24.06.2013

Die wahre Sichel

GLOBAL VILLAGE: Im Emirat Schardscha bemüht sich ein algerischer Astrophysiker um ein wenig Vernunft im islamischen Kalender.
Am 8. Juli werden sie wieder auf die höchsten Punkte steigen, mit Teleskopen und Ferngläsern. Sie werden nach Westen schauen, der Sonne hinterher, vom Burdsch-Chalifa-Wolkenkratzer in Dubai oder vom Wüstenberg Dschabal Hafit. Und sie werden sich die Augen ausschauen nach der Mondsichel, die den neuen Monat markiert und damit den Beginn der Fastenzeit.
Nidhal Guessoum nicht, er bleibt zu Hause. Er könnte den Menschen sagen: Lasst es. Ihr werdet den Mond nicht sehen, so hoch ihr auch steigt und sosehr ihr die Augen zusammenkneift. "Da wird noch keine Sichel sein", sagt Guessoum, einer der wenigen Astrophysiker auf der Arabischen Halbinsel und bestimmt der einzige Bewohner der Region, der sich auf die Messung von Positronen und Mikroquasaren im interstellaren Raum spezialisiert hat.
Er hatte einst Physiker werden wollen, dann geriet er in eine Vorlesung über Astronomie. Der heute 52-Jährige promovierte in Kalifornien, forschte zwei Jahre lang am "Goddard- Zentrum für Weltraumflug" der Nasa und landete dann sanft in der 1997 gegründeten Amerikanischen Universität von Schardscha - einem weiten, scheinbar menschenleeren Campus, der trotz der brüllenden 42 Grad draußen frisch begrünt daliegt, wie außerirdisch.
Guessoum ist einer der Betreiber des Projekts "Islamische Sichelbeobachtung", einer Initiative internationaler Wissenschaftler, die vergangenes Jahr die Mondsichtungskonferenz in Southampton organisierte. Ihnen geht es unter anderem darum, ein neues "Fiasko von Algier" zu verhindern. Damals, im Jahr 2011, hatte die dortige Regierung eine Sichelsichtung verkündet, obwohl der Mond noch unterhalb des Horizonts verborgen war.
Guessoum misst Vorgänge in fernen Galaxien, aber auch vor der Haustür. Es geht um die alles entscheidende Frage: Wann genau beginnt der Ramadan? Der Koran spricht in der zweiten Sure nur vom "Monat Ramadan, in dem der Koran herabgesandt wurde als Rechtleitung für die Menschen" und in dem gefastet werden soll. Doch mit welchen Mitteln wird der Monat bestimmt? "Der Prophet konnte sich nur auf die Himmelsbeobachtung stützen", sagt Guessoum. "Also die Sichtung der ersten, haarfeinen Mondsichel im Westen nach Sonnenuntergang. Er wusste noch nichts von den Berechnungen."
Astronomisch beginnt die neue Mondphase, sobald der Mond zwischen Erde und Sonne steht. Dann ist er in Mekka nicht zu sehen. Aber er lässt sich berechnen: Die Sichtung der Sichel hängt ab von Faktoren wie der Anomalie des Mondes, von der Entfernung zum Äquator oder dem Stand der Sonnenbahn.
Sie wird die "Nacht des Zweifels" genannt, jene Nacht, in der die Sichel erwartet wird. Wer glaubt, sie gesehen zu haben, ruft beim Justizministerium in der Hauptstadt Abu Dhabi an. Dort sitzt ein Gremium religiöser und politischer Rechthaber und prüft, ob der Anrufer richtig gesehen haben kann.
Falls ja, wird die Sichel nach Saudi-Arabien gemeldet, wo die endgültige Entscheidung fällt: Morgen früh beginnt der Ramadan. Das Votum aus Mekka ist bindend für alle Staaten des Golf-Kooperationsrats, ausgenommen Oman. Sobald der Ramadan verkündet ist, verändert das Leben seine Geschwindigkeit. Die abendlichen Feste zum Fastenbrechen müssen vorbereitet, Freunde und Verwandte geladen, eventuell eine Pilgerfahrt nach Mekka organisiert werden.
Alles hängt vom Mond ab, nur: Welches ist die wahre Sichel?
Viele islamische Staaten habe ihre eigenen kalendarischen Methoden. Manche zählen vom Neumond aus, einige zählen 29, andere 30 Tage. So kommt es, dass der Ramadan in Nachbarstaaten wie Algerien und Niger um ganze zwei Tage differieren kann. Diese Ungenauigkeit quält Guessoum, als Astrophysiker, aber auch als Muslim. Es geht um die Vereinbarkeit von Vernunft und Glaube, von Astrophysik und Islam.
"Es geht nicht um Einheitlichkeit", so Guessoum. "Aber wir müssen uns über das Prinzip einigen." In Frankreich hat der Rat der Muslime kürzlich entschieden, den Beginn des heiligen Monats von den Astronomen bestimmen zu lassen, durch Berechnung statt durch Beobachtung. Damit herrscht endlich Planungssicherheit. "Ein historisches Votum" für Guessoum, und er hofft, dass nun auch die Türkei, Malaysia und die USA sich anschließen werden.
Doch viele Islamgelehrte wollen von Computermodellen nichts wissen, weil davon nichts in den Schriften steht. "Sie sagen zwar, dem Islam sei die Wissenschaft heilig, aber die Konsequenzen wollen sie nicht ziehen."
Dann erzählt Guessoum von Ibn al-Schatir, dem Vorläufer des Kopernikus. Und von jener goldenen Zeit, als muslimische Astronomen den Erdumfang schon exakt berechneten und von Amerika noch keine Rede war. Heute, sagt er, gebe es kein nennenswertes Teleskop auf der Arabischen Halbinsel, trotz all des Reichtums. Und die Leute klettern in Dubai auf Hochhäuser, um die Mondsichel zu sichten.
Manchmal ist der Himmel einfacher zu verstehen als die Erde.
Von Smoltczyk, Alexander

DER SPIEGEL 26/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 26/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die wahre Sichel