AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2018

Hochzeit mit Meghan Markle Wie sich Harry in den Märchenprinzen verwandelte

Die Welt sah zu, wie Harry soff und kiffte und sich volltrunken die Kleider vom Leib riss. Doch nun steht er vor der Hochzeit mit Meghan Markle - und ist bei den Briten beliebter als Harry Potter.

Prinz Harry bei einer Gedenkveranstaltung für gefallene Soldaten vor der Westminster Abbey in London am 9. November 2017
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Prinz Harry bei einer Gedenkveranstaltung für gefallene Soldaten vor der Westminster Abbey in London am 9. November 2017

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Selbst Prinzen müssen bisweilen Opfer bringen. Von Harry heißt es, er habe Bier und Burgern abgeschworen und halte es nun eher mit Quinoa und Kohl. Drei Kilogramm habe er schon abgespeckt, munkeln Hofberichterstatter. Seine Verlobte Meghan Markle habe ihn dazu gedrängt. Es soll halt alles perfekt sein, wenn die beiden demnächst ihr Jawort hauchen - und der halbe Globus dabei zuschaut.

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Heft 19/2018
Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann

Eine öffentlichere Hochzeit gab es noch nie. Bei Charles und Dianas Eheschließung sahen 1981 vergleichsweise läppische 750 Millionen Menschen zu. Wenn Prinz Harry und Meghan Markle heiraten, sollen es drei Milliarden werden. Und wenn stimmt, was die Macher einer Hochzeits-App errechnet haben, dann wird das Glück des Brautpaars nur noch von dem der Taschentuchindustrie übertroffen: Rund 300.000 Kilometer Zellstoff werden am 19. Mai um zwölf Uhr mittags die Tränen der Welt trocknen.

Es sind verrückte, entrückte Tage, die das Vereinigte Königreich seit dem vergangenen November erlebt. Damals gab der Königshof offiziell bekannt, dass die Beziehung mit der US-Schauspielerin Meghan Markle etwas Ernstes sei und daher bald geheiratet werde.

Seither vergeht auf der Insel kein Tag, ohne dass die Boulevardpresse die Öffentlichkeit mit neuesten Details über die Hochzeitstorte, das Hochzeitskleid, die Hochzeitskutsche beglückt. Die Nippes-Industrie flutet Touristenshops mit Harry-&-Meghan-Teelöffeln, Gedenkmünzen und Porzellanbechern. Künstler wetteifern mit Öl- und Wasserfarben, manchmal auch Teppichresten, um das schönste Porträt der Verlobten.

Und die Hoteliers in und um Windsor, wo die Hochzeitssause steigen wird, wittern das Geschäft ihres Lebens. Einzelne Bed-and-Breakfast-Zimmer wurden für 1600 Pfund angeboten. Pro Nacht. Nach konservativen Schätzungen wird dieser eine Eheschluss dem Land eine halbe Milliarde Pfund an Einnahmen bescheren. Und endlich mal wieder positive Schlagzeilen.

Die Romanze von Harry und Meghan ist das Märchen, auf das die Briten in diesen tristen Zeiten gewartet haben. Während das Gesundheitssystem kollabiert, Häuser zu Mondpreisen gehandelt werden und die Regierung sich in einen quälenden Scheidungsprozess mit der Europäischen Union gestürzt hat, ist diese royale Eheschließung eine willkommene Ablenkung selbst für hartgesottene Republikaner. Und dass nun ausgerechnet einer das Land verzaubert, der lange als hoffnungsloser Fall galt, macht die Geschichte noch wunderbarer.

Es ist ein langer Weg, den Prince Henry Charles Albert David Mountbatten-Windsor in 33 Jahren zurückgelegt hat. Er lässt sich ganz gut an den Etiketten ablesen, die ihm von klein auf angeheftet wurden: "Einsamer Prinz", "Rüpel-Prinz" "Party-Prinz", "Playboy-Prinz", "Nackter Prinz" "Nazi-Prinz", "Krieger-Prinz" - und jetzt eben Prinz der Herzen. So viele Prinzen-Rollen. Und dahinter doch nur: ein Mensch, dessen größter Wunsch es ist, "so normal wie möglich zu sein".

Harry ist der Prinz, der wieder Frosch sein möchte.

Und den alle dabei beobachten.

