24.06.2013

BETRUGDer letzte Lügner

14 Jahre lang durfte der Radprofi Jan Ullrich behaupten, der SPIEGEL habe ihn zu Unrecht des Dopings beschuldigt. Jetzt gab er auf. Die Geschichte einer gestörten Beziehung.
Prolog
Am 17. Juni 1999, gegen 11 Uhr vormittags, sprang im zehnten Stock des alten SPIEGEL-Hochhauses an der Hamburger Brandstwiete ein Faxgerät an, und in das Eingangsfach fiel ein Stück Papier, das uns den Krieg erklärte. Er sollte 14 Jahre dauern.
Veröffentlichung DER SPIEGEL
Nr. 24/99, Seiten 238 ff.
"Die Werte spielen verrückt"
Unterlassung
Sehr geehrte Damen und Herren,
unter Bezugnahme auf die beigefügte Vollmacht darf ich die Vertretung von Jan Ullrich anzeigen. Der oben genannte Beitrag verletzt die Persönlichkeitsrechte unserer Mandantschaft. Zur Beseitigung der Wiederholungsgefahr habe ich Sie daher aufzufordern, beigefügte Unterlassungserklärung bis spätestens zum
heute, 17:00 Uhr
hier eingehend, abzugeben. Nach fruchtlosem Verstreichen der Frist werde ich unserem Mandanten die Inanspruchnahme gerichtlicher Hilfe empfehlen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Prinz LL.M.
- Rechtsanwalt -
Matthias Prinz war damals ein berühmter Medienanwalt, ein Mann für die großen Sachen: Julius Hackethal, Prinzessin Caroline, Claudia Schiffer. Sein neuer Mandant war die große Figur des deutschen Sports in dieser Zeit.
Wir kannten Jan Ullrich nicht besonders gut, man könnte auch sagen, wir kannten ihn gar nicht. Es hatte ein einziges Gespräch zwischen ihm und uns gegeben, wir saßen im Frühsommer 1997 zusammen auf einer Wiese in Ullrichs Wohnort Merdingen, aber das Gespräch war belanglos, für einen Text konnte man nichts davon gebrauchen. Kurz danach sahen wir ihm in Frankreich dabei zu, wie er als erster Deutscher die Tour de France gewann.
Es gab dabei Momente von großer Faszination. Einer davon war, als Ullrich für das Team Telekom einen steilen Pyrenäenberg hochfuhr. Er blieb dabei einfach im Sattel sitzen, so als ob er am Ufer eines Sees entlangfahren würde. Niemand konnte ihm folgen. Was er auf dem Fahrrad machte, sah nicht nach Anstrengung aus. Vielleicht war das aber auch das Verräterische dieses Moments. Er hatte etwas Unwirkliches.
Es hatte einfach schon zu viele Fahrradprofis gegeben, die als Doper aufgeflogen waren. Man konnte Leute im Gelben Trikot nicht mehr einfach so bewundern. Tour-de-France-Siegern fehlte im Unterschied zu Wimbledon-Siegern die angenommene Unschuld.
Ein Jahr später, während der Tour 1998, wurde aus Verdachtsmomenten spektakulär Wirklichkeit. Bei der französischen Festina-Mannschaft waren große Mengen illegaler Substanzen gefunden worden, nicht nur irgendwelche Pillenröhrchen. Es ging nicht um kleine Betrügereien, sondern um lebensgefährlichen Betrug. Um Anabolika und Epo, das man in die Venen spritzt, um mehr rote Blutkörperchen zu bilden, um mehr Sauerstoff aufnehmen zu können, um schneller den Berg hochzukommen.
Überall in den Mannschaftshotels liefen jetzt Leute von der französischen Staatsanwaltschaft umher. Überall flogen schmutzige Sprengsätze in die Luft. Bei den Deutschen blieb es ruhig. Die Deutschen fuhren schneller als die meisten anderen, aber man fand nichts bei ihnen. Nur Nudeln.
"Saubere Leistung", schrieb die Telekom in ganzseitigen Anzeigen.
Nach dieser Tour de France stellten wir uns die Frage, ob das sein kann. Ob die Deutschen die letzten Anständigen sind. Und ob dieser junge Mann, mit dem man keine vernünftigen Interviews führen kann, nichts zu sagen hat. Oder ob er nichts sagen will. Wir machten uns auf die Suche.
Stumme Zeugen
Am 14. Juni 1999, drei Wochen vor Beginn der Tour de France, erschien im SPIEGEL ein Text mit der Überschrift "Die Werte spielen verrückt". Wir beschrieben darin, dass im Team Telekom genauso gedopt wird wie bei allen anderen Radmannschaften auch, nur besser. Professioneller. Nicht wildwüchsig, sondern mit System. Gedeckt von der Mannschaftsführung, organisiert von den Mannschaftsärzten. Die Überschrift bezog sich auf Jan Ullrich, der sich einer möglichen Dopingkontrolle entzogen hatte, weil sein Blut, wahrscheinlich durch Epo, verdickt war. Wie Bratensauce, die zu lange eingeköchelt worden ist.
Der Text stützte sich auf Aussagen von Zeugen, die glaubwürdig waren. Wir hatten mit Leuten gesprochen, die nah an dieser Mannschaft gewesen waren. Einige von ihnen waren Mitglieder der Mannschaft. Nur wenige von ihnen wollten unsere Fragen beantworten.
