AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2017

Von Weinheim nach Rakka Die Deutsche, die den "Islamischen Staat" liebte

Eine junge Frau aus Weinheim ging nach Syrien und heiratete einen IS-Kämpfer. Sie sagt: "Es war die beste Zeit meines Lebens." Trotzdem will sie nach Deutschland zurück.

Nadja Ramadan mit Sohn
Alice Martins / Der Spiegel

Nadja Ramadan mit Sohn

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So viel Sehnsucht nach einer eigentlich unspektakulären Stadt: Überall in den sonnendurchglühten Dörfern und Städten Nordostsyriens, in den Flüchtlingslagern und halben Ruinen, in denen Flüchtlinge aus Rakka seit Monaten, teilweise seit Jahren hausen, fiebern sie ihrer Rückkehr entgegen. Schwärmen von den Abenden in den "Casino" genannten Kneipen am Euphratufer. Sprechen von ihren Häusern und Gärten, als hätten sie im Garten Eden gewohnt.

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Bis ins 100 Kilometer entfernte Tall Abjad haben zwei Brüder Weintrauben aus ihrem Garten in Mischlab mitgebracht, dem ersten befreiten Viertel im Südosten der Stadt: "Wir dürfen noch nicht zurück, aber konnten nachsehen, ob das Haus noch steht", erzählt einer von ihnen. Die Trauben schmecken nach: Trauben. Aber sie werden serviert wie eine rare Köstlichkeit.

Seit dem 6. Juni greifen die kurdisch kontrollierten Truppen der "Syrian Democratic Forces" (SDF) mit massiver amerikanischer Luftunterstützung Rakka an, die inoffizielle Hauptstadt des "Islamischen Staates" auf syrischer Seite. Anfang September erklärten sie, die Altstadt vollständig eingenommen zu haben und damit etwa 65 Prozent des Stadtgebietes. Nur noch wenige Wochen werde es dauern bis zur gänzlichen Befreiung.

Wie sieht sie inzwischen aus, die Stadt der Sehnsucht? Es dauert Tage, bis die Genehmigung erteilt wird, ins Innere zu fahren. Aus Straßen sind Schluchtenpfade zwischen aufragenden Häuserruinen, Schuttbergen und unwirklich verbogenen Autowracks geworden. Man kann mit geschlossenen Augen spüren, dass Rakkas Mitte näher rückt. Es riecht. Erst nur vereinzelt, dann immer öfter, bis der Geruch nicht mehr fortgeht. Es riecht nach Leichen in allen Stadien der Verwesung, die unter den Geröllschichten einst mehrstöckiger Wohnhäuser liegen.

"40 Sekunden", sagt Luqman Khalil mit müdem Stolz, einer der SDF-Kommandeure an der Ostfront der Stadt. Länger dauere es oft nicht von der ersten Meldung einer IS-Position, meist eines Scharfschützen, bis zum Einschlag einer Rakete oder Bombe und dem Verschwinden der IS-Position. Wo eben noch ein Haus war, schießt eine turmhohe Staubwolke nach oben, die sich am Himmel aufwölbt, bis grauer Dunst zurückbleibt, der langsam verweht.

Kämpfer der "Syrian Democratic Forces"
Alice Martins / Der Spiegel

Kämpfer der "Syrian Democratic Forces"

Manchmal, sagt Khalil, dauere es auch zwei, vier Minuten, "aber höchstens zehn". Dann ist einer der fortwährend über Rakka kreisenden amerikanischen Jets nahe genug, um das gemeldete Ziel zu vernichten. Von einer der vordersten Stellungen unter Khalils Kommando im fünften Stock eines Hauses, dessen Fenster mit Wolldecken verhängt sind, ist das hitzeflimmernde Inferno zu sehen, das einmal Rakkas Innenstadt war: ein Ruinenmeer, grau und menschenleer.

Es ist ein Kampf gegen einen meist unsichtbaren, militärisch einfallsreichen Gegner: "Alles ist vermint, die setzen Scharfschützen ein, manchmal Selbstmordattentäter in gepanzerten Wagen", so Khalil. Am tückischsten seien die Sprengstoffdrohnen des IS: winzige, von Weitem nicht hörbare Fluggeräte mit ein paar Hundert Gramm Sprengstoff, die kurz nach Sonnenaufgang auf die Dächer gelenkt werden. Dort schlafen die Soldaten, wenn Temperaturen über 40 Grad die Häuser in Backöfen verwandeln.

