AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2017

Sportsponsor Red Bull Als hätte es die Toten nie gegeben

Red Bull, österreichischer Produzent von Energydrinks, lebt als Sportsponsor von dem Ruf, die Grenzen des Machbaren zu verschieben. Das produziert Helden - aber auch Tote.

Red-Bull-Sportler Ackermann (r.)
Hartmut Schwarzbach / DER SPIEGEL

Red-Bull-Sportler Ackermann (r.)

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In der Stadthalle von Schwerin, zehn Meter über dem Boden, fliegt ein Mann durch die Luft. Sein Körper ist gestreckt, seine Hände umfassen den Lenker eines Motorrads, das über ihm durch die Luft fliegt. Er ist dabei, mit dem Motorrad einen Salto rückwärts zu springen. Unter ihm nichts als der harte Hallenboden, kein Netz, keine Sicherung.

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Der Mann heißt Luc Ackermann, er ist 18 Jahre alt und von Beruf Actionsportler, Freestyle-Motocrosser.

Für einen Augenblick scheinen Mensch und Maschine jetzt stillzustehen, die Räder des Motorrads weisen zum Hallendach. Wenn man das Bild einfrieren würde, dann wäre es der Moment unmittelbar vor dem Drama. Wenn man im Publikum sitzt, spürt man, dass es jetzt noch einen Wimpernschlag dauert, ehe sich entscheidet, ob es hier zum Drama kommt oder zur perfekten Landung.

Nur Stunden zuvor, während des Trainings, war zu beobachten, welche Folgen dieses Spiel haben kann. Ein Fahrer aus Skandinavien hatte ein sehr ähnliches Manöver gewagt, aber er war geschwächt von einer Grippe, seine Bewegungen deshalb den Bruchteil einer Sekunde zu langsam, er brachte die Füße nicht zurück auf die Fußrasten. Er klammerte sich mit den Händen an den Lenker, was eine verständliche, aber falsche Entscheidung war. Die Wucht des Aufpralls stauchte ihn zusammen, riss seine rechte Hand, die den Gasgriff umfasste, nach unten. Er raste mit voller Geschwindigkeit gegen die nahe Hallenwand, die nur mit einer Matte gepolstert war.

Als er nach dem Rückprall auf dem Boden aufschlug, vor Schmerzen nur halb bei Bewusstsein, begann er zu heulen wie ein Tier.

Wenn das Kunststück aber gelingt, so wie bei Luc Ackermann, dann gleitet der Körper in der Luft scheinbar mühelos zurück auf die Sitzbank, bringt so die Rotation des Motorrads wieder in Gang, und der Mensch setzt mit der Maschine unbeschadet auf der Landerampe auf.

Es gibt viele perfekte Landungen an diesem Abend, wenige Dramen, und man kann behaupten, dass genau das die richtige Mischung ist für alle, die so ein Spektakel sehen wollen. Das sind die Zuschauer, Männer vor allem mit ihren Söhnen, und das ist der Sponsor einiger Fahrer, die hier ihr Leben riskieren: Red Bull, der Hersteller von Powerdrinks in Getränkedosen; wer das Logo der Firma, zwei rote Stiere, auf seinem Helm trägt, gehört zu denen, die es geschafft haben. Es sind Auserwählte, ausgestattet mit guten Verträgen und besonderen Verpflichtungen. Auch Luc Ackermann ist einer dieser Auserwählten.

Seit gut zwei Jahren darf Ackermann diesen Helm tragen. Er wurde ihm in den Katakomben der O2-Arena in Hamburg überreicht, und Ackermann, damals gerade 16 Jahre alt, das Gesicht noch weich und jungenhaft, nahm ihn mit Tränen in den Augen entgegen. Ackermann stammt aus Niederdorla in Thüringen, seine Eltern führen dort eine Gärtnerei, der Helm war eine Verheißung darauf, dass Luc Ackermann ein anderes, aufregenderes Leben führen würde als seine Mutter und sein Vater. Der Helm gleicht in Ackermanns Welt einer Krone, die das Haupt der Fähigsten und Verwegensten ziert.