Wir redeten zudem mit Leuten, die das Team verlassen hatten, Leuten, von denen wir glaubten, dass sie weniger Angst vor den Konsequenzen haben würden. Einer von ihnen hieß Jef D'hont. D'hont, ein Belgier, war ein Mann, der seit 1964 im Radsport als "Soigneur" arbeitete. Ein Soigneur ist so etwas wie ein Masseur mit weitergehenden Aufgaben. Ein guter Soigneur kümmert sich nicht nur um den Körper der Fahrer, er ist auch ihr Vertrauter. Von 1992 bis 1996 war Jef D'hont als Soigneur beim Team Telekom angestellt.
Wir erzählten ihm, was wir recherchiert hatten. Er lächelte ins Telefon und sagte: "Oh." Als Gesprächspartner wollte er uns nicht zur Verfügung stehen, er hatte gerade Ärger. In Frankreich stand ihm der Prozess wegen des Festina-Skandals der vorigen Tour de France bevor. Gegen D'hont wurde ermittelt, weil er als Soigneur eines nicht weiter bedeutenden Teams ebenfalls mit illegalen Substanzen gearbeitet haben sollte. Am Ende des Telefongesprächs sagte D'hont noch, dass er in ein paar Monaten auspacken werde.
So stützte sich der Text wesentlich auf die Aussage zweier anderer Männer. Sie hatten mit uns unter zwei Bedingungen geredet. Die erste war, dass sie anonym bleiben würden. Die zweite folgte daraus: Sie würden uns, sagten sie, nicht als Zeugen zur Verfügung stehen, wenn es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommen sollte.
Der eine, so viel darf man sagen, war Mitglied der Mannschaft. Auf seine Erzählungen gehen all jene Textpassagen zurück, die aus dem Innenleben der Dopingpraktiken im Team Telekom berichten. Der SPIEGEL hat seine Identität bis heute geschützt und wird das auch in Zukunft tun.
Der andere war der Chemiker Dieter Quarz. Er arbeitete damals nebenbei im Radsport als freiberuflicher Soigneur. Einer seiner Klienten war Profi beim Team Telekom. Quarz schilderte uns in mehreren Gesprächen, wie er diesen Profi auf die Tour de France 1998 vorbereitet hatte. Er übergab uns Listen mit genauen Angaben über die Medikation von Epo, Schilddrüsenhormonen, Testosteron. Er berichtete von einem Trainingslager auf Mallorca, bei dem er mit dem Team Telekom gemeinsam in einem Hotel gewohnt hatte, er erzählte, wie er sich in diesen Tagen mit Telekom-Pflegern über deren Umgang mit Dopingsubstanzen ausgetauscht hatte.
Wenige Tage vor der geplanten Veröffentlichung gab es im Büro des damaligen SPIEGEL-Chefredakteurs Stefan Aust eine Besprechung zwischen der Chefredaktion, der Geschäftsführung, der Rechtsabteilung, dem Leiter des Sportressorts und uns. Es ging um die Frage, ob wir diesen Text drucken würden, obwohl wir unsere Informanten nicht als Zeugen benennen konnten. Wollten wir eine mögliche Niederlage vor Gericht in Kauf nehmen? Unsere Informanten waren glaubwürdig, ihre Erzählungen hatten sich, nach allem, was wir prüfen konnten, als plausibel erwiesen. Es gab für uns keinen Zweifel daran, dass dieser Text die Wahrheit abbilden würde. Es gab aber auch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er uns Ärger machen würde.
Die Chefredaktion entschied, den Artikel zu drucken. Was muss, das muss.
Das Team Telekom sollte Gelegenheit bekommen, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Jürgen Kindervater war der Kommunikationschef des Konzerns, er war auch der verantwortliche Mann für das Sport-Sponsoring. Wir schickten ihm eine Liste mit 15 Fragen. Die Antworten, die wir bekamen, waren merkwürdig.
So beschrieb unser Text zum Beispiel, dass die Telekom-Fahrer in ihrem Gepäck nicht nur frische Socken mit sich führten, sondern auch Spritzen mit Salzlösung. Der Grund dafür sei, dass man damit einen Blutwert kurzfristig so nach unten manipulieren könne, dass er bei unangemeldeten Dopingkontrollen nicht auffalle. Die Einnahme von Epo kann so verschleiert werden. Gewissermaßen wie ein Schuss heißes Wasser, den man in den Topf kippt, wenn die Sauce zu lange eingeköchelt worden ist.
Wozu also dienten diese Sachen?
Kindervater schrieb: "Die Salzlösung dient u. a. der Wundreinigung nach einem Sturz, und die Spritze wird verwendet, um die Salzlösung aus der Flasche zu ziehen."
Praktisch gedacht, musste man sich das ungefähr so vorstellen: Ein Fahrer kommt nach einer Etappe mit einer frischen Schürfwunde ins Ziel. Dem Mannschaftsarzt, der ihn versorgen will, sagt er: Lass mal, ich kann das selber. Er öffnet eine Ampulle mit Kochsalzlösung, zieht eine Spritze auf und schießt die Flüssigkeit aus spitzer Nadel auf seine Wunde.
Macht man das so? Ergibt das irgendeinen Sinn?