Erst vor Kurzem tötete eine Drohne einen von ihnen, verwundete fünf weitere Männer. Weswegen der Befehl erfolgte, schon im Morgengrauen die Dächer zu räumen. Und dann seien da natürlich die Tunnel, erzählt Khalil, wie überall im IS-Gebiet. Der Stadtuntergrund sei durchzogen von ihnen, manche hätten Stromleitungen, Licht, einer sogar einen Lastenaufzug. Viele würden entdeckt, aber längst nicht alle. Weshalb immer wieder Stoßtrupps des IS hinter den Linien auftauchen, zuschlagen und wieder verschwinden.

Rakka ist derzeit die Hölle.

Rakka nach einem US-Luftangriff
Alice Martins / Der Spiegel

Rakka nach einem US-Luftangriff

Aber für andere ist diese Stadt mit ihren einst zweckmäßigen Wohnblocks und einstöckigen Familienhäusern noch immer das Paradies. Erst vor einigen Wochen stolperte die Gruppe der letzten 30, 40 Armenier Rakkas aus der Kampfzone, bleich, die Männer mit wüsten Bärten. Sie hatten sich bis dahin geweigert, die Stadt zu verlassen, hatten die islamische "Kopfsteuer" an den IS bezahlt und ausgeharrt. Sie wollten nicht gehen, denn Rakka, so sagten sie, sei 1915 die Rettung für ihre Großväter und vor allem Großmütter vor dem türkischen Genozid gewesen, als armenische Kinder von arabischen Familien aufgenommen wurden.

Als der IS Anfang 2014 Rakka endgültig eroberte, setzte er eine gespenstische Wechselbewegung in Gang: Zehntausende Menschen verließen nach und nach die Stadt, einige von ihnen flohen nach Deutschland. Von dort wiederum kamen über 900 der "Muhadschirun", der ausländischen Anhänger des IS, viele von ihnen zog es nach Rakka. Für sie lag dort das Heil, während für andere das Leben in der Stadt zum Horror wurde.

So erging es auch einer Deutschen und zwei Syrern, deren Pfade sich zwischen Rakka und Baden-Württemberg gleich zweimal kreuzten: Die Frau aus Weinheim machte sich Ende Juni 2014 auf den Weg zum IS, um, wie sie sagt, dort endlich ein islamisches Leben führen zu können. Der syrische Grundschuldirektor und ein Freund fliehen im selben Monat vor dem IS aus Rakka und landen in Deutschland; einer in Dortmund, der andere in Meßstetten, über zwei Autostunden südlich von Weinheim.

Im Juni 2017 wiederum will die Deutsche aus Rakka fliehen, wird festgenommen und in einem Flüchtlingslager nördlich der Stadt interniert. Im selben Monat hält es den Grundschuldirektor nicht mehr in Deutschland. Er geht zurück nach Rakka und baut in seinem befreiten Dorf westlich der Stadt die erste Schule wieder auf.

Ein Spiegelbild der Wege: der Reiserouten ebenso wie der Lebensentwürfe.

Das erste Zusammentreffen mit der 32-jährigen Deutschen, die vor über drei Jahren allein zum IS nach Syrien reiste, beginnt ungewöhnlich: "Der SPIEGEL? Sie haben doch schon vor 20 Jahren über mich geschrieben, Nadja Ramadan, guten Tag!" Nadja war damals von ihrem eigenen Vater, einem Libanesen, entführt worden. Das sieben Jahre alte Mädchen lebte bei der Mutter in Deutschland, ihre Eltern hatten sich scheiden lassen. Der Vater, der wegen Rauschgiftbesitz und anderer Delikte in einem deutschen Gefängnis saß, wollte im Hafturlaub seine Tochter sehen, entführte sie aber in den Libanon. Die Beamten hatten ihm seinen Pass ausgehändigt und ihn ausreisen lassen.

