AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Rassismus in Deutschland "Neger, I'll kill you"

Seit AfD und Pegida wächst der Hass in Deutschland. Unsere Autorin, selbst dunkelhäutig, hat Menschen besucht, die wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft bedroht, beleidigt und angriffen werden.

SPIEGEL-Redakteurin Neufeld in Brandenburg
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

SPIEGEL-Redakteurin Neufeld in Brandenburg

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Ich muss mir noch nicht einmal Mühe geben, um die ersten Glatzen zu treffen. Sie verstecken sich nicht. Es reicht, sich an einem normalen Tag im Mai an einen Bahnhof in Sachsen-Anhalt zu setzen, in Halle an der Saale zum Beispiel.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Dort warte ich keine fünf Minuten, zwischen Obstgeschäft und Brezelverkäufer, und der erste Neonazi schiebt sich an mir vorbei. "100% PURE VIKING BLOOD" steht auf seinem Sweater, er trägt dazu ein Paar glänzende Springerstiefel. Auf einer Bank schräg gegenüber hockt der nächste, auf der schwarzen Jacke den Schriftzug "Skinhead A.C.A.B.", das ist die Abkürzung für "All cops are bastards".

Als ich auf mein Gleis hochgehe, treffe ich einen übergewichtigen Familienvater, der mit einer Blondierten und seiner kleinen Tochter reist. Er ist rot und schwitzt und zählt sich zum "Germanenvolk", so steht es auf sein T-Shirt geschrieben. Dazu: "Traue den fremden Heiden nicht". Im Zug Richtung Bitterfeld sitzt mir ein Mann mit Zahnruinen gegenüber und starrt. Auf seinen Mittelfinger ist ein Eisernes Kreuz tätowiert. Ich starre zurück, und da ist es wieder: das mulmige Gefühl, dass sich etwas gedreht hat in unserem Land.

Dies ist der Bericht über eine Reise, die diesem Gefühl folgt. Über eine Expedition in meine persönlichen No-go-Areas, wenn man so will, an Orte, die ich mein Leben lang gemieden habe, so gut es ging, aber auch an Orte, an denen ich keine Probleme erwartet hatte. Ich habe dort Leute getroffen, die wie ich anders aussehen als der Durchschnittsdeutsche, Menschen mit brauner Haut, Frauen, die Kopftuch tragen, Kinder, die mehrere Sprachen sprechen und deren Haare schwarz und lockig sind. Ich wollte herausfinden, wie es ihnen geht, im Deutschland des Jahres zweitausendundsiebzehn. Denn seit der Flüchtlingskrise, seit es Pegida gibt und AfD und sich der Rechtspopulismus im Land verteilt hat wie Fußpilz in öffentlichen Schwimmbädern, ist dies ein anderes Land.

Der Ton gegenüber Menschen wie mir, Menschen, die selbst eingewandert oder deren Eltern eingewandert sind, ist rauer geworden und der Alltag an vielen Orten zur Gefahr.

Was vor zwei, drei Jahren noch unsagbar war, ist heute vielerorts wieder normal. Ich höre und lese Wörter, die ich nur aus den Neunzigerjahren kenne: "Neger", "Scheißausländer", "Dreckskanake".

Klar, rechte Einstellungen hat es vorher schon gegeben, doch sie kleben nicht mehr an den Stammtischen fest, sie sind jetzt im Wahlkampf auf Plakaten zu lesen, sie fluten das Internet und nach und nach auch die Straßen. Es ist, als hätten die Rechtspopulisten eine Saat gelegt, die nun dabei ist, im deutschen Alltag aufzugehen.

Die Zahl der registrierten rechtsmotivierten Straftaten ist, in Ost- und Westdeutschland, so hoch wie nie seit Beginn der Zählungen. 23555 Fälle gab es im vergangenen Jahr. Bei 1190 dieser Straftaten handelte es sich um fremdenfeindliche Gewalt, um Körperverletzung, Brandstiftung, Freiheitsberaubung - im Vergleich zu 2010 ist das eine Steigerung um mehr als 300 Prozent. 2016 hielt ein Drittel der Deutschen das Land für gefährlich überfremdet. Zwölf Prozent waren der Ansicht, Deutsche seien anderen Völkern von Natur aus überlegen, das ergab eine Studie der Universität Leipzig, die in regelmäßigen Abständen die politischen Einstellungen im Land untersucht. Das macht mich nervös. Es erinnert mich an früher.

Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Senegalese. Ich bin in den Achtziger- und Neunzigerjahren in einer mittelgroßen Stadt in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Das letzte Mal, dass mich jemand "Negerfotze" genannt hat, ist angenehm lange her, mein halbes Leben, ich war etwa 17 Jahre alt und schlenderte durch die Fußgängerzone.

