AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2017

Public Relations für Despoten Wie PR-Profis Erdogans Image säubern

Immer häufiger suchen Potentaten die Hilfe von Profis, um ihren Ruf zu schönen - mit zweifelhaftem Erfolg. Das zeigt das Beispiel des türkischen Präsidenten Erdogan.

Gewalttätige türkische Regierungssympathisanten in Washington

Gewalttätige türkische Regierungssympathisanten in Washington


Vor drei Wochen, am Nachmittag des 16. Mai, war in Washington Jagdzeit. Im Diplomatenviertel unweit des Weißen Hauses ging eine Gruppe von 24 Schlägern auf ein paar friedliche Demonstranten los. Bodyguards des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Mitarbeiter der Botschaft und einige in Amerika lebende Anhänger des Politikers schlugen auf eine kleine Gruppe ein, die etwa die Freilassung eines inhaftierten kurdischen Parlamentariers forderte.

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Heft 24/2017
Wie Paare friedlich auseinandergehen

Die Szenen vor der Residenz waren brutal. Selbst als einige demonstrierende Frauen und Männer schon zu Boden gegangen waren, wurde noch auf sie eingetreten. Auch Erdogan, der an dem Tag US-Präsident Donald Trump besuchte, ist auf den Aufnahmen zu sehen.

Laut der Website The Daily Caller, die einen Tonspezialisten für die Auswertung der Bilder engagierte, schickte Erdogan seine Lakaien mit dem Befehl los, die Demonstranten zu "attackieren". Der türkische Botschafter Serdar Kiliç rückte sie wenig später in die Nähe von Terroristen - ein Generalverdacht, der inzwischen auf fast allen Türken lastet, die nicht in den Erdogan-Jubel einstimmen.

Dass das türkische Verständnis von Demokratie und Terrorismus womöglich erklärungsbedürftig ist, scheint jedoch selbst dem derben Diplomaten Kiliç bewusst zu sein. Schon kurz vor dem Erdogan-Besuch engagierte er deshalb die PR-Agentur Burson-Marsteller. Für 1,1 Millionen Dollar soll die zum WPP-Konzern gehörende Firma bis Ende 2017 den Türken die Türen zu politischen Entscheidern öffnen - und den US-Medien eine neue Sicht auf die Herrscher aus Ankara soufflieren.

Konflikt- und Krisenkommunikation ist ein wachsendes Segment im Milliardenmarkt des Wahrnehmungsmanagements. Ihr Stellenwert, heißt es in einem bisher unveröffentlichten Trendbarometer der Deutschen Public Relations Gesellschaft, sei inzwischen sogar "höher als wünschenswert". Längst heuern nicht mehr nur Unternehmen, deren Ruf angeschlagen ist, PR-Profis an. Länder tun das auch - und Potentaten scheinen die Hilfe von Krisenmanagern besonders nötig zu haben.

Fragen zu ihrer Kooperation ließen Burson-Marsteller und die türkische Botschaft unbeantwortet. Das Geschäft blüht am besten im Verborgenen. Moralische Grenzen scheint es kaum zu geben. Schon in der Vergangenheit waren sich die Berater für kaum einen Job zu schade: Man instruierte den rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu ebenso wie die argentinische Militärregierung. Für die Türkei begann die mediale Mobilmachung nun mit einer primitiven Verdrehung der Tatsachen: Man habe am 16. Mai nur aus "Notwehr" gegen "provokative" Demonstranten gehandelt, ließ der Botschafter wissen.

"Die Türkei", sagt Jon Gingerich vom amerikanischen PR-Branchenspezialisten O'Dwyer's, "hat es sich einiges kosten lassen, die öffentliche Meinung seit dem Putschversuch im vergangenen Sommer zu beeinflussen." Bereits 14 Tage nach dem Ereignis heuerte sie die weltweit operierende Agentur APCO an. Zu deren Spezialitäten zählt "Grasrooting", also das Erzeugen von Bürgerprotest oder -unterstützung, auch mittels spezieller Websites und über Social-Media-Kanäle. Für zwei Wochen zahlte die Türkei APCO 74.200 Dollar.

Um die Aktivitäten des Predigers Fethullah Gülen zu überwachen, den Erdogan für den Staatsstreich verantwortlich macht, nahm die Türkei eine Anwaltskanzlei unter Vertrag, deren Chef mehrere Anti-Gülen-Artikel für Zeitungen verfasste.

