reach, Japan Emergency NGO, Japan International Cooperation Agency.
Es war Nacht. Fast alle Container waren leer. Die Helfer hatten Feierabend gemacht.
Einen Tag zuvor war alles anders gewesen. Der Parkplatz stand voll mit Geländewagen. Es waren viele Entwicklungshelfer aus Amman angereist, die sonst nicht im Lager arbeiten. Der EU-Kommissar für Erweiterung hatte seinen Besuch angekündigt. Politiker sind wichtig für die Hilfsorganisationen, weil sie Zugang zu Geld haben und weil sie Journalisten mitbringen, die Geschichten erzählen. Diese Geschichten werden von Menschen gehört, die auch Geld haben. Geld ist für die Hilfsorganisationen noch wichtiger als Leid.
Kleinschmidt gab dem EU-Kommissar zur Begrüßung die Hand und sagte: "Willkommen in Saatari, ich bin hier der Bürgermeister."
Der EU-Kommissar fuhr begleitet von der Militärpolizei in eine Schule, die Unicef gebaut hatte. Ihm folgten viele junge Menschen, die exzellentes Englisch sprachen und die Westen ihrer Hilfsorganisationen trugen wie Paradeuniformen. Ein paar Frauen trugen Schuhe mit hohen Absätzen, die im Wüstensand versanken. Kleinschmidt stand in der Menge in einem staubigen Hemd und sagte: "Am Nachmittag sind die meisten der Westen wieder abgereist."
Er besitzt auch eine himmelblaue UNHCR-Weste. Sie hängt in seinem Büro über seinem Stuhl, er wischt sich mit ihr manchmal den Schweiß vom Gesicht. Er glaubt, Helfer tragen Westen, um die Menschen mit Großbuchstaben zu blenden.
Manchmal erinnert Kleinschmidt an eine Planierraupe, die alles platt walzt, was ihr in diesem Lager nicht passt. Aber Kleinschmidt soll das Gegenteil schaffen und das größte Lager für syrische Flüchtlinge in Jordanien aufbauen und befrieden. Ein Mann mit einem Stahlhaken soll Sinn stiften.
An dem Tag, als der EU-Kommissar zu Besuch war, standen in der Menge der Helfer zwei junge Frauen, die braune Westen trugen, auf die in blauen Buchstaben UNESCO gestickt war. Die Unesco kümmert sich unter anderem ums Weltkulturerbe. Kleinschmidt hatte die Frauen noch nie gesehen und wusste auch nicht, um welches Kulturerbe sie sich in Saatari kümmern könnten. Er fragte: "What are you doing here?" - Was macht ihr hier?
"Wir machen hier ein Mentorenprogramm für Kinder", sagte eine der Frauen und gab ihm eine Visitenkarte, auf der "Project Manager" stand. Kleinschmidt sagte: "Es wäre gut zu wissen, was genau ihr hier macht, ich bin hier nämlich der Camp-Manager."
Man könnte glauben, dass hier der Camp-Manager das Camp managt. Aber Kilian Kleinschmidt sagt, dass alles viel schwieriger sei, als es klingt.
Er weiß nicht, wie viele Entwicklungshelfer im Lager arbeiten. Laut einer Liste auf der Internetseite des UNHCR helfen 139 Organisationen den Menschen in Saatari. Es gibt "Ärzte ohne Grenzen", "Elektriker ohne Grenzen" und "Gynäkologen ohne Grenzen". Die "Clowns ohne Grenzen", die in Krisengebieten auftreten, um Menschen aufzuheitern, sind wieder abgereist.
Es kommt vor, dass private Spender aus Saudi-Arabien ein paar hundert Wohncontainer ins Lager karren, ohne vorher mit Kleinschmidt oder seinem Team darüber gesprochen zu haben. Südkorea hat für 20 000 Dollar einen Fußballplatz gebaut, auf dem niemand spielt. Es gibt eine niederländische Gitarrengruppe, von der Kleinschmidt nicht weiß, was sie hier will. Und der koreanische Botschafter in Jordanien will den Kindern aus Saatari demnächst Taekwondo-Unterricht geben lassen.
Ein Entwicklungshelfer sagt: "Stell dir vor, der UNHCR wäre Nike. Wir bauen einen Turnschuh und lassen die einzelnen Teile des Turnschuhs von Zulieferern herstellen. Jeder Teil des Schuhs kommt von einem anderen Lieferanten, die Sohle, der Senkel, das Leder, und jeder arbeitet nach eigenen Entwürfen. Versuch dir mal vorzustellen, wie der Schuh am Ende aussieht."