In meiner Kindheit gehörte Rassismus dazu wie Fahrradfahren und Brausepulver. Ich bin damals Kindergartenkind und höre zu, wie zwei Typen meine Mutter, eine blonde Frau mit blauen Augen, eine Schlampe nennen, weil sie ein Kind mit einem Afrikaner hat; ich bin damals Gymnasiastin und auf Klassenfahrt im Harz, wo ich mich mit meiner deutschtürkischen Freundin unter einer Tischtennisplatte verstecke, weil die Dorfnazis auf Mopeds um die Jugendherberge knattern und "Wo sind die Neger?" schreien; ich bin damals gerade von meiner Sprachreise in England zurück und habe neue Freunde kennengelernt, leider leben sie in Brandenburg. Das heißt für mich: Ich darf sie nicht besuchen, denn der Osten ist zu gefährlich für Kinder wie mich.

In meiner Kindheit schrieben sich viele Geschichten in mein Bewusstsein, Nachrichtenbilder von Menschen, die in brennenden Häusern festsaßen, weil sie anders aussahen, Erzählungen von Asylbewerbern, die durch Straßen gejagt wurden, die man anspuckte im öffentlichen Nahverkehr, während der Mob applaudierte. Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, diese Orte brannten sich in mein Gedächtnis ein.

Wir Migrantenkinder wussten, welche Straßenecken wir meiden sollten, weil sich dort die Rechten trafen, auf welche Klamottenmarken und auf welche Schnürsenkelfarben in den Springerstiefeln wir achten mussten. Wir waren selbstbewusst, weil unsere Eltern uns beigebracht hatten, stark und stolz auf unser vermeintliches Anderssein zu sein, auf die Schönheit, die in der Vielfalt liegt. Und dennoch: Wir waren auf der Hut. Neunzigerjahre halt, andere Zeiten.

Seither hat sich viel getan, zumindest war das mein Gefühl, was sicher auch damit zu tun hatte, dass ich in eine Großstadt gezogen bin. Wenn ich durch mein Viertel nach Hause laufe, begegnen mir zehn verschiedene Sprachen, fünf Falafelläden, ein französisches, ein griechisches, ein türkisches, ein japanisches Restaurant. Mein Zuhause ist eine multikulturelle Blase, die sicher nicht ohne Probleme ist, aber ganz sicher ohne das Gefühl, aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Religion nicht dazuzugehören. Es gibt heute schwarze "Tagesschau"-Sprecher, türkischstämmige Spitzenpolitiker, Menschen mit dunkler Haut in Führungspositionen, in der Werbung von Lufthansa und Deutscher Bahn, alles früher noch undenkbar.

Doch in letzter Zeit geschehen Dinge, die mich zurückholen in die Vergangenheit. Da sind Politiker, die sich öffentlich die "Entsorgung" einer Deutschtürkin wünschen (Gauland), die von "Negern" reden (Joachim Herrmann) und von "Schlitzaugen" (Günther Oettinger), ich höre Gespräche, in denen Wörter wie "Scheißjapsen" und "verdammte Ausländer" fallen, und es kommt mir der Gedanke, dass wir auf dem besten Wege sind, in eine Zeit zurückzukehren, von der ich glaubte, wir hätte sie langsam überwunden.

"Die politische Korrektheit", so hat es AfD-Politikerin Alice Weidel gesagt, "gehört auf den Müllhaufen der Geschichte." Ich mag mir nicht einmal vorstellen, wie viele Deutsche bei so einem Satz in die Hände klatschen vor Glück.

Die Sprache formt die Wirklichkeit. Nur, was für eine Wirklichkeit soll das werden?

Hitlergrüße
Berlin, Prenzlauer Berg

An einem warmen Mittwochnachmittag im Juni läuft ein Junge namens Benni durch die Straßen von Berlin-Prenzlauer Berg. Er will den Ort zeigen, an dem ihn das neue Deutschland zum ersten Mal erwischte. Bennis Mutter ist Deutsche, sein Vater stammt aus Mali. Er ist vor Kurzem 18 Jahre alt geworden, er trägt Nike-Turnschuhe und einen tannengrünen Pullover mit hochgeknöpftem Polokragen.

Benni kommt gerade aus der Schule. Er läuft die Danziger Straße entlang, sechs Spuren, in der Mitte fährt die Tram. Er geht vorbei an asiatischen Restaurants, an Imbissen, Cafés, einem Berlin, das sich international anfühlt, offen, in dem einer wie er niemals auffallen würde, dachte ich.

Schüler Benni, Berlin
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Schüler Benni, Berlin

Benni hat die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend in Berlin verbracht. Alles in allem fand er das Deutschland, in dem er groß wurde, "krass tolerant. Man konnte hier einfach so leben", sagt er, als wäre das für einen Schwarzen ein überraschendes Geschenk.

Doch seit diesem Samstag Ende November vorigen Jahres hat sich seine Welt gedreht. "Ich spüre die Blicke", sagt er, "ich muss gerade echt aufpassen, nicht paranoid zu werden."

Er überquert die Ampel Ecke Husemannstraße und bleibt auf der Tramhaltestelle stehen. Dort, mitten im Szeneberlin, wurde Benni im November von vier Männern zusammengeschlagen.