Der Helm dient auch als Eintrittskarte in ein Reich, in dem Dinge möglich sind, die unmöglich erscheinen. Ein Mann, Felix Baumgartner, kann aus der Stratosphäre hinab zur Erde springen und dieses Wagnis überleben. Ein Rennfahrer, Sebastian Vettel, kann in der Formel 1 vier Weltmeistertitel in Folge gewinnen. Ein Fußballverein, RB Leipzig, kann von der fünften Liga an die Spitze der Bundesliga durchmarschieren.

Red Bull hat all diese Erfolge und viele weitere mehr finanziert, mit Hunderten Millionen Euro Jahr für Jahr. Gefeiert werden die Siege und mit ihnen die Getränkedose dann vor größtmöglichem Publikum, zu laut ist das Getöse, als dass Kritiker durchdringen würden. Kopfmenschen, die sagen, solche Stunts wie der von Baumgartner seien Irrsinn; Romantiker, die finden, RB Leipzig sei ein Verein aus der Retorte, zum Leben erweckt nur mit Geld, aber ohne Herz.

Dietrich Mateschitz, den Chef von Red Bull, kümmern solche Bedenken nicht. Er pumpt unverdrossen Geld in den Sport, um Bilder, Clips, manchmal auch ganze Dokumentationen in Spielfilmlänge produzieren zu lassen, die seiner Firma und ihrem Produkt, einem taurinhaltigen, nach Kaugummi schmeckenden Energydrink, Flügel verleihen.

Die Aufnahmen, die dabei entstehen, zeigen das Leben als Abenteuer, inmitten einer Welt, die den Mutigen gehört. Die dann auf Skiern durch unberührten Pulverschnee fast senkrechte Hänge hinunterrasen oder auf Mountainbikes durch das Betonlabyrinth einer Stadt springen. Red Bull streut diese Bilder über die Welt, sie strotzen vor Optimismus, feiern die Innovation, das Risiko und natürlich: die Dose.

Ein schlichtes Konzept, aber es funktioniert. Red Bulls Umsatz wächst stetig, meist zweistellig. 2015 wurden in 169 Ländern der Welt knapp sechs Milliarden Dosen verkauft.

All das kann man erfahren, wenn man bei Red Bull in der Pressestelle anruft oder die Homepage besucht, auf der jede Menge gut gelaunte junge Männer zu sehen sind. Es gibt aber auch andere Geschichten im Zusammenhang mit dieser Firma. Sie sind schwerer zu finden. Sie erzählen nicht von Erfolgen, sondern vom Scheitern.

Es sind Geschichten von Toten, kaum jemand kennt ihre Namen.

Michel Leusch.

Caleb Moore.

Eigo Sato.

Shane McConkey.

Toriano Wilson.

Eli Thompson.

Ueli Gegenschatz.

Diese sieben Männer starben in den vergangenen sieben Jahren auf drei verschiedenen Kontinenten. Sie starben auf Motorrädern, bei Basejumps in der Stadt und in den Bergen, nach dem Sturz mit einem Schneemobil. Es wäre nicht korrekt, wenn man sagen würde, dass sie wegen Red Bull starben. Man kann auch nicht sagen, dass sie ohne Red Bull noch am Leben wären. Was wäre die richtige Formulierung? Dass sie für Red Bull starben?

Gemeinsam ist diesen Männern, dass sie, wie Luc Ackermann, Actionsportler waren, dass sie das Risiko suchten, die Bewunderung genossen, dass sie ihr Leben riskierten, für den Sieg in Wettbewerben, die den meisten Menschen völlig unbekannt sind. Und wenn man doch einmal Disziplinen wie Freestyle-Motocross oder Snowmobile-Freestyle begegnen sollte, dann sieht man meist nur ein Kuriositätenkabinett, Material für Fail-Videos auf YouTube: Aufnahmen von Unfällen, von Stürzen, vom Misslingen.

Michel Leusch

Michel Leusch

Gemeinsam ist den sieben Toten auch, dass sie ihr Leben verloren bei Veranstaltungen, die Red Bull für Werbezwecke nutzte, manche von ihnen besaßen Werbeverträge mit der Firma und gehörten zu den Athleten, die, wie Luc Ackermann, das begehrte Bullen-Logo tragen durften. Das bislang letzte Opfer ist der Südafrikaner Michel Leusch, 34 Jahre alt, er starb Ende August während einer Flugshow in China.