Es gab aber offenbar noch einen Erdogan-Gehilfen: Trumps Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn, der kürzlich wegen falscher Angaben über seine Kontakte zum russischen US-Botschafter zurücktreten musste. Bereits im November, so Gingerich, habe Flynn sich in einem Artikel für Gülens Ausweisung ausgesprochen. Zudem habe er dem Justizministerium seine Arbeit für die obskure Firma Inovo, der Verbindungen zur türkischen Regierung nachgesagt werden, nicht angezeigt.

Die Technik, auch die fragwürdigsten Herrscher besser aussehen zu lassen, als sie sind, hat einen Namen. "Nation Branding" nennt das Michael Inacker von WMP in Berlin. Seit seinem Einstieg bei WMP, sagte Inacker dem "PR-Report" im vergangenen Jahr, habe die Beratungsagentur ihren Umsatz mehr als verdoppelt.

In diese Zeit fallen lukrative Mandate für den Teil-Scharia-Staat Katar und Saudi-Arabien. Auch mit Ankara hat WMP Erfahrung. Zur Jahrtausendwende begleitete die Agentur den anvisierten EU-Beitritt. Nach der Ernennung Erdogans zum Ministerpräsidenten 2003, berichtet WMP-Co-Gründer Hans-Erich Bilges, habe man das Mandat beendet. Sein WMP-Kollege Hans-Dietrich Genscher hatte damals vor Erdogan gewarnt. Der Ex-Außenminister habe ihn für einen undemokratischen, "in der Wolle gefärbten Islamisten" gehalten.

Was Bilges nicht sagt: Weder WMP noch seine heutige Firma Consultum sind ansonsten durch besondere Berührungsängste gegenüber Diktatoren aufgefallen. Das ehemalige "Bild"-Chefredaktionsmitglied Bilges beriet schon Staaten wie Aserbaidschan und Weißrussland. Kontakte sind sein Kapital - und wie bei allen Beratern wird gern der Anschein erweckt, es ließen sich damit Türen öffnen. Doch Lobbyisten, sagt PR-Analyst Gingerich, könnten keinen direkten Draht in obere Politetagen garantieren.

Sie spielen das allerdings gern vor.

Dem Ruf der Türkei jedenfalls scheinen die investierten PR-Millionen in den USA noch nicht wirklich genutzt zu haben. Senator John McCain forderte angesichts der Schlägertrupps in Washington, den türkischen Botschafter aus den USA "rauszuschmeißen".



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
n.strohm 13.06.2017
1. Wenn man
Erdogan damit durchkommen lässt, dann ist man selbst Schuld. Für mich eine vollkommen blödsinnige Aktion von Erdogan, so wird er die USA nicht davon überzeugen können seinen Erzfeind auszuliefern - mit dem Versprechen einen fairen Prozess zu bekommen. Bilder gibt es - also die Schläger vor einem amerikanischen Gericht verklagen. Auch wenn das Urteil niemals vollstreckt werden kann, so gibt es doch nachhaltig schlechte Publicity für Erdogan...
decathlone 13.06.2017
2. O tempores, sine mores...
... erschreckend, dass diese Firmen für Geld wirklich jedem in den Allerwertesten kriechen. Es nutzt nur so rein gar nichts... Heute gab es in der FAZ eine ganzseitige Anzeige der Wirtschaftsförderung der Türkei, 'Potential of Turkey' oder so ähnlich und so ein bisschen als Artikel über die türkische Haselnussernte und eine archäologische Stätte getarnt. Ich habe nur den Kopf geschüttelt und weitergeblättert. Da steckt ja auch so eine Agentur dahinter, aber nach dem was bis zum Referendum los war, will man einfach nix mehr vom Osmanischen Reich hören... oder sie sollten zumindest mal mit einer offiziellen Entschuldigung beginnen und dann die Rechtsstaatlichkeit wiederherstellen, aber das ist wohl nicht zu erwarten.
decathlone 13.06.2017
3. O tempores, sine mores...
... erschreckend, dass diese Firmen für Geld wirklich jedem in den Allerwertesten kriechen. Es nutzt nur so rein gar nichts... Heute gab es in der FAZ eine ganzseitige Anzeige der Wirtschaftsförderung der Türkei, 'Potential of Turkey' oder so ähnlich und so ein bisschen als Artikel über die türkische Haselnussernte und eine archäologische Stätte getarnt. Ich habe nur den Kopf geschüttelt und weitergeblättert. Da steckt ja auch so eine Agentur dahinter, aber nach dem was bis zum Referendum los war, will man einfach nix mehr vom Osmanischen Reich hören... oder sie sollten zumindest mal mit einer offiziellen Entschuldigung beginnen und dann die Rechtsstaatlichkeit wiederherstellen, aber das ist wohl nicht zu erwarten.
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