24.06.2013

ESSAYSiempre la Siesta

Südeuropa fühlt sich und die lateinische Lebensart bedroht. Absurd ist das nicht.
Europa stöhnt unter der deutschen Hegemonie, aber das hören wir hier zwischen Rhein und Spree nicht gern. Aus der Sicht der meisten Deutschen ist Berlin bei der Euro-Rettung ein Getriebener, der bankrotten Euro-Staaten mehr oder weniger selbstlos mit irrsinnigen Summen zu Hilfe kommt. Wenn nun der italienische Philosoph Giorgio Agamben vorschlägt, eine Art "Empire latin" aus Frankreich, Italien und Spanien zu schaffen als Bollwerk gegen den Norden, dann stößt er hier in Deutschland auf Unverständnis.
In Frankreich und Italien kommt Agamben dagegen gut an. Offenbar spricht er den Menschen aus dem Herzen. Agambens zentraler Vorwurf lautet, dass die Euro-Krise den Südeuropäer dazu zwingen will, "dass er wie ein Deutscher lebt". Er sorgt sich um nichts Geringeres als das "Verschwinden eines Kulturguts", nämlich der "Lebensform" der lateinischen Völker, und um die Verteidigung ihrer Lebensart. Die Debatte wurde auf einen Kampf der Mentalitäten zugespitzt: protestantische Arbeitsethik gegen das katholische Savoir-vivre.
Absurd ist das nicht. Es ist sogar sehr konkret: Seit Herbst 2012 gibt es in Spanien keine Siesta mehr. Die Regierung schaffte sie auf Druck der Euro-Troika ab, denn "Faulenzen", auch in brütender Mittagshitze, meint sich das Land mitten im Staatsbankrott nicht mehr leisten zu können. Jahrhundertelang hielten die Südländer ab der sechsten Stunde nach Sonnenaufgang (sexta hora) zwischen 12 und 16 Uhr ihre Mittagspause. Sie kamen vom Feld und aus den Geschäften nach Hause und ruhten sich aus, sie aßen miteinander, unterhielten sich im Kreise von Familie und Freunden, machten sich keinen Stress. Das Nickerchen war ihnen heilig. Nun ist es mit der Idylle vorbei.
Der Grund liegt nur zum Teil an der aktuellen Schuldenkrise, denn die Siesta wurde schon einmal beschnitten: 2005 hatte die Regierung Zapatero bereits für Angestellte des Öffentlichen Dienstes die Siesta gestrichen. Die Zeit müsse im globalen Turbokapitalismus produktiver genutzt werden. Die Regierung verwies auf Klimaanlagen, die das Arbeiten trotz Hitze erleichtern. Heute erwartet sie, dass alle durcharbeiten und in der kurzen Mittagspause mehr shoppen und in Restaurants gehen, denn das erhöht den Konsum und die Steuereinnahmen.
Die Spanier haben also ihre Siesta, das gemeinsame Essen mit der Familie, die Muße, die Kunst des guten Lebens, gegen mehr Arbeit und mehr Konsum getauscht. Es ist ein schlechter Tausch, und sie demonstrierten auch dagegen, aber vergebens. Ist der Tausch nicht absurd? Vor hundert Jahren verdienten die Spanier 20-mal weniger als heute. Könnten sich die Spanier ihre Siesta heute nicht um ein Vielfaches eher leisten als damals?
Die Spanier sehen im Verlust ihrer Tradition ein deutsches Diktat. Sie sollen zu preußischen Tugenden bekehrt werden. "Man spricht jetzt Deutsch in Europa", wie Volker Kauder einmal in treudeutscher Unschuld formulierte.
Nun ist der Untergang der Siesta von der europäischen Presse als Anpassung an die Kultur der Nordeuropäer kommentiert worden. Wenn es nur ums Geld ginge, wären die Dinge einfach. Überschuldung gab es schon immer. Die spanischen Könige waren schon vor Jahrhunderten hochverschuldet, sogar bei Deutschen, den Fuggern. Sie zahlten ihre Schulden schließlich nicht zurück, was die Augsburger Bankiers erschütterte, aber den Lauf der Welt nicht störte. Nie wären die Menschen je auf die Idee gekommen, wegen Schulden ihre Kultur aufzugeben. Jetzt sollen sie es tun.
Die Euro-Troika regiert in ihren Protektoratsgebieten in Tarifverträge hinein, bestimmt das Renteneintrittsalter neu, verlängert die Arbeitszeiten. Und dabei springt dann eben auch mal die Siesta über die Klinge. Es ist ein Kulturkampf, der sich am Beispiel der Siesta gut beschreiben lässt. Denn die Siesta ist ein Teil einer lateinischen Ruhe- und Mußekultur. Seit je führt jedoch der puritanische Geist einen Kreuzzug gegen den Schlaf und gegen das gute Leben, denn beides wird mit Faulheit und Gotteslästerung gleichgesetzt. Wer schläft, raubt Gott den Tag, er verdient nichts, er verschwendet den Profit, den er in dieser Zeit hätte erarbeiten können.
In der "Protestantischen Ethik" schildert Max Weber diesen Kampf der Puritaner gegen den Schlaf sehr genau: "Nicht Muße und Genuss, sondern nur Handeln dient nach dem unzweideutigen geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhms. Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden." Weber zeigt, dass bei den Calvinisten Zeitverlust "selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf - 6 bis höchstens 8 Stunden - sittlich absolut verwerflich" ist. Ganz anders die Arbeit, sie ist "von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des Lebens".