Jürgen Kindervater sprach über diese Dinge erst wieder, als der SPIEGEL den Text veröffentlicht hatte. Er benutzte Begriffe wie "Rufmordkampagne" und "Schmuddeljournalismus". Er sagte: "Mir liegen Beweise vor, dass der SPIEGEL mit dem Scheckbuch losgegangen ist ... Das nenne ich einen Bestechungsversuch."
Wir hatten niemandem Geld bezahlt, weder bar noch mit einem Scheckbuch. Wir hatten einen der beiden Informanten einmal in ein italienisches Restaurant eingeladen, um dort ein Interview mit ihm zu führen. Wir aßen von der Mittagskarte, die Rechnung war überschaubar.
Aber Kindervater schien Geld wichtig zu sein. Die Telekom war damals ein wichtiger Anzeigenkunde des SPIEGEL. In einem Telefongespräch mit Chefredakteur Aust sprach er von einer "dauerhaften Beeinträchtigung der Beziehung zwischen der Telekom und dem SPIEGEL".
Im Lauf des Jahres 2000 jedenfalls ging das Anzeigenvolumen der Deutschen Telekom beim SPIEGEL um 1,3 Millionen Euro zurück. Die Telekom hat einen Zusammenhang mit der Berichterstattung bestritten.
Jan Ullrich meldete sich nach der SPIEGEL-Veröffentlichung in der "Bild"-Zeitung. Er sagte: "Man will meine Existenz vernichten."
Am 15. Juni 1999, einen Tag nachdem der Text erschienen war, durchsuchte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf die Wohnung von Dieter Quarz. Es hatte eine Anzeige gegeben, die Ermittler führten ihn daraufhin als Beschuldigten. Die Staatsanwaltschaft ging dem Verdacht nach, Quarz habe mit verbotenen Substanzen gearbeitet. Er war durch diese Anzeige in eine bedrohliche Situation geraten. Aus einem Informanten war ein mutmaßlicher Täter geworden.
Nach der Hausdurchsuchung änderte sich unser Verhältnis. Es verkühlte sich. Quarz war häufig nicht zu erreichen. Anfang Juli vereinbarten wir mit ihm einen Termin in Hamburg. Quarz besuchte uns mit seinem Rechtsanwalt, er wollte ein Gespräch führen, bei dem auch die Chefredaktion anwesend sein sollte.
Das Gespräch fand am 14. Juli 1999 um elf Uhr im Büro des Chefredakteurs statt. Anwesend waren neben der Chefredaktion der Verlagsjustitiar, der Sportchef und wir.
Die Unterredung dauerte etwa eine Dreiviertelstunde. Die meiste Zeit davon sprach der Anwalt. Zusammengefasst sagte er: Mein Mandant distanziert sich von diesem Artikel.
Dieter Quarz selbst sprach dabei wenig. Er sah uns nicht an. Er blickte meistens auf den Fußboden.
Am Ende des Gesprächs fragte Aust den Anwalt: "Sie wollen damit sagen, dass der Artikel nicht stimmt?"
"Ja", sagte der Anwalt.
Dann verließen die Besucher das SPIEGEL-Hochhaus.
Man muss sagen: Es hatte schon bessere Tage beim SPIEGEL gegeben.
Niederlagen
Am 9. September 1999 ging beim Landgericht Hamburg morgens ein Schriftsatz aus der Kanzlei von Matthias Prinz ein.
Klage
des Herrn Jan Ullrich, Hamburger Straße 166, 22083 Hamburg
-Kläger-
gegen
die Spiegel-Verlag R. Augstein GmbH & Co. KG, Brandstwiete 19, 20457 Hamburg
-Beklagte-
wegen Unterlassung, Widerruf/Richtigstellung, Schadensersatzfeststellung und Geldentschädigungsfeststellung.
Vorläufiger Streitwert: DM 660 000.
Die Klageschrift umfasste 14 Seiten. Der SPIEGEL wurde darin, unter anderem, aufgefordert, wesentliche Bestandteile des Textes "Die Werte spielen verrückt" zu widerrufen und festzustellen: "Herr Jan Ullrich hat noch nie Epo gespritzt und auch sonst zu keinem Zeitpunkt gedopt."
Wenige Tage später hatten wir einen Termin in Laarne, einem kleinen Ort in Belgien, nicht weit von Gent entfernt. Hier wohnte Jef D'hont, der belgische Pfleger. D'hont war jetzt bereit, ein Gespräch mit uns zu führen.
Da saß, im Souterrain eines Einfamilienhauses, zwischen welken Grünpflanzen, der Mann, der alles wusste. Er sprach ein bisschen auf Deutsch, ein bisschen auf Flämisch, ein bisschen auf Englisch, aber man verstand ihn gut.
Jef D'hont sagte,
‣ dass Epo im Team Telekom zum ersten Mal 1993 aufgetaucht sei. Dass der Telekom-Mannschaftsarzt Andreas Schmid, hauptberuflich an der Universitätsklinik Freiburg angestellt, von da an die Aufsicht übernommen und Dopingpläne für alle Fahrer erstellt habe;
‣ dass er selbst, D'hont, Pakete mit Dopingmitteln per Post erhalten habe, die ihm von einer Apotheke in der Nähe der Universitätsklinik Freiburg geschickt worden seien. Er habe die Mittel bei Radrennen im Ausland an die Fahrer verteilt;
‣ dass die Präparate während der Tour de France meistens am frühen Morgen verabreicht worden seien. Manche Fahrer hätten sich selbst gespritzt, andere hätten sich von ihm spritzen lassen. Jan Ullrichs Tagesration Epo habe während der Tour de France bei 2000 bis 4000 Einheiten gelegen, sein täglicher Bedarf an Wachstumshormon bei vier Einheiten;
‣ dass Jan Ullrich mit Epo 1995 begonnen habe, in seinem ersten Profijahr bei Telekom.