Kleinschmidt wurde geholt, weil ihm der Ruf vorauseilt, unmögliche Aufgaben zu lösen.
Manche verehren ihn für seine Arbeit, manche halten ihn für einen Mann, der bei der Fremdenlegion vielleicht besser aufgehoben wäre.
Um den Hals trägt er eine Kette, daran hängt ein Anhänger aus Silber, den seine Frau entworfen hat. Kleinschmidt sagt, das Symbol bedeute "Krieger".
Früher war er mal Pazifist und wollte Weinbauer werden. Nach dem Abitur in Berlin fuhr er nach Südfrankreich, um Trauben zu ernten, dann kauften seine Freunde und er eine Ziegenherde und machten Käse. Dann lernte er, Schieferdächer zu decken. Er züchtete auch ein paar Kaninchen und buk Pâté. Er verliebte sich und bekam mit seiner Frau eine Tochter, und als die Beziehung scheiterte, kaufte sich Kleinschmidt ein Motorrad und fuhr in die Sahara.
In einer Bar in Mali lernte er einen Mann und eine Frau kennen, die als Entwicklungshelfer arbeiteten, und nach vielen Gläsern Whisky fragten sie Kleinschmidt, ob er Lust habe, mit ihnen eine Schule in die Wüste zu bauen.
Er sagt, er habe gelernt, was Freiheit bedeutet, was Abenteuer bedeutet und was Sinn. Er wurde Entwicklungshelfer, und er sagt, dass er im Lauf seines Lebens viele schöne Antworten auf die Frage gehört habe, warum Menschen diesen Beruf wählen, aber wenig ehrliche.
Er ging nach Uganda, Südsudan, Kenia, Somalia, in den Kosovo, nach Sri Lanka und Pakistan und wunderte sich, dass er alles überlebte. Er entschloss sich, seiner Arbeit alles andere unterzuordnen. Kleinschmidt lebt selbst wie ein Flüchtling.
Mitte der neunziger Jahre rief sein Chef aus der Zentrale des UNHCR in Genf an und sagte, dass im Kongo 100 000 Hutu-Flüchtlinge im Wald verlorengegangen seien und sich davor fürchteten, von den Tutsi geschlachtet zu werden. Kleinschmidt stellte ein Team zusammen, flog in den Kongo, fand eine alte Eisenbahn der ehemaligen belgischen Kolonialherren, ließ die Bahn instand setzen und fuhr mit einer Dampflok ins Unterholz. Er fand die Flüchtlinge und rettete viele von ihnen.
Kleinschmidt wird schweigsam, wenn man ihn fragt, warum er tut, was er tut. "Ich mach es halt", sagt er dann. Er macht es, weil er besessen ist, und dafür kann es viele Gründe geben, aber zwei drängen sich auf: Er ist besessen davon, Leben zu retten. Und er ist besessen davon, sein eigenes Leben zu riskieren.
Heute, mit 50 Jahren, hat Kleinschmidt einen Stiefsohn und fünf Kinder von drei Frauen, verteilt über Europa und Afrika. Er trinkt keinen Whisky mehr und raucht keine Zigaretten, geht aber regelmäßig zu einem Militärpsychologen, um seine Seele zu reinigen. Man darf vermuten, dass es wenig im Reich der Lebenden oder Toten gibt, das Kleinschmidt noch schockieren könnte, aber das Lager in Saatari hat es geschafft. Kleinschmidt sagt: "Das sind die schwierigsten Flüchtlinge, die ich je erlebt habe."
Er marschiert vorbei an einem eingezäunten Komplex, in dem Flüchtlinge sitzen, die gerade im Lager angekommen sind. Er könnte sich zu den Frauen setzen und zuhören.
Eine Frau sagt: "Mein Stadtteil in Damaskus wurde bombardiert, die Menschen werden ermordet."
Eine Frau sagt: "Ich bin zuerst in den Libanon geflohen, da waren Hisbollah-Kämpfer, sie haben versucht, in mein Haus einzubrechen."
Eine Frau sagt: "Mein Vater ist im Gefängnis, ich weiß nicht, ob er noch lebt."
