AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Die Toten Hosen "Wenn einer springt, springen alle"

Die Toten Hosen haben die Hymne des Jahrzehnts geschrieben. Jetzt sollen die goldenen Schallplatten brennen. Unterwegs mit der besten Punkband des Landes - einschließlich Friedhofsbesuch.

Bandmitglieder der Toten Hosen 1983: Michael Breitkopf, Klaus-Peter Trimpop, Campino, Andreas Meurer, Andreas von Holst
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Bandmitglieder der Toten Hosen 1983: Michael Breitkopf, Klaus-Peter Trimpop, Campino, Andreas Meurer, Andreas von Holst


Der Manager ist tot, sagt Andreas Frege, den die Welt als Campino kennt, das musste der erste Satz der neuen Platte sein. Das zumindest sei immer klar gewesen.

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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

Es ist kurz nach zehn Uhr an einem Freitagvormittag im April. Campino, 54, steht vor einem doppelgaragengroßen Areal, bepflanzt mit unauffälligem Immergrün. In der Mitte ist das Grünzeug ein wenig dunkler und bildet einen Stern. Es ist eine Anspielung auf den Stern der Anarchie, ein Symbol, das zur Band gehört seit den Achtzigerjahren. Damals, als Neonazis noch mit schöner Regelmäßigkeit bei den Konzerten der Gruppe auftauchten, um irgendwelche Punks zu verprügeln. Am liebsten natürlich die auf der Bühne.

Campino reichte oft schon, wenn einer von den Unerwünschten den Arm hob zum Hitlergruß. Er sprang dann hinunter in die Menge, um den rechten Schläger persönlich aus dem Saal zu werfen, eigentlich immer eine riskante Aktion. Schon deshalb war es gut, dass er wusste: Er kann sich auf die Jungs auf der Bühne verlassen. Auf Andreas von Holst an der Gitarre. Auf Michael Breitkopf, ebenfalls Gitarre. Auf Andreas Meurer am Bass. Und auf Wolfgang ("Wölli") Rohde, der seit 1986 am Schlagzeug saß.

"Die Regel war", sagt Campino, "wenn einer von der Bühne springt, springen alle. Wer oben bleibt, fliegt raus."

Keiner ist rausgeflogen, bis heute nicht. Aber einige mussten sich verabschieden. Für immer.

Nur damit diese Toten nicht vergessen werden und verstreut im Irgendwo, hat die Band diese doppelgaragengroße Grünfläche gekauft. Eine Grabstelle auf dem Düsseldorfer Südfriedhof.

"Siebzehn passen rein", sagt Campino.

Drei sind schon drin.

Vorn rechts liegt, schlicht und schwarz, die Grabplatte von Jochen Hülder, dem Manager der Band, gestorben an Magenkrebs im Januar 2015, 57 Jahre alt. Sein Tod traf die Band brutal hart. Hülder war quasi Gründungsmitglied, eine Vaterfigur. Einer, der nicht nur endlos Ideen hatte, sondern auch die Schläue, Großherzigkeit und, wenn es sein musste, Härte, aus Einfällen Wirklichkeit werden zu lassen.

Grabstelle auf Düsseldorfer Südfriedhof
Andreas Endermann

Grabstelle auf Düsseldorfer Südfriedhof

Hinten mittig liegt Wölli Rohde, jener Mann, der 14 Jahre lang am Schlagzeug saß, bis es 2000 nicht mehr ging wegen der Bandscheibe. Rohde starb im April vergangenen Jahres, ebenfalls an Krebs. Er war 66 Jahre alt. Ein Mann aus der Provinz, aus Kiel, der überzeugt war, als Musiker und Punk ein wunderbares Abenteuerleben geführt zu haben. "Hör mal, wenn ich jetzt hier rumjammern würde, das wäre echt verrückt", sagte er gegen Ende.

Vorn links liegt Uwe Faust. Er war Anfang der Neunzigerjahre, als die Band ihren ersten echten Durchbruch hatte, Fahrer und Kokainlieferant der Gruppe. Einer der wenigen, die Campino bei dessen gelegentlichen Wutanfällen zu widersprechen wagten. Faust starb im Jahr 2009, seine Nieren funktionierten nicht mehr.