Pro Jahr ein Toter, so könnte man die Verbindung von Red Bull mit dem Sport auch zusammenfassen; und es wundert nicht, dass nach jedem Unglück dieselbe Frage gestellt wird: Trägt Red Bull Mitschuld am Tod des Sportlers? Zuletzt hat sich eine ARD-Dokumentation ernsthaft darangemacht, diese Frage zu beantworten. Sie wollte den Beweis erbringen, dass der Sponsor mitverantwortlich sei am Tod des Schweizer Basejumpers Ueli Gegenschatz. Es blieb bei dem Versuch.

Adrenalingetränkte Selbstverwirklichung oder modernes Leibeigentum - zwischen diesen beiden Polen pendeln die Meinungen zu Red Bulls modernen Gladiatorenspielen. Wie sieht es also aus, das Verhältnis zwischen Sponsor und Athlet, zwischen Red Bull und seinen Werbeträgern?

Ueli Gegenschatz

Ueli Gegenschatz

Luc Ackermann könnte die Frage beantworten, aber er sagt dazu kaum etwas, nur: "Es ist ein Privileg, ein Red-Bull-Athlet zu sein."

Zu den zweifelhaften Privilegien eines Red-Bull-Athleten gehören Zugang zu Rehabilitationseinrichtungen, zu erfahrenen Chirurgen und Orthopäden. Zu Leuten also, die etwas reparieren müssen. Wenn man diese Dinge aufzählt, antwortet Ackermann nur: "Ja, das gibt es."

Andere Sportler, die bei Red Bull unter Vertrag stehen oder gebucht werden für Veranstaltungen, die von Red Bull gesponsert werden, verhalten sich genauso. Kritik ist tabu, auch Lob wird nur sparsam verteilt, Details werden vermieden, seien sie auch noch so banal. Kinder und Frauen, die unter der Herrschaft eines Despoten leben, verhalten sich ähnlich.

Red Bulls Kommunikationsstrategie ist das Schweigen. Seine Mitarbeiter äußern sich so gut wie nie, Antworten auf Presseanfragen werden knapp und meist vage beantwortet. Das Produkt soll für sich selbst sprechen, der Konzern als Einheit erscheinen, und diese Strategie funktioniert. Red Bull wächst, scheinbar unaufhörlich, 2015 stieg der Umsatz um 15 Prozent, von 5,1 auf 5,9 Milliarden Euro.

Der Erfolg scheint das Resultat einer Symbiose zwischen ehrgeizigen Sportlern und einem entschlossenen Sponsor zu sein, der sich in seinen Presseerklärungen als treuer Partner der Sportler inszeniert, dem es darum gehe, "Träume wahr werden zu lassen", "den Sport weiterzuentwickeln". Für dieses Ziel werde "eng zusammengearbeitet", und: "Die Sicherheit der Athleten hat stets oberste Priorität."

Eigo Sato
vario images

Eigo Sato

Was aber, wenn es mal anders kommt? Wie belastbar ist diese Partnerschaft, wie aufrichtig? Gibt man auf der Website von Red Bull den Namen Luc Ackermann ein, erscheinen rund 30 Texte, in denen der Deutsche, sein Mut und sein Können gefeiert werden.

Gibt man den Namen des tödlich verunglückten Basejumpers Ueli Gegenschatz ein, zu Lebzeiten eine von Red Bulls Zugnummern, erscheint die Nachricht: keine Ergebnisse.

Dasselbe geschieht, wenn man nach anderen verstorbenen Athleten sucht. Es ist, als hätte es sie nie gegeben. Gewürdigt werden auf der Homepage nur diejenigen Toten, die Red Bull noch von Nutzen sind. Etwa der tödlich verunglückte Basejumper Shane McConkey, Hauptfigur eines 90-minütigen Dokumentarfilms, der seinen Namen trägt.