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Dass die Welt unter allen Umständen an seinem Leben Anteil nehmen würde, musste er auf die denkbar brutalste Weise lernen. Die Bilder hat fast jeder noch vor Augen. Wie der Zwölfjährige im viel zu großen schwarzen Anzug durch London läuft, vor sich den Sarg seiner Mutter Diana, neben und hinter sich mehr als eine Million stumme Zeugen. Das war im September 1997.

Wenig später begann, einen halben Erdball entfernt, in Meghans Heimat USA, ein Unternehmen namens Google seinen Aufstieg. Seither wird Privatheit neu definiert. Wer heute "Prince Harry" und "Diana" googelt, erhält rund zwei Millionen Treffer. Noch mehr gibt es mit der Kombination "Prince Harry" und "normal life".

"Er spricht immer davon, Prinz zu sein sei das Päckchen, das er zu tragen habe", sagt Duncan Larcombe. Der Journalist hat ein Buch über den Prinzen geschrieben, "Prince Harry - The Inside Story". Larcombe kennt Harry und dessen älteren Bruder William seit 15 Jahren. Er gehört zu jener Nischenart von Reportern, die den Royals an jedem Ort der Welt auflauern und wie Seismografen jede ihrer Bewegungen aufzeichnen und deuten.

Larcombe und seine Kollegen von der "Sun" haben über Jahre bestens gelebt von Harrys Eskapaden. Sie waren es, die ihn 2005 vorführten, als er auf einem Kostümfest mit Hakenkreuzbinde und Rommel-Korps-Uniform feierte. Und sie waren es, die ihm Frauengeschichten an- und wieder abdichteten. Es ist wie eine Großwildjagd, und Larcombe ist gut darin.

Das Geschäft aber ist schwerer geworden mit der Zeit. Längst sind nicht mehr nur Leute wie er hinter dem Prinzen her, sondern ein riesiges Heer von Handyträgern, vor dem es kein Entkommen gibt. Eine gewisse Tragik liege darin, findet sogar Larcombe: "Die sozialen Medien haben aus Harry den Gefangenen gemacht, den alle in Diana sahen - aber das mal zehn."

So kam es, dass eine der bestdokumentierten Pubertäten aller Zeiten die eines Vertreters des Hauses Windsor ist. Die Welt sah zu, wie Harry soff und kiffte, sich prügelte, mit Freunden durchs Nachtleben zog und sich volltrunken die Kleider vom Leib schälte. Wie er also das tat, was man als Jugendlicher, als britischer zumal, so tut. Nur dass niemand sonst am nächsten Morgen den eigenen entblößten Hintern in der Zeitung entdecken muss. Er würde viel darum geben, nicht mehr Prinz zu sein, sagte Harry 2007: "Ich würde wahrscheinlich in Afrika leben ... vermutlich wäre ich Safari-Guide." Weit weg von allem. Vom Gejagten zum Jäger.

Stattdessen versteckte er sich für einige Jahre in der Armee, wo er als "Captain Wales" so etwas wie Gleicher unter Gleichen war. Dummerweise lief einmal eine Kamera mit, als der Prinz einen Kameraden im Scherz "unseren kleinen Paki-Freund" nannte. Schon war Harry der "Rassisten-Prinz".

Für eine Monarchie sind das alles kleine Sargnägel. Zumal für die britische, die sich nur sehr langsam von dem Beben erholte, das der Tod Lady Dianas ausgelöst hatte. Der Hof von Königin Elisabeth II., die seit bald 70 Jahren regiert, ist berüchtigt für seine Veränderungsresistenz. Rollenvorbild für die meisten Royals waren allzu lange ihre eigenen Duplikate bei Madame Tussauds: wächsern, hüftsteif, adrett. Der Kontakt mit dem gemeinen Volk fällt vielen noch immer schwer.

Und dann war da plötzlich dieser vogelwilde Rotschopf, der sich mit Leidenschaft ins Leben stürzte und dabei regelmäßig im Fettnapf landete. Einer, der als Sechster in der Thronfolge zwar nie König werden wird, aber das Zeug dazu hat, das Königshaus nachhaltig zu beschädigen. Der sein Recht auf Spaß einforderte, weil er das von seiner Mutter so gelernt habe - "es ist der Versuch, die Leere zu füllen", sagt Harry.