Eine Frau sagt: "Im Fernsehen haben sie gesagt, dass mein Mann ein Terrorist sei, sein Spitzname ist ,Der Vogel', er wurde verhaftet."
Eine Frau sagt: "Sie haben meinem Mann gesagt, er solle zur Polizei kommen und Süßigkeiten mitbringen, er kam nie zurück."
Kleinschmidt sagt: "Unsere Schwäche ist, dass wir die einzelnen Bäume sehen und nicht den Wald." Er hört sich die vielen Geschichten nicht an.
Es gibt wahrscheinlich 116 000 Erklärungen für die Wut der 116 000 Flüchtlinge, aber Kleinschmidt glaubt, er habe drei wichtige Erklärungen isolieren können.
Erstens: Diese Menschen kommen aus einem Land, in dem die Elite ihr Feind war. Nun haben sie sich ihre Freiheit erkämpft und wollen nicht von der nächsten Elite befohlen bekommen, wie viele Linsen sie essen dürfen.
Zweitens: Viele Flüchtlinge glauben, dass die internationale Gemeinschaft ihnen etwas schulde, weil sie in Syrien das Morden nicht stoppt.
Drittens: Es gibt die Mafia.
Kleinschmidt versteht erst langsam, wer die Verbrecher sind, die auf der anderen Seite des Stacheldrahts gegen ihn arbeiten, aber er glaubt zu wissen, was sie wollen. Sie wollen das Lager instabil halten. Sie wollen, dass freier Handel verboten bleibt, damit sich der Schmuggel weiterhin lohnt. Sie wollen verhindern, dass die Helfer ein Stromnetz anlegen, damit sie weiter illegal gezapften Strom verkaufen können. Sie wollen, dass sich die Polizei davor fürchtet, das Lager zu betreten, weil die Mafia dann ungestört arbeiten kann.
Es gibt Männer in Saatari, die das Chaos nutzen, um Macht zu erlangen. Ein paar von ihnen meinen es gut, ein paar sind böse, und einer von ihnen, der mächtigste vielleicht, heißt Abu Hussein.
Er sitzt in einem Container auf einer Polstergarnitur, die mit einem Blumenmuster verziert ist, und serviert Mokka, der so stark ist, dass er zwischen den Zähnen knirscht. Seine Frau stellt neun Aschenbecher auf den Tisch. Auf dem Teppich liegen zwei Mobiltelefone von Nokia, eins in Rot, eins in Rosa. Abu Husseins Kinder sitzen im Container nebenan, bei 18 Grad Celsius, erzeugt durch eine Klimaanlage, und schauen im Fernsehen die "Hero Turtles". Abu Hussein sagt: "Wenn ich wollte, würde das ganze Lager in fünf Minuten brennen."
Abu Hussein ist 48 Jahre alt, er hat einen sauber rasierten Bart, und seine Haare sind entweder in Form geföhnt, oder sie stehen unter einer natürlichen Spannung vom Kopf ab. Er sagt, bevor er der mächtigste Mann in Saatari wurde, hatte er in Daraa in Syrien gelebt, als Lehrer in einer Schule gearbeitet und das Fach "Klimaanlage und Heizung" unterrichtet. Als sich das Volk gegen den syrischen Herrscher Assad aufbäumte, schloss sich Abu Hussein den Kämpfern an und wurde Kommandeur einer Spezialeinheit der Freien Syrischen Armee, der "Falken vom Stamme des Propheten Mohammed". Die Spezialität der Falken waren Minen. So erzählt er das. "Ich habe getötet", sagt Abu Hussein.
Dann bekam er Angst und floh. Am 5. August vergangenen Jahres erreichte er das Lager Saatari, er war der 60. Flüchtling, der hier ankam. Es wehte, sagt er, ein kalter Wüstenwind. Abu Hussein ging zu den Entwicklungshelfern und verlangte nach Decken für die Frauen und Kinder. Als der Helfer sich weigerte, sagte Abu Hussein, dass er 73 Menschen getötet habe und es bald 74 würden, wenn man ihm seinen Wunsch verwehrte. Er bekam die Decken. Von dem Tag an war er "der Akid", so erzählt er es, der Herrscher.
Als Herrscher ist es Abu Hussein gewohnt, das Wort zu führen. Es ist schwierig, ihm eine Frage zu stellen und darauf die passende Antwort zu bekommen. Vielleicht ist er auch zu schlau, um auf die Fragen zu antworten.