Niemand beklagt sich über diese Praxis, schon gar nicht die Sportler selbst. Zu kostbar ist ein Vertrag mit Red Bull, zu groß die Konkurrenz in allen Disziplinen. Wer nicht erfolgreich ist, wer sich nicht an die Regeln hält, kann schnell ersetzt werden. Das Spektakel täuscht darüber hinweg, dass der Actionsport in der Krise steckt. Er liefert nur noch wenig Neues. Was für einen Sport, der vom Adrenalinkick seiner Zuschauer lebt, kein kleines Problem ist.

Folgten in den Anfangsjahren des Genres Superlative im schnellen Rhythmus, war die "Progression", wie Sportler und Fans das Streben nach immer neuen Rekorden nennen, hoch, so ist diese Kurve mittlerweile deutlich abgeflacht. Sie unterscheidet sich nicht mehr von konventionellen Sportarten wie Leichtathletik oder Schwimmen, Sportarten, in denen Rekorde kaum noch möglich sind. Wirklich Neues, nie zuvor Gesehenes, ist nur möglich, wenn Athleten bereit sind, Risiken einzugehen, die selbst nach den großzügigen Maßstäben des Extremsports zu groß sind.

Verantwortlich für die Jagd auf das Neue ist vor allem der Amerikaner Travis Pastrana. Mittlerweile 33 Jahre alt und damit eigentlich ein Greis der Branche, hat sein Name noch immer einen großen Klang in seinen Kreisen. Pastrana hat das Genre miterfunden, schon als Jugendlicher, und er wurde in seiner Welt unsterblich, nachdem ihm als erstem Athleten im Wettbewerb ein doppelter Rückwärtssalto mit einem Motorrad gelang. Auch nach diesem Sprung im Jahr 2006 hat er immer wieder bewiesen, dass Grenzen verschiebbar sind, und als er in diesem Jahr mit seiner Stuntshow, dem "Nitro-Circus", in München zu Gast war, räumte er im Gespräch ein, dass der "Weg von unmöglich zu möglich langwierig und in der Regel sehr schmerzhaft" sei.

Shane McConkey
Corey Rich / laif

Shane McConkey

In den zwei Jahrzehnten, die Pastranas Karriere nun schon währt, hat er sich den rechten Fuß gebrochen, an sieben Stellen mit 40 einzelnen Brüchen, den linken Fuß, das linke Schienbein, beide Knöchel, das linke Wadenbein, den Kopf des Wadenbeins, das rechte Knie, das Steißbein, die Hüfte gleich mehrfach, den linken Ellenbogen, beide Handgelenke, das linke zweimal, das rechte sechsmal, den linken Daumen, den rechten Knöchel, die Schlüsselbeine viermal. Er hat sich das vordere Kreuzband am rechten Knie viermal zerrissen, am linken Knie zweimal.

Als Jugendlicher hat er sich bei einem Sturz sein Rückgrat mehrere Zentimeter ins Becken getrieben, was massive innere Blutungen und drei Monate im Rollstuhl zur Folge hatte. Die Gehirnerschütterungen sind nicht genau zu beziffern, es werden Dutzende sein. Pastrana soll morgens eine Weile brauchen, bis er aus dem Bett kommt; er selbst sagt nur, dass er seine Knie nicht mehr so gut beugen könne wie früher.

Heute ist Pastrana kein ernst zu nehmender Wettbewerber mehr, sein Körper lässt das nicht mehr zu, er ist nun Conférencier des "Nitro-Circus", seiner Stuntshow, Mentor und Marketingfachmann für die Actionsportler, die es wagen, die Grenzen erneut zu verschieben. Josh Sheehan, ein Australier, ist einer davon. Hinter Pastranas Haus in Maryland sprang er vor einem guten Jahr mit seinem Motorrad einen Dreifachsalto. Sheehan fuhr die Rampe im fünften Gang an, mit gut 80 Stundenkilometern. Der Scheitelpunkt seiner Flugkurve lag in 30 Meter Höhe. Wider Erwarten überlebte er den Sprung. Unverletzt.