Lady Diana mit Sohn Harry um 1996
AP/ The Duke of Cambridge and Prince Harry/ Kensington Palace

Lady Diana mit Sohn Harry um 1996

Vermutlich haben seine Ausfälle dem Hause Windsor auch deshalb nie geschadet. Im Gegenteil. So sehr die Presse auch auf ihn einprügelte, die Menschen sahen in ihm meist nur die einsame Halbwaise. Je mehr er über die Stränge schlug, desto mehr schien ihn das Volk zu lieben. Kein Brite ist derzeit populärer. Nicht Harry Potter. Und noch nicht mal Harrys Oma.

Das gilt erst recht in Windsor, eine Zugstunde westlich von London, wo die Oma lebt und manchmal auch der Enkel. Im dortigen Two Brewers Pub sitzen an einem Dienstagnachmittag Alex und Michael, Schotte der eine, Ire der andere, aber beide schon lange hier zu Hause. Im Kamin knistert ein gemütliches Feuer, die Flasche Chardonnay auf dem Tisch ist fast leer, als beide vom berüchtigtsten Sohn der Stadt schwärmen.

"Harry ist einer von uns", sagt der 59-jährige Alex. Und die Naziuniform? "Ein Ausrutscher." Die Saufgelage? "Wer weiß, wie oft ich schon halb nackt durch die Gegend getorkelt bin." Und dass er jetzt eine geschiedene Frau heiratet, sei überhaupt das Tollste: "Ich war schon fünfmal verheiratet, also da bin ich komplett auf Harrys Seite." Die Umsitzenden nicken.

Die meisten Briten blicken tatsächlich auf zu dem Prinzen. Das war in den vergangenen Monaten überall dort zu beobachten, wo Harry seiner Verlobten das künftige gemeinsame Königreich zeigte. In Schottland, Wales und Nordirland jubelten sie dem Prinzen zu, der mit Obama befreundet ist, mit Usain Bolt um die Wette läuft und im Namen seiner Großmutter immer häufiger Commonwealth-Nationen bereist. "Königliches Zeug machen", nennt er das.

Mit seinem Schalk, seinem rebellischen Verhalten und seinen Fehltritten hat Harry die britische Monarchie wie versehentlich im Alleingang entstaubt. Durch ihn wirkt sie frecher, unberechenbarer. Wenn schon nicht sein eigenes Leben, so hat er doch das Königshaus als Ganzes normalisiert.

"Ich fühle mich zwar immer noch, als würde ich in einem Goldfischglas leben, aber ich kann damit jetzt besser umgehen", sagte er 2017 in einem "Newsweek"-Interview. Zusammen mit seinem Bruder William wolle er die britische Monarchie modernisieren. Beide nutzen dazu gezielt die sozialen Medien, von denen sie sich so lange bedrängt fühlten: Die Brüder haben 170.000 Facebook-Likes, 3,6 Millionen Instagram- und 1,3 Millionen Twitter-Follower.

Prinz Harry, Meghan Markle, Herzogin Kate und Prinz William Ende Februar 2018
REUTERS

Prinz Harry, Meghan Markle, Herzogin Kate und Prinz William Ende Februar 2018

Wie Lady Diana liebt Harry die großen und kleinen Tabubrüche, die Aufgabe der royalen Zurückhaltung: Als er im vergangenen Jahr öffentlich erzählte, dass er den Tod seiner Mutter nur dank therapeutischer Hilfe verarbeitet habe, jubelte die Psychiaterzunft, niemand habe dem Thema in den vergangenen Jahrzehnten einen größeren Dienst erwiesen. Mit der von ihm ersonnenen Sportveranstaltung "Invictus Games" hat er seine Landsleute auf das Schicksal im Krieg verwundeter Soldaten aufmerksam gemacht. Und vermutlich wissen viele Briten nur dank ihres Prinzen, dass es ein Land namens Lesotho gibt. Dort half er, die Kinderhilfsstiftung "Sentebale" zu gründen - übersetzt "Vergiss mich nicht".

Kranke, Versehrte, Entwurzelte: Ganz bewusst folgt Harry dem Vorbild Dianas, über die er sagt: "Sie war einfach nur eine normale Frau, die meinen Vater geheiratet hat und dann die Königin der Herzen wurde - schlicht deshalb, weil sie ihre Stellung auf gute Weise genutzt hat."