Das war im Prinzip das Gleiche wie das, was wir geschrieben hatten.
D'hont wäre ein guter Zeuge gewesen. Aber er wollte das nicht öffentlich erzählen, sondern nur im Schutz seiner Grünpflanzen. Er war weiterhin Beschuldigter im Festina-Verfahren. Wenn er das hinter sich habe, sagte er, werde er ein Buch schreiben. Er habe schon einen Arbeitstitel: "Die ganze Scheiße im Radsport".
Wenige Wochen später waren wir noch einmal in Laarne, diesmal in Begleitung des SPIEGEL-Justitiars. Wir sprachen mit D'hont über einen SPIEGEL-Buch-Vertrag. Wir brachten ihm eine schriftliche Vereinbarung mit, in der wir ihm versicherten, ein mögliches Exposé für dieses Buch vertraulich zu behandeln. Jef D'hont war einverstanden, er wollte über Details noch einmal mit seinem Anwalt sprechen.
Er hat dieses Exposé nie geschrieben.
Die Frage war: warum nicht?
Jef D'hont gab uns damals keine Antwort darauf.
Es ist aber anzunehmen, dass es Leute gab, die dieses Buch verhindern wollten. Wenige Monate jedenfalls nachdem wir D'hont den Vertrag angeboten hatten, stellte das Team Telekom D'honts Sohn Steven als Soigneur an.
Wir hatten, vorerst, unseren letzten Zeugen verloren. Und wir hatten, juristisch, gegen Jan Ullrich verloren.
Der SPIEGEL musste eine lange Gegendarstellung drucken, in der Ullrich wesentlichen Teilen des Artikels "Die Werte spielen verrückt" widersprechen durfte. In einem Vergleich sah sich der SPIEGEL gezwungen, ein gerichtliches Verbot zu akzeptieren. Er durfte jetzt nicht mehr behaupten, Ullrich und das Team Telekom hätten systematisch gedopt. Bei einem Verstoß dagegen hätte der Verlag mit einem Ordnungsgeld von bis zu 500 000 Mark belegt werden können.
Wir hatten keine Mittel dagegen. Den Ausschlag für die Niederlage gab eine eidesstattliche Versicherung, die Jan Ullrich abgegeben hatte. Darin hieß es:
"Ich habe zu keinem Zeitpunkt verbotene Dopingmittel - insbesondere auch nicht Epo - konsumiert, gespritzt oder auf andere Art und Weise zu mir genommen."
Sie sollte 14 Jahre lang Bestand haben.
Getrennte Wege
In den folgenden Jahren ruhte die Beziehung zwischen Jan Ullrich und dem SPIEGEL. Ullrichs Gegner war jetzt Lance Armstrong. Der Amerikaner gewann 2000 und 2001 die Tour de France, Ullrich wurde jeweils Zweiter.
Im Frühjahr 2002 lenkte er seinen Porsche nach einer Zechtour in eine Reihe abgestellter Fahrräder. Wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss und Fahrerflucht wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt.
Im Juni 2002 fanden Dopinganalytiker in einer Urinprobe Spuren von Amphetaminen. Ullrich erklärte das so: Er sei in einer Discothek gewesen, habe große Mengen Red Bull mit Wodka getrunken. Nach Mitternacht habe ihm jemand eine Tablette mit den Worten angeboten: "Komm, jetzt machen wir uns high." Ullrich wurde für sechs Monate gesperrt.
Im Herbst 2002 trennten sich Ullrich und das Team Telekom. Er wechselte zum deutsch-italienischen Rennstall Bianchi, bei der Tour wurde er zum fünften Mal Zweiter. Danach versöhnte er sich mit Telekom und unterschrieb einen Vertrag beim inzwischen in T-Mobile umbenannten Radteam aus Bonn.
Nach der Tour de France 2005 trat Armstrong zurück, Ullrich sah jetzt noch einmal die Chance auf einen Sieg bei der Tour. Doch Ende Mai 2006 tauchten Gerüchte auf, er sei Kunde des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes. In einer öffentlichen Erklärung - viersprachig, auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch - gab er am 31. Mai eine Stellungnahme ab: "Hiermit erkläre ich, dass ich mit Herrn Eufemiano Fuentes nicht zusammenarbeite und dass es von mir keinerlei Verbindung zu ihm gibt."
Die Leitung des T-Mobile-Teams nahm Einsicht in Unterlagen der Ermittlungsbehörde und kündigte seinen Vertrag.
Am 26. Februar 2007 lud Jan Ullrich in einen Ballsaal des Hamburger Hotels Intercontinental ein. Er trug ein weißes Hemd, ein graues Jackett und redete fast 45 Minuten lang. Dabei bildete sich weißer Schaum in seinen Mundwinkeln.
Er sagte: "Wenn ich in die Runde gucke, freue ich mich über einige Gesichter. Über einige hält sich die Freude auch in Grenzen. Und, das kann ich auch nicht verheimlichen, einige schwarze Schafe von euch sind nur geduldet. Aber es sollen ja alle hören, was ich zu sagen habe."