Campino trägt eine braune Schiebermütze, so ein Ding, das Engländer aufhaben, wenn sie an feuchten Tagen auf der Hunderennbahn stehen. Er ist an diesem Morgen nur ein weiterer Friedhofsbesucher, der nicht auffällt.

"Ein beruhigendes Gefühl, dass ich und die anderen aus der Band auch irgendwann hier liegen", sagt Campino. "Irgendwie ganz schön."

Aber tot ist man dann doch recht lange, wendet der Reporter ein.

"Schon", sagt Campino, "aber möglicherweise ist das auch der relaxtere Zustand." Dazu Hunderennbahn-Grinsen.

Mit dem relaxteren Zustand hat es der Sänger im Leben eher nicht so. Er besitzt ein Haus auf Ibiza, das oft leer steht, und eine Saisonkarte für den Liverpool FC, die häufig andere nutzen dürfen, weil er mit den Texten für die neuen Songs nicht rumkommt. Oder der Rest der Band meint, dass ein Stück einen besseren Text verdient habe als jenen, den der Sänger gerade im Proberaum vorgelesen hat.

Campino mag ein Punk sein. Aber er ist ein verdammt ehrgeiziger.

Bandmitglieder der Toten Hosen 2017: Michael Breitkopf, Campino, Andreas Meurer, Andreas von Holst
Maurice Weiss/DER SPIEGEL

Bandmitglieder der Toten Hosen 2017: Michael Breitkopf, Campino, Andreas Meurer, Andreas von Holst

Wenn man ihn fragt, ob das neue Album der Toten Hosen, das nun erschienene "Laune der Natur" (plus die Zugabe "Learning English Lesson 2", Coverversionen von alten Punkklassikern), gut geworden ist, wird seine Stimme dünn. Ihm fehle die Distanz zu diesen Aufnahmen. Er habe sie über Monate und Monate immer wieder und wieder gehört, mit den anderen versucht, sie Millimeter für Millimeter zu verbessern.

Der Musik die Wucht zu geben, die er glaubt, den Fans schuldig zu sein.

Musik, die das Zeug dazu haben sollte, dass sie im Zweifelsfall auch im Kop erklingen könnte, jener Kurve im Stadion von Liverpool an der Anfield Road, wo die treuesten der treuen Fans sind.

Punkrock und Hymnen, das ist nicht selbstverständlich, oft schließt es sich aus. Nicht für Campino. "Ich bin auch ein Kind des Karnevals", sagt er. "Ich möchte diese Stellen haben, wo alle mitbrüllen. Das ist für mich wichtig."

Immer alles geben. Volle Leidenschaft. Spielen bis zum Anschlag - und, wenn es eine Pause gibt in diesem Hurrikan aus honigsüßem Krach, dann singt das Publikum den Song zu Ende oder wenigstens weiter.

Dieses Versprechen, diese Haltung, diese Platten, diese Konzerte ziehen Künstler wie den Fotografen Andreas Gursky ebenso an wie Wim Wenders oder die Schauspielerin Birgit Minichmayr - und sie haben die Toten Hosen zu einer der erfolgreichsten Rockbands des Landes gemacht.

Fast zu erfolgreich.

Jedenfalls, wenn man an das vorhergehende Studioalbum der Band "Ballast der Republik" denkt, fast eine Million verkaufte Exemplare, eine Tournee, die über eine Million Zuschauer sahen.

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Die Toten Hosen:
Laune der Natur

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Die Single "Tage wie diese" wurde überall gespielt. Sie lief auch, als Angela Merkel ihren letzten Bundestagswahlsieg feierte. Nach der Party rief die Bundeskanzlerin persönlich bei Campino an und entschuldigte sich dafür, dass "wir so auf Ihrem Lied herumgetrampelt sind". Als wären die Hosen die Könige eines anderen, ihr unbekannten Deutschlands.

Zehn Monate später wurde Deutschland Fußballweltmeister in Brasilien. In der Nacht des Sieges hallte "Tage wie diese" durch das Maracanã-Stadion.

Aus einer melancholischen Power-Ballade war die deutsche Triumph-Hymne des Jahrzehnts geworden. Etwas für Hochzeiten, Betriebsfeiern, runde Geburtstage. Etwas für große deutsche Gefühle und große deutsche Versprechen.

