AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2017

Nächster Stopp Las Palmas Der Mann, der ohne Geld die Welt bereist

Benjamin Holst hat keine Arbeit, keine Wohnung und kein Geld. Aber er war schon in Kambodscha und Vietnam. Wie macht er das?

Benjamin Holst
Takis Würger / DER SPIEGEL

Benjamin Holst

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Benjamin Holst, 32, ist obdachlos, hat keine Krankenversicherung, keine Kreditkarte, kein Geld und 14 Liter Lymphflüssigkeit im Bein, und morgen will er von Hamburg auf die Kanaren fliegen. Gerade schläft er noch auf dem Fußweg der Mönckebergstraße. Seine Jogginghose hat er hochgezogen, sodass jeder sein Bein sehen kann. Es hat einen geschätzten Durchmesser von 30 Zentimetern und sieht aus wie ein Baumstamm aus Fleisch. Vor Holst steht ein Becher aus Pappe, in den Fußgänger Münzen fallen lassen.

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Heft 28/2017
Vom dogmatischen Verzicht zum gesunden Genuss

Zwei Polizisten kommen vorbei, wecken Holst und sagen, Passanten würden sich sorgen, weil er auf dem Asphalt schlafe. Holst packt seinen Becher und zwei Bierdosen ein, die aus der Tüte gerollt sind, und geht zum Jungfernstieg, setzt sich in ein Café, bestellt ein Krombacher und erzählt seine Geschichte. "Vor vier Jahren konnte ich noch normale Jeans tragen", sagt er.

Holst leidet unter der Krankheit Elefantiasis. Als Kind ging er ins Schwimmbad, danach tat sein Fuß weh, Lymphflüssigkeit sammelte sich in seinem rechten Bein. Er bekam eine Infektion, das Bein schwoll an. Elefantiasis kann angeboren sein, durch Mücken ausgelöst werden oder durch Krebs. Holst weiß nicht, warum er die Krankheit bekam. Elefantiasis ist nicht heilbar. Er behielt die Schwellung unter Kontrolle, mit Stützstrümpfen und Massagen.

Sein Leben war nach der Schule in Flensburg ein wenig entgleist, nachdem er Handys im Internet bestellt, die Rechnungen nicht gezahlt und 16.000 Euro Schulden gemacht hatte. Aber er fing sich, machte eine Ausbildung in einem Supermarkt und lernte, über ein Computerspiel, eine Frau kennen, Verena. Sie hatte schwarze Haare, sie mochte Thai-Currys und ihren Nintendo; Holst mochte das alles. Verena hatte 40 Kilogramm Übergewicht, Holst hatte das dicke Bein. Sie heirateten. Holst arbeitete im Supermarkt, bezog ein wenig Hartz IV, arbeitete im Callcenter. Er war arm und zufrieden. Nach sechs Jahren nahm Verena 40 Kilogramm ab, und Holst sah aus dem Fenster, wie auf der Straße ein Sportwagen hielt, am Steuer saß ein anderer Mann. Verena stieg ein.

Nach der Scheidung zog Holst zurück zu seinen Eltern und schlief im Wohnzimmer. An der Wand hingen verblassende Kinderfotos, auf denen alle lächelten. Holst lag da und dachte: "Ehe im Arsch, keine Arbeit, dieses Bein, man lebt nur einmal." Er wusste, er würde in Deutschland keine Gefährtin finden, weil, so dachte er, deutsche Frauen zwar sagten, sie hätten keine Ansprüche, aber einen Mann wollten, der Geld hat, Erfolg und zwei dünne Beine.

Holst nahm das Geld, das er durch den Verkauf seiner Möbel bekommen hatte, und buchte einen Flug nach Thailand. Nach einer Woche war das Geld alle. Holst holte sich einen Becher aus dem Müll einer McDonald's-Filiale, er überlegte, ob er ein Schild brauche, aber er dachte, er habe sein Bein, und setzte sich auf den Boden in Bangkok.

Er verdiente am ersten Tag 2000 Baht, was umgerechnet rund 50 Euro sind. Er konnte sich ein Curry leisten, im Hotel schlafen und abends in die Bars gehen.

Holst dachte, so finde er eine Frau, also blieb er. Er hatte ein Visum für einen Monat. Nach einem Monat und einem Tag ergriffen ihn Polizisten und sorgten dafür, dass er nach Deutschland abgeschoben wurde. Die Deutschen gaben weniger Geld als die Touristen in Thailand. Holst fror. Ein Obdachloser haute ihm einen Baseballschläger auf den Kopf. Holst bettelte, bis er ein Flugticket nach Gran Canaria bezahlen konnte. Er flog weiter, bettelte in Dänemark, Irland, Spanien, Kambodscha, Vietnam, Macau, Taiwan, Indonesien, auf den Philippinen.

Achtmal wurde er abgeschoben. Er wurde verprügelt, jüngst wurde ihm sein Rucksack geklaut, aber ein Mann in Kopenhagen gab ihm auch einmal 2000 Kronen, was umgerechnet 270 Euro sind. Viele Frauen fragen, ob sie sein Bein anfassen dürfen. Das gefällt ihm.

Dreimal seien Frauen gekommen - eine Dänin, eine Philippinerin, eine Thai - und nahmen ihn mit heim, ließen ihn duschen und essen, schliefen mit ihm. Keine wurde seine Gefährtin, aber es war schön für den Moment, sagt er.