Was geben ihm die Leute dafür, dass er der Boss ist?
"Nur Allah ist der Herrscher."
Aber er, Abu Hussein, hat hier schon was zu sagen?
"Ich regiere 21 Straßen, meine Männer patrouillieren Tag und Nacht. Ich habe zehn Barbiere, die jeden umsonst rasieren, der es wünscht."
Was geben die Menschen dafür zurück?
"Nur ihre Liebe."
Wie kann sich ein Flüchtling wie er drei Container und eine Klimaanlage leisten?
"Politik ist ein Ozean. Es kann nicht jeder darin schwimmen."
Wie schätzt er die Arbeit der Entwicklungshelfer ein?
Abu Hussein zieht ein paarmal an seiner Zigarette und atmet tief ein wie vor einem Tauchgang. Dann schlägt er mit seiner Faust auf den Teppich, dass die Mokkakanne wackelt. Abu Hussein schreit. "Ich war beim World Food Programme und habe gesagt, dass ich ein Stück Käse will, die haben mir gesagt, das müssen irgendwelche Leute in Genf entscheiden. Ich frage dich, wer sitzt in Genf und entscheidet, ob ich ein Stück Käse esse?"
Er schreit eine halbe Stunde lang, spricht von Korruption und Juden und Käse. Er beklagt sich, dass bei den Helfern Männer arbeiten, die einen Zopf tragen. Und er schreit, dass dieser Mister Kilian der Einzige mit ein wenig Anstand sei.
Es gibt in Saatari hinter jeder Zeltplane einen Mann, der sagt, er sei der Boss. Vielleicht ist Abu Hussein ein Lügner, vielleicht war er nie ein Falke. Auf jeden Fall hat er begriffen, dass derjenige als Anführer hervorgehen wird, der die Menschen glauben lässt, dass er der beste Herrscher ist.
Kilian Kleinschmidt kam eines Tages in Abu Husseins Container, um herauszufinden, ob er es mit einem weiteren Angeber zu tun hat. Mit dabei saßen fünf Männer mit rotem Palästinensertuch auf dem Kopf. Einer von ihnen sagte zu Kleinschmidt: "Ich habe gesehen, wie du nachts durchs Lager gelaufen bist. Ich habe überlegt, dich entführen zu lassen."
Kleinschmidt lächelte und bedankte sich für Abu Husseins Einladung. Kleinschmidt besuchte ihn zusammen mit einem Kollegen. Der Kollege ist ein junger Ire, der erst seit ein paar Tagen im Lager arbeitet und der die Getränke in Abu Husseins Container anschaute wie Handgranaten. Es gibt in Saatari eine Durchfall-Epidemie. Kleinschmidt trank zwei Kaffee auf ex aus derselben Tasse wie Abu Hussein und aß zwei Teigfladen mit Spinatfüllung. Abu Hussein sagte: "Wir haben das Gefühl, dass die Helfer kein Herz haben."
Er sitzt in einem Container, der 3000 Dollar gekostet hat. Der Ventilator läuft mit Strom, den er aus dem italienischen Krankenhaus abzapft. Das Wasser für seinen Tee kommt aus Kanistern von Unicef. Für nichts davon hat Abu Hussein gearbeitet, gezahlt oder sich bedankt.
Kleinschmidt ließ sich nicht anmerken, was er dachte. Zuvor hatte er gesagt, dass es nicht darum gehe, worüber gesprochen werde, sondern darum, überhaupt miteinander zu sprechen. Er trank Tee und hörte zu. Nach zwei Stunden sagte Abu Hussein: "Du bist ein kluger Mann, Mister Kilian, wir sollten zusammenarbeiten."
Kleinschmidt sagt, dass dieses Lager nur dann ein Ort werden könne, an dem Flüchtlinge ihre Würde wiederfinden, wenn er es schafft, dass all die Chaoten da draußen ihn respektieren.