Eine schöne Sache, möglicherweise. Aber auch ein wenig seltsam. Vor allem wenn man es sich nie leicht gemacht hat mit Deutschland.

Campinos Mutter war Engländerin, der Vater seines Vaters, ein Richter, wurde im "Dritten Reich" in den Ruhestand versetzt, als er sich weigerte, Juden ohne Verhandlung zu verurteilen. Die Drohungen von Nazis und Rechtsradikalen begleiten die Band bis heute. Bei Fußballspielen hält Campino zu England. Selbst im Finale 2014 schaffte er es nicht, Deutschland die Daumen zu drücken. Er war für Argentinien. Was verrückt ist, denn im Fußball ist Argentinien so etwas wie ein Erzgegner Englands. Probleme, irgendjemand?

Na ja, Probleme sind so etwas wie Campinos zweiter Vorname.

Er hat sie.

Manchmal lacht er über sie. Manchmal lassen sie ihn toben vor Wut. Manchmal löst er sie auch. Auf jeden Fall geht er seinen Problemen selten aus dem Weg.

Millionenerfolg, Tod und Trauer, Deutschland und der hässliche, wiedererwachte rechte Rand, das eigene Alter und die Frage, was das alles noch soll mit dem Rock 'n' Roll - die fünf Jahre seit "Ballast der Republik" waren eine widersprüchliche, oft nervende Zeit für die Band.

"Laune der Natur" ist die Bestandsaufnahme dieses Zustands. Und eine Rückkehr zur Essenz.

"All die schönen Preise, wir schicken sie zurück / Verbrennen die goldenen Scheiben, das Feuer riecht nach Glück", heißt es gleich im ersten Song, "Urknall", einer schnellen, schmutzigen Garagennummer.

Weitere Höhepunkte: "Unter den Wolken", eine poetische, trotzdem glasklare Momentaufnahme des westlichen Lebens, seiner freiheitlichen Selbstverständlichkeiten und wie diese untergehen werden, wenn man sie nicht verteidigt.

"Eine Handvoll Erde", ein Song über die Trauer um Manager Hülder, und "Kein Grund zur Traurigkeit", ein Lied des verstorbenen Schlagzeugers Wölli Rohde, dessen Stimme die Gruppe von einem alten Band nahm und den Song neu einspielte. Wölli klingt jetzt wie Johnny Cash.

Was für die Rolling Stones der Blues ist, für Bob Dylan der Folk, das ist für die Toten Hosen der Punkrock. Vor und zurück auf dem Bolzplatz. Nur "Kein Happy End, kein Hollywood", wie es in einem der wenigen Liebeslieder des Albums heißt. Bitte kein Plastik, lieber wirklichen Lärm, Gelächter, Trauer, Wut. Oder wenigstens um jene Gefühle kämpfen, die man gern als echt bezeichnet.

Im Video: Der Clip zur neuen Single der Toten Hosen

DER SPIEGEL

Die Zentrale der Toten Hosen liegt im Düsseldorfer Stadtteil Lierenfeld auf einem Industriegelände. Eine paar Autohäuser gibt es hier, einen "Fressnapf", Baumärkte.

In einer Lagerhalle stehen Verstärker, Instrumente, ein blauer Kleinbus und direkt daneben ein Regal mit einem Zettel dran. "Ugly Award Kiosk" ist darauf mit Filzstift geschrieben. Im obersten Fach finden sich die bogenförmigen Metallauszeichnungen des deutschen Musik-Oscars, des "Echo". Darunter anderes Blechzeug. Niemand käme hier auf die Idee, diese Preise, wie bei anderen Bands üblich, stolz im Büro zu platzieren. Die Auszeichnungen rangieren im Niemandsland zwischen Ersatzteilen, die keiner braucht, und Schrott, den keiner abholt.

Über dem Proberaum liegen jene zwei Zimmer, die Campino lange als Wohnung dienten. "Hier war es so einsam, dass sich nicht einmal Einbrecher hertrauten", sagt er. An der Wand klebt ein Zettel mit drei Wörtern und drei Fragezeichen. "Müde? Nervös? Stress?"

