24.06.2013

BILDUNGDie Schule, die nie aus ist

Jedes Kind lernt, wann, wo und was es will. Bücher gibt es nicht mehr - aber auch keine Ferien: In den Niederlanden eröffnen die ersten iPad-Schulen.
Think different. Das war mehr als nur ein Werbeslogan, es war Programm. Mit ihm stellte Apple-Chef Steve Jobs die Computerindustrie auf den Kopf, die Musikbranche und die Mobiltelefonie. Als Nächstes wollte der Digital-Visionär auch Schulen und Schulbuchverlage umkrempeln, doch kam ihm der Krebstod zuvor.
Was Jobs da womöglich eingefallen wäre, lässt sich jetzt in den Niederlanden besichtigen. Im August eröffnen elf "Steve-Jobs-Schulen", unter anderem in Amsterdam, Almere, Sneek und Emmen. An die tausend Kinder zwischen vier und zwölf Jahren werden sie besuchen - ohne Hefte, ohne Bücher und Ranzen, aber jedes von ihnen mit einem eigenen iPad.
Tafel, Kreide und Klassenzimmer werden abgeschafft, ebenso Klassenlehrer, Klassenverband, Schulstunden, Sitzordnung, Füller, Frontalunterricht, Stundenplan, Elternabende, Schulnoten, Pausenklingel, feste Schulzeiten und Schulferien. Will ein Kind lieber auf seinem iPad spielen, statt zu lernen, ist das okay. Und was es lernen will, das bestimmt es je nach seiner eigenen Neugier selbst.
In der Stadt Breda nahe Rotterdam bereitet der künftige Direktor Gertjan Kleinpaste, 53, den Umsturz vor. Seine iPad-Schule in der Schorsmolenstraat dürfte bald zum Reiseziel neidvoller - oder auch entsetzter - Reformpädagogen aus der ganzen Welt werden.
Noch ist der freundliche, offene Bau, eine Ex-Kita, nicht so gut in Schuss. Laub liegt teilweise knietief im Garten. Die Maler müssten dringend Hand anlegen. Selbst der Mietvertrag ist noch nicht unter Dach und Fach. Bis zum 13. August werde alles fertig, versichert Kleinpaste optimistisch, doch sichtlich gestresst.
Voriges Jahr war er noch Leiter einer Schule, die exakt drei Computer besaß. Das frustrierte ihn. "Das passt nicht mehr in diese Zeit", sagt er. Künftig aber ist Kleinpaste Teil der digitalen Avantgarde. "Was wir tun, wird 2020 ziemlich normal erscheinen", ist er überzeugt.
Jeden Werktag steht die Steve-Jobs-Schule offen von 7.30 Uhr bis 18.30 Uhr. Die Kinder kommen und gehen, wann sie mögen, solange sie wenigstens in der Kernzeit von 10.30 Uhr bis 15 Uhr anwesend sind. Nur über Weihnachten und Neujahr schließt das Gebäude. Urlaub nimmt sich jede Familie so, wie sie will. Kein Kind muss fürchten, deswegen wichtigen Unterricht zu verpassen. Den gibt es eh nicht.
Denn nur ausnahmsweise wird der Unterrichtsstoff in einer Gruppe von einem Lehrer verhandelt. Im Normalfall lernen die Kinder, indem sie auf ihrem eigenen iPad - wann immer sie wollen - eine Lern-App aufrufen, eine Art interaktives, multimediales Schulbuch.
Geduldiger als jeder Mensch macht das Programm die Dinge spielerisch erfahrbar, auch mit Hilfe von lustigen Geräuschen und Animationen. Bei jeder Übung werden die Kinder korrigiert wie in einem Computerspiel. Sie müssen nicht wie früher Kapitel durcharbeiten. Es geht darum, dass sie jeweils in ihrem eigenen Tempo das nächste Level im Lernprogramm erreichen. Dabei sollen die Lehrer helfen - nicht als Wissensvermittler, sondern als Lerncoach. "Die Interaktion zwischen Kind und Lehrkraft", so formuliert es Kleinpaste, "bleibt das Fundament des Unterrichts."
Diese Schule ist nie aus. Ob die Schüler daheim am iPad arbeiten, am Wochenende oder im Urlaub, spielt keine Rolle. So groß die Freiheit, so lückenlos ist andererseits die Überwachung: Das iPad informiert Lehrer wie Eltern immerzu, was das Kind so tut, was es kann und wie gut es vorankommt. Bringt die Mathe-App weder Spaß noch Erfolg, dann verordnet der Lehrer eben eine andere. In Apples App-Store im Internet geht der Vorrat an Lernprogrammen nie zur Neige.