Toriano Wilson

Toriano Wilson

Das Erlahmen der Progression ist überall da zu spüren, wo gebrochene Knochen nicht weit entfernt sind; Scooterfahrern und Snowboardern geht es genauso wie Freestyle-Motocrossern. Es gibt zu viele, die das Gleiche können, Athleten werden austauschbar, und wer nicht nach der Pfeife des Hauptsponsors tanzt, ist raus aus dem Spiel.

Die meisten Athleten sind jung, viele noch nicht mal volljährig, wenn sie ins Blickfeld der Geldgeber gelangen. Verträge, die mehr bieten als Verschleißteile und Reisespesen, sind ein rares Gut. Die Position von Sponsoren ist in der Regel so stark, dass Verträge nicht verhandelt, sondern gewährt werden.

Cam Zink, ein amerikanischer Mountainbiker von Weltrang, berühmt wegen eines Saltos rückwärts an der Flanke des Berges, ist aus diesem Kreislauf ausgebrochen. Vielleicht liegt es daran, dass er schon 30 Jahre alt ist, vielleicht hat er lange genug sein Leben riskiert, weil das Geschäft es verlangte. Jedenfalls hat er öffentlich aufbegehrt, im Internet, voller Wut, mit dem Hashtag "fuckrampage".

Zink schrie also #fuckrampage hinaus in das Reich von Red Bull, weil einer seiner Freunde, Paul Basagoitia, während eines Rennens in feinem Sand die Kontrolle über sein Rad verlor, sich überschlug und eine Klippe hinabstürzte. Der Aufprall war hart, er brach Basagoitia einen Brustwirbel, kappte Nervenstränge, alles Gefühl verschwand aus seinen Beinen. Es folgte eine neunstündige Operation, der Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben wird für Basagoitia lange dauern.

Cam Zinks Fluch bezieht sich auf die Red Bull Rampage, das prestigeträchtigste Mountainbikerennen der Welt. Es findet einmal jährlich im US-Bundesstaat Utah statt, und es ist wichtig zu wissen, dass es ein Einladungsrennen ist. Es existieren keine Qualifikationsrennen, allein eingeladen zu werden von Red Bull ist schon eine Ehre. Allerdings eine, der man sich kaum verweigern kann. Zwar ist das Publikum vor Ort überschaubar, weil der Austragungsort so abgelegen ist, aber die Liveübertragung im Internet sorgt für ein globales Publikum. Kein Hersteller von Mountainbikes, Helmen oder Handschuhen ist erfreut, wenn einer seiner Fahrer diese Gelegenheit ausschlägt, dabei gäbe es gute Gründe dafür.

Im Jahr 2015 landeten 7 von 42 eingeladenen Fahrern der Red Bull Rampage im Krankenhaus, das sind fast 20 Prozent. Würde eine solche Quote bei Autorennen erreicht werden, wäre das der Tod von Autorennen. Die Red Bull Rampage aber verlief wie geplant.

Eli Thompson

Eli Thompson

Um zu verstehen, warum so viele Athleten ihre Fahrt im Krankenhaus beenden, muss man nur einen Blick auf den Berg werfen, an dem das Rennen stattfindet.

Er liegt unweit des Städtchens Virgin, ragt rund 300 Meter aus rötlicher Steinwüste empor. Sein Grat ist schmal, seine Flanken sind wahre Abgründe, dazwischen schmale Plateaus. Für Touristen ist der Aufstieg zum Grat schon ein gefährliches Manöver. Wer oben ankommt, fragt sich, wie er je wieder runterkommen soll. Die Fahrer starten oben, und was man dann zu sehen bekommt, ist eine Abfolge mühsam kontrollierter Stürze und atemraubender Sprünge. 10, 20 Meter weit und ebenso tief, über Canyons, Felsnadeln, dazwischen geht es über Rampen, aus Holz gezimmert oder mit Spitzhacken in den Berg getrieben. Hier schlagen die Fahrer Salti, rotieren um jede denkbare Achse und beten, dass der Wind sie verschont, damit sie die schmalen Landezonen nicht verfehlen, um am Ende gesund ins Ziel zu rollen und nicht, wie andere in den Jahren vor ihnen, mit zerschmetterten Knochen auf dem Fels zu landen.