Benni war in dieser Nacht mit einem Freund und einer Freundin unterwegs, einem weißen Mädchen. Sie kamen von einer Party und wollten mit der Tram nach Hause fahren. Vier Männer sprachen sie an. Was sie hier mit dem Mädchen machen würden, wollten sie von den Jungen wissen. Worte flogen hin und her, ein paar rassistische Beleidigungen. Als Benni gehen wollte, zeigte einer der Männer den Hitlergruß und sagte: "So verabschieden wir uns hier in Deutschland."

Benni redete dagegen an. Es folgte ein "Handgemenge". Was dann geschah, liegt für ihn im Nebel. Die Freunde erzählten es später der Polizei: Benni habe versucht zu flüchten, die Typen holten ihn ein und verdroschen ihn. Er kam mit einem kompliziert gebrochenen Schlüsselbein ins Krankenhaus, mit einem Körper, übersät von Prellungen.

Seine Mutter machte den Überfall in einer Lokalzeitung öffentlich. Es kam Unterstützung. Es kam aber auch ein Brief an die Privatadresse der Familie.

Der Brief begann so: "Mich ärgert die Dreistigkeit, mit der Sie und Ihr Bastard in der Zeitung posieren. Was um alles in der Welt denkt sich eine weiße Frau dabei, sich mit einem Schwarzen einzulassen und dadurch Mischlinge zu produzieren?" Bennis Mutter trage "zum Niedergang Deutschlands" bei, stand darin geschrieben.

Es sind Worte, die früher auch meine Mutter zu hören bekam. In meiner Erinnerung stehe ich mit ihr an einem sonnigen Nachmittag an einer Straßenkreuzung und halte ihre Hand, während zwei Männer mit ihr über die Unmöglichkeit meiner Existenz diskutieren.

"Du wohnst hier nicht"
Potsdam, Babelsberg, Brandenburg

Hannes Püschel steht im Wintergarten einer alten, abgeranzten Babelsberger Weinhändlervilla und beugt sich über ein großes Plakat. Darauf sind Grafiken zu sehen, sie zeigen die Zahlen gewalttätiger rechter Übergriffe aus dem vergangenen Jahr. Püschel fährt mit dem Finger über das Papier, bedruckt mit blauen und roten Farben, dann bleibt er an einer Karte von Brandenburg hängen. Darauf sind die Landkreise eingezeichnet, zu jedem dieser Landkreise gibt es eine Zahl. Ostprignitz-Ruppin: 21; Spree-Neiße: 27; Stadt Cottbus: 41.

Zu jeder Zahl gehören Menschen, die geschlagen wurden, deren Unterkunft brannte, die im vorigen Jahr getreten, gehetzt, mit Steinen beworfen oder mit Messern angegriffen wurden. Attacken insgesamt: 221. Direkt Betroffene: 335.

Püschel sagt: "Was die offene Gewaltbereitschaft der Menschen angeht, hat es in den letzten zwei Jahren eine echte Explosion gegeben."

Püschel ist 38 Jahre alt, ein Mann ohne Haare, mit Bart, Brille und merlotrotem Hemd. Zusammen mit 13 Kollegen arbeitet er für die "Opferperspektive" in Brandenburg. Sie kümmern sich hier, zwischen abblätterndem Putz, orientalischen Fresken und Aktenbergen, um Opfer rechter und rassistischer Gewalt, und sie beraten Menschen, die unter Diskriminierung leiden, im Job, bei den Behörden, auf dem Wohnungsmarkt oder einfach, weil sie durch die Straßen gehen.

Püschel ist seit 2012 dabei, er begann in einer Zeit, als es noch keine Million Flüchtlinge gab, sondern 65.000 Asylanträge in einem Jahr, als Pegida noch nicht den Montag besetzt hatte und die AfD noch nicht gegründet war. Damals sei es sogar so gewesen, dass der Bedarf an Beratung ständig zurückging, sagt Püschel. Es gab Rassismus, aber es gab auch Besserung.

Dann kam 2015. "Seitdem haben wir ein richtiges Revival", sagt Püschel, "aber mit einem entscheidenden Unterschied": Heute seien die Täter nicht unbedingt mehr die politischen Neonazis, sondern relativ normale Menschen, die auf einmal denken, sie könnten zuschlagen, sagt er. Also nicht mehr nur NPDler in Thor-Steinar-Kluft, sondern stinknormale Leute, Hans-Werner von nebenan.

Püschel spricht von Angriffen auf Schwangere und Kinder. Er erzählt von Menschen, nach denen Steine geworfen werden.

"Da ist der Bahnhofsvorplatzabhänger, der langhaarige Motorradtyp, der Handwerker, genauso wie die Oma, die eine schwarze Frau im Supermarkt mit ihrem Einkaufswagen in die Seite rammt." Häufig sind es auch einfach Nachbarn, die versuchen, Menschen mit allen Mitteln aus dem Haus zu ekeln.