Er arbeitet 18 Stunden am Tag. Er befiehlt keinem Helfer, was er tun soll, sondern versucht, sie von seiner Idee zu überzeugen, Saatari als Stadt zu sehen und nicht als Lager. Er teilte die Stadt in zwölf Regierungsbezirke auf und schickte in jeden Bezirk einen seiner Mitarbeiter, der sich täglich mit den Straßenchefs berät. Er besuchte den Befehlshaber der Militärpolizei zu Hause, aß mit ihm gekochtes Lamm und überzeugte ihn von dem Plan, mit Nachtpatrouillen zu beginnen. Er ließ einen Graben buddeln, damit die Schmuggler nicht ins Lager fahren können, und weil das nichts half, schaufeln nun Bagger einen zwei Meter hohen Erdwall. Er empfing Politiker und erklärte ihnen, warum er mehr Geld brauche. Er bekam es. Er gab Interviews, wedelte mit seinem Haken und warb dafür, dass Journalisten nach Saatari kamen. Die meisten Helfer der anderen Organisationen erstatten ihm mittlerweile Bericht darüber, was sie tun. Seine Kollegen haben angefangen, mit ihm im Lager zu übernachten. Immer mehr von ihnen verlassen ihre Büros und folgen Kleinschmidt auf die andere Seite des Stacheldrahts.
Damit die Flüchtlinge ihn respektieren, geht er nachts allein spazieren, so dass die Menschen sehen, dass er einer von ihnen ist. Er ließ Laternen in dem Teil des Lagers bauen, in dem die Flüchtlinge ankommen, sie sollen es hell haben. Und er lässt ihnen heißen Tee servieren. Er kündigte an, dass die Flüchtlinge bald ihre Lebensmittel mit Gutscheinen in Supermärkten kaufen können. Er glaubt, dass in drei Monaten niemand mehr in einem Zelt leben muss. Vor kurzem saß er in einer Runde im gefährlichsten der zwölf Regierungsbezirke, und ein paar Männer sagten, sie würden gern Olivenbäume pflanzen.
Man kann Kilian Kleinschmidt für einen Rambo halten und es verwerflich finden, dass er wie ein Unternehmensberater auf das Flüchtlingslager schaut. Aber bevor er nach Saatari kam, wäre hier niemand auf die Idee gekommen, einen Olivenbaum zu pflanzen.
An einem Abend, an dem die anderen Helfer schon schlafen, sagt Kleinschmidt, er vermisse seine Frau so sehr, dass es weh tue. Er hoffe, er würde bald heimkehren können zu seinen Kindern und seinem Enkelsohn. Und er sagt, er habe sich für einen Bürojob in Straßburg beworben, aber er fürchte, irgendwann ins nächste Krisengebiet geschickt zu werden.
Es ist der Moment, in dem man ahnt, dass Kilian Kleinschmidt der klügste Blender in diesem Lager ist. Er herrscht nicht, er dient. Aber er tut viel dafür, dass es niemand merkt. Wenn er sich unbeobachtet fühlt, legt er den Kindern seine Hand auf den Kopf und lauscht den Sorgen ihrer Mütter. Schließlich sagt er noch, dass der Haken, den er trägt, nur ein Zelthaken sei. Er würde damit nie einen Menschen schlagen, er trage ihn gegen die eigene Nervosität, und eigentlich habe er ihn nur noch dabei, wenn er von Journalisten begleitet wird. Sie fotografieren ihn damit so gern.
Kleinschmidt hat begriffen, dass die Spender einen starken Mann wollen, also spielt er ihn. Er hat begriffen, dass die Helfer einen Anführer brauchen, also gibt er ihnen einen. Er hat begriffen, dass die Flüchtlinge ihn nur akzeptieren, wenn er ihnen als Bürgermeister begegnet.
Er verrät niemandem im Lager, dass er manchmal seiner Frau abends am Telefon sagt, dass er so ausgebrannt und erschüttert sei. Er erzählt ihr, dass er nicht wisse, ob er noch eine weitere Woche durchhalte. Er sagt: "Ich hasse Flüchtlingslager, weil sie den Menschen die Würde nehmen." Auf die Frage, warum er Entwicklungshelfer geworden sei, antwortet Kleinschmidt: "Wenn wir wissen, dass wir Gutes tun, fällt es uns leichter, uns selbst zu lieben."
An einem Feiertag im Juni, als er in der jordanischen Hauptstadt Amman unterwegs war, bekam er eine SMS von einem Kollegen aus Saatari. So eine SMS trifft jeden Tag ein, und normalerweise steht darin, wie viele Steine geworfen wurden oder was die Flüchtlinge gestohlen haben. In dieser SMS standen drei Buchstaben: NTR. Nothing To Report. Keine besonderen Vorkommnisse.
Von Würger, Takis

DER SPIEGEL 26/2013
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