Harry und sein Bruder William seien "ein gutes Zweigespann", sagt der Historiker Steven Gunn von der Universität Oxford. In der Geschichte gebe es etliche Beispiele für Monarchien, die in Schieflage gerieten, als sie den Kontakt mit den einfachen Leuten verloren. William und Harry hätten völlig neue Zugänge eröffnet. Die Rolle des jüngeren Prinzen sei dabei, "die gleichen Probleme zu haben wie andere junge Leute und das gleiche Vermögen, nach Fehltritten weiterzumachen".

Ein Problem sehe er jedoch, sagt Gunn: "Wenn die Magie irgendwann ganz verschwinden sollte, könnten die Leute zu dem Schluss kommen, dass die Monarchie nichts Besonderes mehr ist."

Eine Gefahr, die fürs Erste zumindest gebannt scheint, seitdem Harry seine Meghan fand. Ein finaler, im Grunde unerhörter Akt der Auflehnung gegen verstaubte monarchische Traditionen. Verkörpert die 36-Jährige doch vieles, was britische Traditionalisten verachten: Sie ist Amerikanerin, Schauspielerin, geschieden und noch dazu emanzipiert. Meghan Markle streitet als Uno-Aktivistin für Frauenrechte oder gegen moderne Sklaverei. Sie ist damit das Gegenteil der braven Kate, die hinter ihrer Rolle als bloßer Gattin des künftigen Königs William mittlerweile nahezu verschwunden ist. Ganz so, wie es die Konvention verlangt.

Verlobte Meghan, Harry
AP

Verlobte Meghan, Harry

Stellvertretend für alle Vorgestrigen ätzte der konservative "Spectator": "Vor 70 Jahren wäre Meghan Markle die Art Frau gewesen, die sich der Prinz als Geliebte genommen hätte und nicht als Ehefrau." Als andere Medien unverhohlen rassistisch unter anderem über Markles "exotische DNA" schrieben und damit auf ihre afroamerikanische Herkunft anspielten, handelten sie sich einen royalen Wutausbruch ein. Auch das hatte es vorher noch nie gegeben.

Für Harry ist Meghan, die er 2016 kennenlernte, vor allem ein Glücksfall. Und das nicht zuletzt, weil er hinter seiner schillernden, im Umgang mit der Presse erfahrenen Partnerin in Deckung gehen kann. In der Hierarchie des Königshauses werden die beiden - vermutlich als Herzog und Herzogin von Sussex - zwar nur eine untergeordnete Rolle spielen. Aber Menschen wie der Biograf Duncan Larcombe sind überzeugt, dass sie für die magischen Momente sorgen werden, wenn die Queen irgendwann nicht mehr sein sollte: "In Charles' Königreich werden sie der Sternenstaub sein."

Bislang jedenfalls machen beide traumwandlerisch alles richtig. Bei ihren Touren durchs Land haben sie mit Besuchen von Jugend- und Sozialprojekten Akzente gesetzt, die die britische Regierung seit Langem vermissen lässt. Zu ihrer Hochzeit haben sie nicht nur Prominente aus aller Welt eingeladen, auch 1200 einfache Briten aus dem gesamten Königreich dürfen sie hautnah erleben. Auf Gäste aus der Politik, sogar die Obamas, verzichteten sie, auch um keine diplomatische Krise mit dem Mann im Weißen Haus auszulösen.

Allen anderen haben sie zugerufen, dass sie sich statt Geschenken Spenden an wohltätige Organisationen wünschen, darunter eine für Obdachlose - ein Hinweis darauf, was Harry und Meghan vom Versuch des Stadtrats in Windsor halten, zur Hochzeit alle Obdachlosen aus der Stadt zu vertreiben.

"Ein feiner Zug", sagt der 45-jährige Keith, der an einem bitterkalten Frühjahrstag vor McDonald's auf der Thames Street hockt. So wie jeden Tag, seit sieben Jahren. Gleich gegenüber, hinter der steinernen Mauer des Schlosses Windsor, liegt die St George's Chapel, auf die sich am 19. Mai die Augen der Welt richten werden.

Sollte er Harry zufällig sehen, werde er ihn fragen, "ob er 20 Kröten für mich hat", sagt Keith. Der Rest sei ihm egal. "Ich verstehe nicht, warum das so ein besonderer Tag sein soll. Das ist ein ganz normaler Typ, der eine ganz normale Hochzeit feiert."



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