Sieben Jahre bleibt Nadja im Libanon, der Vater zieht immer wieder mit ihr um, für eine Weile geht sie auf eine Koranschule. Mehrmals folgt die nach Beirut geflogene Mutter im Taxi dem Schulbus, verzweifelt, hilflos, wissend, wo die Tochter ist - aber außerstande, sie zurückzuholen aus diesem Land, dessen Gerichte das Trennungskind dem Vater zusprächen.

Ihr Leben sei nicht schön gewesen, sagt die Tochter heute in dem tristen Büro, das der Direktor des Flüchtlingslagers, in dem sie nun festgehalten wird, für das Gespräch zur Verfügung gestellt hat. Treffender wäre zu sagen, dass ein Grauen auf das nächste folgte. Als Nadja 14 ist, zwingt ihr Vater sie, einen Cousin zu heiraten, der in Weinheim lebt.

"Sie haben mich bedroht: Wenn ich rede oder abhaue, bringen sie mich um. Und ich habe mich gefügt, bekam mein erstes Kind, mit 18 mein zweites, dann ein drittes. Ein Jahr lang hatte ich Angstzustände, dachte, ich sterbe. Ich habe den Mann nicht geliebt, sondern mich gefühlt, als ob ich das alles nur spiele. Aber mein Glaube wuchs in dieser Zeit. Im Traum ist mir Mohammed, der Prophet, erschienen. Ich habe mich islamisch bedeckt, die Gebete befolgt. Das hat mir Ruhe gegeben." Mit 26 verlässt sie ihren Ehemann und die drei Kinder, geht in ein Frauenhaus, schließlich in ein Familienheim - und dann nach Rakka: "Über Facebook habe ich einen gläubigen Mann gesucht und gefunden." Einen Deutschtürken, der bereits beim IS in Rakka ist: "Ich solle rasch zu ihm kommen, meinte er, dort sei ein islamisches Leben möglich." Anderthalb Tage nach ihrer Ankunft in Istanbul wird sie schon über die Grenze und nach Rakka gebracht: "Es war wie ein Spaziergang." 2014 hat die türkische Regierung noch nichts dagegen, dass Tausende Dschihad-Jünger aus aller Welt über die Türkei zum IS strömen.

Grundschüler in Salhabija von Rakka
Alice Martins / Der Spiegel

Grundschüler in Salhabija von Rakka

Zur selben Zeit flieht Fadi al-Hadi, der Direktor der Ibn-Ruschd-Grundschule in Salhabija, einem Dorf westlich von Rakka: "Ich war Monate zuvor bei den allerletzten Demonstrationen gegen den IS dabei gewesen. Als sie einen aus unserer Gruppe ermordeten, wussten wir, dass sie uns alle umbringen werden." Er entkommt über die Türkei, mit dem Boot nach Griechenland, dann geht es zu Fuß weiter. "Die harte Route", sagt er, "über Albanien, Montenegro, durch die Berge, weiter nach Serbien, Ungarn", über Zäune, durch Gräben. Er braucht zweieinhalb Monate, erreicht schließlich Deutschland.

Nadja Ramadan heiratet in Rakka, wird schwanger. Nach einer Weile ziehen sie weiter ins irakische Tall Afar. Ihr Mann verliert ein Bein bei einem Bombenangriff. Als Invalide, sagt sie, habe er im Fernmeldeamt gearbeitet. Sie wird plötzlich laut, als es um den Terror des IS geht, erklärt, sie sei schnell gereizt, weil jeder sie frage: Hast du Bomben gelegt? Warst du bei Enthauptungen dabei? Hattet ihr auch Sklavinnen? Dabei sei sie doch immer zu Hause gewesen. Kochen, im Koran lesen, putzen, ab und an einen Film sehen. Schießen könne sie nicht, sie habe Angst vor Waffen. "Ich wollte in Ruhe in einer islamischen Welt leben, Gott dienen und meine Kinder großziehen." Auch mit ihren syrischen und irakischen Nachbarn habe sie nie etwas zu tun gehabt, "ich war es ja gewohnt, immer allein zu sein. Das macht mir nichts aus".