Püschel erzählt jetzt von einem Mann aus Nigeria, der in Potsdam in einem Hochhausneubau eine Wohnung gemietet hatte. Als er zum ersten Mal in seine neue Wohnung wollte, standen zwei Typen vor der Tür. "Du wohnst hier nicht", sagten sie und besprühten ihn mit Pfefferspray.

Er spricht von einem Mann aus Frankfurt (Oder), dessen Nachbarn regelmäßig bei der Wohnungsgesellschaft anrufen und behaupten, er würde im Flur rauchen und vom Balkon pinkeln.

Sehr beliebt sei zurzeit auch die Denunziation beim Jugendamt. Nachbarn rufen an und behaupten, der neue Ausländer im Haus misshandle seine Kinder.

Gerade bearbeitet er den Fall einer Frau aus Nigeria, die in Fürstenwalde von ihrem Nachbarn verletzt worden ist. Er hat sie mehrfach rassistisch beleidigt. Dann habe er ihr massiv ins Gesicht geschlagen, sie so sehr am Auge verletzt, dass sie einen partiellen Verlust ihrer Sehfähigkeit erlitt. Ihr kleiner Sohn sah alles mit an.

Es gab mal eine Zeit, vor Pegida und AfD, da war ich der Ansicht, dass der Osten so langsam befahrbar sei. Ich hatte lange keine Nazis mehr gesehen, war lange nicht beschimpft worden. Und ich wollte auch nicht einsehen, dass ich Asien, Afrika und Australien bereisen, mich aber in meinem eigenen Land nicht frei bewegen kann. Ich fuhr also mit Freunden übers Wochenende an die mecklenburgische Ostseeküste.

Als ich dort durch ein Waldstück joggte, lief auf jedem Schritt das Misstrauen mit. Ein Moped näherte sich, und ich dachte, ich hätte ein Problem. Doch der Mann glotzte nur und fuhr an mir vorbei. Einmal parkte ich neben einem VW-Bus, der mit Eisernen Kreuzen und Runenschrift dekoriert war, doch die Fahrer waren glücklicherweise nirgends zu entdecken. Ansonsten passierte: nichts. Es war sogar ganz schön. Heute würde so ein Wochenende vermutlich wieder anders aussehen.

"Scheißmoslem, jetzt bist du auch noch schwanger!"
Potsdam, Zentrum, Brandenburg

Um 15 Uhr am Nachmittag steht in der Potsdamer Innenstadt, vor einer Häuserreihe, die aussieht wie die Pappkulisse zu einem romantischen Fernsehfilm im Ersten, eine junge Frau mit einem salbeifarbenen Kopftuch und einem bodenlangen Rock in Apricot. Sie kommt gerade aus dem Unterricht.

Lisa ist Tschetschenin. Sie ist 24 Jahre alt und macht ihr Abitur nach. Sie möchte ihren echten Namen nicht preisgeben, sagt sie, sie hat Angst davor, erkannt zu werden, sichtbar zu sein. Denn ihre Sichtbarkeit als muslimische Frau macht ihr und ihren zwei Kindern den Alltag in Potsdam seit einiger Zeit zur Hölle.

Schülerin Lisa
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Schülerin Lisa

Vor drei Jahren fing es an. Lisa hatte eine Wohnung in einem Siebzigerjahre-Wohnblock bekommen, sozial am Rand, aber gepflegt, ein paar Quadratmeter Deutschland mit Balkon und Blick auf die Nachbarplatte und auf ein paar schöne grüne Bäume.

Sie war mit dem Kinderwagen unterwegs, sie wollte ihre Tochter in die Kita bringen, als eine Frau von hinten auf einem Fahrrad auf sie zukam. Sie fuhr Lisa an. Einfach so. Traf sie mit dem Fahrrad am Arm und fuhr auch gegen den Kinderwagen. "Scheißausländer", rief sie. Dann fuhr sie davon.

Lisa sah die Frau immer wieder, es war die Nachbarin von gegenüber, sie beschimpfte sie, wann immer Lisa ihr begegnete. Sie beschimpfte auch ihre anderthalbjährige Tochter.

Einmal fragte Lisa sie: "Was habe ich Ihnen getan?"

Die Frau zeigte ihr den Mittelfinger.

"Ich liebe Potsdam eigentlich", sagt Lisa, "doch da ist eben noch diese andere Seite." "Scheißausländer", "Scheißmoslem", diese Wörter höre sie ständig. Menschen rufen sie vom Balkon, wenn sie vorbeigeht, es passiert auf der Straße, überall. Gerade vor einer Woche sei ihr Bruder wieder in der Straßenbahn bepöbelt worden. Als sie gestern an der Bushaltestelle stand, beobachtete sie, wie fünf Bauarbeiter einen Mann, der auf den ersten Blick nicht deutsch aussah, durchbeleidigten. "Hau ab", brüllten sie, fünf gegen einen.

Als Lisa schwanger war, kam ihr mal ein Mann entgegen und schrie sie an: "Scheißmoslems, ihr seid überall, und jetzt bist du auch noch schwanger."