Jan Ullrich verkündete seinen Rücktritt. Auf die Frage, ob er gedopt habe, sagte er: "Niemals! Ganz klipp und klar! Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich habe in meiner Karriere immer versucht, fair zu sein, und bin stolz zu sagen, dass ich niemals jemanden betrogen oder jemandem geschadet habe. Das ist mir sehr wichtig."
Am Abend war er Gast in der Talkshow von Reinhold Beckmann. Beckmann fragte: "Was ist für Sie Doping?" Ullrich fragte zurück: "Puh ... was ist für mich Doping?" Nach einer Pause von sechs Sekunden sagte er: "Doping ist, wenn man sich einen Vorteil erschaffen will mit Arzneimitteln, mit was weiß ich auch immer. Gegenüber seinen Gegnern. Mit unfairen Mitteln."
Wiedersehen
An einem gewöhnlichen Arbeitstag im Frühjahr 2007 saßen wir im SPIEGEL-Hochhaus an der Brandstwiete vor dem Computer und sahen nach, was es so Neues gab auf der Welt. Wir lasen eine Agenturmeldung. Darin hieß es, dass der frühere belgische Radsportbetreuer Jef D'hont demnächst ein Buch veröffentlichen werde. Er hatte angeblich über seine Erfahrungen im Radsport geschrieben. Das Buch sollte in Belgien erscheinen.
Er hat lange gebraucht, dachten wir. Fast acht Jahre waren vergangen, seit wir ihn zum letzten Mal besucht und einen Buchvertrag zurückgelassen hatten, den er nie unterschrieb.
Wir wählten die Telefonnummer von damals, er war sofort am Apparat.
"Hier ist der SPIEGEL."
"Aahh", sagte D'hont.
Wir fragten ihn, ob er in seinem Buch auch über das Team Telekom geschrieben habe.
"Ja."
Ob wir miteinander reden könnten?
"Ja."
D'hont sagte, wir sollten zunächst mit seinem Verleger über die Bedingungen verhandeln.
Nachdem wir die Druckfahnen gelesen hatten, trafen wir mit dem Verleger eine Vereinbarung. Wir würden im SPIEGEL einen Vorabdruck aus dem Buch veröffentlichen, das Honorar betrug 7000 Euro für neun Seiten im SPIEGEL. Außerdem verabredeten wir ein Interview mit D'hont. Wir hatten noch ein paar Fragen, die in dem Buch nicht beantwortet waren.
Wir fuhren also noch einmal nach Flandern, diesmal nach Desteldonk, ein Dorf in der Nähe von Gent. Jef D'hont war umgezogen. Als wir ankamen, hingen an einer Wäscheleine hinter dem Haus frisch gewaschene Radsporttrikots.
Auf dem Kiesweg stand ein Wohnmobil. Die Tür war geöffnet, hinten hatte D'hont ein Matratzenlager eingerichtet, in der Mitte war eine Küche mit Espresso-Maschine, vorn ein Tisch mit Bänken, er hatte Papier und Stifte bereitgelegt. "Das", sagte er, "ist mein Arbeitszimmer."
In diesem Arbeitszimmer hatte D'hont in den vergangenen Monaten sein Buch geschrieben, "Erinnerungen eines Radfahrer-Pflegers".
Er beschrieb darin, wie er 1992 zum Team Telekom kam, das immer nur hinterhergefahren war. Er beschrieb, wie er dabei geholfen hatte, aus Verlierern Sieger zu machen.
Er schrieb, dass im Team Telekom Epo zum Alltag gehörte. Hinter dem System hätten Walter Godefroot, der damalige Teamchef, und die Teamärzte der Universitätsklinik Freiburg, Andreas Schmid und Lothar Heinrich, gesteckt. Die Ärzte seien es gewesen, die das Epo heranschafften, spritzten und dosierten. Er selbst, D'hont, habe für die Tour de France 1996 die Präparate in Freiburg abgeholt und den Fahrern gespritzt.
Er schrieb, auch Jan Ullrich habe Epo und Wachstumshormon genommen.
Er schrieb all das, was er uns vor acht Jahren zwischen seinen Grünpflanzen schon mal erzählt hatte.
In dem Wohnmobil neben seinem Haus fragten wir Jef D'hont: Haben Sie gesehen, dass Jan Ullrich Epo-Spritzen bekam oder sich selbst setzte?
"Ja, ein paarmal", sagte er.
Ullrich, entgegneten wir, sagt bis heute, er habe nie gedopt. Aber Sie behaupten, dass er während der Tour 1996 zu den Fahrern gehörte, die Epo nahmen?
"Ja, er gehörte dazu. Und er nahm auch Wachstumshormon", sagte D'hont.
D'honts Buch sollte am Montag, dem 30. April 2007, auf den belgischen Markt kommen. Der SPIEGEL wollte am selben Tag mit dem Vorabdruck und dem Interview erscheinen. Wenige Tage vorher wurden wir in den elften Stock des SPIEGEL-Hochhauses gerufen. Da saß, neben der Chefredaktion, der Justitiar des Verlags. Er sagte, dass wir unser Material, "juristisch betrachtet", nicht drucken dürften. Der gerichtliche Titel gegen uns habe noch immer Bestand. Noch immer dürften wir nicht behaupten, Jan Ullrich habe jemals gedopt.