Die beiden Zimmer sehen aus wie die Behausung eines Menschen, der Möbel für eine Art von Verrat hält. Verrat an der Jugend, an der Beweglichkeit, am wilden Leben. Vor drei Jahren ist er ausgezogen in ein Haus in der Nähe des Rheins. So richtig heimisch ist er dort noch immer nicht, aber er sagt, es werde allmählich.

Campino, von Holst, Meurer und Breitkopf gehören jeweils 20 Prozent der Toten Hosen, die inzwischen auch ein mittelständischer Betrieb sind. Mit fest angestellten Mitarbeitern, Sozialversicherung, Weihnachtsgeld und allem, was dazugehört.

Campino sagt, er komme in guten Jahren etwa auf ein Zehntel des durchschnittlichen Gehalts eines Spielers von Bayern München, aber die Mitarbeiter müssten auch bezahlt werden in den Jahren, in denen nicht so viel passiere. "Klar bin ich reich", sagt Campino genervt, wenn man ihn über seinen Wohlstand befragt, "aber Uli Hoeneß würde mich als armen Schlucker bezeichnen."

Der FC Bayern, eines der Lieblingsfeindbilder der Hosen. Campino hat ein Lied geschrieben im Jahr 1999, in dem es heißt: "Was für Eltern muss man haben / um so verdorben zu sein / einen Vertrag zu unterschreiben / bei diesem Scheißverein? / Wir würden nie zum FC Bayern München gehen / Niemals zu den Bayern gehen!"

Es war ein Resümee, das eine Art Gospel der Band wurde.

Aber sind die Toten Hosen nicht, was den Erfolg angeht, weniger der FC St. Pauli als eher der FC Bayern des Punk?

Punk und Erfolg, das war stets ein schwieriges Kapitel und ist es immer noch. Wie keinem anderen Gestus der Popkultur haftet Punk das Rotzige, Junge, schnell Verglühende an. Volles Risiko, nichts zu verlieren zu haben, das machte Punk unwiderstehlich Ende der Siebzigerjahre, als der Rock 'n' Roll dabei war, fett, reich und alt zu werden.

"No more heroes", schnarrten die Stranglers. Aber natürlich wurden die Besten und Mutigsten der Punks genau das: Helden, ein paar Sommer lang. Helden auch, weil sie versuchten, die Idole des älteren Bruders, die Mick Jaggers, Eric Claptons, Bob Dylans, wegzuputschen. Den Weg frei zu machen für ihre Generation.

Inzwischen ist Campino selbst dieser ältere Bruder, die Toten Hosen eine ältere Bruderschaft, die vielleicht langlebigste und erfolgreichste Punkband der Welt. Sie können es sich leisten, mit den Überlebenden von damals, Männern von den Undertones oder den Buzzcocks, ein Album mit verschollenen Punkklassikern einzuspielen. Da ist viel alte Liebe dabei, natürlich. Aber dieser Status als alternde Millionäre einer Szene, die viele Deutsche nur in Form von abgerissenen Gestalten kennen, die in Fußgängerzonen kauern und um Kleingeld betteln, macht die Hosen auch zu einer Zielscheibe.

Niemand wirft derzeit in Deutschland giftigere Pfeile als Jan Böhmermann. Das ist sein Job als Satiriker, aber Böhmermann hat auch diese Kälte, das Höhnische, das den frühen Johnny Rotten von den Sex Pistols auszeichnete. Man könnte also sagen, dass Böhmermann in Deutschland der Punk der nachfolgenden Generation ist. Man kann auch sagen, dass das Verhältnis zwischen beiden Parteien belastet ist. Jedenfalls so angespannt, dass Campino bei der diesjährigen "Echo"-Preisverleihung vor einigen Wochen Böhmermann als "Arschloch" bezeichnete.

Es ist eine Wunde, die schlecht heilt, weil es nicht um Eitelkeiten geht, sondern auch um das Leben von Menschen. Im Herbst 2014 bekam Campino einen Anruf von Bob Geldof, Punk der ersten Stunde mit den Boomtown Rats, aber auch Saint Bob, also eine Art Heiliger. Zumindest in England, wo er in den Achtzigerjahren "Live Aid" erfand, ein Spektakel, das viele hungernde Äthiopier rettete.

Diesmal war es Ebola, und Geldof meinte, Campino müsse dringend helfen, indem er einen deutschen Song organisiere, der Spenden einspiele. Campino wollte, klare Sache. Aber er ahnte, dass es "voll was auf die Fresse geben würde".