Seit einiger Zeit traut sie sich nicht mehr allein mit ihren Kindern auf die Straße. Nur noch in den Supermarkt gehe sie. Dorthin, wo Kameras sind.

Ihre Nachbarin hat sie nach langem Zögern angezeigt. Die Frau wurde zu einer Geldstrafe von 1200 Euro verurteilt.

Am Abend, als ich ein Stück entlang der Havel durch einen Potsdamer Park laufe, allein, spüre ich, wie ein altes Gefühl in mir aufzieht, eine Unsicherheit, die ich lange abgelegt hatte. Mir ist klar: Der Großteil der Potsdamer sind normale Menschen, offen, tolerant. Doch unter dem Eindruck von Lisas Erlebnissen, von dem rassistischen Hass, den Hannes Püschel geschildert hat, traue ich ihnen nicht mehr so recht über den Weg. Als mir ein Paar entgegenkommt, sie mit Bierflasche, er mit Thor-Steinar-Shirt, reicht es mir für den Tag, und ich sehe zu, dass ich von der Straße komme.

"Refugees not welcome"
Neuruppin, Landgericht, Brandenburg

Wer von Potsdam nach Neuruppin fährt, an einem klaren Junimorgen, bewegt sich durch eine Landschaft, die wirkt wie aus einem Katalog für Wellnessreisen. Es geht vorbei an sanften Kornfeldern und durch ein honiggelbes Licht, das hin und wieder von Alleen durchbrochen wird, man fährt durch das Havelland. Links und rechts liegen Orte, die noch friedlich zu schlafen scheinen, und andere, die nach Bootsfahrten und Fahrradtouren klingen, Döberitzer Heide, Falkensee. Der Mohn blüht, Hofläden bieten frische Eier an.

Im Gerichtssaal eins am Neuruppiner Landgericht öffnet sich um 9.45 Uhr die Tür, und hereingeführt von den Justizbeamten werden zwei Männer in Handschellen, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Sie tragen Glatzen, schwarz gerahmte Brillen, Tätowierungen am Hals oder auf den Händen. Sandy L. und Raiko K., Mitte dreißig und aus Wittstock. Die Staatsanwältin verliest die Anklage.

1: Sandy L. wird vorgeworfen, eine 15-Jährige, die ein in der linken Szene verbreitetes T-Shirt mit der Aufschrift "Good Night White Pride" trug, an einer Shell-Tankstelle in Neuruppin mehrfach ins Gesicht geschlagen und sie vor sich her geschubst zu haben, bis sie zu Boden ging. Dann soll er auf das Mädchen eingetreten haben. L. trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: "REFUGEES NOT WELCOME". Das Mädchen erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Kiefergelenksprellung und Organprellungen.

2: Sandy L. und Raiko K. sollen daraufhin im Neuruppiner Einkaufszentrum Reiz ein 16-jähriges Mädchen sowie dessen Freund zusammengetreten haben. Das Mädchen hatte grün gefärbte Haare und trug ebenfalls ein T-Shirt, auf dem stand "Good Night White Pride". Der Angeklagte L. stieß das Mädchen zu Boden und trat mehrfach gegen den Kopf, das Gesicht und den Oberkörper. K. kam dazu und machte mit. Das Mädchen erlitt Schwellungen, Prellungen und soll einen Schuhabdruck im Gesicht gehabt haben. Die heute 17-Jährige leidet seither unter Schlafstörungen und Angstzuständen.

3: alkoholisiertes Fahren sowie Fahren ohne Führerschein des Angeklagten L.

4: Verstoß gegen das Waffengesetz. In L.s Zuhause in Wittstock wurden bei einer Hausdurchsuchung zehn Wurfsterne, ein Reizstoffsprühgerät sowie eine Taschenlampe mit Elektroschocker sichergestellt.

5: Sandy L. und Raiko K. sollen einen Ägypter und einen Staatenlosen misshandelt haben. Die Angeklagten verfolgten die Männer und riefen dabei "Deutschland den Deutschen". Sie sollen die beiden umzingelt und sie gegen die Wand eines Gebäudes gestoßen und geschlagen haben. Die Opfer flüchteten über den Hinterhof eines Restaurants, woraufhin ein Messer mit einer Länge von 15 Zentimetern und ein Schlagring eingebracht worden seien. Der eine habe fliehen können, sei im Laufen aber noch von L. in den Rücken getreten worden. Der andere sackte nach mehreren Schlägen auf die Knie und wurde weiter geschlagen und getreten. K. trug Stahlkappen in den Springerstiefeln. Die Opfer erlitten schwere Verletzungen.

"Neger, I'll kill you"
Neuruppin, Brandenburg

Muse Duco steht in Anzug und Krawatte auf seinem Balkon und schaut über die Siedlung. Er sieht von seiner Wohnung im fünften Stock hinüber zu den anderen Plattenbauten, Häuser, die mit etwas frischer Pastellfarbe verzweifelt versuchen, freundlich zu sein.