"Was passiert, wenn wir es trotzdem machen?", fragte der Chefredakteur.
"Es könnte uns bis zu 500 000 Mark kosten", sagte der Justitiar.
Am 30. April 2007 erschien der SPIEGEL mit der Titelgeschichte "Dickes Blut. Die Bekenntnisse eines Insiders aus dem Team Telekom".
Geständnisse
Drei Wochen später gaben die Freiburger Ärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich zu, die Radfahrer der Teams Telekom jahrelang gedopt zu haben. Die Universität Freiburg als Arbeitgeber der Mediziner richtete daraufhin zwei Untersuchungskommissionen ein. Die Staatsanwaltschaft in Freiburg nahm Ermittlungen auf.
Am 24. Mai lud die Telekom zu einer Pressekonferenz in die Bonner Konzernzentrale ein, ARD und ZDF übertrugen die Veranstaltung live. Auf der Bühne saßen zwei Männer in weißem Hemd, Rolf Aldag und Erik Zabel. Sie sagten, der Bericht im SPIEGEL habe sie dazu gebracht, die Wahrheit zu sagen. Zabel sagte, er könne seinen Sohn nicht länger anlügen. Dabei kamen ihm Tränen. Aldag gab zu, Epo genommen zu haben - auch Udo Bölts, Bert Dietz und Christian Henn gestanden, gedopt zu haben.
Jan Ullrich sagte nichts.
Dafür war Jürgen Kindervater jetzt zu einem persönlichen Gespräch bereit. Acht Jahre nachdem der Telekom-Kommunikationschef dem SPIEGEL "Rufmord" und "Scheckbuch"-Journalismus vorgeworfen hatte, trafen wir uns mit ihm zum Interview.
Darin sagte er: "Damals wusste ich noch nicht, dass Sie recht hatten. Ich habe mich dafür bereits entschuldigt und kann das gern wiederholen. Aber noch vor wenigen Wochen hätte ich mit Ihnen jedes Streitgespräch geführt, weil ich von meiner damaligen Position überzeugt war ... Jetzt kann ich mich mit Ihnen nicht mal mehr streiten. Das tut weh."
Am 9. Mai 2008 erhielt das Autoren-Team des SPIEGEL den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie "Beste investigative Leistung". Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass "eine der populärsten Sportarten als großes Kartell von Manipulateuren und Vertuschern entlarvt" wurde.
Beweisaufnahme
Das Bundeskriminalamt nahm Ermittlungen auf, es ging um die Frage, ob Jan Ullrich die Telekom betrogen hatte. Parallel dazu untersuchte eine Expertenkommission der Freiburger Universitätsklinik die Beteiligung ihrer Mediziner am Dopingsystem im Team Telekom.
Im April 2009 gelangte der SPIEGEL an eine vorläufige Fassung des Abschlussberichts der Kommission. Ein Informant hatte befürchtet, die Leitung der Universität könnte die Ergebnisse wegen ihrer Brisanz verschweigen.
Der Bericht bestätigte, was der SPIEGEL 1999 in dem Artikel "Die Werte spielen verrückt" geschrieben hatte.
Inzwischen hatte das Bundeskriminalamt Privat- und Geschäftsräume in Deutschland, Belgien und in der Schweiz durchsucht, es machte gelöschte Dokumente auf beschlagnahmten Computern wieder lesbar, es überprüfte Telefonverbindungen und erstellte "Bewegungsbilder" der Beschuldigten, zu denen auch Jan Ullrich gehörte; die Beamten schalteten Wissenschaftler ein, die Blut- und Speichelproben analysierten; sie erwirkten bei ausländischen Kreditinstituten die Preisgabe von Kontodaten, um auffälligen Geldströmen nachzuspüren.
Und sie verhörten Zeugen. Der Belgier Jef D'hont wurde dreimal vernommen.
Eine führende Ermittlerin aus Wiesbaden schrieb in einer Zusammenfassung: "Der Beschuldigte Ullrich nutzte das Dopingsystem des spanischen Arztes Dr. Fuentes, um sich vertragswidrig mit leistungssteigernden Mitteln und Methoden auf seine Wettkämpfe vorzubereiten."
Über 2200 Seiten füllten schließlich die Akte Ullrich der Bonner Staatsanwaltschaft. Der SPIEGEL berichtete darüber im Oktober 2009. Er gab auch Hinweise darauf, warum sich die Staatsanwälte trotz eindeutiger Beweislage offenbar nicht trauten, Ullrich anzuklagen. In der Bonner Zentrale von T-Mobile hatten die Fahnder Unterlagen zur Vertragsauflösung von Ullrich nach dessen fristloser Kündigung sichergestellt. Offenbar hatte Ullrich den Anwälten des Konzerns damals angedroht, er könnte öffentlich machen, was die Telekom über ihn wusste.
T-Mobile zahlte Ullrich daraufhin eine Abfindung in Höhe von 250 000 Euro, die Beteiligten vereinbarten Stillschweigen.
Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen Ullrich gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 250 000 Euro ein. Es gab keinen Prozess, und deshalb gab es auch keinen Schuldspruch.
Im Februar 2012 schloss der Internationale Sportgerichtshof die Karriere des Radsportlers Jan Ullrich. Er sperrte ihn für zwei Jahre. Er strich alle Resultate seit dem 1. Mai 2005.