Rechnen, Lesefähigkeit und Textverständnis sind die Kernfächer der Grundschule. Eine schöne Handschrift hat nur noch den Status einer Sekundärtugend; nett für die Fleißigen, aber nicht mehr wirklich von Belang.
Alle sechs Wochen legen Lehrer, Kind und Eltern gemeinsam fest, was in der nächsten Lernperiode erreicht werden soll. Dafür treffen sie sich in der Schule oder auch virtuell im Internet über Skype. Die Ära des Zehn-Minuten-Elterngesprächs einmal pro Jahr ist hier vorbei.
Und wenn sie nicht am iPad hantieren, so versichert der designierte Schulleiter, werden sogar Steve-Jobs-Schüler ein ganz normales Kinderleben führen. Malen, Basteln, Spielen, Toben und Turnen gehörten auch hier zum Alltag.
"Es ist nicht so, dass die Kinder bei uns nur vor dem Bildschirm sitzen", verspricht Kleinpaste.
Debbie Hengeveld, 41, fand das Konzept so überzeugend, dass sie gleich beide Kinder - die siebenjährige Tochter Freeke und den zehnjährigen Joep - angemeldet hat. "Kinder wollen ja von sich aus lernen", sagt Hengeveld. "Hier können sie bleiben, wer sie sind. Sie werden nicht von Lehrern und Lehrplänen verbogen."
Initiator der iPad-Schule ist der prominente Meinungsforscher Maurice de Hond, 65, aus Amsterdam, ein digital affiner Mann, der stolz darauf ist, dass er seit 1965 programmieren kann. Seine Tochter Daphne, 2009 geboren, wies ihm den Weg.
Daphne lernte schon mit nicht einmal drei Jahren das Malen von Buchstaben mit Hilfe einer iPad-App. Was sie jetzt auf dem Gerät freiwillig und mühelos zustande bringt, verblüfft de Hond jeden Tag: "Wir erleben eine Kleinkind-Revolution", erzählt er. Diese Generation erfahre das echte Leben und das virtuelle als großes Ganzes. Doch davon drohe die analoge Schule schlicht die Hälfte zu unterschlagen.
"Zu Hause lernt Daphne ganz natürlich nach ihrem eigenen Rhythmus multimedial und interaktiv", sagt de Hond. Warum solle es dann in der Schule für sie zugehen "wie im Museum"? Die klassischen Kreide-und-Tafel-Lehrer, so zürnt er, "bereiten die Kinder vor auf eine Welt, die es nicht mehr gibt".
Im Oktober 2011 starb Steve Jobs in Kalifornien - und zur gleichen Zeit beschloss de Hond in den Niederlanden, einen Aufstand anzuzetteln. Innerhalb von Wochen schlossen sich ihm frustrierte Lehrer, renommierte Pädagogikprofessoren und Dutzende Eltern an. Gemeinsam verfassten sie ein Manifest für iPad-Schulen. Gleichzeitig machten sich vielerorts lose Gruppen daran, iPad-Schulen zu gründen, was in den Niederlanden relativ einfach ist.
Alle Parteien im Parlament, so eine aktuelle Umfrage der Tageszeitung "De Volkskrant", unterstützen die Grundidee - mit einer Ausnahme: Die PVV des Rechtspopulisten Geert Wilders ist dagegen. Sie wünscht sich "mehr Struktur" im Unterricht.
"Die Bewegung ist nicht mehr aufzuhalten", sagt Schulreformer de Hond. "Ich wäre sehr enttäuscht, wenn wir nächstes Jahr im August nicht mindestens 40 Steve-Jobs-Schulen hätten." Jede davon wird öffentlich finanziert sein und steht für alle Kinder offen. Eltern, die das iPad nicht bezahlen können, sollen einen Zuschuss aus einem Solidarfonds bekommen.
Ob die Steve-Jobs-Schulen aber wirklich so heißen dürfen, ist fraglich. Anwaltspost aus Cupertino droht. "Wir möchten diesen Mann gern auf diese Weise ehren", sagt de Hond. Bisher allerdings, so räumt er ein, hat er weder Apple noch Jobs' Witwe über diese Ehre in Kenntnis gesetzt.
Von Evers, Marco

DER SPIEGEL 26/2013
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