Es ist jetzt Abend in Düsseldorf, Campino sitzt an einer Theke in einem Restaurant. Draußen steht sein Auto, ein deutscher Mittelklassewagen, von dem er sich ausgerechnet hat, dass es die vorletzte Kiste in seinem Leben sein wird. Sein Autoverbrauch ist legendär unspektakulär, er macht sich nichts aus teuren, hochgezüchteten Motoren, was auch daran liegen mag, dass die Band ohne Probleme in wenigen Sekunden von null auf hundert beschleunigt. Viele Gruppen werden bei ihren Auftritten langsamer im Alter, die Toten Hosen schneller. Wer braucht da noch einen Ferrari?

Campino trinkt das erste von zwei Gläsern Wein an diesem Abend, er trägt noch immer diese braune englische Hunderennbahn-Mütze. Er müsste eigentlich entspannt sein, aber sobald der Name Böhmermann fällt, schwillt sein Hals an, und er sagt, dass er über diesen Menschen eigentlich kein Wort mehr reden wolle.

Damals, vor Weihnachten 2014, hatte Böhmermann zugetreten, und zwar richtig. Er taufte Campinos Aktion "Do they know it's Scheiße?", er goss seinen Spott über ihm aus, sechs Minuten lang. Dazu war eine Fotomontage eingeblendet. Ein Bild von Campino. Mit einem Doppelkinn, geformt aus einem Hodensack. Die Assoziation war klar: ein reicher, alter Sack, der sich mit der Not in Afrika wichtig macht.

Eine einfache Denkfigur, immer wieder gern genommen. Vor allem in Deutschland, wo der Staat für alles Mögliche zuständig sein soll und individuelle Wohltäter Verdacht auf sich ziehen. Wie ein Streber ratterte Böhmermann seinen Text herunter.

Campinos Hals ist noch immer geschwollen, als er sein Handy auf den Tisch legt. Es zeigt ein Foto aus Sierra Leone. Eine Schule ist darauf zu sehen, viele Kinder. Die Schule bietet 240 Kindern Platz, die ihre Eltern durch Ebola verloren haben. Dort werden die Waisen jetzt psychosozial betreut, ernährt und geschult, vom Geld, das jenes Projekt einspielte, das Böhmermann "Do they know it's Scheiße?" nannte. Fünf Millionen Euro waren es.

Es hätte möglicherweise eine viel größere Schule werden können. "Wichtig war nur noch der Witz, oder der Böhmermann macht sich über dich lustig, oder schau mal, dein Doppelkinn", sagt Campino.

Das war ärgerlich damals, aber etwas anderes ärgert Campino heute mindestens noch genauso: Jene, die kommen, ihm auf die Schulter klopfen und sagen, tolle Aktion, der Spott damals sei nicht so gemeint gewesen.

"Man wollte uns Preise für diese Aktion überreichen. Ich habe gesagt: Ich spucke auf diese Scheiße. Man kann nicht über so was dumme Witze machen, einen großen finanziellen Schaden verursachen und hinterher sagen, das war toll gemacht."

Diese Furcht davor, verhöhnt zu werden, wenn man sich aus der Blase des Pop, den Fernseh- und Aufnahmestudios, in die Wirklichkeit begebe, die beobachte er immer öfter, sagt Campino, deshalb habe er bei der Gala des Musikpreises Echo auch die Initiative Viva con Agua laudatiert.

"Bands lassen sich heute sehr einschüchtern, sie haben Angst, sich sozial einzubringen, weil das ihrem Ruf schaden könnte. Es könnte uncool sein, zusammen mit Peter Maffay bei einer Spendenaktion für Afrika aufzutauchen", sagt Campino. "Das gibt Dresche. Ich halte nichts von diesem böhmermannschen Zeitgeistgeplapper, sich lustig zu machen, weil der Joke wichtiger ist als die Sache, um die es geht." Campino gegen Böhmermann, das ist auch ein Kulturkampf. Analog gegen digital, Herz gegen Kälte, Spontaneität gegen Strategie, offenes Visier gegen geschlossenes Visier.