Was er zu sagen hatte, schrieb Ullrich auf seiner Website. "Ich bestätige, dass ich Kontakt zu Fuentes hatte. Ich weiß, dass
das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue. Für dieses Verhalten möchte ich mich aufrichtig bei allen entschuldigen - es tut mir sehr leid ... Mit dieser Erklärung ist von meiner Seite alles gesagt."
Im Herbst 2012 wurden weitere Dopinggeständnisse öffentlich, ausgelöst durch Ermittlungen der Anti-Doping-Agentur in den USA. Die amerikanischen Radprofis Levi Leipheimer, Tyler Hamilton und Floyd Landis gestanden, Epo und Anabolika genommen zu haben. Schließlich gab auch Ullrichs ewiger Konkurrent Lance Armstrong zu, seine Leistungen manipuliert zu haben.
Jan Ullrich gab nichts zu. Er formulierte verschraubte Sätze. Sein Weg, sagte er, sei es, "die Sache mit mir selber zu vereinbaren, anstatt womöglich die Menschen und Förderer, die mich in meiner aktiven Zeit unterstützt haben, mit hineinzuziehen".
Man könnte ihn damit davonkommen lassen. Man könnte jemandem, der sich in der Unwahrheit eingerichtet hat, seinen Frieden lassen und seinen Glauben daran, mit Lügen die Reste seine Ruhms retten zu können.
Die Wahrheit ist ja geklärt. Jan Ullrich ist der größte Betrüger, den der deutsche Sport jemals hervorgebracht hat. Es geht um die Frage, ob man die Wahrheit aussprechen darf.
Wir, der SPIEGEL, durften das nicht. Wir waren, juristisch gesehen, Jan Ullrichs Geisel. Noch immer hatte diese eidesstattliche Versicherung Bestand, mit der Hand unterschrieben vor vielen Jahren:
"Ich habe zu keinem Zeitpunkt verbotene Dopingmittel - insbesondere auch nicht Epo - konsumiert, gespritzt oder auf andere Art und Weise zu mir genommen."
Am 8. Februar 2010 schickte der Rechtsanwalt des SPIEGEL-Verlags einen Brief an Jan Ullrich. Er wurde ihm per Kurier zugestellt und hatte zwei Seiten. Es heißt darin: "Inzwischen liegen neue Beweise vor, die belegen, dass die eidesstattlichen Versicherungen falsch sind und die verbotenen Äußerungen der Wahrheit entsprechen." Der Vergleich, den der Verlag Anfang 2000 mit Ullrich geschlossen hatte, wurde "wegen Irrtums und arglistiger Täuschung" angefochten und gekündigt. Ullrich wurde aufgefordert, auf seine Rechte, die ihm das Landgericht Hamburg 1999 zugesprochen hatte, zu verzichten.
Die Beziehung zwischen ihm und dem SPIEGEL musste, noch einmal, vor Gericht verhandelt werden. Beim ersten Mal war der SPIEGEL der Beklagte. Diesmal war er der Kläger.
Ullrich ließ sich jetzt nicht mehr von Matthias Prinz vertreten. Er hatte den Anwalt gewechselt. Er war Mandant bei der Kanzlei Schwenn & Krüger, das sind Leute für die schweren Fälle. Die Kanzlei hat Jörg Kachelmann zum Freispruch verholfen. Sie zog jetzt mit Jan Ullrich in sein letztes Manöver.
Am 2. November 2012 fällte das Landgericht Hamburg einen Beschluss. Es sollten Zeugen geladen werden, die vor Gericht darüber aussagen, ob Jan Ullrich gedopt hat oder nicht.
Einer der Zeugen sollte der Belgier Jef D'hont sein.
Das Gericht schrieb:
"Es soll Beweis erhoben werden über die Behauptungen ... der Zeuge Jef D'hont habe gesehen, dass Jan Ullrich Epo-Spritzen bekommen oder sich selber gesetzt habe, er habe zu den Fahrern gehört, die während der Tour 1996 Epo und Wachstumshormone genommen hätten."
Als Termin wurde der 19. April 2013 festgesetzt.
Epilog
Am Eingang zu Saal B 335 des Hamburger Landgerichts hängt ein Zettel,
Ullrich, J.
./.
SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG wg. Unterlassung
steht darauf.
Ein kleiner Mann mit kurzen grauen Haaren kommt durch die Tür, er trägt einen dunklen Anzug, über seiner Schulter hängt ein Rucksack. Jef D'hont ist gekommen, um die Wahrheit zu sagen. Nicht im SPIEGEL, nicht in einem Buch, sondern vor Gericht. Er will die Sache zu Ende bringen. Es ist Freitag, der 19. April 2013, 14.17 Uhr.
Die Richterin sagt: "Wenn Sie nach vorne kommen wollen, Herr D'hont?"
Jan Ullrich ist nicht ins Gericht gekommen. Er wird von seinem Anwalt Sven Krüger vertreten. Krüger blickt auf den Mann mit den Rucksack wie auf einen Attentäter.
Jef D'hont, "71 Jahre alt, Rentner", sitzt auf einem Stuhl vor der Richterin und sagt: "Ich möchte aussagen."
Und dann erzählt er. Dass das Team Telekom 1993 damit begann, Epo zu nehmen. Dass die Mannschaftsärzte Schmid und Heinrich die Spritzen zu den Wettkämpfen mitbrachten. Dass sich manche Fahrer die Spritzen selbst verabreichten, dass aber meistens die Ärzte dafür verantwortlich waren.