Duco war in seiner Heimat Somaliland Journalist, er ist 31 Jahre alt, er betreibt ein Blog auf Somali, für Flüchtlinge in Deutschland. Er kennt sich aus, liest viel über das Land, in dem er und seine Frau nach ihrer Flucht Sicherheit suchten, er kennt Pegida, er kennt die AfD, die CDU, er macht sich Gedanken über die deutsche Demokratie und darüber, warum in diesem Land Menschen leben, die ihm die Schneidezähne ausgehauen haben, die ihn ins Krankenhaus prügelten und eine große Narbe unter seinem Kinn hinterließen.

Blogger Duco, Neuruppin
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Blogger Duco, Neuruppin

Duco glaubt, es habe damit zu tun, dass die Menschen nichts wissen über Geflüchtete. Dass sie von der Kölner Silvesternacht hören, von vollen Booten aus Libyen, aber nichts darüber, "wer wir sind".

Duco und seine Frau wurden nach ihrer Ankunft in Berlin in eine Massenunterkunft in Eisenhüttenstadt gesteckt, danach wurden sie umverteilt nach Neustadt an der Dosse, in ein 3400-Einwohner-Örtchen. Dort, sagt Duco, war er der einzige schwarze Mann, vermutlich der erste schwarze Mann, den die Anwohner je getroffen haben.

"Einige Leute waren wirklich nett", sagt Duco, er mochte die Luft auf dem Land, die Ruhe, den Wald. Aber es gab eben auch Menschen, die zu ihm sagten: "Merkel muss weg" und "Ich bin Deutscher. Neger, komm ja nicht zu meinem Haus".

Es ist ein altes Muster: je kleiner der Ort, je homogener die Bewohnerschaft, desto stärker der Drang, gegen das Unbekannte vorzugehen, gegen alles, was anders ist. Man kann sich die Frage stellen, ob es eine gute Idee ist, Flüchtlinge in Ostdörfern unterzubringen.

Einmal traf Duco vor seiner Unterkunft einen Mann mit einer Tüte Leergut in der Hand. Der Mann holte aus und haute ihn mit der Tüte. Wenig später wurde Muse Duco von mehreren Männern ins Krankenhaus geschlagen. Die Polizei stellte die Ermittlungen nach drei Monaten ein, aus Mangel an Beweisen.

Vielleicht war das der Moment, in dem Duco anfing, sich zu verändern.

Duco bekam die Wohnung in Neuruppin, ein Neuanfang. Aber an dem Tag, als er einzog, war das Erste, was er von seinen Nachbarn bekam, eine handgeschriebene Liste mit Regeln, die besagten, wie er sich zu verhalten habe. Diese Leute begegneten ihm im Treppenhaus und nannten ihn bei jeder Gelegenheit "Neger". Einmal, als er den Nachbarn traf, sagte der zu ihm: "I'll kill you".

Duco antwortete, dass er die Polizei rufen werde. Aber er wusste ja schon, dass ihm das wahrscheinlich nicht helfen würde, also ließ er es sein.

Als der Mann ihn vor einiger Zeit nötigen wollte, die Treppen zu reinigen, obwohl er nicht an der Reihe war, fragte Duco ihn: "Bist du Rassist?"

"Ja, ich bin Rassist", antwortet er. Als wäre es das Normalste, Rassist zu sein heutzutage.

Duco sagt, mit der Zeit, mit jeder neuen Erfahrung dieser Art, sei ein Gefühl in ihm hochgezogen, das er vorher so nicht von sich kannte: Er wurde selbst aggressiv. "Wenn man immer nur Angst, Angst, Angst hat, dann macht das was mit einem", sagt er, "irgendwann ist es zu viel. Dann explodierst du einfach."

Als er eines Nachts nach Hause kam und auf die Nachbarn traf, habe er sie angeschrien: "Ihr seid Nazis, ihr seid Rassisten, warum macht ihr das?"

Die Nachbarn riefen die Polizei. Muse Duco bekam eine Anzeige wegen Beleidigung. Er wurde mit 20 Arbeitsstunden bestraft. Diesmal reichten die Beweise.

"Im Normalisierungspanzer"
Bielefeld, Universität, Nordrhein-Westfalen

Was ist los mit unserem Land, das kann man sich auf so einer Reise fragen. Wie konnte es so weit kommen?

Der Mann, der ein paar Antworten kennen könnte, nimmt hinter seinem Schreibtisch Platz, in einem kargen Raum an der Universität Bielefeld, und legt einen Stapel Kopien vor sich hin, Auszüge aus seiner Langzeitstudie auf recyceltem Papier, der Titel lautet: "Deutsche Zustände".

Wilhelm Heitmeyer hat 1996 das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung gegründet. Über einen langen Zeitraum hat er die Einstellungen der Deutschen erforscht, hat abgefragt, wie sie zu Ausländern stehen, wie groß ihre "autoritäre Aggression" ist, die Überzeugung, gegen Unruhestifter oder Fremde vorgehen zu müssen, wie stark auch ihre Islamfeindlichkeit ist.