Sänger Campino bei Auftritt im polnischen Pozna im April: Hurrikan aus honigsüßem Krach
Maurice Weiss/DER SPIEGEL

Sänger Campino bei Auftritt im polnischen Pozna im April: Hurrikan aus honigsüßem Krach

Ein paar Tage nach Campinos Wutausbruch am Tresen in Düsseldorf geht es in einen Bunker nach Poznan in Polen. Die Nationalsozialisten hatten ihn während des Zweiten Weltkriegs errichtet, heute ist er von außen ein schmutzig gelb gestrichener Betonklotz, zweistöckig.

Linke Jugendliche haben den Bunker in ein kleines Freizeitzentrum umgebaut. Drinnen strahlen die Wände weiß, es ist eng wie im Inneren eines Schiffs.

"Wohnzimmer-Konzerte" nennt die Band diese Gastspiele. Sie kosten keinen Eintritt. Man kann sich um diese Auftritte bewerben, rund 5000 Menschen und Gruppen haben es in diesem Frühjahr getan. Auf dem Tourplan stehen jetzt unter anderem ein Feuerwehrmann in Geilenkirchen und ein Fischgeschäft in Kiel. Vor ein paar Jahren war auch mal der Keller von Jens Jeremies dran, einem jener vermeintlich verkommenen Charaktere, die ihr Talent beim FC Bayern verschwendet haben.

Auch das sind die Hosen. Sie zeigen klare Kante gegen Institutionen, aber wenn es um Menschen geht, sind sie bereit, alles auch ganz anders zu sehen. Ist es das Rheinland in ihnen, der halbe Engländer in Campino? Auf jeden Fall ist es Humor.

Die vielleicht 80 Menschen im Publikum sind im Durchschnitt ungefähr halb so alt wie die Männer auf der Bühne. Bierbecher fliegen. Leute springen kopfüber von der Bühne, werden aufgefangen von den wogenden Schultern im Saal. Nach sechs Songs tropft der Schweiß von der Decke, Karneval in Polen im April.

"Jestäschme smentschäinie. Ktoh ze snamie spahtsch?" - was so viel heißt wie: "Wir sind sehr müde, wer möchte mit uns schlafen?"

Campino hat sich den Satz vor der Show auf einen Zettel geschrieben und ihn an die Basstrommel geklebt. Der Zettel ist schmutzig jetzt nach über zwei Stunden Lärm und Bier. Die Buchstaben kaum noch zu erkennen. Er liest den Satz trotzdem vor oder das, was noch davon übrig ist.

Niemand ist müde.

Dafür füllt eine fast surreale Euphorie den Bunker.

Punkrock-Exorzismus.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
fluxus08 07.05.2017
1. Herr Hüetlin
scheint von Musik nicht sehr viel zu verstehen, wenn er die Toten Hosen jetzt noch als "Punkband" bezeichnet? Sid Vicious würde sich im Grabe umdrehen!
kp229, 07.05.2017
2.
Selten so gelacht!
Newspeak 07.05.2017
3.
Die "Toten Hosen" könnten doch im Musikantenstadl auftreten, so angepasst sind die. Wenn die den Punk repräsentieren sollen, dann ist der Punk auch schon lange tot.
brooklyner 07.05.2017
4.
Was soll der Quatsch, diese Bierhallenproleten als Punkband zu bezeichnen? Die beste Punkband der letzten Jahre waren die Cockbirds aus Berlin, wie übrigens auch die Spex Redakteure fanden.
sumpf 07.05.2017
5. Gähn
Ich würde mich doch mal wirklich freuen, wenn SPON über deutsche Punkbands berichten würden, die man auch als solche bezeichnen könnte. Z.B. EA80 , Toxoplasma , Razzia, Anwärts usw. Campino mit ZK, das war wirklich noch ´ne gute Nummer. Aber die Toten Hosen drifteten doch ziemlich schnell zu einer Gröl-Popband ab, wozu sogar CDU-ler versuchten zu tanzen.Ohauerha!!! Nichts gegen Campino und Co. persönlich, aber dieses krampfhafte festhalten an alte Punkattitüden, obwohl man nur noch Mitgröhlmusik für tumbe Bierzeltbesucher und sonstige Dumpfbacken macht. Tja , die Opel-Gang fährt jetz wohl Audi TT.
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