AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

United-Internet-Chef Dommermuth im Interview "Andere Länder vergrößern ihren Vorsprung"

United-Internet-Chef Ralph Dommermuth kritisiert, dass sich die Versteigerung der neuen 5G-Mobilfunkfrequenzen verzögert. Was sind seine Pläne?

Unternehmer Dommermuth: "Die Politik ist am Zug"
Steffen Roth / Agentur FOCUS

Unternehmer Dommermuth: "Die Politik ist am Zug"


SPIEGEL: Herr Dommermuth, der Bund will die Frequenzen für den nächsten Mobilfunkstandard 5G nun doch erst im kommenden Jahr versteigern. Was bedeutet das für den ursprünglichen Plan der Großen Koalition, "Leitmarkt" dafür zu werden?

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Dommermuth: Wir verlieren wertvolle Zeit, und andere Länder vergrößern ihren Vorsprung. Nächstes Jahr werden in den USA, Südkorea und China die ersten 5G-Netze in Betrieb gehen.

SPIEGEL: Kann 5G helfen, die deutsche Misere bei der Versorgung mit schnellem Internet zu überwinden?

Dommermuth: 5G wird die Echtzeitkommunikation von Geräten und Maschinen im Internet der Dinge ermöglichen, etwa das autonome Fahren. Das wird aber noch dauern, denn dafür wird eine gewisse Flächendeckung benötigt. Zuerst könnten Haushalte und Unternehmen profitieren, denn 5G eignet sich auch als Ersatz für einen Festnetzanschluss. Sie müssen nicht graben oder ihr Haus neu verkabeln und können trotzdem ihre Geräte mit Gigabit-Geschwindigkeit nutzen. Das ist eine Riesenchance, gerade für ländliche Regionen. Da würde ich mit dem Ausbau beginnen, gern auch gemeinsam mit interessierten Kommunen.

SPIEGEL: Das heißt, Sie bieten mit?

Dommermuth: Das entscheiden wir, sobald wir die genauen Bedingungen dieser Auktion kennen.

SPIEGEL: Milliarden Euro wird es in jedem Fall kosten. Oder welche Bedingungen meinen Sie?

Dommermuth: Der Koalitionsvertrag formuliert den Willen, bei der digitalen Infrastruktur in die Weltspitze aufzusteigen. Bei den Vergabebedingungen wird sich nun zeigen, wie ernst das gemeint ist: Überlässt die Große Koalition den Aufbau dieser wichtigsten Zukunftstechnologie einem Duopol aus Deutscher Telekom und britischer Vodafone und vielleicht noch spanischer Telefónica? Oder ermöglicht sie den Markteintritt neuer Wettbewerber? Es steht viel auf dem Spiel: Jetzt werden die Weichen für die nächsten 20 Jahre gestellt, und wir entscheiden, ob Deutschland aufholt.

SPIEGEL: Bislang verkauft Ihr Unternehmen Handyverträge und nutzt dabei die Netze der Wettbewerber. Was hält Sie davon ab, mit 5G-Antennen eine eigene Infrastruktur aufzubauen, das ist doch Ihre ureigene Entscheidung?

Dommermuth: Das stimmt, aber niemand kann über Nacht ein bundesweites Funknetz realisieren. Wenn die frisch gewonnenen 5G-Kunden aus den ersten Ausbaugebieten herausfahren, müssen sie weiter durch herkömmliche Netze versorgt werden und dürfen nicht in Funklöcher fallen. Das würde kein Nutzer mitmachen. Wir brauchen bei der anstehenden Vergabe deshalb eine nationale Roaming-Pflicht für bestehende Netze, so wie es andere Länder schon handhaben. Ohne eine solche Auflage werden nicht nur wir abwinken, da bin ich sicher.

SPIEGEL: Die Telekom hat Ihren Vorschlag als "Enteignung" gebrandmarkt.

Dommermuth: Das würde ich verstehen, wenn wir etwas geschenkt haben wollten, aber darum geht es ja nicht. Roaming bedeutet, dass Anbieter gegen eine angemessene Miete andere Netze mitnutzen können. Das ist Standard, sonst würde Ihr Handy im Ausland nicht funktionieren.

SPIEGEL: Wenn die Bundesnetzagentur das "nationale Roaming" in die Ausschreibung aufnimmt, sind Sie also dabei? Wie viele Milliarden Euro wollen Sie für die Frequenzen und den Netzaufbau in die Hand nehmen?

Dommermuth: Wir haben verschiedene Szenarien betrachtet. Es gibt nämlich noch weitere Themen, bei denen Deutschland von den 5G-Vorreitern lernen kann. Dort werden beispielsweise große Teile der Mobilfunkinfrastruktur gemeinsam genutzt. Das beschleunigt den Ausbau und schont Umwelt und Ressourcen. In Deutschland stapeln sich die Antennen an lukrativen Standorten, anderswo haben wir bis heute noch keine Mobilfunkversorgung. Dieses Businessmodell ist aus der Zeit gefallen.

SPIEGEL: Die Telekom hat in Berlin erste 5G-Antennen eingeweiht, Vodafone hat gerade ein Testlab eröffnet. Haben die beiden damit nicht einen großen Vorsprung gegenüber möglichen Neueinsteigern wie Ihnen?

Dommermuth: Ich kann da nichts Uneinholbares erkennen. Die Hardware kaufen ohnehin alle bei denselben Ausrüstern in China und den USA, es gibt keine Telekom-5G-Technologie.

SPIEGEL: Liebäugeln Sie deshalb mit dem Aufbau eigener Netze, weil die Verpflichtung von Telefónica und Co., Ihre Angebote zu transportieren, in einigen Jahren ausläuft?

Dommermuth: Wir stehen nicht unter Druck, aber vielleicht ergibt sich jetzt eine Chance. Nun ist aber erst einmal die Politik am Zug: Sie muss entscheiden, ob Deutschland sich die nächsten 20 Jahre auf Telekom und Vodafone verlässt oder ein neues, viertes Netz und somit mehr Wettbewerb möchte. Was der vermag, sieht man gerade in den USA. Dort greift die Telekom mit ihrer geplanten Sprint-Übernahme das bestehende Breitband-Duopol an und will in den nächsten drei Jahren 40 Milliarden Dollar in 5G investieren. Der T-Mobile-Chef hat betont, wie wichtig 5G für die USA sei, für den Technologiestandort und das ländliche Amerika. Übrigens gibt es dort National Roaming, und 75 Prozent der Antennenstandorte werden gemeinsam genutzt. Es wäre schön, wenn die Berliner Politiker sich das auch einmal ansehen würden.



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