Am Anfang habe sie nicht einmal etwas dagegen gehabt, wenn ihr Mann noch eine zweite Frau geheiratet hätte. "Aber als er dann sein Bein verloren hatte, während ich gerade schwanger war, habe ich ihn gepflegt, war für ihn da. Und dann habe ich ihn so sehr geliebt, habe nie Freundinnen eingeladen. Ich hatte Angst, hinterher heiratet er die noch. Er ist alles für mich, mein Mann, Vater, Freund." Die Seelenverletzte und der Einbeinige, sie fügen sich zu einem seltsamen Ganzen: "Zwischen uns durfte nichts kommen! Die Zeit unter IS-Herrschaft war die beste Zeit meines Lebens", sagt die zierliche, vollkommen verschleierte Frau. Es ist ein verstörender Satz.

Ehemaliger Flüchtling Fadi al-Hadi
Alice Martins / Der Spiegel

Ehemaliger Flüchtling Fadi al-Hadi

Fadi al-Hadi, der fast gleichaltrige Schuldirektor, erlebt erst in Dortmund, dann in Leipzig, wie Freiwillige sich monatelang um ihn kümmern, "obwohl sie uns überhaupt nicht kannten". Er begegnet Pegida-Pöblern in Dresden, geht in Museen, "ich wollte verstehen, wieso der Staat hier funktioniert". Er reist viel durch Deutschland. Eine winzige Szene hat sich ihm eingeprägt: "Es war in Wuppertal, spät abends im Winter. Da stand eine Frau an einer roten Ampel. Es war eiskalt, der Schnee stand knöchelhoch, die Straße war menschenleer, aber sie wartete auf Grün." Er liebe diese Hingabe an die Regeln eines funktionierenden Miteinanders. Das Gefühl von Verantwortung. "Warum ist unser Land nicht so?" Im Irak zieht sich der Belagerungsring um die IS-Gebiete Anfang 2017 enger zu. Aber auch auf syrischer Seite kämpfen sich die Soldaten der SDF über Monate durch die Dörfer des Umlandes an den Euphrat heran. Nadja Ramadan und ihr Mann gehen zurück nach Rakka, Mitte Mai wird dort ihr zweiter Sohn Mohammed geboren.

Ende Mai erfolgt der Sturm auf Salhabija, Fadi al-Hadis Dorf westlich von Rakka, er kann sich nicht mehr auf seinen Deutschkurs konzentrieren: "Da ging es um meine Heimat, meine Familie! Und ich sollte Vokabeln lernen. Ich hielt es nicht mehr aus. Mir war klar: Ich muss zurück!" Im Jobcenter raten sie ihm ab, deutsche Freunde sind bestürzt, aber nichts stimmt ihn um. Dreimal bewirbt er sich um ein türkisches Visum, dreimal wird es abgelehnt: "Da bin ich nach Griechenland geflogen und auf demselben Schmuggelpfad durch den Grenzfluss im Norden zurückgekehrt. Verrückt", er sagt es auf Deutsch, "alle wollten in die Gegenrichtung." Er nicht. Griechische Grenzer, die ihn aufgreifen, sind erst verwundert, dann gerührt und lassen ihn ziehen.

Tage später kommt er in Salhabija an. Eine US-Rakete hat eines der beiden Gebäude seiner alten Schule zerstört, wo sich die letzten beiden IS-Männer des Ortes versteckt hatten. Kurz darauf folgt ihm Abdullah aus Meßstetten, Fadi al-Hadis Freund aus den Tagen der ersten Demonstrationen gegen die Diktatur 2011.

Zur selben Zeit beschließt Nadja Ramadans Mann, seine Frau und die Kinder aus der Stadt zu bringen. Ein Schmuggler soll die drei durchs Kurdengebiet bis in die Türkei geleiten. Im Morgengrauen des 19. Juni beginnt ihre Fahrt, an einem Kontrollposten der Kurden endet sie. Für 18 Tage landen sie im Gefängnis von Kobane, danach im Flüchtlingslager von Ain Issa, in der Abteilung für IS-Angehörige. Zwölf Frauen, 34 Kinder und ein Telefon. Aber sie leben.