Benjamin Franklins berühmte Formel "Zeit ist Geld" ist der Inbegriff des kapitalistischen Geistes. Nur Zeit, die in Geld verwandelt werden kann, zählt. Zeit, in der gefaulenzt wird, so Franklin, ist verlorene Zeit, und die Zinsen, die das so nicht erarbeitete Geld hätte abwerfen können, sind verloren. Der Mensch soll nur noch ein Bedürfnis nach Nutzen haben, kein Bedürfnis mehr nach Zeit. Das Bedürfnis nach Zeit widerlegt die neoklassische Grundannahme unendlicher Bedürfnisse. Wer das Bedürfnis hat, nichts zu tun, hat offenbar keine unendlichen Bedürfnisse und keinen Mangel. Der Schlaf, der dem müßiggängerischen Faulenzen so ähnlich ist, stellt die totale Nutzbarmachung der Zeit fundamental in Frage. So steht der Schlaf bei den Puritanern seit je unter Generalverdacht. Cotton Mather warnte die ersten Siedler in Massachusetts, dass Schlaf eine "Versuchung des Teufels" sei, um sie vom Arbeiten abzuhalten.
Benjamin Franklin kritisierte die Franzosen 1784 im "Journal de Paris", dass sie zu spät ins Bett gingen und erst gegen Mittag aufstünden, was ineffizient und teuer sei, denn viel Geld ginge so für Kerzenlicht drauf. Sein Unverständnis für die französische Lebensart gleicht frappierend der des amerikanischen Reifenfabrikanten Maurice Taylor, der vor einigen Monaten die Arbeitsmoral der Reifenarbeiter im nordfranzösischen Amiens kritisierte und eine diplomatische Verstimmung zwischen Paris und Washington auslöste. Taylor übernahm das Werk nicht, weil die "sogenannten Arbeiter" in dem Reifenwerk höchstens "drei Stunden" am Tag arbeiten würden und den Rest faulenzten.
Der Anthropologe Matthew Wolf-Meyer zeigt in seiner umfangreichen Studie "The Slumbering Masses. Sleep, Medicine and Modern American Life", dass die ursprünglich puritanische, funktionale, auf Nützlichkeit orientierte Einstellung zum Schlaf "bis heute das Verständnis von Schlaf in Amerika prägt" und sogar die medizinische Schlafforschung der USA lange darauf aus war, "den Schlaf amerikanisch zu machen, indem sie sich auf Effizienz und Schlafmanagement konzentrierte".
Heute leiden die Amerikaner unter einem chronischen Schlafdefizit. Die National Sleep Foundation hat ermittelt, dass viele unter der Woche weniger schlafen und die verlorene Nachtruhe dann am Wochenende nachholen. Die Folge sind wachsender Schlafmittelmissbrauch und eine Zunahme der Einweisungen in Schlafkliniken. Schlaf gilt mittlerweile, wie alle anderen Herausforderungen des Lebens auch, als ein Managementproblem, das prinzipiell lösbar ist, wenn man nur rationale Mittel anwendet, beim Schlaf eben oft mit Medikamenten. Alles bleibt der Effizienz und der Produktivität untergeordnet. Der Kapitalismus macht systematisch aus der Nacht einen Tag. 24 Stunden, sieben Tage die Woche, ununterbrochen muss alles verfügbar sein, denn immerzu könnte jemand ein Konsumbedürfnis haben, das es zu befriedigen gilt. Wer Pech hat und in einem Callcenter in Indien arbeitet, muss seine Nächte dem Job opfern, der sich nach den Zeitvorgaben des Westens richtet. Der globale Kapitalismus kolonisiert den Schlaf.
Die Euro-Staatsschuldenkrise ist also nur die Spitze eines Kulturkampfs, bei dem nicht nur die Lebensart der lateinischen Völker in Bedrängnis gerät, sondern auch die der Inder oder Südostasiaten. Die EU-Troika, hinter der, tatsächlich oder imaginiert, ein deutscher Hegemon steht, behauptet, unhinterfragbare ökonomische Wahrheiten zu verkünden. In Wahrheit exekutiert sie eine Radikalisierung der protestantischen Arbeitsethik.
Realistisch betrachtet werden die wenigsten Euro-Länder, schon gar nicht Italien oder Griechenland, ihre Schulden durch erhöhtes Wirtschaftswachstum zurückzahlen können. Dazu wären reale Wachstumsraten von über drei Prozent über viele Jahre hinaus notwendig. Die Deutschen müssen sich fragen, ob es da Sinn macht, das Tempo im ökonomischen Hamsterrad weiter zu verschärfen, die Produktivitätspeitsche zu schwingen und in Euro-Land ein Austeritätsregime zu exekutieren, das zwangsläufig scheitern muss. Zumal diese Reformprogramme in Südeuropa als Diktate wahrgenommen werden und die europäische Völkergemeinschaft in eine Zerreißprobe stürzen. Deutschland darf sich nicht in die Rolle des preußischen Zuchtmeisters drängen lassen, der europaweit Arbeitsdisziplin durchsetzen will und für den Untergang kultureller Traditionen verantwortlich gemacht wird. Die soziale Marktwirtschaft ist keine Lehre der marktradikalen Effizienzmaschinerie, der zum Thema Siesta nur einfällt: weg damit. Agambens populärer Aufruf zur Verteidigung der lateinischen Kultur hat einen realen Hintergrund, den zu ignorieren töricht wäre. Vielleicht müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass die spanischen Könige zu Zeiten der Fugger gar keine so schlechte Lösung wählten: Sie zahlten die Schulden nicht zurück.
Höfer, 54, ist Ökonom und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm im Knaus Verlag das Buch "Vielleicht will der Kapitalismus gar nicht, dass wir glücklich sind?".
Von Max A. Höfer

DER SPIEGEL 26/2013
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