Er sagt: "Die Einstellungen waren schon lange vor diesem Ausbruch da." Sie sind nicht einfach passiert wie eine unerwartete Krankheit. Sie lauerten hinter zugezogenen Gardinen. Sie mussten sich nur noch bündeln und radikalisieren. "Schon bei unserer Befragung im Jahr 2002 gab es bei 20 Prozent der Bevölkerung eine hohe Zustimmung bei den rechtspopulistischen Einstellungen", sagt er. Daran hat sich wenig geändert.

Heitmeyer ist inzwischen emeritiert, sein Nachfolger hat die "rechtsextremen Einstellungen in Deutschland 2016" untersucht und kommt in seiner Studie "Gespaltene Mitte, feindselige Zustände" zu dem Schluss, dass auch 14 Jahre später der traditionelle Rassismus, der auf Hautfarbe und nationale Abstammung zielt, "stabil und hoch" ist, ebenso sei die Fremdenfeindlichkeit seit fast zehn Jahren auf ähnlichem Niveau. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung sei der Meinung, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland.

Heitmeyer beschreibt eine Art wutgetränkte Apathie, in der diese Menschen über viele Jahre verharrten, eine Wut, die auch damit zu tun hat, dass sie sich einflusslos fühlten, ohne gesellschaftliche Anerkennung, ohne Stimme. "Große Teile der Gesellschaft fühlten sich nicht wahrgenommen", sagt Heitmeyer. Und das sei eine riesige, vor allem von der Politik unterschätzte Gefahr.

Schon lange vor der Flüchtlingskrise habe dieses Gefühl drastisch zugenommen, durch die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009. Auch die individuelle Bereitschaft zur Gewalt.

Doch es war eine Wut, so beschreibt es Heitmeyer, die noch nicht sichtbar war, sie hatte keinen politischen Ort. Und auf einmal kamen Pegida und die AfD und gaben ihr diesen Ort. "Das ist ja zynischerweise die hervorragende Leistung von Pegida und AfD", sagt Heitmeyer, "diese Bewegungen haben Menschen aus ihrer individuellen Ohnmacht geholt und dazu gebracht, kollektive Machtfantasien zu entwickeln: 'Wir sind das Volk'."

Besonders stark bekommen diesen Hass nun asylsuchende Menschen zu spüren. Die Abwertung von Asylsuchenden erreichte 2016 einen Spitzenwert, das ergab die Studie der Universität Bielefeld. Jeder zweite Deutsche zeigte sich ablehnend gegenüber Asylsuchenden. Besonders ostdeutsche Befragte und AfD-Anhänger stimmten den abgefragten Vorurteilen in hohem Maße zu. Das gilt auch bei der Feindlichkeit gegenüber Muslimen.

Es gibt etwas, das nennt Heitmeyer die Schweigespirale. Er sagt, diese Schweigespirale funktioniere seit einiger Zeit nicht mehr: "Wenn Menschen den Eindruck haben, mit ihren Einstellungen in der Minderheit zu sein, dann sind sie sehr viel vorsichtiger, sie an der Ladenkasse oder am Arbeitsplatz herauszuposaunen. Haben sie aber - wie zurzeit - den Eindruck, sie seien Teil einer Mehrheit, dann geht die Post ab." Dann schweigen sie nicht mehr. "Das Sagbare wird ausgedehnt."

Und mit dem Sagbaren irgendwann auch das Machbare. Die Sprache ist der erste Schritt zur Gewalt. Wenn Menschen immer wieder aussprechen, dass Muslime Bombenleger sind, Schwarze faul, Nordafrikaner Vergewaltiger, wenn es immer wieder heißt, dass sie in diesem Land nichts verloren haben, dass sie minderwertige Menschen seien - dann werden diese Aussagen für die, die sie aussprechen, und die, die sie hören, irgendwann zur Realität.

"Für mich ist das einer der sensibelsten Punkte", sagt Wilhelm Heitmeyer: Denn wenn die Abwertung schwacher Gruppen normal wird, wenn es selbstverständlich wird, mit der Ungleichwertigkeit von Menschen zu operieren, gelten die Grundwerte unserer Gesellschaft nicht mehr - nämlich die Gleichwertigkeit und das Recht auf die psychische und physische Unversehrtheit des Einzelnen. "Dann wird es wirklich eng", sagt der Professor.

Es entstehe eine Art Normalisierungspanzer, den man irgendwann nicht mehr durchbrechen könne. Die Frage ist, wann wir diesen Zeitpunkt erreichen.

Ist es normal, dass Flüchtlingsheime brennen?

Ist es normal, dass Neonazis in voller Montur durch die Straßen spazieren?

Ist es normal, dass eine Frau mit Kopftuch Angst hat, mit ihren Kindern vor die Tür zu gehen?

Ist es normal, dass es in meinem eigenen Land Orte gibt, an denen ich mich nicht sicher fühlen kann?