Holst hat gelernt in den vergangenen vier Jahren: Stammkunden seien für Bettler das A und O. Touristen seien ebenfalls das A und O. Er sagt, am besten bettle es sich in abgelegenen Straßen, weil die Passanten dort dächten, der einsame Bettler bekomme ja hier nichts. Er sagt, wenn nichts gehe, sei schlafen gut, weil die Menschen mit schlafenden Bettlern mehr Mitleid hätten. Er sagt, falls Amerikaner kämen und fragten, ob sie beten sollen, lasse er sie beten, laut am besten. Dann hörten das die anderen Leute und gäben. Er sagt, Deutsche gäben wenig, am meisten gäben Japaner.

Er verzichte jetzt auf die Massagen. Sein Bein sei in den vergangenen vier Jahren viel dicker geworden. Er sagt: "Fürs Betteln ist das Bein praktisch. Man kann damit Stammkunden gewinnen."

Holst hat sein Bier ausgetrunken, er möchte sich auf die andere Straßenseite vor den Apple-Laden setzen, da gäben die Menschen viel, außerdem habe er da WLAN.

Man könnte vermuten, dass Benjamin Holst enttäuscht wäre von den Frauen und dem Schicksal, aber er lächelt an diesem Tag. Er sei dankbar, dass er so nette Menschen kennenlernen dürfe. Er sei dankbar dafür, wie viel er von der Welt gesehen hat. Jüngst besuchte er seine Oma und hatte so viel zu erzählen. Er sagt, dass er gern noch ein wenig mehr sehen möchte von der Welt, falls er darf.

"Kann ja alles noch kommen", sagt er.

Wenn er auf Gran Canaria genug Geld verdient habe, plane er eine Reise nach Banjul, die Hauptstadt Gambias. Nicht zum Betteln dieses Mal. Er möchte dort eine Frau fürs Leben finden, sagt er.



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burckha 14.07.2017
1. Toller Typ!
Unglaublich, dass dieser Typ jetzt auf Spiegel Online auch noch für seinen Lifestyle (denn anders kann man sein Betteln nicht bezeichnen) bewundert wird. Zufälligerweise habe ich einige Bekannte aus SEA und dort ist er berüchtigt und unrühmlich bekannt. Was er dort betreibt wirft nicht nur auf ihn ein schlechtes Licht, sondern unser ganzes Land. Schlimm genug, dass die Party und Sex Touristen dort wüten, nein jetzt gibt es auch noch einen der sich dort auf die Straße setzt und von Leuten bettelt, die von einem Bruchteil dessen auskommen müssen, was er in Deutschland an Sozialhilfe empfangen kann. Für viele Menschen ist das einfach reine Verachtung des bestehenden Ungleichgewichts zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern. Dieser Typ entscheidet sich dafür aus Spaß in Thailand betteln zu gehen, weil er kann. Für die Leute vor Ort, die tatsächlich bedürftig wären, ein absoluter Schlag ins Gesicht. Wenn man sich mal die Mühe macht nach ihm zu googeln wird man einige Artikel finden (unter Überschriften wie German Beggar), in denen die Wut auf weiße, privilegierte Ausländer, die meinen in fernen Ländern jegliche soziale Norm brechen zu können, mehr als deutlich wird. Dazu kommt noch, dass er sich für seinen Lifestyle auf sozialen Medien selbst feiert und Bilder postet, wie er das Geld, dass er von Leuten erbettelt die teilweise ärmer sind als er selbst für Parties und Prostituierte raus schmeißt. Solchen Leuten sollte man den Pass abnehmen ganz ehrlich. Einfach nur widerlich. Das sowas auf Spiegel Online auch noch verklärt wird, finde ich unerträglich.
svennzon 14.07.2017
2. Vielleicht das mal lesen zu diesem Burschen.
https://coconuts.co/bangkok/news/german-beggar-spends-donated-cash-drinkin-and-partyin-pattaya/ Ich kann mich Eminem Vorredner nur anschließen. Im Prinzip sehr widerlich so ein Verhalten. Krankheit hin oder her. MfG aus Bangkok.
Karbonator 14.07.2017
3.
Ich würde es nicht so hart ausdrücken wollen wie burckha - vor allem da ich diesen B. Holst bisher nicht kannte -, aber anhand der Überschrift habe ich mir eine andere Geschichte vorgestellt. Es gibt ja auch genügend abenteuerlustige Menschen, die tatsächlich ohne Geld die Welt bereisen... und dabei allerlei spannende Dinge erleben. Und was haben wir hier? OK, der Mann leidet an einer schlimmen Krankheit. Aber die nutzt er ja nach eigenem Bekunden für das Betteln aus... und "bereist" die Welt nicht um des Reisens willen, sondern weil es in Fernost z.B. mehr Geld beim Betteln gibt. Und man leichter an Frauen herankommt. Tolle Geschichte. (das war Ironie)
marcus_tullius 14.07.2017
4. Bizarre Geschichte
Bizarr, dass Takis Würger sich mit so was befasst. Bizarr, dass es diese völlig irrelevante Story in den gedruckten Spiegel schafft. Bizarr, dass das jetzt hier noch einmal als "Plus" verkauft werden soll. Was will man dem geneigten Leser damit sagen?
kedeske 14.07.2017
5.
Also ein sogenannter "beg-packer".
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