Ein häufiges Argument derer, die so ein Spektakel verteidigen, lautet, dass diese Fahrer vergleichbare Berge auch dann hinunterfahren, wenn es keine Pokale und keine Prämien gibt. Das mag stimmen, allerdings wählen die Fahrer dann nicht unbedingt die spektakulärste Linie, und sie starten nicht dann, wenn der Wind gerade auffrischt und unberechenbare Böen über den Berg schickt.

Sponsoren machen viele Wettbewerbe und Karrieren erst möglich, das ist unbestritten; es beantwortet aber nicht die Fragen, die man sich stellt, wenn man ein solches Spektakel beobachtet: Welche Leistung erwartet der Sponsor vom Athleten, und was erbringt der Sponsor an Leistungen im Gegenzug? Oder einfacher: Werden unangemessene Risiken wenigstens angemessen bezahlt?

Caleb Moore
Getty Images

Caleb Moore

Cam Zink ist der Meinung, dass dies bei der Red Bull Rampage viel zu lange nicht der Fall war. Er sagt dies in Reno, Nevada, seiner Heimatstadt, in einem kleinen Büro am Stadtrand, in dem auf einem Fernseher Musikvideos laufen und eine Spielekonsole vor der Wand steht. Von hier aus managt er seine Karriere, vertreibt Fahrradgriffe, die er selbst entwickelt hat, und Fahrräder des deutschen Herstellers YT.

Was Zink in die Revolte trieb, war die Reaktion der Offiziellen am Berg unmittelbar nach dem Sturz seines Freundes. Erst, so schildert es Zink, sollte der Schwerverletzte auf einem Geländefahrzeug ins weit entfernte Krankenhaus gebracht werden, über löchrige Pisten.

Nur der entschiedene Widerstand einer Ärztin soll das verhindert haben. Schließlich wurde der Mann mit dem für solche Fälle am Berg stationierten Hubschrauber ausgeflogen. Der Wettbewerb hätte nun, da kein Notfallhubschrauber mehr vor Ort war, unterbrochen werden müssen, doch es ging weiter. Zink: "Weiß der Himmel, was passiert wäre, wenn sich kurz nach Paul ein zweiter Fahrer schwer verletzt hätte."

In einer Stellungnahme bestreitet Red Bull, dass es eine Verzögerung gab, dass die Sicherheit der Fahrer gefährdet gewesen sei. Ein Hubschrauber sei weiterhin vor Ort gewesen. Allerdings war dies kein Notfallhubschrauber, sondern der mit den Kameras.

Cam Zink klagt an. Er klagt, dass die Rampage für Red Bull ein großer Gewinn ist, für viele Fahrer aber nicht mehr als ein Zuschussgeschäft. Zink selbst hatte im Jahr zuvor für seinen sechsten Platz ganze 3000 Dollar erhalten, was kaum die Kosten für Unterkunft und Verpflegung seines Teams deckte, das aus "Diggern" bestand, aus Helfern, die ihn in den Tagen vor dem Rennen unterstützen, wenn es darum geht, eine Linie am Berg zu präparieren, die spektakulär, aber nicht tödlich ist.

Zink klagt, dass Red Bull von den Fahrern verlangt, selbst für eine Krankenversicherung zu sorgen, trotz der Zwänge, die der Veranstalter während des Rennens schuf. Zink hat genug von Red Bull.

Der Hashtag war eine unerhörte Provokation in der eng verwobenen Welt des Actionsports. Szenemagazine berichteten, in Kommentaren wurde Red Bull angegriffen, es fielen Wörter wie Bigotterie, Ausbeutung. Andere Fahrer meldeten sich zu Wort, wenn auch anonym, Widerstand formierte sich. Es war genug, um Vertreter von Red Bull an den Verhandlungstisch zu zwingen. Cam Zink wurde mit einigen anderen Fahrern nach Seattle geflogen. Dort saßen sich Veranstalter und Fahrer gegenüber, es war ein denkwürdiges Treffen, das bewies, dass die Fahrer etwas bewegen können, wenn sie sich denn trauen.