"Wir erleben sie hier als kooperativ und moderat", sagt Dschalal Ajaf, der Direktor des Lagers, "auch vom Geheimdienst liegt nichts gegen sie vor. Sonst hätten die sie ja gar nicht hierher gebracht." Nadja Ramadan will das Lager verlassen, auch Ajaf würde seine Mustergefangene gern loswerden. Nur wie? "Wenn jemand von ihrer Familie oder den deutschen Behörden kommt, kann er sie sofort mitnehmen, solange man die Verantwortung für sie übernimmt!" Ihre Mutter Helga hat die Hoffnung nie aufgegeben, ihre Tochter aus Syrien zurückzuholen. Aber noch weiß sie nicht, wie sie ins Kurdengebiet hinein und mit ihrer illegal eingereisten Tochter wieder herauskommen soll.

Von den deutschen Behörden sei nichts zu hören. Die Offiziellen im Verhör hätten Nadja gesagt: "Euer Land will euch nicht. Was können wir dafür?" 70 Kilometer weiter südlich haben Fadi al-Hadi und ehemalige Lehrer den unzerstörten Teil der Grundschule in Salhabija wiederhergerichtet. Aus dem Schutt haben sie Pulte, Stühle und drei Sessel fürs Büro geborgen und geputzt; jede Familie musste Hefte und Stifte für die Kinder kaufen.

DER SPIEGEL

"Als ich ankam", erinnert sich der Rückkehrer, "war der IS ja schon weg. Aber die Angst vor ihm saß noch so tief, dass alle wie gelähmt waren. Sie fragten mich: Dürfen wir denn die Schule einfach aufmachen? Mein Vorgänger, der alte Direktor mit Parteibuch, sagte, er werde abwarten, bis Baschar al-Assad die Wiedereröffnung anordne. Aber das habe ich in Deutschland gelernt: nicht warten. Machen! Wir haben drei Jahre verloren, in denen es hier überhaupt keine Schule gab. Drei Jahre, in denen man aus Kindern alles machen konnte, gütige Menschen oder Monster." Der IS habe Monster aus ihnen machen wollen, habe mit Süßigkeiten, Gewinnspielen und Videos für die Kleinen angefangen, um die Älteren dann in seine Trainingscamps zu locken.

Nun beginnt jeden Morgen, sonntags bis donnerstags, um acht Uhr der Unterricht in der einzigen funktionierenden Schule weit und breit. Auch Schüler aus umliegenden Dörfern kommen. Nur vier Räume sind nutzbar. Keiner der sieben Lehrer bekommt ein Gehalt. Seit Mai ist Salhabija sich selbst überlassen, es gibt keinen Strom, kein Leitungswasser, kein Telefonnetz. Fadi al-Hadi arbeitet nachmittags auf den Feldern seiner Familie und bangt dem Winter entgegen: "Wir müssen die Fenster reparieren, brauchen Öfen, Diesel, etwa 8000 Euro. Woher wir die nehmen sollen? Entweder kommt Hilfe von außen - oder wir werden bei jeder Familie sammeln." Nadja Ramadan hat im Lager das einzige Erinnerungsstück an ihren Mann verkauft - "ein kleiner Gold-Dinar vom 'Islamischen Staat', den er mir geschenkt hatte. Ich brauche das Geld, um Windeln zu kaufen. Es wäre gut, wenn Deutschland mir einen Weg weisen würde, zurückzukommen", sagt sie. "Denn aus meinen Kindern soll etwas werden, sie sollen ein ganz normales Leben haben. Nicht so ein kaputtes wie ich." Während sie das sagt, spielt ihr zweieinhalbjähriger Sohn Nuh draußen mit dem fünfjährigen Abu Bakr, Sohn einer anderen IS-Frau, benannt nach Abu Bakr al-Baghdadi, dem Anführer des "Islamischen Staates".

Irgendwo in einem Keller in Rakka sitzt währenddessen Nadjas Mann, mit einem Bein, kann nicht vor, nicht zurück. Bleibt er, treffen ihn irgendwann die Angreifer. Versucht er, sich mit einer weißen Fahne bis zur Front durchzuschlagen, werden die eigenen Leute auf ihn schießen.

"Man stirbt nur zu dem Zeitpunkt, der von Gott gegeben ist", sagt seine Frau.



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