Mir wird klar: Ich habe mir etwas vorgemacht in den letzten 15, 20 Jahren. Ich habe gedacht, die Rassisten seien weniger geworden, Deutschland sei schon viel weiter. Ich habe mich davon täuschen lassen, dass sie nicht mehr so sichtbar waren wie in den Neunzigerjahren. Sie waren stiller, vorsichtiger. Vielleicht habe ich sie auch einfach aus meinem Leben ausgeblendet. In Wirklichkeit waren sie immer da.

"Dresden, ich liebe dich"
Dresden, Sachsen

An einem Montagnachmittag, ein paar Stunden bevor Pegida-Anhänger durch seine Lieblingsstadt ziehen und Passanten bepöbeln, bevor Deutsche, die sich Patrioten nennen wollen, "Abschieben!" rufen und ein Redner auf der Bühne die Frage stellt: "Belästigen sie noch, oder schlitzen sie schon?", ein paar Stunden vor alledem sitzt Ezé Wendtoin im Institut Français und erzählt, warum er Dresden eine Liebeserklärung geschrieben hat.

Wendtoin ist 26 Jahre alt und Germanistikstudent, er stammt aus Burkina Faso, wo er sich in die deutsche Sprache verliebte und den Bachelor machte. Inzwischen spricht er ein Deutsch, das besser zu verstehen ist als das vieler Pegida-Anhänger mit ihrem sächsischen Dialekt.

Pegida-Anhänger, Dresden
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Pegida-Anhänger, Dresden

2013 kam Wendtoin zum ersten Mal in die Stadt, um auf einem Festival aufzutreten, neben seinem Studium arbeitet er schon lange als Musiker.

"Es war eine sehr gute Stimmung", sagt er. Er habe offene Menschen erlebt, fast nur positive Begegnungen.

Als er Ende 2015 wiederkam, war Dresden mit einem Mal bekannt als Hauptstadt der besorgten Bürger und Rassisten. Wendtoin fuhr an einem Montag mit der Bahn, und ein Mann fragte ihn: "Du Affe, was willst du hier?" und "Gibt es viele Affen in Afrika?" Wenn er nun durch die Straßen lief, hupten ihn Autofahrer an und zeigten ihm den Mittelfinger, viermal ist ihm das passiert, in weniger als anderthalb Jahren.

"Meine ganze Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber den Leuten wurde gebremst", sagt er. Immer sei da zuerst der Gedanke gewesen: "Was denken die wohl über mich?", das Gefühl, jeden Schritt kalkulieren zu müssen. "Das ist wie ein Gewicht, das immer dabei ist."

Dieses Gewicht spürten alle, die ich getroffen habe: Ihr Alltag wird gelenkt von dem Bewusstsein, immer gesehen zu werden, auf der Hut sein zu müssen, bloß nicht unangenehm aufzufallen, am besten gar nicht aufzufallen. Und bloß keine Vorurteile zu bestätigen.

Es ist wie das Symptom einer Krankheit, die dabei ist, sich zwischen Berlin, Köln, Dresden und München auszubreiten: Je mehr Raum Gesellschaft und Politik den Rechtspopulisten überlassen, desto mehr Menschen werden ihre Freiheit verlieren. In einem eigentlich freien Land.

Student Wendtoin, Dresden
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Student Wendtoin, Dresden

Nach einer Zeit der Verunsicherung beschloss Wendtoin, sich das Leben in Dresden nicht verderben zu lassen von Menschen, die andere anschreien müssen, um sich groß zu fühlen. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass diese Menschen Schwächen haben. Und dass es sich nicht lohnt, auf ihren Hass mit Hass zu reagieren.

Stattdessen hat er ein Liebeslied über seine Stadt geschrieben, ein versöhnliches, selbstironisches Lied, das sich das Stadtmarketing kaum besser hätte ausdenken können. Es geht darin um Pegida, aber eben auch um "Würstel und Bier am Albertplatz", um die Schauburg und die Elbe. Es geht um Björn Höcke, aber auch darum, dass sich Wendtoin in dieser Stadt heimisch fühlt und Eier zum Frühstück isst, so wie ein echter Deutscher.

Er singt: Wir haben hier die Frauenkirche, daneben Pegida und AfD,
trotzdem liebe ich euch alle - und fürchte mich nicht,
Dresden, ich liebe Dich.

Am Abend, auf der Pegida-Demo, drückt mir ein Mann, der kurz zuvor in der Menge Fahnenschwenkender stand, der in den Chor einstimmte, als sie riefen "Abschieben! Abschieben!", der in einer Gruppe läuft, die dabei ist, Passanten, die arabisch aussehen, als "Scheißmohammeds" zu beschimpfen, dieser Mann drückt mir einen Flyer in die Hand.

"Ja, ja, immer schön lächeln", sagt er dann zu mir. Ich weiß nicht, was er damit meint. Auf dem Flyer steht "Merkel muss weg", es ist ein Demo-Aufruf der Initiative "Wir für Deutschland". Der Mann reiht sich wieder in den Zug der Pöbler ein, ein besorgter Bürger.

Ich schaue ihm hinterher. Und auch ich muss sagen: Ich sorge mich.



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