AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 55/2017

Deutscher Raser in der Schweiz "Durchgebolzt wie ein Affe"

Ein Schweizer Gericht verurteilt einen deutschen Autofahrer zu einer harten Strafe - und will den Raser nun in Deutschland im Gefängnis sehen.

Schweizer Gotthard-Tunnel: Siebeneinhalb Minuten für 17 Kilometer
Alexandra Wey / Picture Alliance / Keystone

Schweizer Gotthard-Tunnel: Siebeneinhalb Minuten für 17 Kilometer

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Er wollte eine abendliche Spritztour machen, vom italienischen Como über schöne Pässe in der Schweiz und dann zurück durch den Gotthard-Tunnel. Gegen 22 Uhr fuhr Christian R. in den knapp 17 Kilometer langen Tunnel und gab Gas. Siebeneinhalb Minuten benötigte er mit seinem schwarzen, frisierten BMW Z4 bis zum Ausgang. Das entspricht im Durchschnitt 135 Kilometern in der Stunde - erlaubt sind 80.

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Heft 55/2017
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Dabei passierte R. 15 Fahrzeuge, trotz Überholverbot und Gegenverkehr. Danach überholte er in einem einspurigen Baustellenabschnitt noch viermal und kurvte dabei um die rot-weiß gestreiften Warnbaken zwischen den Fahrbahnen herum.

Andere Autofahrer alarmierten die Schweizer Polizei, die wollte den Raser kurz vor dem Lago Maggiore abpassen. Doch als R. das bemerkte, gab er erst richtig Gas und schoss die Rampe zum Luganer See hinauf, die Beamten mit 200 Sachen und Sirene hinterher. Einholen konnten sie ihn nicht. Die Verkehrszentrale stellte die Ampel an der Einfahrt des folgenden Tunnels auf Rot, erst da hielt R. an.

Als Grund für seine irre Fahrt nannte der Finanzmanager, der nahe Stuttgart wohnt und heute 43 Jahre alt ist, er habe Hunger gehabt und bis 23 Uhr zum Essen zurück in Como sein wollen. Das fanden die Schweizer offenbar nicht so amüsant wie er selbst.

Seinen Sportwagen beschlagnahmten sie. Im Februar, gut zweieinhalb Jahre nach der Fahrt, verurteilte ihn ein Geschworenengericht des Kantons Tessin wegen "Gefährdung des Lebens" anderer und "grober Verletzung der Verkehrsregeln" zu 30 Monaten Freiheitsstrafe, davon 18 auf Bewährung. Zudem soll R. rund 16.000 Franken Prozesskosten zahlen.

Umgesetzt wurde davon bislang nichts. Zum Prozess war der Finanzmanager nicht erschienen. Doch die Schweizer geben nicht auf. Das dortige Bundesamt für Justiz schickte ein Vollstreckungsersuchen nach Baden-Württemberg. Dieses prüft die Staatsanwaltschaft Stuttgart, dann muss das Landgericht und am Ende der baden-württembergische Justizminister entscheiden.

Wer sich in der Schweiz nur ein Bußgeld einhandelt, muss in Deutschland in der Regel nichts befürchten: Ein Abkommen, das deutsche Behörden zum Handeln brächte, ist nicht umgesetzt. Nur bei der nächsten Einreise in die Schweiz könnte er Probleme bekommen und an der Weiterfahrt gehindert werden, bis das Bußgeld bezahlt ist.

Blitz-Marathon in Bayern (Archivbild)
DPA

Blitz-Marathon in Bayern (Archivbild)

Anders sieht es aus, wenn jemand eine Strafe bekommt - und das geht in der Schweiz schneller als in Deutschland. Bei Tempo 70 in einer 30er-Zone oder Tempo 140 statt 80 käme man in Deutschland normalerweise mit 160 oder 240 Euro Bußgeld und einem Monat Fahrverbot davon; in der Schweiz ist mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe vorgeschrieben. Solche Strafen versucht die Schweiz auch im Ausland zu vollstrecken, das zeigt der Fall des Gotthard-Rasers.

In Deutschland wäre R. wohl nur wegen Ordnungswidrigkeiten belangt worden, sagt Michael Burmann vom Verkehrsrechtsausschuss des Deutschen Anwaltvereins.

Aus den Aufnahmen der Überwachungskameras geht laut dem Strafurteil "klar hervor, wie gefährlich die von R. durchgeführten Überholmanöver waren". Selbst "in blinden Kurven" habe R. überholt und "sich nicht um den Gegenverkehr gekümmert". Dass R. auf seinen Hunger verwies, werten die Richter als "skrupellos". Den Schweizer Polizisten und dem deutschen Richter, die ihn vernehmen wollten, erzählte der Raser, er habe seinen Z4 "gechippt", damit der "mehr Leistung" habe. Dennoch habe er "nie riskiert, mit anderen Autos zusammenzustoßen, weil ich gut fahre".

Für wen welche Regeln im Straßenverkehr gelten sollen, beschäftigt den Autofahrer offenbar intensiv. Auf seiner Facebook-Seite hat er schon vor Jahren geschrieben: "Wenn ich den erwische, der mir ins Auto gefahren ist und Unfallflucht beging, reiß ich das Hirn zum Nasenflügel raus." Einen anderen Verkehrsteilnehmer beschimpfte R. als "selbst ernannten Dorfpolizisten", er gab auch noch dessen Autokennzeichen an.

Dem Stuttgarter Radiosender "die neue 107.7" schilderte der Raser seine Version der Gotthard-Fahrt so: Ihn habe "das Rumgeschiebe angenervt". Er sei aber verantwortungsbewusst: "Wenn einer seine Karre im Griff hat, dann bin ich das." Die Redaktion des Senders versichert, dass es sich bei dem Anrufer um R. gehandelt habe. Einer Schweizer Boulevardzeitung sagte der Deutsche: "Ich bin durchgebolzt wie ein Affe." Inzwischen wolle er keine Stellung zu den Vorfällen mehr beziehen, sagt seine Familie auf Anfrage.

Sein Schweizer Pflichtverteidiger konnte vor Gericht zur Entlastung seines Mandanten lediglich anführen, dass R. vor seiner Fahrt keinen Alkohol getrunken habe und dass die Sicht gut gewesen sei. Gegenüber den Schweizer Behörden habe sich R. arrogant gezeigt, räumt der Pflichtverteidiger ein, das habe den Unmut auf Schweizer Seite wohl befeuert.

Noch ist offen, ob die gegen R. verhängte Strafe hierzulande vollstreckt werden kann. Fachleute des Stuttgarter Justizministeriums finden es heikel, dass R. in Abwesenheit verurteilt wurde. Daran seien "besondere Anforderungen zu stellen".

Die scheint das Tessiner Strafurteil jedenfalls vordergründig zu erfüllen: R. wurde demnach "ordentlich mit Einschreiben" vorgeladen. Sein Pflichtverteidiger nahm laut Urteil "zur Kenntnis", dass die Voraussetzungen vorgelegen hätten, ihn auch in Abwesenheit zu verurteilen.



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