Das Ergebnis ist, dass Red Bull das Preisgeld aufgestockt hat, statt insgesamt 100.000 Dollar waren es in diesem Jahr 150.000. Die Zahl der Fahrer wurde halbiert, um die Konkurrenz zu mäßigen. Außerdem zahlt Red Bull jedem Fahrer 5000 Dollar Spesen.

Ist Cam Zink zufrieden? "Es ist ein erster Erfolg, Skateboarder können deutlich mehr verdienen, von Golfern erst gar nicht zu sprechen, und deren Risiko ist wirklich gering." Zink denkt jetzt darüber nach, eine Gewerkschaft für Fahrer zu gründen, er hat Gefallen gefunden am organisierten Widerstand.

Luc Ackermann, der deutsche Freestyler, trainiert währenddessen weiter. Er versucht, den Abstand zur Weltspitze zu verringern, und arbeitet am Doppelsalto rückwärts. Ackermann springt, wie in seinem Sport üblich, mit dem Motorrad in eine Grube voller Schaumstoffwürfel. Zurzeit allerdings ruht die Arbeit am Sprung. Ackermann hat sich im Training einen Oberschenkel gebrochen.

Im Video: Die verstorbenen Helden von Red Bull

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winki 02.01.2017
1. Viel gibt es nicht zu sagen
Letzten Endes bestimt jeder selber was er mit seiner Gesundheit bund seinem Leben anstellt. Es seih denn er ist Soldat, dann bestimmen Andere.
Phil2302 02.01.2017
2. Wird ja niemand gezwungen
daran teilzunehmen, also sehe ich den Sponsor auch keinesfalls in irgendeiner Pflicht. Jeder weiß, worauf er sich dort einlässt.
irene_vaplus 02.01.2017
3. Imperativ
Die Plebs will ihre Spiele, der Impressario deren Geld, die Marke ihre Pflege. Die Ausdehnung des Machbaren war schon immer die einzige Rettung derer, die eben sonst nichts machen konnten. Inkompetenz zum Imperativ erigiert: Du kannst alles schaffen!
wakaba 02.01.2017
4.
Die Marketingabteilung bei Redbull erstellt zu jeder Eventserie eine Risikoanalyse und die bestimmt ob da geworben wird oder ob eine neue Serie angeschoben wird. Die Eventmanager produzieren also Serien, die die Risikobandweite für den Zahler Redbull genau umfangen. Die einkalkulierten Verletzungen sind 1% und Todesfälle -1%. Statistisch passiert nun halt abundzu ein Sterbefall und Redbull als Sponsor ist nie verantwortlich. Mittlerweile finden sich kaum noch Sponsoren die neben Red Bull werben wollen. Die Events sind immergleich langweilig und inhaltlich uninteressant. Einzig City Downhill biking, Base und Expeditionen sind noch einigermassen erträglich. Schlussendlich gehts ums Produkt von RB. Zucker, Koffein und Wasser. 2cent Material wird für 2Euro an junge Konsumenten verkitscht. Die Red Bull Mischung ist dazu da körperliche Abhängigkeiten zu schaffen. Ich finde das muss entsprechend mit einer Steuer versehen werden. 10 Euro pro Büchse wär wohl gerade richtig.
eifrigerleser 02.01.2017
5. Es gibt keinen Zwang dazu!
Sehr geehrte Redaktion! Ich habe ebenso bei oder zwei eher harmlosen Events teilgenommen. Niemand, der sich für solche Hobbys entscheidet, macht irgendetwas unfreiwillig. Eine mögliche Erklärung für diese Vorstellung kann aus dem Denken eines gelangweilten Arbeitnehmers kommen. Nennt diese Sportler meinetwegen moderne Gladiatoren. Gibt es ein Risiko? Selbstverständlich! Alle diese Sportler bewegen sich außerhalb der Komfortzone der "normalen" und damit langweiligen Menschen! A propos Caleb Moore… der war nicht bei RedBull unter Vertrag, sondern bei RockStar. Was eher wenigen bekannt ist, ist, daß RB invaliden Sportlern sehr häufig eine Perspektive im Unternehmen anbietet. Diese jungen Sportler leben ihren Traum. Sie haben sich selbst und bewußt dafür entschieden. Das Motto lautet daher: Live fast! Die young!
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