D'hont sagt: "Ullrich hat sich nie etwas selber gespritzt, bei ihm mussten es immer die Ärzte machen. Das habe ich selbst gesehen. Ich musste auch die Einheiten aufschreiben."
Die Richterin fragt: "Haben Sie Jan Ullrich selber Spritzen verabreicht?"
D'hont sagt: "Bei Jan Ullrich habe ich das einmal gemacht, weil die Ärzte nicht da waren. Deshalb hat er mich darum gebeten. Es waren 10 000 Einheiten Epo. Das war 1996, vielleicht ein, zwei Monate vor der Tour de France."
"Was hat er sonst noch eingenommen?"
"Jan hat auf jeden Fall Wachstumshormon benutzt, das weiß ich ganz genau."
D'hont redet ruhig und in kurzen Sätzen. Er spricht Flämisch, neben ihm sitzt eine Dolmetscherin. D'honts Erzählungen sind genau, er spricht nur über Sachen, an die er sich erinnern kann. Manche Orte und manche Zeiten hat er vergessen, er sagt dann: "Dazu kann ich nichts sagen, das weiß ich nicht mehr genau."
Im Sommer 2007 bekam er einen Anruf von Jan Ullrich, das weiß er noch genau. Sein Buch war erschienen, Ullrich hatte ihn verklagt, es schien auf eine hässliche Schlacht vor Gericht hinauszulaufen, die keiner von beiden wollte. D'hont fürchtete die Kosten, Ullrich das Gericht. Sie trafen sich im Haus von Jan Ullrich, um die Sache zu beerdigen. Im Lauf des Gesprächs sagte Ullrich: "Jef, du hast uns unser Spielzeug weggenommen." Sven Krüger, Ullrichs Anwalt, sagt, dieser Satz sei erfunden.
Jedenfalls hat Jan Ullrich danach wahrscheinlich geglaubt, dass er mit Jef D'hont nie wieder etwas zu tun haben würde. Dass D'hont keine Gefahr mehr sein würde. Wahrscheinlich war er sich auch sicher, dass D'hont nicht nach Hamburg reisen würde, um hier vor Gericht auszusagen.
Einen Tag vor der Verhandlung allerdings erfuhr Ullrichs Rechtsanwalt, dass
das Gericht eine Dolmetscherin bestellt hatte, die vom Flämischen ins Deutsche übersetzen sollte. Und so wusste Ullrich: D'hont wird kommen. Wenn D'hont aussagt, ist es vorbei. Ullrich unternahm einen letzten Versuch.
Er rief nicht selbst bei D'hont an. Er ließ Rudy Pevenage anrufen, einen Belgier, der damals, in den Zeiten des Epo, mit D'hont bei Telekom gearbeitet hatte. Pevenage war Ullrichs Freund geblieben.
D'hont greift in die Jacke und holt sein Handy hervor. "Gestern hat mich Rudy dreimal angerufen, heute Morgen noch einmal", sagt er, "ich habe das auf der Mailbox." Er legt das Handy auf den Tisch.
Der Rechtsanwalt des SPIEGEL beantragt, die Mailbox abzuhören.
D'hont drückt ein paar Tasten, dann hört man im Gerichtssaal die Stimme von Rudy Pevenage. Die Stimme sagt: "Jef, Jan möchte, dass du dringend zurückrufst. Er ist sehr beunruhigt."
Sven Krüger sitzt still auf seinem Stuhl. Er kann jetzt nichts mehr tun. Seine Füße wippen unter dem Tisch auf und ab.
Nach drei Stunden und 50 Minuten schließt die Richterin die Verhandlung, sie dankt dem Zeugen D'hont für seine Aussagen, Krüger nimmt seinen Mantel und läuft davon.
Fünf Wochen später schickt er dem Gericht einen Brief, er ist nur drei Seiten lang. Es ist eine Erklärung im Namen des Antragstellers, also Jan Ullrichs.
"In der Sache Jan Ullrich gegen den Spiegel-Verlag hat der Zeuge D'hont unehrlich und mit deutlich erkennbarem Belastungseifer ausgesagt ... Es war nicht die Aussage eines ehrlichen, aufrichtigen Mannes, dem es um die Wahrheit oder um den Sport ging ... Was der Termin zur Beweisaufnahme am 19. April 2013 indes gezeigt hat, ist, mit welcher Beharrlichkeit und Energie die Antragsgegnerin es daran setzt, ihre Hatz auf den Antragsteller fortzusetzen und sich an ihm abzuarbeiten. Der Antragsteller hingegen will um die streitgegenständlichen Umstände aus dem vorigen Jahrhundert keinen weiteren Streit führen. Er will, endlich, seine Ruhe. Deshalb wird hiermit, ohne Präjudiz und Anerkennung einer Rechtspflicht, gleichwohl rechtsverbindlich, auf die Rechte der einstweiligen Verfügung aus dem Verfahren 324 O 236/99 vom 18.06.1999 ebenso wie auf die Rechte aus dem Kostenfestsetzungsbeschluß in jenem Verfahren vom 28.01.2000 verzichtet."
Mit weniger Worten: Der SPIEGEL hatte recht.
* Bei Pressekonferenz anlässlich seines Rücktritts.
* Am 19. April 2013.
Von Matthias Geyer und Udo Ludwig

DER SPIEGEL 26/2013
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